Oppenheimer Krötenbrunnen

crazy

Da ist der Narr doch etwas verwirrt. Interkulturell sozusagen.
Gestern stand ich wieder bei Stavros, rührte genüßlich den Zucker in meinen Espresso und beobachtete, wie er eine Flasche Wein öffnete.
Das ist an sich schon ungewöhnlich, denn Wein ist hier, bei den alten Griechen, nicht das bevorzugte Getränk. Frappee´s, Espresso, Bier, Wasser, Ouzo, Cippolino und Kräuterlikör beherrschen hier das Trinkbild.
Aber ich fühlte mich auch seltsam berührt durch das Aussehen der Flasche Wein. Ohne das Etikett gesehen zu haben, hatte ich das Gefühl zu wissen, was für ein Wein das war.
Stavros öffnete die Flasche und goß sich sich zweifingerbreit in ein Wasserglas. Dunkel, bräunlich, fast likörgleich gluckerte der Rebensaft hinein. Dann kostete er und verzog angewidert und verunsichert das Gesicht.
Ich deutete auf die Flasche, und er gab sie mir.
„Oppenheimer Krötenbrunnen, 1988“, las ich laut vor und lachte.
„Hab ich von Zigeuner. Der kam mit ganze Palette für fünf Euro.“
Als ich noch ein Kind war und meine Eltern die Stufen zur Bürgerlichkeit erklommen, gehörte es zum guten, bürgerlichen Ton dazu, einmal m Jahr den Handelsvertreter von Saar/Mosel/Ruwer mit den neuesten Weinen zu empfangen und kistenweise Krötenbrunnen einzulagen.
So, wie es die Rothschilds taten, oder die Beaujolais.
Was der Handelsvertreter nicht sagte, war, dass die zuckersüße Moselbrause so gar nicht lagerfähig war.
Mein Vater organisierte Tonröhren, stapelte sie im ehemaligen Kohlenlager und befüllte sie Jahr für Jahr.
Bei Familienfesten, wenn Kegelbrüder- und schwestern zu Besuch kamen, an Feiertagen wurden die guten Kristallgläser auf den Tisch gestellt, dann kam der schwere, süße Wein und am nächsten Morgen der schwere, schmerzende Kopf.
Diese Zuckerbombenbürgerlichkeit hielt nicht allzu lange an, der eingelagerte Wein blieb im Keller für die Erben.
Ich wußte, wie der Korken von innen aussah, als Stavros ihn aufbrach. Bräunlich, bröselig, rottig.
„Das ist kein Lagerwein. Davon hab ich mindestens fünf Kisten in den Ausguss geschüttet.“
„Malaka. Schenk ich dir Sekt. Willst du haben Sekt? Ist auch von Zigeuner. Oder hier. Asti. Auch von 1988. Nimm mit.“
Ich brachte es nicht über da Herz, seine Geschenke abzulehnen. Die Liebste meinte: Schmeiß sie weg, ohne dass er was merkt.
Wir wissen beide, wie der Sekt beim Öffnen reagieren wird. Hatten wir auch schon. Die väterlichen Kisten Sekt, im Keller gelagert, zu Sylvester geöffnet, in die Wohnung getragen und um Mitternacht, als der Korken knallen sollte, machte es nur ‚ffft‘. Oder ‚pfhh‘.
Bin ich jetzt zu einem, ähnlich rottigen Gegengeschenk an Ostern verpflichtet?

narr

Advertisements