Pladder

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Bringt das Schreiben im Schatten des Verfalls einen Hauch von Melancholie in das Geschriebene?

Erst Küster, dann Dealer, jetzt Ruine mit zwei Palmen, im Hintergrund ein Parkhaus, das langsam zusammenbricht.

Flankiert wird das Ensemble von drei (!) Ein-Euro-Läden und der Deutschen Bank. Da weiß ich grad nicht, welches der vier Geschäfte´den Stadtteil mehr abwertet.

Wasserspiele in Menden, hört sich an wie der Titel eines Pornofilmes aus dem Urinalbereich, aber es pladdert. Gehörig.

Billie Holiday singt den Blues, und die Tropfen schlagen Blasen auf dem Asphalt.

Dicke Baumaschinen reißen links vor dem Haus den Asphalt auf, rechts klirren Kräne, zusammen mit heulenden Hiltis. Die Knochenschinkenresidenz ist fast fertig, da fängt die Großbaustelle Westtangente mit großräumigen Verkehrsumleitungen an.

Morgens um fünf schmeißen die Arbeiter die schwarzen, hohlen Pastikfüße und die rot-weißen Absperrpömpel vom LKW. Um diese Zeit reicht der Hall so weit, dass es auch die Schläfer*innen in andren Stadtteilen in aller Deutlichkeit hören können: Hört her! Hier wird gearbeitet!

Dann fräsen, baggern, reinigen, fräsen, baggern, reinigen, bis Abends alles gebaggert, gefräst und gereinigt ist.

Am nächsten Tag und auch am übernächsten bleiben alle Baumaschinen verschwunden. Kein Arbeiter ist vor Ort. Bestimmt muß sich das Gefräßte erst setzen.

Ein Großraumbuggy mit Platz für vier Kinder und ebenso vielen Passagieren, wird von einer Frau die Zone hochgeschoben. Ein Hingucker.

Der Baumpisser gestikuliert mit steifen Fingern in seinem Selbstgespräch. Er hat schon länger keine Bäume mehr in der Zone gewässert. Die letzte Standpauke seiner alten Mutter hält ihn noch etwas zurück.

Die Lampen in der Zone können sich nicht zwischen An und Aus entscheiden. Das natürliche Licht ist so duster, dass alle Sensoren verrückt spielen.

‚Der mit dem Mülleimer schimpft‘ trägt eine Herrenhandtasche aus den Achtzigern am Handgelenk und schimpft. Die Mülleimer sind frisch geleert. Keine Chance auf Pfandware.

Jetzt singt Rio ‚Für Dich‘, was immer noch eine Gänsehaut wert ist und in jedem Fall besser wirkt, als feuchte Melancholie im Dauerregen.

Love

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Team Lobbe versteht sein Geschäft.

„Los eyh“, pfeift und winkt der Teamführer einer Autofahrerin zu.

„Fahr geradeaus!“

Nur zögerlich fährt die ältere Dame an ihrem Ziel vorbei und stoppt im Zonenhals, den Blick immer rechts über ihre Schulter zurück Richtung versperrter Straße gerichtet.

Doch Team Lobbe ist jetzt im Gespräch mit dem alten Mann des Tonträgergeschäftes, sowie mit einem Labrador im Geschirr, der vor der Fahrerkabine Männchen macht.

Dass das Team Lobbe mit der sozialen Interaktion und ihrem großen Müllentsorgungswagen eine Straße komplett in beide Richtungen sperrt, ist jeden Morgen so.

Es ist auch eine gute Stelle, die Straße zu sperren. In kürzester Zeit stockt der Verkehr in vier Richtungen komplett, dauert das Gespräch länger, sind auch noch zwei Seitenstraßen in der glücklichen Lage, den Status des Verstopftseins zu vermelden.

So wird die Intraktion gestützt mit Hupkonzrten und Durchtreten des Gaspedals, damit die Motoren der Blechkotze im Chor heulen und flehen.

Die Fleischfrauen helfen dem Bratwurstmann und schieben die Bratwurstbude direkt in die Verstopfung.

Vielleicht sollten sich alle mit Senf einreiben, damit es besser fluppt.

Im alten Ratsaal wird geheiratet. Die Polizei ist involviert, da vor dem Ausgang der Bücherei sechs Personen mit Polizeiabsperrflatterband versuchen, einen Sherriffstern zu formen, durch den das frischvermählte Paar dann: was?

Sich den Weg freischießen, übers Pflaster unter dem Band her robben? Ich vermag es nicht zu erkennen, will aber auch nicht weiter zuschauen. Weit wird das Brautpaar nicht kommen, da an einer Sternspitze ein Polizeiwagen mit Blaulicht an steht.

Es ist so romantisch. Bestimmt werden sie in Handschellen abgeführt.

Love is in the air, summt mein innerer Bass, und da muß ich doch glatt an den PresseKlub in naher Zukunft denken. Schon lustig, dass in dem Moment der Moderator als Beifahrer in einer Riesenblechkotze den Zoneneingang befährt.

 

Die Toren vom Sauerland

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Heute ist die gesamte – wie sag ich es bloß nett – lower intelligentia auf den Beinen, am Rollator oder an den Walking-Sticks.

Die Fachfrau für Kaffeeverbrennung grüßt freundlich, setzt sich ins Auto und fährt davon. Es ist noch zu früh, sich dem Geschwall von Plapper auszusetzen.

Die Rößler-Rentner winken mit allen Armen nach draußen, halten sich aber akustisch zurück.

Der komische Lyriker und der Präsident flanieren in die Frühstückspause und heben für einen Moment den allgemeinen IQ, aber kaum sind sie vorbei, sinkt das Level wieder auf beängstigend unterirdisch.

Viel altes Faltenfleisch ist unterwegs und genießt die letzten Tage, Einige von ihnen, recht viele eigentlich, tragen Pflaster oder Blessuren an Armen und/oder im Gesicht. Ich hoffe mal, es war persönliches Ungeschick und nicht die Hilfspflegekräfte.

Der pensionierte Fachlehrer für Rechtsaußen und Arschlochkunde wippt mit Händen in den Hosentaschen vor weiteren Rechtsaußen und strotzt vor Selbstbewußtsein.

„Hömma, Mädschen. Wo krieg isch in dieser Stadt denn billige Zähne“, fragt ein kleiner Bierbauchmann die Bäckereifachverkäuferin.

Die zuckt nur ein „Weiß ich nicht“ mit den Schultern, schweigt aber ansonsten. Ihr Bedarf an schlecht durchbluteten, kaum funktionierenden Gehirnen ist für diesen Tag gedeckt.

Die fahrenden Pflegekräfte versuchen, durch den verstopften Zonenhals zu lavieren.

DHL, UPS, Hermes, GLS, GPD, Lobbe, ein weißer Betonmischer, private Blechkotze, Elektriker, Schreiner, Klempner, alle mit Transporter, ein LKW für Resteessenverwertung, einer für medizinische Abfälle, ein LKW für Textilservice und Logistik, der Automatenauffüllerbulli versuchen das ebenso.

Das Verkehrskonzept Mendens und der Zustand der Straßen muß diesem Pool unterversorgter, schlecht funktionierender Gehirne entsprungen sein. Fahrradfahrer*innen in der Zone werden heftigst von der Polizei verfolgt, während die Blechkotze unbehelligt bleibt.

Es sollte nicht: “Menden, Tor zum Sauerland“ heißen.

Wie wäre es mit: “Menden, die Toren vom Sauerland“.

Nepper, Schlepper…

narrkleinDrei alte Damen stehen nebeneinander und besitzen mit ihrem indischen Kräuterseifeduft mindestens soviel Durchlagkraft wie Sarin oder Senfgas.

„Ich hatte letztes Jahr einen Schlaganfall im Stammhirn. Ich geh ausse Spur. Ich zieh nach rechts“, klagt eine von ihnen im Gewaber indischer Wohlgerüche.

Die Sonne scheint, in Menden ist schon wieder das Mittelalter ausgebrochen.

„Wenn ich nicht mindestens zwei Kaffee mit einem Espresso getrunken habe bevor ich was esse, bekomme ich Magenkrämpfe“, stöhnt eine junge Markttenderin in mittelalter Wolle.

Aber haben nicht erst die Türken den Kaffee nach Wien gebracht? Da war das Mittelalter schon lange tot.

Ihre Wolle riecht nach frischen Acrylamiden vom Vorabend, mit einem aktuellen Hauch öffentlicher Toilettenseife.

War wohl grad kein Wiesenschaumkraut zur Hand.

Weil das Mittelalter so fad und abgenudelt ist, haben die Veranstalter gedacht: Da muß frischer Wind rein. Verpflichten wir doch eine Quackenbrücker Postkutsche mit der Optik eines gelben Holzcontainers, gezogen von vier Kaltblütern. Hauptsache alt. Die Mendener kennen nicht den Unterschied von alt oder mittelalt. Noch nicht einmal beim Gouda.

Nein, Menden. Wenn ihr euch schon unbedingt Menschen, die in ihrer Kleidung wohnen, in die Stadt holen wollt, macht ein großes Obdachlosenfest.

Bewirtet für einen Tag die Hungrigen, Bedürftigen, Verzweifelten oder Heimatlosen der Umgebung.

Aber bitte nicht mehr so einen Bauernfängermarkt mit gebrannten Mandeln, Edelpopcorn und Dachfensterrollos.

„Gimpel rupfen“ heißt das in der Schaustellersprache.

Jetzt rate mal Menden, wer die Gimpel sind.

Gewes

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Fleischpasteten und Overallträger. „..und noch ’ne Bild dazu und nen Kaffee.“

Die Männer gehen armfrei im Unterhemd am frühen Morgen. Das blaue, kyrillische Gekritzel unter der fahlen, wabbeligen Speckhaut könnte man bestimmt lesen, wenn man mit den Fingerkuppen über die Gänsehäute striche. Aber wer möchte das schon.

Reinweiße Betonmischer, mit rotierender Trommel ohne einen Spritzer Dreck, strahlen eine chirurgische Eleganz aus, wenn sie leise durch die Zone rollen.

Sie legen einen Zauber über die Stadt, erwecken den Eindruck, Menden wäre eine Miniaturwunderlandbaustelle.

Keifende, schimpfendes, meckernde, nörgelnde Bürger*innen stehen, ebenfalls in Miniaturformat, an den Baustellen. Sie wissen alles besser und schmeißen ihren Abfall in die Baugruben.

Polizeifigürchen kommen alle 15 Minuten mit Blaulicht angefahren.

Sie machen Dududu mit dem Zeigefinger und fahren weiter.

Ebenfalls alle 15 Minuten gibt es einen Amoklauf und alle Püppchen fallen um.

Da ist eine Mutter, die hat ihr Kind Silvester genannt. Ob die anderen Kinder Weihnachten, Neujahr oder Ostern heißen?

Oh heilige Einfalt. Schmeiß doch endlich Hirn vom Himmel.

„Ach. Mach nicht so ein Gewes um Menschen. Die kommen und gehen“, erwidert ein Rentner nach meiner flehenden Bitte.

Das macht es auch nicht besser.

Weiberfastnacht

narrklein

98% aller Männer mit Anglerhut sehen doof aus.

Bei der australischen Variante, mit Korken und anderem Gebamsel an der Krempe, sind es sogar sagenhafte 100%.

„Kumma ey. Kumma.“

Die Rößler-Rentner reagieren auf die vorbeigehenden, verkleideten Frauen mit verschwommener Aussprache und erigiertem Zeigefinger.

Es ist Weiberfastnacht.

„Du kannst Weihnachten nicht leiden. Du kannst Karneval nicht leiden. Gibt es überhaupt ein Fest, das Du magst?“

„Das Leichenwendefest auf Madagaskar.“

Alle, die heute die Zone durchqueren, bekommen automatisch das Seepferdchenabzeichen, bei dem dichten Regen.

Sobald sie den Mund wieder öffnen können, erzählen sie Geschichten, dass die Einsatzleitung der Polizei die wahren Details verschweige über den Amoklauf. Dass es nämlich wohl doch Tote gegeben haben soll. Mindestens vier nämlich. Aber darüber schweigen die da oben, so der allgemeine Tenor im Postfaktum.

„Die hatten ja schon die Särge in einer Schützenhalle stehen.“

Weltweit sind die Jecken los. Und nicht erst, seit der Psychotiker Präsident ist.

Qualwahl

crazy

Es wird langsam Zeit.
Das Lügenland war anderweitig beschäftigt, hat einen seiner Autoren hierhin geschickt, und der hat seine Sache gut gemacht.
Nur ist das Problem nicht ausgestanden.
Menden muß sich in einer Stichwahl zwischen der schwarzen Pest oder der roten Cholera entscheiden. Da können wir noch so oft „über´n Berg“ gehen, eine dieser Krankheiten wird sich für die nächsten Jahre dauerhaft in der Stadt etablieren.
Entweder wird die schwarze Wächterflotte das 19te oder 20te Jahrhundert wieder einführen – In den Poenigeturm mit dem Schuldner! – oder Fipsi Fleige, der kulturelle Springteufel der roten Brigaden wird uns weiterhin mit seinen gespreizten Fingern und seinem Ego, groß wie der Panzerkreuzer Potemkin, bespaßen.
Arme BürgerInnen, die sich entscheiden müssen.