Verdichtet

Es liegt ein Himmel über der Stadt, wie wasserschwere Federbetten. Die gute Laune flattert auf Halbmast.

Es riecht nach Flüssigseife aus öffentlichen Spendern, Baggerdiesel und Schwefelwasserstoff. Der Duft der Wanderbaustelle,

Der alte Mann des Musikgeschäftes steckt seinen weißhaarigen Kopf aus der Tür, schnuppert und verzieht das Gesicht. Dann wendet er sich den angeklebten Plakaten zu und reibt über jedes Stückchen Tesafilm, als wäre es sein Frühsport.

Der Wind erzählt meiner Empathie eine Geschichte von Schmerz und Unwohlsein. Mein Kopf, die Pussy, nimmt alles an.

Oder er nimmt die knallenden Erschütterungen des Dingens, dieses Hubsis, das den Schotter verdichtet, an.

Nadelspitz schmerzt es im Oberstübchen, wenn der Straßenbauer mit seinem hüpfenden Verdichter vor meinem Kaffee und Croissant verdichtet.

Es dauert wirklich lange, bis Menden untenrum wieder schön ist,

 

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Sonne

DSC00909Zitternder Asphalt, bebendes Pflaster, die Wanderbaustelle gibt Laut an jedem neuen Ort in der Zone, der mit dem Pressluftbagger aufgerissen wird.

Brüder zur Sonne zur Freiheit,

Schwestern, das gilt nicht für euch.

Der Stadtanzeiger geht mit vorgestrecktem, rotgeschabten Kinn und aufgestellter Brust mit pendelnden Armen, durch den Flickenparcour der Zone. Seine blaue Uniform glänzt frischgereinigt in der Sonne. Ballistol tropft aus der Acht.

Die Fachfrau für Kaffeeverbrennung stellt Stühle auf. Ihre Blicke folgen der gesetzestreuen Ölspur, die, perfekt ausgeleuchtet, in dem grobporigen Pflaster versickert.

„Wie ist denn der neue Chinese? Ich hab ja gehört, der soll nicht so..“

„Doch. Ist lecker. Aber die Syrer sind weg. Acht Leute. Mit ner Fahrradkette bis vor die Spielhalle. Da gab´s aber was auf´s Maul. Die sollen ja aus Dortmund. Feindliche Übernahme, wie man so hört.“

Erwachsene Männer begrüßen sich mit: „Alter! Geile Schuhe“, und unterhalten sich dann zehn Minuten über Schuhe, dann über Haartransplantate aus der Gegend von Istanbul.

„Was Aahaus für Augen, Budapest für Zähne, ist Istanbul für Haare, Alter. Kein Scheiß.“

Kiezfeeling in der Kleinstadt zwischen Altenheim und Musikschule, Tee und Zigaretten. Eis auf der Hand, wummernde Bassbikes bei den Brunnen, zusätzliche Sitze im Sinne der Sichtachse.

Die Sonne treibt sie alle raus.

Crush

crazy
Nie wieder Faschismus

Zu früh für einen klaren Blick.

Der Sandmann bröckelt gelblich aus den Augen.

Geräusche, die das Ohr erreichen, klingen wie hysterisches Gekreische und Fingernägel auf der Schiefertafel.

Die Pflegequalle aus der Cramerschen Fabrik spielt fleißig mit dem Smartphone, während die Frau im Rollstuhl vor ihr geduldig wartet. Sie hat ja Zeit, als hilfsbedürftiger Pflegefall. Die kann auch ruhig mal warten, bei dem Regen und den Temperaturen um den Gefrierpunkt.

Hier crushen grad die Candys.

Der Einarmige kommt aus der Spielhalle und versucht, sich eine Zigarette anzuzünden, was durch Wind und Wasser nicht funktioniert. Also zieht er sich, mit grimmigem Blick und nasser Zigarette, zurück zum rotierenden Glück.

Und wieder schauen die deutschen Nazischlümpfe neidisch nach Polen. Das hätten sie auch gerne.

Per Gesetz die Schuld von Naziverbrechen wegwischen. Endlich keine Verantwortung mehr übernehmen.

Sind schon Füchse, die Polen. Wie sie wohl die eigenen, neuen Naziaufmärsche gesetzlich umbenennen? Da sind sie ja auch nicht Schuld dran.

Schuld sind immer die anderen.

Die Hölle sind immer die anderen, sagte Sartre.

Und wenn schon Nazifizierung, dann eine eigene, mit polnischem Stempel und abwaschbarer Farbe.

Aus „Nie wieder Faschismus“ wird „Schon wieder Faschismus“, und der braune, billige Dreck der Nazischlümpfe schwabbt durch alle Ausschüsse im Bundestag, getragen von liberalen Fürzen, enthaltsam abgenickt von dem Rest.

crazyw1
Schon wieder Faschismus

Die Linke sagt nein, aber wer hört schon auf die Linke.

rabimmel

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„Zwei Wurstbrötchen.“

„Die sind noch nicht fertig.“

„Dann nehm ich eins mit Leberkäse, eins mit Schnitzel und eins mit Frikadelle. Und dahinten, die Mettstulle, die nehm ich auch.“

Totes Tier zum Frühstück nennt man deftiges Frühstück.

Haggis auf Toast oder lieber saure Nierchen zum Kaffee?

Die Frau jedenfalls trägt ein kariertes Hemd in der gleichen Farbe wie ihr karierter Einkaufstrolley.

Das passt sehr gut zum leuchtend roten Mett, während Leberkäse, Schnitzel und Frikadelle in blassem Pastell eher eine untergeordnete Rolle in der Farbgestaltung spielen

„Ey, der Typ ist voll krass Arafat,“ spricht jemand mit grauer Kapuze in sein Smartphone Ich bin mir nicht sicher, was genau er meint.

Bezieht er sich auf Jassir Arafat, den mit Gift gemeuchelten PLO-Führer, oder auf Arafat Abou Chaker aus dem Umfeld von Bushido? Ich nehme an, Letzteres, aber da fehlt mir die Lust zur Detailrecherche.

Gestern war rabimmel-rabammel in mehrfacher Hinsicht.

Um elf Uhr elf wurde mit Bier und Bützchen rabimmelt, und abends mit Lampe an rabammelt.

Mir brannte als Kind während meines erstes Umzugs die Laterne direkt zu Beginn ab. Großes Geschrei und nie wieder Umzug.

Applaus für die Schüler*innen der Stadt, die zur Pogromnacht, einen Tag vorher, ein Programm auf den Vincenztreppen zeigten und viele andere Jugendliche als Besucher*innen daran teilnahmen.

Schön zu sehen, dass auch der Nachwuchs etwas gegen Nazis hat.

Pladder

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Bringt das Schreiben im Schatten des Verfalls einen Hauch von Melancholie in das Geschriebene?

Erst Küster, dann Dealer, jetzt Ruine mit zwei Palmen, im Hintergrund ein Parkhaus, das langsam zusammenbricht.

Flankiert wird das Ensemble von drei (!) Ein-Euro-Läden und der Deutschen Bank. Da weiß ich grad nicht, welches der vier Geschäfte´den Stadtteil mehr abwertet.

Wasserspiele in Menden, hört sich an wie der Titel eines Pornofilmes aus dem Urinalbereich, aber es pladdert. Gehörig.

Billie Holiday singt den Blues, und die Tropfen schlagen Blasen auf dem Asphalt.

Dicke Baumaschinen reißen links vor dem Haus den Asphalt auf, rechts klirren Kräne, zusammen mit heulenden Hiltis. Die Knochenschinkenresidenz ist fast fertig, da fängt die Großbaustelle Westtangente mit großräumigen Verkehrsumleitungen an.

Morgens um fünf schmeißen die Arbeiter die schwarzen, hohlen Pastikfüße und die rot-weißen Absperrpömpel vom LKW. Um diese Zeit reicht der Hall so weit, dass es auch die Schläfer*innen in andren Stadtteilen in aller Deutlichkeit hören können: Hört her! Hier wird gearbeitet!

Dann fräsen, baggern, reinigen, fräsen, baggern, reinigen, bis Abends alles gebaggert, gefräst und gereinigt ist.

Am nächsten Tag und auch am übernächsten bleiben alle Baumaschinen verschwunden. Kein Arbeiter ist vor Ort. Bestimmt muß sich das Gefräßte erst setzen.

Ein Großraumbuggy mit Platz für vier Kinder und ebenso vielen Passagieren, wird von einer Frau die Zone hochgeschoben. Ein Hingucker.

Der Baumpisser gestikuliert mit steifen Fingern in seinem Selbstgespräch. Er hat schon länger keine Bäume mehr in der Zone gewässert. Die letzte Standpauke seiner alten Mutter hält ihn noch etwas zurück.

Die Lampen in der Zone können sich nicht zwischen An und Aus entscheiden. Das natürliche Licht ist so duster, dass alle Sensoren verrückt spielen.

‚Der mit dem Mülleimer schimpft‘ trägt eine Herrenhandtasche aus den Achtzigern am Handgelenk und schimpft. Die Mülleimer sind frisch geleert. Keine Chance auf Pfandware.

Jetzt singt Rio ‚Für Dich‘, was immer noch eine Gänsehaut wert ist und in jedem Fall besser wirkt, als feuchte Melancholie im Dauerregen.

Love

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Team Lobbe versteht sein Geschäft.

„Los eyh“, pfeift und winkt der Teamführer einer Autofahrerin zu.

„Fahr geradeaus!“

Nur zögerlich fährt die ältere Dame an ihrem Ziel vorbei und stoppt im Zonenhals, den Blick immer rechts über ihre Schulter zurück Richtung versperrter Straße gerichtet.

Doch Team Lobbe ist jetzt im Gespräch mit dem alten Mann des Tonträgergeschäftes, sowie mit einem Labrador im Geschirr, der vor der Fahrerkabine Männchen macht.

Dass das Team Lobbe mit der sozialen Interaktion und ihrem großen Müllentsorgungswagen eine Straße komplett in beide Richtungen sperrt, ist jeden Morgen so.

Es ist auch eine gute Stelle, die Straße zu sperren. In kürzester Zeit stockt der Verkehr in vier Richtungen komplett, dauert das Gespräch länger, sind auch noch zwei Seitenstraßen in der glücklichen Lage, den Status des Verstopftseins zu vermelden.

So wird die Intraktion gestützt mit Hupkonzrten und Durchtreten des Gaspedals, damit die Motoren der Blechkotze im Chor heulen und flehen.

Die Fleischfrauen helfen dem Bratwurstmann und schieben die Bratwurstbude direkt in die Verstopfung.

Vielleicht sollten sich alle mit Senf einreiben, damit es besser fluppt.

Im alten Ratsaal wird geheiratet. Die Polizei ist involviert, da vor dem Ausgang der Bücherei sechs Personen mit Polizeiabsperrflatterband versuchen, einen Sherriffstern zu formen, durch den das frischvermählte Paar dann: was?

Sich den Weg freischießen, übers Pflaster unter dem Band her robben? Ich vermag es nicht zu erkennen, will aber auch nicht weiter zuschauen. Weit wird das Brautpaar nicht kommen, da an einer Sternspitze ein Polizeiwagen mit Blaulicht an steht.

Es ist so romantisch. Bestimmt werden sie in Handschellen abgeführt.

Love is in the air, summt mein innerer Bass, und da muß ich doch glatt an den PresseKlub in naher Zukunft denken. Schon lustig, dass in dem Moment der Moderator als Beifahrer in einer Riesenblechkotze den Zoneneingang befährt.

 

Die Toren vom Sauerland

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Heute ist die gesamte – wie sag ich es bloß nett – lower intelligentia auf den Beinen, am Rollator oder an den Walking-Sticks.

Die Fachfrau für Kaffeeverbrennung grüßt freundlich, setzt sich ins Auto und fährt davon. Es ist noch zu früh, sich dem Geschwall von Plapper auszusetzen.

Die Rößler-Rentner winken mit allen Armen nach draußen, halten sich aber akustisch zurück.

Der komische Lyriker und der Präsident flanieren in die Frühstückspause und heben für einen Moment den allgemeinen IQ, aber kaum sind sie vorbei, sinkt das Level wieder auf beängstigend unterirdisch.

Viel altes Faltenfleisch ist unterwegs und genießt die letzten Tage, Einige von ihnen, recht viele eigentlich, tragen Pflaster oder Blessuren an Armen und/oder im Gesicht. Ich hoffe mal, es war persönliches Ungeschick und nicht die Hilfspflegekräfte.

Der pensionierte Fachlehrer für Rechtsaußen und Arschlochkunde wippt mit Händen in den Hosentaschen vor weiteren Rechtsaußen und strotzt vor Selbstbewußtsein.

„Hömma, Mädschen. Wo krieg isch in dieser Stadt denn billige Zähne“, fragt ein kleiner Bierbauchmann die Bäckereifachverkäuferin.

Die zuckt nur ein „Weiß ich nicht“ mit den Schultern, schweigt aber ansonsten. Ihr Bedarf an schlecht durchbluteten, kaum funktionierenden Gehirnen ist für diesen Tag gedeckt.

Die fahrenden Pflegekräfte versuchen, durch den verstopften Zonenhals zu lavieren.

DHL, UPS, Hermes, GLS, GPD, Lobbe, ein weißer Betonmischer, private Blechkotze, Elektriker, Schreiner, Klempner, alle mit Transporter, ein LKW für Resteessenverwertung, einer für medizinische Abfälle, ein LKW für Textilservice und Logistik, der Automatenauffüllerbulli versuchen das ebenso.

Das Verkehrskonzept Mendens und der Zustand der Straßen muß diesem Pool unterversorgter, schlecht funktionierender Gehirne entsprungen sein. Fahrradfahrer*innen in der Zone werden heftigst von der Polizei verfolgt, während die Blechkotze unbehelligt bleibt.

Es sollte nicht: “Menden, Tor zum Sauerland“ heißen.

Wie wäre es mit: “Menden, die Toren vom Sauerland“.