Arme Kerle

DSC02984.JPG

Arme Kerle.

Wirklich.

Ihr seid übel dran.

Jetzt könnt ihr noch nicht einmal mehr, ohne heftige Kritik zu erwarten, eure Beine spreizen in Bus und Bahn.

Das ist schlimm, nicht wahr.

Aber wisst Ihr, was noch schlimmer ist?

Wenn Ihr in einer Diskussion , ganz mimimi, herumjammert, dass Frauen ja keine Ahnung hätten. Die hätten keinen Penis, den Mann sich, beim Beine übereinanderschlagen, einklemmen würde. Und das täte ja wohl weh. Deswegen breitbeinig in Bus und Bahn.

Testosteron kann nicht gut fürs Gehirn sein, wenn so etwa dabei herauskommt.

Haltet doch einfach die Beine geschlossen in der Öffentlichkeit, den Mund am besten auch, dann klappts auch mit der Nachbarin.

Advertisements

Am Strand von Bukkemose

DSC02903.JPG

Mitternacht klingelt der Wecker.

Aufstehen, packen, die Liebste küssen, alles ins Auto wuchten. Los geht es um kurz nach Zwei.

Freie Fahrt für Frühaufsteher*innen.

Kurz hinter Hamm fragt die Liebste: „Hast Du eigentlich die Hoftüre abgeschlossen? Oder wenigstens zugezogen?“

Nach kurzer Rekapitulation muss ich leider zugeben: „Nein. Hab ich verbaselt.“

„Zurückfahren?“

„Oh nö.“

Wir liegen wirklich gut in der Zeit, und noch sind die Straßen frei. Nein, entscheiden wir uns. Ich werde zwei Freunde kontaktieren, die das regeln sollen. Später. Jetzt schlafen sie noch.

Eine halbe Stunde bis Münster. Die Uhrzeit macht es möglich.

In der Raststätte Dammer Berge sind wir die einzigen Gäste.

Raststätten in der Nacht erinnern mich an meinen Tellerwäschejob in der Raststätte Würzburg.

Kaltes Bratenfett, Reinigungsmittel und abgekühlte Urlaubsvorfreude stecken in jedem Geruchsmolekül. In den Kellern laufen schon die Vorbereitungen für die Frühschicht. Müllpressen in der furchteinflößenden Müllpressmaschine, die blauen Tonnen mit Essensresten vom Vortag für die Schweinebauern und Seifensieder vor die Tür stellen. Säckeweise Kartoffeln schälen in der Schleudertrommel, in der nächsten Umgebung der Raststätte die Mülleimer leeren. Ab und an Geballere, in der Nacht besonders gut zu hören, von der Selbstschussanlage im Weinberg direkt neben der Autobahn.

In Dammer Berge dagegen ist es still. Die Daddel-Automaten blinken einsam, nur eine Servicekraft kümmert sich um Croissants, Brötchen und anderes, gebackenes Frühstücksgedöns. Selbt das Windrad vor der Raststätte schweigt in der Dunkelheit.

Hinter Bremen beginnt es zu dämmern.

Kurz vor dem Wachwerden träumte ich von dicken Nebelbänken rund um Lippstadt (eine alte Jugenderinnerung), hinter Bremen wabern sie im Wachzustand rechts und links der Autobahn.

DSC02892.JPG

Kurz vor Hamburg ist es hell, der Verkehr nimmt zu. Bis jetzt war es ein fast autofreies Baustellenhopping, nach dem Elbtunnel ist es voll. Gehetzte Hanseaten rasen blinkerlos von rechts nach links und wieder zurück in die nächste Lücke, ohne Rücksicht auf Verluste.

Hinter Hamburg Fahrer*innenwechsel auf einem Parkplatz mit vollautomatischen Klos und einer Motte mit schöner Zeichnung.

DSC02896 (2).JPG

Das Baustellenhopping geht weiter bis kurz vor Dänemark.

„Hast Du dem Kevin schon geschrieben?“

„Mach ich gleich.“

„Können wir denn in Dänemark die Antwort empfangen mit unserem Tarif?“

„Hm.“

Es gibt tatsächlich wieder, wenn auch improvisiert, einen Grenzübergang nach Dänemark.

Ätzend.

Europa war doch mal grenzfrei.

Das Navi piept, die Karte verschwindet, das Deckblatt von Dänemark ploppt auf, die Karte erscheint wieder, und Peter, der Ansager für Richtungswechsel hört sich bei dänischen Namen etwas überfordert an. Die Radiosprecher*innen klingen betrunken.

Wir verlassen die Autobahn Richtung Fähre nach Langeland.

Die Dänen müssen ein kunstbeflissenes Völkchen sein. Auf jeder Insel im Kreisverkehr steht eine, immer eine andere, große Skulptur.

Die Häuser sind klein, geduckt, was dem stetigen Wind geschuldet sein mag. Die Straßen werden schmaler, aber den Dänen scheinen die eigenen Geschwindigkeitsbeschränkungen egal zu sein.

DSC02899.JPG

An dem Fähranleger könnten wir mit Euros bezahlen, werden wir belehrt, würden aber nur Scheine, kein Kleingeld zurückbekommen.

Was für ein Humbug. Nationale Währung. Wo ist er hin, der europäische Gedanke? Wir zahlen mit Karte. Kapital kennt keine Grenzen.

DSC02907.JPG

Die Fähre hat W-Lan, und kaum eingeloggt, kommen die Nachrichten von den zwei angeschriebenen Freunden, dass die Hoftüre jetzt abgeschlossen sei. Die Liebste ist erleichtert.

Nach fünfzig Minuten und ruhiger See erreichen wir die Insel Fyn. Kurz hinter dem Anleger ziehen wir aus einem Automaten Wikingergeld, und im angrenzenden Supermarkt besorgen wir uns Nahrung und Getränke. Das Münzgeld hat Löcher.

Soll man es sich um den Hals hängen?

Je näher wir dem Ziel kommen, desto schmaler werden die Straßen. Die erlaubten 50kmh scheinen sehr verwegen.

Die abgeschnittene Wolkenbank vor uns verspricht: Hier ist die Ostsee. Nach gut zehn Stunden erreichen wir irgendwo im Nirgendwo den Ort der Zusammenkunft der Großfamilie meiner Liebsten, zu der ich durch Liebe und Heirat auch gehöre.

DSC02993.JPG

Lummerland, La-la-Land, Langeland, am Strand von Bukkemose.

Es hört sich an und liest sich auch ein wenig wie eine chronische Erkrankung, aber das sind nur die üblichen Vorurteile gegenüber der dänischen Sprache.

DSC02911.JPGEin Ferienhaus für acht Personen ausreichend, mit verbautem Blick auf den Strand, die Einrichtung recht neu und komplett Ikea.

Die Liebste und ich schlafen in einem klitzekleinen Raum außerhalb des Hauses, direkt neben der Sauna.

Sechs Erwachsene, ein achtjähriges Zwillingspaar und zwei Hunde.

Eigentlich bin ich ein Familienmuffel. Die Erfahrungen mit und die Erinnerungen an meine Familie haben diese Haltung entwickelt.

Um so schöner, dass ich mich in dem Familienverbund meiner Liebsten wohl fühle. Nicht so wohl, dass ich mein genetisch bedingtes Bedürfnis nach Ruhe und Alleinsein gänzlich hinter mich ließe.

Aber dafür gab es ja die Sauna und lange Spaziergänge.

DSC02929.JPG

Skandalös allerdings, dass es in der gesamten dänischen Datschalandschaft um uns herum nicht ein Cafe, Kiosk oder wenigstens eine Parkbank mit Kaffeeausschank gab.

DSC02939.JPG

DSC02997.JPG

Deshalb bat ich die Liebste irgendwann, mich in der nächsten Kleinstadt, sieben Kilometer entfernt, abzuwerfen. Dort sollte es zwei Supermärkte geben und Einwohner.

Und folgerichtig spürte mein Survivalmodul auch eine, die einzige Bäckerei, mit vier Stühlen und zwei Tische draußen, auf.

Der Kaffee scheußlich, das Gebäck mega zuckerig konzentriert, aber Sonne auf dem Bauch und genügend Tinte im Füller.

Der Rückmarsch in praller Sonne, flirrender Luft und hochsommerlicher Gerüche war, bis auf die zwei Blasen, an jedem Fußballen eine, entzückend.

Ohne Ende Landschaft.

DSC02977.JPG

DSC02985.JPG

DSC02996.JPG

Am Ende gab es sogar noch ein Reh und einen toten Schweinswal.

DSC03017.JPG

DSC03004.JPG

 

 

 

 

Doch, Langeland. Du bist ein schönes Fleckchen Erde. Aber zu weit weg vom Sauerland.

 

Harte Zeiten

DSC02863.JPG

„Ich arbeite gern. Aber die gehen mir alle auf den Keks.“

„Ja. Ich leb auch sehr gern. Wenn nur die Menschen nicht wären.“

Die zwei Frauen schauen sich an, kichern und gehen zu einem ihrer drei Jobs. Einmal Küchenhilfe, zweimal Raumkosmetik.´

Der alte Mann des Tonträgergeschäftes steht in der Tür und friert. Dann greift er, um sich aufzuwärmen, seinen abgenutzten Besen und versucht, Spinnenweben hinter dem blitzsauberen Fallrohr vor seinem Geschäft zu entfernen.

Die Spinnen haben sich aber schon lange hinter die CD´s und seiner Art ihrer Vermarktung zurückgezogen. Da sind sie sicher vor Veränderung.

Eine Taxifahrerin holt zwei Pizzen, drei mal Döner ohne scharf, zwei mal mit scharf, steigt tütenbepackt ins Auto und fährt zur Lieferadresse. Ein Traumjob. Ich bin mal mit einem Essen-auf-Rädern Auto unterwegs gewesen, mußte mich aber nach zehn Kilometern übergeben. Geruch und Schaukelei haben das ganz leicht ermöglicht.

Die Standhaften aus Lendringsen gehen in Berufung. Sie beharren auf ihr Recht, einen Nazinamen in ihrer Adresse zu haben. Die Judikative hat schon in der ersten Instanz eine Augenbraue nach oben gezogen. Kahle, Seidel, Wagenfeld. Alles astreine Nazis. Aber selbst, wenn man den drei Standhaften dreimal erklärt, dass auf sie keine Kosten zukämen, da die Stadt diese übernimmt, bleiben sie stur.

Es geht ums Prinzip und um das Recht auf einen Nazinamen auf einem Straßenschild vor dem Wohnzimmerfenster.

Jetzt darf der Gröfaz schon nicht mehr über dem Büffet hängen, da soll einem wenigstens die Seidel von draußen zuwinken.

An manchen Tagen ist es hier in Menden oder Lendringsen wie 1960, kurz vor der Einführung des Farbfernsehns.

Braun, braun braun, ist alles was ich denke.

Braun, braun, braun, ist alles, was ich mag.

Dann denke ich, ein Mann greife sich auffällig in den Schritt, dabei steckt er nur etwas in seine Bauchtasche. Die Uhr springt auf 1985. Da war das in den Schritt greifen grad hype.

Hyper, hyper, sitzt der eigentlich im Knast? Ich las da sowas. Scutin, Puter, nein Scooter, der wars.

Betrunkene Griechen mit hochrotem Gesicht versuchen schwankend, die Straße im 90° Winkel zu überqueren, dabei ist es erst 14.00 Uhr.

Hier heißt die Antwort auf die Frage: “Und? Wie geht’s“ , nicht wie üblich: „muss so“, sondern: „Ouzo“.

Ich sags euch. Harte Zeiten.

Lebensziele

DSC02874

Zum Frühstück Sonne auf Croissant, Kaffee und Gesicht. Kleine Wohlfühldinge mit großer Wirkung, zudem der Vorsatz, gleich zu duschen.

Es könnte ein guter Tag werden.

Die Welt hat sich weitergedreht, ein Großteil der Menschheit ist wieder aufgewacht oder geht schlafen. Es ist neun Uhr. Noch hat niemand niemandem den Krieg erklärt und vielleicht kann das ja heute so bleiben.

„Ich hab unwahrscheinlich viele Punkte auf der Karte. Sind Sie schon gestochen worden? Drei Dinkel bitte,“

„Geht so. Vier Mal. Hier bitte.“

Die Bäckereifachverkäuferin arbeitet jeden Satz hintereinander ab. Es ginge auf Vollmond zu, meint sie. Da seien die Leute noch mehr gaga, meint sie.

Wie, um ihre Worte zu untermauern, stürmt il peto in den Laden, einen Zahnstocher im Mundwinkel, brabbelt kurz laut etwas auf griechisch, dann auf deutsch.

„Ha. Ich liebe Regen. Sonst in Griechenland immer heiß. 39°, 40°, heut sogar 42°, sagt Schwager. Hier gut. Nur Frauen sind bedeckt. Zuhause nicht. Ah, Kühl. Regen.“

Er verschwindet, ohne eine Bestellung abzugeben, oder ohne dass es regnen würde. In der gegenüberliegenden Spielhalle.

Dér Fahrer von Trans-o-flex versucht, die Wahrnehmung von Schrittgeschwindigkeit zu modifizieren. Alles unter 50 kmh ist Stillstand, ab 65kmh wird geschritten.

Der Stadtanzeiger – bei Fahrradprüfungen schwebt eine Hand immer sichernd über dem Waffenholster, vielleicht ist einer der Koten ja gewaltbereit – ermahnt den Fahrer, nicht so schnell mit den Paketen unter dem Arm zu rennen, da sonst die Ware beschädigt werden könnte. In seinem Beuteschema stehen erwachsene Fahradfahrer*innen ganz weit oben.

„Mich sehen Sie jetzt einen Monat nicht mehr.“

„Einen Monat. Wer hat denn so lange Urlaub“

„Ist kein Urlaub. Ich fahr nach Mekka. Der Reiseführer sagt, wir ziehen in Guppen um den Stein. Nicht mehr alle auf einmal. Vielleicht werden ja dieses Jahr nicht so viele totgetreten.“

„Mama! Wenn ich groß bin, möchte ich sooo einen dicken Bauch haben“, schreit ein adipöser Junge.

Sein Lebensziel scheint jedenfalls erreichbar.

Mammon

DSC02870.JPG

Es gibt Städte, die in den Sommerferien, vormittags, so viel Leben in sich tragen, wie ein Patient kurz vor der Reanimation. Ab der Mittagszeit beginnt der schleichende Herztod.

Ein Fahrer von Blechkotze mit Stern blockiert schwungvoll drei parkende Autos.

Er bewegt sich zittrig, schleichend aus dem Blech Richtung Doktor.

Er muss sich seine tägliche Adrenalinspritze ins Herz abgeholt haben, da er auf dem Rückweg zumindest ein Bein beschwingt hinter sich herzieht.

Die Sonne scheint manchmal, und das ist nicht das Schlechteste.

„Eine Million ist nicht viel“, meint eine frisch gekündigte Frau mit 600,- € Monatsgehalt. Sie sitzt am Nebentisch, raucht Kette, erzählt über den Kommunikationsabbruch ihres Chefs mit ihr nach der Kündigung und Stress mit dem Amt.

Ihr Gegenüber kontert mit seinem Kind und dessen Behinderung, einem glatten Bruch seines Unterarms, seiner Modelleisenbahn, und dass er jetzt die Scharnhorst baue.

„Zeit ist Geld“, ruft eine Glatze mit Religionsbart, und ein verdrießlicher, rothaariger Angestellter antwortet: „Jawoll,mein Führer.“

Es ist hier nicht anders als woanders. Nur woanders.

Dieselige Blechkotze soll verboten werden. So haben Gerichte entschieden. Sehnsüchtig schaut so mancher Politiker nach Polen und überlegt sich, die Kriterien für den Richterberuf in Deutschland ernsthaft zu überprüfen.

Das ist doch nicht im Sinne der Blechkotzeindustrie.

Sakramutschi hat sich an seinem eigenen Schwanz verschluckt.

Schon interessant, dass solche Sätze mittlerweile den Status der armeerikanischen Regierung beschreiben.

Für den Status der deutschen Regierung braucht es nur ein Fähnchen im Wind.

Wir stehen kurz vor der Wahl, da glaubt doch keiner ernsthaft an ein Dieselverbot. Oder eine Einschränkung für Autofahrer*innen.

Es sterben ja die Leute, die nicht in der gereinigten, vollklimatisierten Luft der Megablechkotze von Benz, Porsche, VW, usw, sitzen.

Die haben nur die Lobby der Bestatter. Und die neue Kollektion von Kindersärgen ist doch entzückend. Vielleicht werden auch gerade deswegen so viele Kinder geboren. Die Natur sorgt vor. Die Zeit der Menschenopfer ist lang noch nicht vorbei.

Und ob dem Kind die Kehle auf dem Altar durchgeschnitten wird, oder ihm wegen der Umweltbelastung die Luft ausgeht, bleibt sich gleich.

Mammon, Schutzpatron der Industrie, freut sich über jede Leiche.

Edel sei der Mensch

DSC02853

Sag mir, wo die Menschen sind.

Mendens Population ist um die Hälfte gesunken.

Es soll einheimische Arten geben, die auch jetzt noch ihren Zug nach Antalya anstreben.

Andere Arten suchen sich neue Brutstätten der Erholung.

Die Sonne muss scheinen, Billiglohnland ist mehr als erwünscht, aber die Standards bitte wie daheim. Es darf nichts kosten und die Leute müssen freundlich bleiben, wenn wir den Großkotz raushängen lassen.

Glasperlen für die Eingeborenen. Wie damals, als es noch die Mauer durch Europa gab. Da war man mit Einwegfeuerzeugen und billigen Digitaluhren der König der Welt im Osten.

Das muss es doch noch geben. Irgendwo. Und es muss mit einem Billigflieger erreichbar sein. Das mit der Umwelt ist egal. Hauptsache, man kommt für fast gar nix dahin, wo es billig ist.

Edel sei der Mensch, hilfreich und gut; denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen!

So sah es Goethe früher. Heute müsste er erkennen:

Billig ist der Mensch, Hilfeverweigerer und Gaffer. Es gibt andere Wesen mit mehr sozialer Kompetenz.

Pladder

DSC02849 (2).JPG

Bringt das Schreiben im Schatten des Verfalls einen Hauch von Melancholie in das Geschriebene?

Erst Küster, dann Dealer, jetzt Ruine mit zwei Palmen, im Hintergrund ein Parkhaus, das langsam zusammenbricht.

Flankiert wird das Ensemble von drei (!) Ein-Euro-Läden und der Deutschen Bank. Da weiß ich grad nicht, welches der vier Geschäfte´den Stadtteil mehr abwertet.

Wasserspiele in Menden, hört sich an wie der Titel eines Pornofilmes aus dem Urinalbereich, aber es pladdert. Gehörig.

Billie Holiday singt den Blues, und die Tropfen schlagen Blasen auf dem Asphalt.

Dicke Baumaschinen reißen links vor dem Haus den Asphalt auf, rechts klirren Kräne, zusammen mit heulenden Hiltis. Die Knochenschinkenresidenz ist fast fertig, da fängt die Großbaustelle Westtangente mit großräumigen Verkehrsumleitungen an.

Morgens um fünf schmeißen die Arbeiter die schwarzen, hohlen Pastikfüße und die rot-weißen Absperrpömpel vom LKW. Um diese Zeit reicht der Hall so weit, dass es auch die Schläfer*innen in andren Stadtteilen in aller Deutlichkeit hören können: Hört her! Hier wird gearbeitet!

Dann fräsen, baggern, reinigen, fräsen, baggern, reinigen, bis Abends alles gebaggert, gefräst und gereinigt ist.

Am nächsten Tag und auch am übernächsten bleiben alle Baumaschinen verschwunden. Kein Arbeiter ist vor Ort. Bestimmt muß sich das Gefräßte erst setzen.

Ein Großraumbuggy mit Platz für vier Kinder und ebenso vielen Passagieren, wird von einer Frau die Zone hochgeschoben. Ein Hingucker.

Der Baumpisser gestikuliert mit steifen Fingern in seinem Selbstgespräch. Er hat schon länger keine Bäume mehr in der Zone gewässert. Die letzte Standpauke seiner alten Mutter hält ihn noch etwas zurück.

Die Lampen in der Zone können sich nicht zwischen An und Aus entscheiden. Das natürliche Licht ist so duster, dass alle Sensoren verrückt spielen.

‚Der mit dem Mülleimer schimpft‘ trägt eine Herrenhandtasche aus den Achtzigern am Handgelenk und schimpft. Die Mülleimer sind frisch geleert. Keine Chance auf Pfandware.

Jetzt singt Rio ‚Für Dich‘, was immer noch eine Gänsehaut wert ist und in jedem Fall besser wirkt, als feuchte Melancholie im Dauerregen.