Umweltplakette

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Ab wann werden eigentlich LKW´s, Baumaschinen, Kreuzfahrt-, Tank- und Containerschiffe umweltfreundlich?

Wenn in der grünsten Umweltzone einer Stadt ein Loch zu graben ist mit Bagger, LKW und Radlader, dann die Straße wieder geschlossen wird mit hüpfenden Verdichtern oder Rüttelplatten, wird die Gegend gesegnet mit Feinstaub, Ruß, Diesel und Gestank. Ganz sanft lässt sich jeder von ihnen zentimeterdick auf der grünen Umweltplakette nieder.

Da hast du dann zwar die Straße schön, nur das Atmen fällt dir schwer. Atemluft ist ja sowas von aus den 90zigern.

Fahren Kreuzfahrt- Container- oder Tankschiff über das Meer, folgt ihnen eine breite Spur toter Seevögel, die das Pech hatten, den Schwerölqualm zu kreuzen.

Sie fallen tot vom Himmel, aber nicht ins Wasser.

Sie landen platsch auf Joghurtbechern, Einwegflaschen, Einkaufstüten, Plastiknetze und gesellen sich zu den anderen toten Tieren, die wie Gigersche Kunstobjekte halb- bis ganz skelettiert auf den großen Verpackungsmüllinseln ausgestellt sind.

Auf Bitten der Passagiere dreht der Kaptain sogar eine Extrarunde für ein Selfi mit dem halben Delfin, aus dem eine Lenorflasche wächst.

Auf Instagram wird das der Renner.

Maloche

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Nachdem uns das Wochenende große Hitze versprach, aber nur Laues kam, glüht jetzt, am Montag Morgen, der Asphalt.

Schon spaltet sich vox populi in zwei Fraktionen.

Viel zu heiß gegen Jippieh.

Ich gehöe zur Jippieh-Fraktion, die es mag, wenn Schweiß ohne körperliche Tätigkeit von der Oberlippe tropft.

„Sie sind ja noch jung. Ich kann das nicht so gut haben“, erwidert eine alte Dame mit Rollator. „Meinem Mann ist das egal. Der hat übrigens früher mit ihrem Vater zusammengearbeitet, bis er mit sechzig, zum Renteneintrittsalter einen Gehirnschlag bekam. Seit dreiundzwanzig Jahren ist er schon so. Alles vergessen aber immer gut gelaunt.“

Zur Bekräftigung drückt der Mann ein kehliges Lachen heraus und den Ruf des Nikolauses.

HoHoHo.

Mehr hat der Schlag nicht übriggelassen.

Diese Generation Jahrgang 33/34 hat damals echt die Arschkarte gezogen.

Aufgewachsen im Faschismus und Bombenhagel, dann Aufbau von dem, was die Erwachsenen kaputtgemacht haben. Also alles.

Und das ein Leben lang. Malochen bis zum Rentenalter, dann Gehirnschlag oder Tod.

Was für ein Lebensinhalt.

Wenn du was werden willst, mußt du die Leute bescheißen, sagte mein Großvater. Ihm waren die Faschisten egal und später auch die Stasi. Die Deutsche Lloyd war sein Arbeitgeber, und er drehte den Leuten Versicherungsmüll an.

Er ist achtundneuzig geworden und im Schlaf gestorben.

Was hat mich das gelehrt?

Alle Arbeiten, die von Maschinen oder Robotern gemacht werden können, sollen bitte von diesen gemacht werden.

Ein Volk, dass sich so ängstlich gebärdet, dass für jeden Müll eine Versicherung her muss, hat große Defizite in sozialem Bereich und kaum Solidaritätsempfinden.

Trau keiner Regierung, die den Rentenanfang nach hinten verschiebt.

Die haben keine Ahnung davon, wie mittelalt und jung motiviert werden, um eine Solidargemeinschaft zu erhalten.

Wer national, Gutmensch, Rasse oder Asylantenflut häufig im Sprachgebrauch benutzt, ist eine rassistische taube Nuss und gehört auf die Müllhalde der unzivilisierten Geschichtsentwicklung.

So viel für heute.

narr

Love

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Team Lobbe versteht sein Geschäft.

„Los eyh“, pfeift und winkt der Teamführer einer Autofahrerin zu.

„Fahr geradeaus!“

Nur zögerlich fährt die ältere Dame an ihrem Ziel vorbei und stoppt im Zonenhals, den Blick immer rechts über ihre Schulter zurück Richtung versperrter Straße gerichtet.

Doch Team Lobbe ist jetzt im Gespräch mit dem alten Mann des Tonträgergeschäftes, sowie mit einem Labrador im Geschirr, der vor der Fahrerkabine Männchen macht.

Dass das Team Lobbe mit der sozialen Interaktion und ihrem großen Müllentsorgungswagen eine Straße komplett in beide Richtungen sperrt, ist jeden Morgen so.

Es ist auch eine gute Stelle, die Straße zu sperren. In kürzester Zeit stockt der Verkehr in vier Richtungen komplett, dauert das Gespräch länger, sind auch noch zwei Seitenstraßen in der glücklichen Lage, den Status des Verstopftseins zu vermelden.

So wird die Intraktion gestützt mit Hupkonzrten und Durchtreten des Gaspedals, damit die Motoren der Blechkotze im Chor heulen und flehen.

Die Fleischfrauen helfen dem Bratwurstmann und schieben die Bratwurstbude direkt in die Verstopfung.

Vielleicht sollten sich alle mit Senf einreiben, damit es besser fluppt.

Im alten Ratsaal wird geheiratet. Die Polizei ist involviert, da vor dem Ausgang der Bücherei sechs Personen mit Polizeiabsperrflatterband versuchen, einen Sherriffstern zu formen, durch den das frischvermählte Paar dann: was?

Sich den Weg freischießen, übers Pflaster unter dem Band her robben? Ich vermag es nicht zu erkennen, will aber auch nicht weiter zuschauen. Weit wird das Brautpaar nicht kommen, da an einer Sternspitze ein Polizeiwagen mit Blaulicht an steht.

Es ist so romantisch. Bestimmt werden sie in Handschellen abgeführt.

Love is in the air, summt mein innerer Bass, und da muß ich doch glatt an den PresseKlub in naher Zukunft denken. Schon lustig, dass in dem Moment der Moderator als Beifahrer in einer Riesenblechkotze den Zoneneingang befährt.

 

Pfingsten in der Stadt

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Il peto will anbandeln.

So jedenfalls sieht es aus der Ferne aus. Wie er beschwingt um die weibliche Spielhallenaufsicht herumscharwenzelt.

Ein schönes Wort: Scharwenzeln. Aber die Aufsicht lehnt gewichtig im Türrahmen, raucht und scheint nicht weiter interessiert an ihm.

Haben Spielhallen eigentlich noch eine andere Funktion, als die der Geldwaschanlage.

Auf dem Weg in die Zone komme ich an drei Spielhallen vorbei, insgesamt mögen es gefühlte drölfzig Hallen dieser Art in Menden geben. Bei den Dreien, während des Fußwegs ins Zentrum der Stadt, seh ich so gut wie nie Menschen hereingehen oder herauskommen.

„Es gibt keinen Anfang. Es gibt kein Ende“, philosophiert es lautstark aus einem betrunkenen Kurzhaarschnitt heraus.

„Schrei mich nicht an“, antwortet sein, ebenfalls betrunkenes Gegenüber. Beide stehen, versteckt hinter Büschen , bei Roths Büdecken.

Da das Trinken von Alkohol an der Bude verboten ist, genießen sie ihr Bier im schattigen Blättergespinst während ihres philosophischen Erbrechens.

Kein Anfang, kein Ende und wir mittendrin.

Das müssen sich auch die Koten denken, die sternmarschmäßig, einmal im Jahr, Freitags, vor der Kirmeseröffnung, aus allen Kindertagestätten und Gärten des Mendener Umlandes, in das Zentrum geführt werden, um den Schaustellern bei dem Aufbau ihrer Karussells zuzuschauen.

Für Kids ist das das Größte. Zum ersten Mal bewußt die Kirmes wachsen zu sehen, bedeutet etwas.

Plötzlich darf man mitten auf der Straße gehen. Autos fahren nicht, nur die großen LKWs mit den noch größeren Karussellteien.

Der Geruch erst.

Alles noch zart. Erinnerungen an die Kirmes davor. Der Mandelwagen öffnet seine erste Klappe. Da stehen venizianische Pferdchen in der Zone neben Ledertaschen und Kräuterbonbons.

Da sind, ganz digitalfrei, neue Bogenschießstationen und zwei Fröscheklopperstände. Und erst die wilden Karussells für die Großen. Da, der Astronautenaffe, und wo sonst der Mäusezirkus war, ist heute ein mobiles Indoor-Paradies.

Überall diese Spinner. Das haben doch sonst nur die ‚besonderen‘ Kinder bei uns gemacht. Guck mal. Ich kann das viel besser.

Überall Daddel-Automaten. Die, bei denen man Münzen vor eine Schaufel so platzieren muss, dass andere, möglichst viele, Münzen in den Schlitz fallen. Die, bei denen man mit dem mechanischen Greifarm Plüschtiere, Handys, Armbanduhren oder, dieses Jahr, die Fidget-Spinner erwischen kann.

Die, bei denen man auf aufsteigende Huppel schlagen muss, oder Holzkugeln in Löcher werfen, oder Strippen ziehen oder Enten angeln.

Neben Langos, Champignons, Wok-Nudeln oder Gurken ist verbrannter Lachs dieses Jahr der heiße Scheiß.

Und was beim Aufbau noch große Augen verursachte, bringt bei dem Besuch mit Mama und Papa häufig Tränen und Geschrei.

Nur nicht beim Musikexpress.

Da sind die Mütter noch so jung mit ihren Kindern. Sie schauen ihnen wehmütig nach, wenn, Tempo-Tempo-dienächsteFahrtgehtrückwärts, der neuen Generation die Fliehkräfte schmackhaft gemacht werden.

Vielleicht sollte es il peto hier mal versuchen.

Cashmere

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Seit drei Wochen, mindestens, werden wir mit hochgezüchteten Geruchsmolekülen unserer Nachbarin bombardiert.

Die Blüten im Garten können sich noch so viel anstrengen, ihr Duft wird erschlagen von einer Flasche, mindestens ausreichend für zwei Großfamilien, Cashmere.

Entweder hat sie den Parfumbottich zerschlagen, oder sie gießt täglich ihre Umgebung und Teile des Gartens, jedenfalls, so weit sie aus dem Fenster gießen kann, literweise mit unverdünntem Cashmere.

Ihr Mann dampft. Und ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass den Produzenten von E-Liquids nicht die Geschmacksrichtung Cashmere eingefallen ist. Der Gummibärchengeruch von verdampften Energydrinks ist schon schlimm genug.

Meine Liebste, die neben ihr, aber ein Stockwerk höher wohnt, klagt über Kopfschmerzen und brennenden Augen. Selbst bei geschlossenen Türen dringt der Kampfstoff durch die Poren des alten Hauses in alle Bereiche unseres Lebens, und bringt die Liebste dazu, sich am Gartentisch den großen Zeh zu stoßen.

Wieso tun Menschen das?

Können die sich selber nicht riechen?

Mag sein, die Olfaktorik von mir und meiner Liebsten ist sensibler als die von anderen, aber es ist ja an der Möhne, in einem geparkten Auto mit geschlossenen Fenstern und zwei Mädels als Insassinnen, geschehen, dass sie sich, nach einer ausgiebigen Deodorantdusche im Wagen, mit einer entspannenden Zigarette selbst in die Luft sprengten.

Nochmal. Wieso tun Menschen das?

Wieso müssen wir Amy Sedaris, mit ihren duftigen Splittergranaten für dauerhafte Chemievergiftung im Fernsehn ertragen?

Wer bringt uns bloß bei, dass wir parfümiert sein müssen?

Was einstmal etwas Besonderes war – Heut ist ein großer Tag. Heut leg ich etwas Parfum auf – ist einem dekadenten Gerangel um den intensivsten Geruch gewichen.

Ich mag ja die Vorstellung von zyklischen Ereignissen. Vielleicht sind wir wieder im Barock, wo waschen als bäurisch galt.

Also her mit dem Duftwasser. Und schütt auch was in die Ecke. Irgendwer hat da hingekackt.

Arrogant

Er saß im Sonnenschein auf einer dieser designten Holzbänke mit Kunststeineinfassung im Stadtzentrum. Neben ihm stand ein Thermobecher mit Kaffee, aus dem er manchmal trank, während er sich Notizen machte.

Den ganzen Tag hatte er noch keine Wort geredet. So war es ihm am liebsten.

Je mehr er sich mit Worten oder Sätzen seiner Sprache beschäftigte, je mehr er versuchte, Sätze so exakt wie möglich zu formulieren und zwar so, dass sie genau dem entsprachen, was er der Welt mitteilen wollte, desto weniger sprach er.

Die Worte, die beim Sprechen aus seinem Mund purzelten, trafen manchmal ins Schwarze, lagen aber häufig so weit neben dem Ziel, dass er immer und immer wieder einen Satz begann, stockte, überlegte, neu startete, um sich langsam der Aussage anzunähern, die er eigentlich machen wollte.

Sprechen war etwas Schnelles, Flüchtiges. Immer häufiger wurden seine Worte bei Gesprächen unverständlich, weil er noch beim Ausstoßen der Silben feststellte, dass es zu ungenau, zu stark oder schwach, jedenfalls nicht passend für eine korrekte Beschreibung der ihm vorschwebenden Situation war, aber das neue, genauere Wort schon parat stand und mit dem ausgestoßenen Laut gurgelnd ins Freie drang, was zwar ein Geräusch ergab, aber nicht wirklich von anderen verstanden werden konnte.

Genauigkeit war ihm wichtig, wichtiger als Schlagfertigkeit.

Er dachte nicht langsam. Ganz und gar nicht. Es gab nur so viele Worte, die etwas Ähnliches ausdrückten, aber nur eines, das exakt war. Das wollte erst mal gefunden werden.

Wenn er kein brauchbares Wort fand, was manchmal vorkam, baute er es. Er setzte Gefühl, Bewegung, Geruch oder Gegenstand zusammen, um ein treffendes Bild zu schaffen.

So saß er im maiheißen Sonnenschein, nippte kurz an seinem Kaffee und dachte über den zuvor geschriebenen Satz: „Manche Menschen lassen sich die Arroganz in die Augenbrauen tätowieren“, nach.

Das war doch nicht richtig. Sollte es nicht eher: „Manche Menschen lassen sich Arroganz anstelle der Augenbrauen tätowieren“ heißen?

Er schloß die Augen und stellte sich augenbrauentätowierte Menschen vor.

„Entschuldigung.“

Mit dem gesprochenen Wort wurde es schattig vor seinen geschlossenen Augen.

„Entschuldigung!“

Widerwillig öffnete er erst das rechte, dasnn das linke Auge. Die Hand mit dem Thermobecher zuckte. Aber er widerstand dem Impuls, den Inhalt Richtung Störenfried zu schleudern.

Vor ihm stand ein Mensch, männlich, mit neckischem Anglerhütchen, Hawaihemd, dreiviertel langen Shorts, weißen Socken und Sandalen.

„Können Sie mir sagen, wie ich zum Jobcenter komme?“

Eigentlich wollte er: „Verpiss Dich“ sagen, dann: „Nein“. Heraus kam ein hohles, verknotetes: „Pein“.

Er öffnete zwei-, dreimal den Mund, um seine Lippen und Kiefer unter Kontrolle zu bringen. Dabei entstand ein Geräusch, als würden Seifenblasen platzen.

„Ach. Du bist taubstumm, Du Armer. Dann muß ich halt jemand anderes fragen.“

Der Störenfried holte seine Geldbörse hervor, nahm eine Eineuromünze, warf das Geldstück in den Thermosbecher und ging weiter.

Manche Menschen sind auch ohne tätowierte Augenbrauen unerträglich arrogant, schrieb er als nächsten Satz.

Irgendwas mit Tanzen

Die alten Männer des Tonträgergeschäftes stehen weißhaarig, die Bäuche mit Flanell und T-Shirt bedeckt, im Türrahmen des Tonträgergeschäftes, warten auf Kundschaft bis ihnen zu warm wird, und sie sich in die klimatisierte CD-Butze zurückziehen.

Der italienische Baumveredler, sonst mit dem Rad unterwegs, läßt den Motor seiner japanischen Güllepumpe vor der Zone aufheulen. Alle schauen. Ziel erreicht.

Wieder hat sich ein radikales, pseudoreligiöses Arschloch in die Luft gesprengt und jede Menge Menschen, diesmal in Manchester, ermordet.

Alles schreit nach Sicherheit.

Ein verständlicher Reflex, dann die leidige Diskussion um mehr Kameras, auch wenn die Diskutierenden wissen, dass durch Kameras nicht eine Straftat verhindert wird.

Jedes Märtyrerarschloch wird sich bei noch mehr Kameras die Hände reiben. Die aufgezeichneten Bilder vervielfältigen den Angstfaktor.

Die kommerziellen Medien, egal welcher Art, wissen das auch, aber Opferbilder bringen Klicks, Auflage, Quote.egal ob rechte, linke oder religiöse Bombe.

Ein kranker Scheiß.

Der Exekutive dieses Landes wird allenfalls noch mit Mißtrauen begegnet. (So viele Fehler muß man erst mal machen. Gibt es eigentlich bei dem rechten Dreck jemanden, der nicht für den Verfassungsschutz als V-Mann arbeitet?)

Wir rasen auf die Katastrophe zu.

Haha.

Diesen Satz schreibe ich, in den verschiedensten Variationen auch schon seit dreißig Jahren.

Dabei ist die Menschheit die Katastrophe. Doch hilft diese Einsicht nicht.

In Menden, wie überall auf diesem Planeten, geht für die Überlebenden das Leben weiter.

Polizeisirenen, jaulende Hunde, der alte Mann des Tonträgergeschäftes stellt ein Veranstaltungsplakat vor die Tür.

Irgendwas mit Tanzen.narrklein