Baustelle

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„Ich komm da nicht mit dem Rollstuhl durch“, greint sie, nachdem sie da mit dem Rollstuhl duchgefahren ist. Meckern ist so wichtig für das selbstbestimmte Leben.

„Nee“, fährt sie ihren Zeigefinger aus. „Wußte ich doch, dass ihr da seid.“

Jede Stadt braucht eine Baustelle, an der die Bewohner*innen ihren Frust abarbeiten können.

So, wie in jeder Stadt Idioten wohnen, die mit ihrer Blechkotze die Baustellen verstopfen.

Wir sind, und ich muss mich immer wieder auf´s Neue daran erinnern, nicht die Krone der Schöpfung, nicht Krönchen und auch nicht Diadem.

Was sagt die Evolution eigentlich zu Menschen, die am Ende einer Rolltreppe oder kurz hinter einem Ausgang stehen bleiben.

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Horror

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Jetzt sind die Menschen wieder eingepackt in Winterwolle und Wanderschuhe und wirken wie kleine, dicke Wichtel, die durch das windgepeitschte Wetter wackeln.

Das Laub hat es fast geschafft und tanzt vor Freude schnell im Kreis.

Die Politesse trägt dicke Stiefel aus Balver Mammutleder.

Denn es sagte der Nachrichtensprecher das erste Mal ‚Schneeregen‘ in einer Meldung.

Schneeregen und noch Sommerreifen. Da steht das P in Autofahrer*innens Augen.

Der Boden der Mendener Zone zeigt ein interessantes Flickenteppichmuster aus Pflaster, Asphalt und zerschnittenen Gummimatten von den Spielgeräten Surfbrett und Emma.

Die Pflegehilfskräfte der Cramerschen Fabrik drehen Däumchen. Die Rollstühle ihrer Zielobjekte passen nicht durch die kleinen Gänge, die die Straßenbauer mit ihren Absperrungen übriggelassen haben.

Nach vierzig Jahre Ruhe wieder das Geräusch, das ich daheim nie vermisst habe.

Durch die neue Ampelanlage und dem dazugehörigen Rückstau am Ende der Kolpingstrasse, rappeln Haus- und Zwischentür bei wartenden Bussen wie in der Kindheit, als eine Bushaltestelle direkt vor der Haustüre war. Unangenehm. Damals rappelten noch alle Fenster und die Türen. Wenigstens die unteren Fenster sind heute rappelfrei.

Die Evangelen feiern morgen ihren großen Held, und es will mir nicht in den Kopf gehen, wie man einen derart glühenden Antisemiten feiern kann.

Vielleicht deswegen Halloween.

Religion ist so ein Horror.

Palim

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Hello darkness, my old friend.

Ich hab eine Endlosschleife in den Synapsen.

„Palim, palam. Ja siggi ist das so.“

Eine Kundin zitiert Hallervorden falsch und überhaupt will sie ja nur lustig sein.

Nimm das Leben nicht so schwer, hier kommt der Hustinettenbär.

Sie lacht zu laut, sie spricht zu viel.

Sie spielt das alte Weibchenspiel.

Und plötzlich ist da Ulla Meinecke im Kopf und Kwai Chang Cain, der alte Kleiderschrank-Carradine im TV, und irgendwie sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig anwesend.

Da kann man auch schon mal verwirrt sein, und fast empört, als ich erfahre, dass ich in Japan kein öffentliches Bad besuchen dürfte, so ich denn in Japan wäre, und das nur wegen meiner Tätowierungen. Jetzt fühle ich mich ferngedisst.

„Oh. Kumma. Die Kleine sammelt Blätter.“

Die Rößler-Rentner sind ganz rührselig, bevor sie über die Arbeitsweise der Straßenbauer vor dem Schaufenster herziehen.

„Als ob die das zum ersten Mal machen.“

„Ob die die Kabel noch aufrollen? Oder lassen die die so liegen.“

Die afd-Fraktion im Iserlohner Stadtrat ist geschlossen aus der afd ausgetreten um in Schlumpfhausen einzuziehen und Schlumpfinchen F. – Schlumpfinchen A. ist ja die Gespielin von Gaugamel – den Bauch zu pinseln.

Sauerland. Mein Herz schlägt für das…nee, nicht bei solchen idiotischen Einwohnern.

Aphrodite

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„Nee, die muss sich anmelden. Wegen Steuern und so. Die kann doch nicht hier unsere Straßen kaputtfahren und da Steuern zahlen.“

Energisch hebt die alte Dame den Rollator kurz an und lässt ihn mit den Worten: „Das macht man nicht!“ auf das Pflaster fallen.

Oma Dobrindt scheint eine energische Oma zu sein. Ihr gepimpter Rollator, zusätzliche Stoßdämpfer, Wurfsternfelgen, könnte auch einen Aufkleber: ‚Mein Zweitrollator ist auch ein Rollator‘ auf der tiefergelgten Stoßstange kleben haben.

Der Herbst zeigt sich von seiner schmuddeligen Seite und schmeißt überall sein Laub hin, der unordentliche Zottel.

Gegenüber singt und pfeift eine männliche, griechische Doris Day „que sera“, und Ilse Werner hätte ihren Spass.

Durch die neue Ampelanlage, oben bei Battenfeld, (der Mendener Autofahrer soll ja in einer Befragung gesagt haben, er wolle das so) reicht der Rückstau bei Rot bis weit hinter der Vorderfront unseres Hauses.

Wenn das mal keine Minderung der Wohnqualität bedeutet. Muß mal ein ernstes Wort mit dem Vermieter reden.

Jetzt ruft Doris Day von gegenüber: „Alles gut?“ und hält dabei die Daumen nach oben. Albano und Romina singen dazu „ti amo“.

Seine Gefährtin ist die Aphrodite vom Wannebach.

Das ist pure Poesie des Sauerlandes.

Die Aphrodite vom Wannebach,

griechische Glut, sagt: Guten Tach.

Was darf es denn sein?

Ein Bier, ein Wein.

Soll´s auch noch was zu Essen sein?

 

Existenz

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So ernst. So zielorientiert.

Kein Rechts oder Links zur Ablenkung.

Kein Oben oder Unten zum Verschnaufen.

Irgendwann ist jeder dran, ist das Mantra des Jahres, welches Jahwes Töchter mit hochgehaltenem Ausweis und Wachturm vor sich hinmurmeln.

Wir schleppen uns durch den Herbst und tun überrascht, weil es so feuchtkalt ist.

Außer denen, die behaupten, ihnen sei warm, und zum Beweis ein kurzärmeliges Shirt mit kälteroten Armen tragen. (Ja gut. Grad ist es zu warm für kälterote Arme.)

Der Grund unserer Existenz ist ein Rülpser der Evolution.

Wir pendeln zwischen der Entdeckung der Quantenteleportation und dem Nichtwissen, wie man einen Eimer Wasser richtig ausschüttet. Große Spannbreite.

Was ist da der gemeinsame Nenner eines Miteinander?

„Mensch“ als verbindendes Element reicht nicht.

Lebewesen ist zu schwach. Existenz vielleicht. Alles, was existiert, ist wert, daß man es respektiert. Und das ist viel auf Planet Erde.

Vielleicht ist es auch möglich, das Gen, welches uns in Boshaft hält, zu isolieren und nachwachsenden Generationen vorzuenthalten. Wären die dann posthuman?

Eine posthumane Generation ohne Boshaftigkeit. (Klingt wie der feuchte Traum eines Eugenikers.)

Bis dahin müssen wir auf Hand- und Geistesarbeit zurückgreifen um Nazis, oder anderem boshaften Gesocks die öffentlichen Räume zu entziehen. (Wieso nochmal werden Nazis vom Börsenverein auf der Buchmesse zugelassen? Die boxen auch gerade in Kirchhundem.)

Amerikaner

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„Ich hab einen Amerikaner gesehen“, meint ein Senior, aber Stimme und Haltung sagen: Kann ich einen Amerikaner haben.

„Hä?“

„Eben. Hier in der Auslage.“

„Und?“

„Ich nehm einen mit. Für heut Nachmittag. Ist doch lecker.“

„Och nö. Wir haben doch genug im Haus.“

Es wird klar, wer bei diesem Rentnerpaar das Sagen hat. Beide unterhalten sich mit vollem Mund, kein Wort kommt gerade heraus. Doch die Zeit ihres Zusammenlebens hat alle Sprachbarrieren verwischt.

Jetzt mümmelt der Senior missmutig an seinem Käsebrötchen, während die Seniorina sich ein Puddingteilchen holt.

Der Senior glotzt, als sie sich hinsetzt, um genüsslich in den Pudding zu beissen.

Was für ein subtiler Psychokrieg.

Heiter

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Wie soll ich bloß darauf reagieren, dass die Nörgler an meinen Tisch kommen und mir zum Stück gratulieren.

„Sensationell. Diese Laien sind ja immer besser als die Profis.“

„Das würde ich nicht unterschreiben. Aber sie sind sehr engagiert.“

„Die haben alles gegeben.“

Drei von den Nörgler*innen waren bei der letzten Vorstellung und saßen in der zweiten Reihe. In stillen Momenten des Stückes konnte das Publikum eine von ihnen reden hören.

„Brabbel, brabbelbrabbel, brabbel.“

„Hm.

„Brarabarabrabrabbel, Brabbel.“

„Hm.“

„Bra…“

„Jetzt hör doch mal auf zu quatschen.“

„Wieso? Die sagen doch grad nichts auf der Bühne. Da kann ich doch reden.“

Eine Pflegehilfskraft der Cramerschen Fabrik spielt grad Turbo-Ausflug.

Im Drei-Minuten-Takt pflückt sie eine Rollstuhlfahrerin nach der anderen aus der Warteschlange, eineinhalb Minuten die Zone runter: „Schauen Sie mal. Markt.“

Eineinhalb Minuten rauf die Zone und Wechsel. Ihr Haar und die quallige Kluft flattern im Gegenwind.

Der Blechkotzebossanova in der Zone, ein vor, zwei zurück und rechts und links, hoppla, wird der neue Standardtanz in der City of love. LKWs drehen sich mit PKWs langsam im Kreise, verwegene wagen die Pirouette rückwärts mit anschließendem Rittberger durchs Getriebe.

Und Mr. Musk erzählt, dass er 2024 mit der Marsbesiedelung beginnen will.

Das kann ja heiter werden.