Arlette

crazyw1

Hm. Wieso denke ich denn heute an Arlette?
Die Frau mit Haar so dick wie Pferdeschweif und ihren Happy-Feets zum Geldverdienen.
Ist heut der Hopper-Stopper-Stepperinnen-Day?

Körnerkur is so delicious!
Zellulitis mag sie nicht.
Katze hockt am Rand des Tisches,
Kater ist zu Männern nett.
Trotz Körperoptimalgewicht maunzt sie ständig:
– I´m so fat! –
Tanzharter Tigertangahintern,
der sich beim Spülen noch bewegt
zum Rosagumihandschuhsingen,
wo häufig Sauce noch am Teller,
doch seltener die Stimme klebt.
Neunundzwanzig rote Pusteln
durchbrechen juckend weiße Haut.
– Jeder Tag ist ein Geburtstag -,
frohlocken ihre Pusteln laut.
Kleine Zöpfchen an die Waden
möchte gern der Nachbar flechten.
Das bekommt ihm nicht sehr gut.
– Nimm jetzt bitte mal den rechten
Fuß und massier ihn sehr behutsam,
dann den Rücken und den Hals.
Sonst knallt´s. –

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Angst

Manager und Pferdezucht.
Herrenbrut wie Ammoniak.
Es gibt diese Angst wie ein Hintergrundrauschen.
Ein Riverquaimarschecho.
Denn nur, was richtig sauber ist, kann richtig glänzen.
Für Sekunden, Stunden, Tage
ist die Seele ein dünnes Häutchen.
Dann lügen selbst Bäume,
wenn sie grüne Blätter tragen.
Dann ist alles Lüge,
und ein Nein so schwer wie tausend Morde,
gewürgt mit eigener Hand.
Prometheus, der Herrschaftsherd
hat mit seinem Gas ganze Arbeit geleistet.
Keine Angst vor Allem!
Aber noch das miserabelste Verhalten
gilt als persönlich frei entfaltbar.
Zeitgeistkriecher sind mit Allem einverstanden,
bleibt nur ihr Kleinmief unberührt.
Bei 1000 Ps wird elektronisch Lachgas eingespritzt und Tschüss.
Es verrotten Wunder drinnen oder draußen.
Der kaugummiwiderkäuende Mensch entwickelt
sich zurück zum Schlachtvieh,
zur Konsumkuh oder Spermabullen, sagen Sie.
Leichtes Spiel für die, die es durchschauen.

Nachts

Die Nacht so kurz
und aufgeteilt in halbe Stunden.
Sie weiß nicht wer,
nicht wo, nicht wie.

Legt sich in´s Bett.
Steht auf, rennt rum.

Legt sich in´s Bett.
Steht auf, stellt sich vor´s Fenster
und starrt auf eine
nachterhellte, menschenleere Straße.
Drauf angesprochen,
sagt sie völlig klar:
“Da stimmt was nicht in meinem Kopf.”

Legt sich in´s Bett.
Steht auf.
“Ich will das nicht.
Ich weiß doch gar nicht.”
Als Endlosschleife abgespult.
“Ich will das nicht.”

Legt sich in´s Bett.
Steht auf, geht zur Toilette.
“Ich renn doch gar nicht rum.
Ich schlaf doch schön,”
ist jetzt die Schleife.
Setzt sich vor das Waschbecken,
läßt Wasser laufen
und tritt in eignem Rhythmus
vor den Syphon,
bis der Boden schwimmt.
“Ich schlaf doch schön.”

Legt sich in´s Bett.
Steht auf und
sucht im Treppenhaus
den Weg zur nächsten Wohnung.

Legt sich in´s Bett.
Steht auf.
Da draußen wird es hell.
Nimmt wahllos Kleidungsstücke,
zieht sie über und
schaltet um auf Tagmodus.
“Ich hab doch schön geschlafen.”

narr

Mensch

Schwarze Synthetiklederjacke, schwarze Plastikseidenhose, schwarze, flache Turnschuhe, bestellt er mit einer Stimme, als würde eine ganze Krötenfamilie in seinem Rachenraum sich auf den Sommer vorbereiten, die Dummdreistdoofenzeitung, dreht, fast schwungvoll, mit quietschender Sohle die eigene Achse und verschwindet mit dem Hauch eines Provinzluden.

Die durchsichtigen Zuckerschlieren im heißen Tee bewegen sich so träge wie narrengedanken.
Das Adrenalin der Nacht ist abgebaut.
Ab Mitternacht war draußen Schreizeit, Testosteronröhren.
Junge Kleinstadthirsche brüllten um sich, schlugen um sich, buhlten um Bambies in Glitzerballerinas, bis der Platzhirsch im Golf mit Ferrarieauspuff so laut sein Revier markierte, dass zwei Minuten später das Horn der Polizei erklang und Blaulicht den Brunftplatz erhellte.

Ab ein Uhr stolperte die alte Dame durch den Irrgarten ihrer Demenz, öffnete jede Tür, fand aber den Ausgang nicht. Das wiederholte sie um zwei Uhr und auch um Drei.

Wie klein kann eine Welt werden?
Wie klein?
Für manche ist New York zu klein,
für andere ist ihr Zimmer viel zu groß.
Und am wenigsten Platz verbrauchen die,
die sich in ihrem Kopf verlaufen.
Lebensraum hat nicht in erster Linie mit Quadratmetern zu tun.

Alle kennen alle über sechs Ecken.
So sagt uns die Wissenschaft.
Ich kenne jemand, der kennt jemand der jemanden kennt, der den Präsidenten kennt.
Die Gesellschaft als wabenförmige Struktur.
Chemie des Lebens.
Meine Welt ist so groß, wie ich sie zulasse.
Noch kann ich das.

Bei schweren, neuronalen Erkrankungen geht das nicht mehr.
Jede Demenz verkleinert eine persönliche Welt auf dramatische Weise.
Staubkornkorngroß in letzter Konsequenz.
Am End vergisst der Mensch sich selber.
Jetzt kommt die spannende Frage:
in welcher Welt lebt er dann?

Ein Mensch, der sich selbst vergessen hat,
der lebt ja weiter.
Und manchmal sogar besser als zuvor.
Glücklicher.
Oft auch nicht.

Man sagt, im Kopf
sei die Welt unendlich.
Aber wo schafft der an Demenz Erkrankte seine Räume?
In den Gefühlszentren seines Gehirns?
Nur glücklich, nur traurig?
Wer ist dieser Mensch, der sich selbst vergessen hat?
Was macht ihn noch zum Menschen?
Bleibt man Mensch in einem weißen Raum ohne Fenster und Tür?

narr

Klasse

Die Verkäuferinnen von Filiale 43 begrüßen jeden Kunden mit dessen Einkaufswunsch, noch bevor dieser ihn ausgesprochen hat.
Ihre Trefferquote liegt mittlerweile bei 98%.

Eine junge Leichtmatrosin der hiesigen Polizei will Körnerbrötchen mit Möhre und riecht wie das Puder alter Damen.
Vielleicht hat der narr aber auch Geruchshalluzinozen durch Schlafentzug.
Gerade trägt eine Frau Leberwurst Nr. 5

Der Himmel schwer,
die Augen auch.
Heut fehlt ein Stück zum Glück.

Genaugenommen fehlt nur Schlaf.
Die letzte Nacht war sehr
gefüllt mit seltsamen Halluzinozen.

Mit Menschen einer anderen Zeit,
mit einem Schaf im Hochzeitskleid,
mit Worten, die nicht existieren.

Mit Besen, die die Welt regieren
und zu allem Überfluss
ein ungeplanter Zungenkuss
mit einer vollen Schnabeltasse.

Klasse

narr

nix anners machen

Der Kaffee läßt heut lange auf sich warten,
wie soll ich bloß in meinen Morgen starten?
Ich brauch dies, ich brauche das,
sonst komm ich niemals in die Pötte.
wenn diese Rituale nicht exakt sind,
dann kötte ich mich mit jedem Menschen.
Und seid gewiß, das ist kein ‘Spass.

Das Ei wachsweich,
die Erdbeermarmelade ohne Wespen,
und Brötchen, warm, mit Dinkel.
– Kaffee kommt gleich! –
Was? Beim Frühstück Neues testen?
Geht´s noch? Das überlass ich gern
dem feinen Pinkel zwei Tische weiter.

narr

ein wenig

Es gibt Tage des Wegrennens.

Renn, renn so weit du kannst, Und renn schnell.

Sonst holt dich das Leben wieder ein

Nicht nach rechts und nicht nach links schauen,

rennen.

Rennen.

Und zwischendurch schreien.

Während des Rennens schreien.

Es gibt Tage,

da möchte man nur schreien.

Nicht rennen.

Durchaus.

Aber jetzt geht es um das Wegrennen.

Vor der familiären Demenz wegrennen,

vor den frischen Furchen,

die die Katze in den Unterarm der Mutter gezogen hat,

wegrennen

Vor dem Wegrennen wegrennen.

Vor den dummen Sprüchen

und den mitleidigen Blicken wegrennen.

Vor den eigenen Reaktionen wegrennnen

und ein wenig schreien.

narr