Sterbezeit

20171203_093515Die Mender*innen sind wieder glücklich. Sie können mit dem Auto in die Stadt. Endlich. Die Baustellenabsperrungem wurden beiseite gerückt, der Asphalt gewalzt. Wenn jetzt alle Rohre verlegt sind, reißen sie demnächst alles wieder auf, um Asphalt und Buckelpflaster gegen ein neues, einheitliches Steingut auszutauschen. Dann ist Menden untenrum wieder schön.

Erwähnte ich schon die Sterbezeit?

Ein ferner Bekannter erinnert mich schmerzhaft daran, als er zu mir, ganz unvermittelt, im Hinausgehen: „Sie ist tot. Gestern morgen.“ sagt.

Mit sie ist seine Frau gemeint. Vor eineinhalb Monaten wurde bei ihr Arschloch Krebs diagnostiziert.

Sterbezeit.

Mich hätte es vorgestern auch fast erwischt. Es fühlte sich an, wie ein Boxhieb vom Tod.

Strom und Wasser. Nicht gut. Gar nicht. Atemraubend. Nachhaltig. Zu knapp.

Erstaunlich, wie schwer es mir fällt, darüber zu schreiben. Aber wenn es in den Händen zuckt und in der Brust knallt als renne man gegen eine Stahlwand, dann schockgefroren und Ohrensausen mit einer leichten Ahnung von zu knapp, viel zu knapp, dann will sich der Verstand gar nicht damit befassen. Gar nicht.

Tod kann so banal sein. So simpel wie eine Fehlfunktion des elektrischen Zünders eines alten Gasherdes, welche die Spüle, in der ich, mit beiden Händen im Wasser, spülte, elektrisierte.

Und schwuppdich biste tot.

Seitdem ist alles in Watte. Der Verstand versucht in wattiertem Tempo die weiße Wand zu öffnen.

Nicht so einfach.

Die Tragweite des Ereignisses ist größer, hat den normalen Erfahrungsbereich überschritten.

Ähnlich erging es mir, als wir in Gorleben bei minus zwei Grad mit Wasserwerfern von der Rampe gefegt wurden. Das war auch damals schon vorsätzliche Körperverletzung.

Sticks and stones can break my bones ist dann wohl die moderne Variante, oder die ganz alte. In keinem Fall ist sie akzeptabel. Weder Wasserwerfer bei zwei Grad minus noch Gewaltausbrüche von uniformierten Schlägertruppen.

Das erkenne ich selbst in wattiertem Zustand.

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Herjemine

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Die Wanderbaustelle protzt heute mit neuem, bordeauxroten, schweren Asphaltiergerät. LED´s blinken in rot und grün, und es hat sich noch gar nicht schmutzig gemacht.

Die neue Aushilfskraft benutzt eine Stimme in hoher Tonlage und großer Lautstärke, die durch Marmor, Stein und Mark und Bein schneidet, und das auf Sächsisch. Das tut weh.

Auch, wenn ein Teil der ehemaligen, eigenen Sippschaft aus dem, jetzt rechten Reichenbach im Erzgebirge kommt, heißt das nicht, dass große Sympathie für diesen Dialekt besteht.

Oder für Räuchermännchen, oder Weihnachtspyramiden, oder handgeschnitzte Posaunenengel, oder großmäulige Nussknacker.

Selbst meiner Mutter war ihr Dialekt peinlich, und er brach auch nur durch, wenn sie sich böse aufregte.

„Nächste Woche kommt die Toscana-Ware. Ach ich freu mich so. Und die Weihnachtssterne hier sind direkt aus dem Nachbarort“, frohlockt der Chef der neuen Gartenabteilung von dem ehemaligen Arbeitgeber meines Vaters, während eines Rundgangs durch die neue Halle.

Schon interessant, wie aus der kleinen Klitsche, Chef, zwei Angestellte, von denen einer mein Vater war, dieser Megabaustoffhandel entstanden ist.

Langsam bekommt der Baumarkt die Größe eines französischen Supermarktes. Natürlich mit einer Filiale des heimischen Bäckeroligarchen.

Direkt gegenüber ist ein kleines Hotel. Da kann man übernachten, wenn man nicht alles an einem Tag gesehen hat.

Freizeitpark Baumarkt, der große Familienspaß.

Und schon beginnt mein innerer Caruso wieder zu singen.

„Die SPD, die hat gar keine Eier. Sie ist ein selten dämlich Vieh. Sie ist die dümmste aller Parteier, und die andren sind wie sie.“

Mein Caruso singt schon seit dem Sondierungsabbruch Schmählieder über die gewählten Parteien. Ihr Arbeitgeber, das Volk, sollte ihnen das Gehalt kürzen wegen Arbeitsverweigerung runter auf Hartz 4. Undankbares Gesocks.

Jetzt hätten sie mal die Chance zu zeigen, was Demokratie wirklich bedeutet.

Mehrheiten finden und formen durch sachliche Überzeugungsarbeit, und nicht bestimmen und beschließen, weil man die stärkste Partei oder die dicksten Muskeln hat.

Aber dafür hat niemand Eier in der Hose.

Unteres Schulhofniveau im Reichstag, mit einer lahmen Pausenaufsicht.

Herrjemine.

Spieleinsatz

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Das Geschwätz nimmt kein Ende.

Es schwebt, dicht gewebt aus Beschimpfungen, Beschuldigungen, Unterstellungen, Übertreibungen, Beleidigungen und Vorwürfen und dennoch regendurchlässig, in unattraktivem Grau über unseren Köpfen.

Das Leichentuch der Parteien hängt über jedem Neuanfang, jeder Innovation und über allem Wohlwollen straff gespannt, nimmt alle Luft zum Atmen und erstickt Bemühungen zum Besseren im Keim.

Lasst noch fünf Jahre ins Land gehen, und „Lybischer Sklavenhändler“ wird Ausbildungsberuf, mit europäischen Geldern subventioniert.

Der alte Mann des Tonträgergeschäftes stellt ein Schild mit der Ankündigung einer Ü-30 Party vor die Tür, dann prüft er mit ausgestrecktem Zeigefinger die Sauberkeit der Außenkante seines Einganstürrahmens. In Zeiten von herumstreunenden Wanderbaustellen muss man auf der Hut sein.

NRW beginnt, das Sozialticket abzubauen, um mit dem gesparten Geld die Straßen für SUV-Blechkotze zu verbessern. Was für ein krankes, menschenfeindliches Bild müssen die gewählten Vertreter von den Einwohner*innen haben.

„Meine nackte Frau als Spieleinsatz“ ist eine Suchanfrage, die heute im Lügenland auftauchte.

Vielleicht reicht das als Antwort auf die gesellschaftliche Situation.

Kopfschütteln

crazy

Es ist nicht gut für das eigene Befinden, wenn man neben zwei Arbeiterinnen aus dem Bereich Pflege oder Betreuung sitzt und keine Ohrstöpsel greifbar sind.

Was für janusköpfige Geschöpfe.

Wenn man schon in der Öffentlichkeit über die Arbeit ablästern muss, dann aber auch in einer Lautstärke, dass alle es mitbekommen, wo und was sie tut, dass „Die“ ja viel mehr Geld hätten, wenn „Die“ nicht so viel rauchen würden, dass sie bei ihrer eher auf Borderline tippen würde, weil „Die“ sich so anstellen täte, aber genau wüsste sie das auch nicht. Die Therapeutin würde ihr ja nichts sagen.

Heute nacht haben die liberalen Vertreter für heiße Luft die Sondierungsgespräche abgebrochen.

Was für ein verantwortungsloser Haufen.

Gewählte Volksvertreter*innen, die dem Volk den Mittelfinger zeigen.

Das ist Wasser auf die braune Mühle der Nazischlümpfe, die auch prompt Eiter und Galle produzieren.

Die Hamburger Polizei (erinnert sich noch jemand an die Scheinerschießungen an der Elbe) bricht in die Rote Flora ein, um ein Transparent, auf dem „Oury Jalloh, ermordet von deutschen Polizisten“ widerrechtlich zu entfernen. Man könnte doch fast den Eindruck bekommen, die Exekutive versuche, da etwas zu verschleiern. Da drücke ich dem achtzehnjährigen Italiener, der seit vier Monaten ohne erkennbare Gründe einsitzt, die Daumen, dass er heile zurück nach Italien kehren kann.

Kann mir jemand eine gute Salbe empfehlen? Nacken und Schulterpartie schmerzen mittlerweile vom vielen Kopfschütteln.

Oleole

 

narrkleinWas ist das nur für ein Gehampel mit dem Mann an sich.

Und willst du nicht die Liebste sein, dann hau ich dir die Fresse ein, ist bei so vielen Männern auf die Prägung tätowiert.

Wen wundert es da, dass 10000 Nazis durch Warschau marschieren. Das hat Warschau nicht verdient.

Noch ist Polen nicht verloren, aber es sieht nicht gut aus.

Während des kalten Krieges war die polnische Theaterszene excellent darin, nur mit Licht und Schatten, ohne Worte, das Regime zu kritisieren. Ich hoffe, diese Fähigkeit ist ihnen nicht verlorengegangen. Wenn das da so weitergeht, werden sie sie brauchen.

Italien ist draußen. Keine WM 2018 in Moskau. Das war klug von den Italienern. Da wird ihnen niemand nach der WM vorwerfen können, an den korrupten Spielen beteiligt gewesen zu sein.

Da freue ich mich doch auf die Stille während der Spiele auf der Kolpingstraße. Kein Römer in Plastikrüstung mit dicker Pauke, mindestens ein Autokorso weniger, keine, über die Maßen aufgeregte Gruppe Sizilianer unter meinem Fenster. Oleole.

rabimmel

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„Zwei Wurstbrötchen.“

„Die sind noch nicht fertig.“

„Dann nehm ich eins mit Leberkäse, eins mit Schnitzel und eins mit Frikadelle. Und dahinten, die Mettstulle, die nehm ich auch.“

Totes Tier zum Frühstück nennt man deftiges Frühstück.

Haggis auf Toast oder lieber saure Nierchen zum Kaffee?

Die Frau jedenfalls trägt ein kariertes Hemd in der gleichen Farbe wie ihr karierter Einkaufstrolley.

Das passt sehr gut zum leuchtend roten Mett, während Leberkäse, Schnitzel und Frikadelle in blassem Pastell eher eine untergeordnete Rolle in der Farbgestaltung spielen

„Ey, der Typ ist voll krass Arafat,“ spricht jemand mit grauer Kapuze in sein Smartphone Ich bin mir nicht sicher, was genau er meint.

Bezieht er sich auf Jassir Arafat, den mit Gift gemeuchelten PLO-Führer, oder auf Arafat Abou Chaker aus dem Umfeld von Bushido? Ich nehme an, Letzteres, aber da fehlt mir die Lust zur Detailrecherche.

Gestern war rabimmel-rabammel in mehrfacher Hinsicht.

Um elf Uhr elf wurde mit Bier und Bützchen rabimmelt, und abends mit Lampe an rabammelt.

Mir brannte als Kind während meines erstes Umzugs die Laterne direkt zu Beginn ab. Großes Geschrei und nie wieder Umzug.

Applaus für die Schüler*innen der Stadt, die zur Pogromnacht, einen Tag vorher, ein Programm auf den Vincenztreppen zeigten und viele andere Jugendliche als Besucher*innen daran teilnahmen.

Schön zu sehen, dass auch der Nachwuchs etwas gegen Nazis hat.

Reptiloid

narrkleinVor der Filiale tigert ein Mann mit Flipperhebel im Ohr hin und her. Seine Jacke ist der Polizeifreizeitjacke in Form und Farbe nachempfunden. Sein Haar ist kurz, und wenn er nicht an seiner Zigarette, die schräg wippend im Mundwinkel hängt, zieht, spuckt er auf dreierlei Arten auf den Boden.

Über die Baustellenabsperrung beugend einen blasigen, zähen Tropfen mit gespitzten Lippen absondern, mit erhobenem Kopf einen weißen, schaumigen Brocken mit einem Zungenschnapp herausschleudern, und für die kleinen Portionen die – mit Hochdruck durch die Zähne press – Variante, mit dem typischen Zuutsch des Zahnzwischenraumes.

Er schafft es bei allen drei Disziplinen die Zigarette im Mundwinkel zu behalten und legt in der Kür noch ein Gespräch mit dem Flipperhebel nach.

Das gibt eine glatte achtkommafünf in der Skala ‚unangenehmste Erscheinung des Tages‘.

„Das Karnevalsmuseum war früher am alten Rathausplatz. Der Teufelsturm auch“, erinnert sich eine Grauhaarige mit hartem, verkniffenen Mund. Ihrer ortsfremden Begleitung fehlt jedes Interesse. Ihr steht die – wie komm ich hier bloß schnell weg – Frage mit Großbuchstaben ins Gesicht geschrieben.

Ihre Fingernägel scheinen diesen Schritt schon zu gehen. Sie wirken, als hätten sie das Nagelbett verlassen.

Vielleicht hat sie ja auch Winterfingernägel, so wie ich Winterhaut habe.

Drachenhaut.

Reptilienhaut.

Bin ich in Wirklichkeit ein Reptiloid und ich weiß nichts davon?