Heringsdorf

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„Der Name klingt nett. Laß uns da Urlaub machen.“
„Aber Du magst doch keinen Fisch.“
„Da wird es auch bestimmt was anderes geben als Fisch.“
„In Heringsdorf?“
So, oder so ähnlich verlief die Unterhaltung vor circa drei Monaten zwischen mir und der Liebsten.
Mit dem Zug war es zwar eindeutig zu teuer, aber Heringsdorf auf Usedom klang so verlockend, dass wir uns entschlossen, mit dem Auto zu fahren.
Unsere erste Urlaubsreise mit dem Auto.
Das Navi bestimmt die Richtung, dann geht es eigentlich immer geradeaus.
Ein schwerer Unfall auf der A2 beschert uns auf der A1 eine Menge mehr an Fahrzeugen, inclusive einer Militärkolonne.
Hinter Hamburg wird es weniger, hinter Rostock wechselt der Straßenbelag ins Rötliche und die Ortseingangsschilder bekomen eine psychodelische Grelligkeit.
Der Baumbestand am Straßenrand hat für jedes Exemplar eine eigene Leitplanke. An einigen Bäumen hängen Kreuze.
Kein Meer rechts oder links, dafür ein Plakat mit freilaufenden Tigern auf Usedom.
Dann biegen wir einmal links ab und stehen in Heringsdorf auf dem Parkplatz Nr. 29 vom Hotel.
Wir checken ein, bekommen drei Schlüssel. Einen für die Schranke, einen fürs Zimmer, einen für die Haustüre und den Stellplatz Nr.27 fürs Auto.
„WLAN? Nein, tut mir leid. Das haben wir hier nicht. Aber die Touristeninformation hat einen Hotspot. Da zahlen Sie fünf Euro und bekommen ein Passwort. Parken Sie bitte noch Ihr Auto um. Die 29 ist reserviert.“
Das Zimmer im ersten Stock ist geräumig, mit Blickrichtung auf die Ostsee, die wir sehen könnten, wenn da nicht eine lange Häuserzeile stehen würde.

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Den versprochenen Seeblick findet die Liebste zwei Tage später abends beim Zappen durch die Fernsehkanäle. Ein Sendeplatz ist reserviert für eine alte schwarzweiß webcam, die die Ostsee, inclusive Wellen, Himmel und einen langen Steg mit Geschäften drauf zeigt.
Nachdem Hemden, Jacken, und Blusen aufgehängt, Kulturbeutel und Hygienekram im Bad deponiert sind, müssen wir uns etwas bewegen.
Acht Stunden Fahrt mit Pausen machen die Knochen steif.
Auf dem Weg zum Wasser kommen wir an der Touristeninformation vorbei.
Ich geh zum Tresen und frage eine Frau dahinter: “ Moinmoin. Äh, sagt man hier überhaupt moinmoin?“
Sie schaut mich streng an.
„Sie sind doch hier nicht im Westen.“
Der Ton erinnert an eine weichgespülte DDR-Grenzbeamtin. Mit der streitet man besser nicht.
Nein, erklärt sie, der Hotspot sei kostenfrei, aber ich müsste was mit einem guten Akku haben, denn dort, dabei zeigt sie auf einen Stuhl neben dem Tresen, gäbe es keinen Strom.
Dem gibt es nichts hinzuzufügen. Wir gehen an den Strand.
Es riecht wie Meer, es rauscht wie Meer, Möwen kreischen, es ist Meer.
Meer mit breitem Sandstrand, Seegras, Muscheln und Dünen.
Hach.
Wir stapfen beseelt durch Sand und Muschelmulch, atmen berauscht salzige Meerluft und sind nach zehn Minuten so erschöpft, dass wir zum Hotel zurückwanken.

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Im Hotel gibt es ein Fischrestaurant und eine Pizzeria.
Wir sind die einzigen Gäste im Fischkutter.
Ich esse matschigen Matjes mit verbrannten Bratkartoffeln nach Hausfrauenart, die Liebste in Sauce ertrunkenen Lachs mit aufgewärmten Kartoffeln vom Vortag und einem kleinen Brokkolus.
Wir ahnen, warum wir hier die einzigen Gäste sind. Egal. Der Hunger treibts hinein.
Die Betten sind gut, und weit vor der Tageschau sind wir eingeschlafen.

P1010116P1010117 Beim Frühstück scheucht uns eine polnische Grete mit blonden Zöpfen vom Fensterplatz weg an einen Tisch in eine dunkle Ecke. Da stehen noch zwei Tassen, alle anderen Tische sind abgeräumt.
Das Büffet ist ok.
Während wir unseren letzten Kaffee trinken, kommt wer chefähnliches an unseren Tisch und beginnt zu reden.
„Wenn ich Ihnen einen Tipp geben darf. Bleiben Sie so, wie Sie sind.“
Diese Eröffnung erstaunt uns einigermassen und ich frage freundlich zurück: „Und wenn wir Serienmörder sind?“
Das verwirrt ihn, weswegen er sich, nach Worten suchend, zurückzieht.
Möge der Urlaub beginnen.

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Seltsamer Urlaub, wenn ich schon morgens um acht Uhr hellwach bin und irgendwie versuche, die Gespenster der Nacht abzuschütteln.
Tod und Gewalt, die Nacht trug Blut in sich.
Alles Bekannte, mir lieb und vertraut, war gestorben. Auf einem Busparkplatz mußte ich mich gegen vier Menschen wehren, die schon ein paar Leute dort umgebracht hatten und einen Bus kapern wollten.
Ich drückte wem die scharfe Klinge meines Schweitzer Messers in die Kehle. Es gab verschiedene Variationen. Stechen in die Luftröhre, wahlweise Adamsapfel, Durchtrennen der Halsschlagader, aufschneiden der gesamten Kehle. Alles in Farbe, 3D und Einiges sogar in slow-motion.
Mit der Waffe des Erstochenen (oder war es eine Sie?) unter den Bus gerollt, auf Füße geschossen, dann in einen liegenden Kopf.
Der Traum war erst ab achtzehn freigegeben.
Dann ging die Ballerei ein wenig durcheinander.
Abgesägte Schrotflinte, Pumpgun, Mündungsfeuer in grellen Farben, aber alles ohne Ton.
Am Ende versuchte ich vor einem imaginären Gericht zu erklären, wieso ich in solch einen Blutrausch rutschen konnte. Aber es hörte sich selbst für mich nicht plausibel an.
Endlich wachgeworden, steckte mein Körper in einer fünf Millimeter dicken Schweißschicht. Ob das wohl an den Chakalakachipsen lag? Die Liebste meint, da sei zuviel Afrika drin.

Haben wir bei der Buchung des Hotels übersehen, dass hier das empfohlene Mindestalter bei 72 liegt?
Usseliges Wetter am Meer ist auch nicht besser, bloß, weil es am Meer ist.
An der Strandpromenade werden für das Wochenende Stände aufgebaut. Ein Kinderkarussell steht schon länger da. Es ist wie Kirmes mit Meeresrauschen und jeder Menge Regen.
Auf dem Weg zum Cafe Röntgen in den nächsten Ort werden wir patschnass. (Übrigens sehr zu empfehlen, das Cafe´Röntgen.)
Das passt gut zu dem Kaffeeknoten in meinem Magen.
Damit kann ich die Zeiten von grande cafe´noir und eine Broyard oder Gitanes mais auch abhaken. Kommt jetzt der Schonkaffee und fad gesalzene Speisen?
Ich sehe einem Menschen beim Verzehr seines Fischbrötchens im Gehen zu und ahne, wie das Leben kurz nach dem aufrechten Gang aussah.

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Da bin ich doch zufällig auf ein Usedomer Geheimnis gestoßen.
Es gibt hier einen Menschen, der seine Zeichen hinterläßt.
Wie ein Revolverheld, der pro Opfer eine Kerbe in den Griff seines Coltes schnitzt, oder ein Arsch, der pro Mädel ein Strich an die Tapete macht, geht ein Mensch auf Usedom herum, der auf den Toilettensitzen , wo der rechte Oberschenkel aufliegt, an der Innenseite ein kleines Stück des Materials abschält.
Oder aber Hotels, Restaurants und Cafes dieser Gegend haben von einem Hersteller ein Kontingent leicht beschädigter Toilettensitze gekauft.

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Endlich ist Strandwetter, Sand zwischen den Zähnen Wetter.
Nordic-Walkerinnen stanzen Löcher in das feuchte Silizium und zerkratzen es.
Man muß schon auf dem Bauch kriechen, um nicht zufällig fotografiert zu werden, aber sicher ist das auch nicht.
Menschen, die bis zum Bauch im Wasser stehen, filmen ihre gummibereiften, paddelnden Kinder, Spanner fotografieren Bikinis, Ehemänner die Frau mit Möwe, Oma den Opa mit Spatzen.
Das Kindergefängnis hat geöffnet. Für zwei Euro kann man den lieben Kleinen für fünfzehn Minuten ins Bällchenbad wegsperren.
Ein Kontrollorgan der Ordnungsbehörde läßt sich die Tickets der Kurtaxe zeigen.

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Bevor der Sand uns wundgeschliffen hat, verlassen wir den Strand.
Die Kirmesbuden haben geöffnet und bieten ihren Nippes wohlfeil.
Hornkämme,  Ledernamensschilder, bemalte Frühstücksbrettchen, graviertes Glas und Schafseife, die Auswahl ist groß. Bei dern Filzhüten aus Kirgisien meint die Verkäuferin, Sauerländer trügen tiefergelegte Ohren am Kopf.
Die Sonne verschwindet, wir gehen zurück ins Hotel.
Heute ist D-Day. Die Liebst und ich sind seit fünfzehn Jahren zusammen, und irgendwas mit der Normandie ist auch noch.

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Auch ohne Gespenster in der Nacht hat sich das Wachwerden auf acht Uhr eingependelt. Hoffentlich bleibt das nicht dauerhaft.
Die polnische Gretel mit den blonden Zöpfen sagt „Jo“ auf die Frage, ob ich auf der Terrasse einen Tee bekomme. Das „Jo“ hat etwas eigenes.
Ihr „o“ ist langatmig und bauchig, als würde der Laut in einer kleinen Höhle gebildet und hätte Bock, durch die gespitzten Lippen zu flutschen..
Heiß ist es und es wird merklich voller am Strand.
Die Duftmischung aus Sonnenschutzaromen, Schweiß, Salz und Muschelmus riecht hochsommerverdächtig.
Es hat den Anschein, alle Seniorenzentren der Republik machten eine Pfingsttour nach Heringsdorf.
Es ist kein Strand der Schönen, der Reichen und der Jungen.
Das fahle, alte Fleisch ist schnell gar, und rote Rentner sind in der Überzahl.
Die Liebste meint, das könnten wir in zwanzig Jahren sein. Nicht nett.

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Die Promenade ist jetzt so voller Menschen, dass es eine Einstimmung auf die Pfingstkirmes in Menden bei guten Wetter ist. Außerdem ist noch ein Kleinkunstfestival vor Ort. Allerdings zahlen sie den Künstlern nichts. Die Kurgäste werden gebeten, doch etwas in den Hut der jeweiligen Akteure zu werfen. Pfiffig.
In zwei verschiedenen Cafes bestelle ich einen Milchkaffee, in beiden bekomme ich einen Filterkaffe mit zwei Döschen Kondensmilch. Das mag daran liegen, dass so gut wie alles Servicepersonal vor Ort aus Polen kommt und mal mehr, eher weniger deutsch spricht. Auch pfiffig.
Eine Fastglatze raunzt auf den Freudenausbruch: „Hach, ist das schön hier“, eines Neutouristen seiner Begleiterin zu: „Die gehn mir auf den Sack, diese Westaffen.“

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Es gibt noch leerstehende, verfallende Häuser in Heringsdorf. Mitten im Zentrum, gegenüber unsers Hotels, steht eine mehrstöckige, ehemalige Einkaufsbutze zwar begehbar, ansonsten aber ziemlich leer. In Bansien, strandläufig zwei Kilometer von Heringsdorf entfernt, behauptet sich ein häßliches Hohlblocksteingebilde, einstöckig mit Flachdach und schwerer Eisenschiebetür zwischen neuen Buden und Behindertentoiletten. Es steht leer, und die Liebste vermutet darin eine Versorgungsstation aus sozialistischen Zeiten. Schade auch, dass das alte Kino in Ahlbeck vergammelt.
Das sind aber Randerscheinungen und nur deswegen so auffällig, weil all die anderen Villen, Schlösschen und Protzbauten so gut saniert dominieren.
Immobilienhändler, die nach dem Mauerfall ausschwärmten wie die Fliegen und Sahnestückchen von Ostdeutschland einverleibten, haben überall ihre Zeichen hinterlassen.

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Für das Abschiedsessen suchen wir uns ein Thai-Restaurant an der Promenade aus. Der Laden ist nobel.
Angebich hat der Chefkoch schon für König Bhumibol Adulyadej gekocht.
Draußen rußen schwarze Petroleumfackeln, geben der Atmosphäre der Gartenterrasse einen benzinigen Beigeschmack.
Allerdings haben wir übersehen, dass Sontags Grillzeit, Fleischzeit ist, und auch nicht anderes als Grillfleisch in der Speisekarte steht.
„Wir haben nur eine acht Quadratmeter kleine Küche. Wenn da Sonntags die Terrasse voll ist, gäbe es stundenlange Wartezeiten. Deswegen Sonntags nur Grillen und Draußen.“
Unter der Woche kommen wohl nicht so viele Gäste.
Wir gehen weiter nach Ahlbeck und finden zufällig ein anderes, thailändisches Restaurant.
Ein stilsicher eingerichteter, quadratischer Glas-Stahlbau mit ausgesucht höflichem und offensichtlich kompetenten Service, einem buddhagefälligen Essen, dem es etwas an Würze fehlte, aber vielleicht mag Buddha laffes Essen.
Thailändischer Nachtisch aus süßem Klebereis mit Kokosschlagsahne, Mangomus, sehr lecker das.
„Und für mich bitte einen Bambusschnaps.“
Auf dem Heimweg jagen Blitze durch Gewitterwolken, in der Nacht wütet das Unwetter moderat bis verschnupft.

Am Frühstücksbüffet schaut eine schwangere Mutter einen Gast mit besonderen Bedürfnissen grimmig an, als befürchtete sie, er könne ihr Ungeborenes anstecken.
Ab nach Hause.
Ein Stellwerk habe es erwischt, sagen die Nachrichten, weswegen der Zugverkehr durcheinandergeriete. Da sind wir doch froh, das wir mal den Wagen genommen haben. Die Fahrt in die Gewitterfront ist zwar nicht lustig, aber auch nicht dauerhaft.
Zusammenfassend war es ein schöner Urlaub. Die Gegend ist toll, die Preise meistens fast erträglich. Der Vollständigkeithalber sollte ich erwähnen, das natürlich überall an der Promenade ein kostenloser Hotspot war, aber woher sollte die Frau hinter dem Touristeninfotresen das wissen. Fakt ist aber auch, dass meine Liebste und ich gar keine Lust auf Computer oder mobile Endgeräte hatten. Es war ja Urlaub.
Jetzt die Kirmes?

Tante Ziege

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Sie wohnten in einem zweistöckigem Siedlungshaus im obersten Stockwerk.
Unten war der väterliche Laden und das Lager. Zeitungen, Zigaretten, Tabak, Süßkram, Getränke, Lotto-Toto.
Der kleine Gemüsegarten hinter dem Haus war Papas ganzer Stolz.
Kohlrabie, Radieschen, Porree, Zwiebeln, Möhren,Tomaten, Kartoffeln und Salat, was Papa anbaute, gedieh prächtig in der fetten Erde.
Er hatte dem Filius gezeigt, wie man Erde umgräbt, wie man Wildkräuter von Nutzpflanzen unterscheidet, oder gerade Pflanzenreihen anlegt.
Acht war der Filius und dem Papa zu helfen seine Leidenschaft. Klein, blond und flink wuselte er im Garten herum, zupfte Unerwünschtes aus der Erde, schleppte Wasser von der Regentonne in der Gießkanne und wässerte alles bei Trockenheit.
Regnete es, stand er nach der Schule im Laden, sortierte Zigaretten, Schokoriegel oder Comics ein.
Ab und zu kam die Schwester seines Vaters und meckerte. Sie meckerte immer, weswegen Papa sie Ziege nannte.
Er hatte sie einmal „Tante Ziege“ genannte. Da war sie fürchterlich böse geworden und Papa hatte gelacht.
Sie redete immer von Enthaltsamkeit, von Keuschheit und den Versuchungen, die der Papa irgendwo in seinem Laden versteckt haben sollte.
Kurz vor Pfingsten war es, als sie sagte: „Wenn Du Deinen Papa lieb hast, vergrab am besten den ganzen Tabak im Garten.“
Und als sei ihr das noch eben eingefallen, sagte sie weiter: „Und wenn Du Glück hast, geht der Tabak sogar an und Du kannst im Herbst viel mehr ernten.“
Das leuchtete dem Filius ein und er machte sich an die Arbeit.
Die Erde war noch locker.
Hochsommer nannte es der Wettermann im Fernsehn, und dem Filius tropfte der Schweiß von der Stirne.
„Guter Schweiß“, wiederholte er Papas Worte wie ein Mantra. Er hatte schon vor Augen, wie Papa sich über die kommende Ernte freuen würde.
Zwischen den einzelnen Reihen bohrte er mit einem Dorn in Abständen von zehn Zetimetern ein Loch in den Boden.
„Arbeitsschweiß ist guter Schweiß“, sagte Papa immer wenn er Wasserkisten schleppte oder Altpapier zusammen schnürte.
Stock in die Erde, das Loch ein wenig geweitet, die Zigarette mit dem Filter zuerst hineingesteckt, etwas Erde darüber, leicht angedrückt, nächstes Loch.
Eine Packung Zigaretten ergab eine Pflanzreihe in dem zwei Meter breiten Beet.
Eine Stange Zigarette reichte für ein Viertel des Beetes.
Zwölf Stangen für drei Beete.
Am späten Nachmittag war der Filius fertig mit der Arbeit. In jeder Reihe steckte, wie es Papa ihm gezeigt hatte, eine leere Zigarettenpackung, aufgespießt auf ein Stöckchen. Schließlich sollte jeder wissen, welche Sorte da wachsen würde.
Abschließend wässerte er alle drei Beete und freute sich ein Loch in den Bauch.
Am nächsten Tag fuhren Papa und Filius gemeinsam für ein langes Wochende an die See.
Das Wetter war bundesweit optimal. Tagsüber warm bis heiß, abends kleinere Gewitter mit erfrischendem Regen.
Als sie Montag abend zu Hause ankamen, wartete die Tante schon vor der Tür.
„Und? Alles verjubelt?“
Dabei funkelten ihre Augen boshaft. Kurzurlaub war etwas, was nur dekadente Menschen machten.
„Was willst Du“, frage Papa kurz angebunden.
„Hab nichts mehr zu trinken.“
Also schloss Papa den Laden auf und ging durch, der Filius hinterher, während die Tante sich zwei Flaschen Wasser aus einem Regal griff und dann Geld in das Schälchen auf dem Tresen legte.
Papa wollte eigentlich gleich die Treppe hoch in die Wohnung, stutzte aber an der ersten Stufe. In dem Moment wußte Filius, dass etwas nicht in Ordnung war.
Papa blickte zur Tür, die in den Garten führte. Dann dauerte es noch einen kleinen Moment, bis er sich in Bewegung setzte. Filius bekam Herzklopfen als er Papa sah, wie er da im Türrahmen stand.
Es waren die, plötzlich hängenden Schultern und der kleine, haltsuchende Griff an den Rahmen. Papa hatte erkannt, dass etwas anders war und es war nicht gut.
Wortlos ging er die Stufen auf den Kies herunter. Alle Pflanzen waren tot oder sehr nah am Lebensende. Ein metallisch, scharfer Geruch lag in der Luft.
Er stapfte ins erste Beet, rupfte die leeren Zigarettenschachteln am Stock aus der Erde und schaute seinen Sohn an, der noch auf der Treppe stand.
Der Blick stieg höher, über den Sohn hinweg und blieb an seiner Schwester, die immer näher kam, hängen.
Sie stellte sich hinter den Jungen, blickte triumphierend zurück und lachte gemein.
Tante Ziege.

Tradition (hätt ich ja fast vergessen)

Ticktacktick.
Pünktlich um 22.00 Uhr, mit Beginn der ersten Abendostermesse, verhallt das letzte Ticken des Testweckers in den, überall in der Stadt und im Wald verteilten Lautsprechern.
Eine kleine Gruppe ist seither ständig in Bewegung.

Die eindringliche Atmosphäre nimmt jeden gefangen, der freiwillig geht. Beten, singen, manchmal mit, manchmal ohne Unterstützung der Lautsprecher. Wandern über kerzenbeleuchtete. knorrige Waldwege, Kreuzfälle. Andere stehen abseits und doch inmitten des Geschehens. Einzelne, in sich versunkene Wanderer.

Die radikalen Esoteriker brechen häufig unter der Last des über dreihundert Jahre alten, doppelzimmermannsgroßen Holzkreuzes zusammen, verursacht doch die Kopfmaske mit Dornenkrone, rollendem Blut und wirren Haaren, Sauerstoffmangel und Atemnot. Diskrete Sanitäter entblößen dann den Büßer, geben Kutte und Maske an nächste Kandidaten, verabreichen Sauerstoff und tragen den Ohnmächtigen in ein waldgetarntes Zelt.

Alle sprechen nur das Wenigste miteinander. Der Wald, die Lichter, erleuchtete Heiligenhäuschen im Dunkeln, Blättergeraschel, Welten wispern ihren eigenen Dialekt, und jeder glaubt, etwas verstanden zu haben.
Manche gehen die Vierundzwanzigstundenprozession von der ersten bis zur letzten Minute schweigend. Die Stadt wälzt sich unruhig im Schlaf. Der Weg führt treppab aus dem Wald, gegenüber ein Begräbnisunternehmen, sanftes Mahnen an die Lebenden, kleine Fachwerkhäuser, schummerige Gassen, in denen Tritte hallen.
Manchmal schallt Pink Floyd aus dem Wald, Rachmaninoff oder Mozart.

Rumms.
Wieder ist ein Gläubiger zusammengebrochen. Mittlerweile sind die Sanitäter vom Malteser Hilfsdienst etwas müde, das Zelt ist überfüllt, aber noch steht die rush hour bevor. Hundertausende am Nachmittag werden erwartet und jedes Jahr mehr. Und noch immer werden hängende Schienbeine mit einer Keule gebrochen. Väter verstecken Eiernester im Stadtpark, bestimmt ist das Gras etwas feucht, die Luft diesig kalt. In einer Stunde tanzt das Osterlamm auf dem Bergrücken. Es hat noch jedes Jahr getanzt.

 

Neulich im Hospiz

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Er hatte ein gutes Leben gehabt.
Ein langes Leben. Aber jetzt war es vorbei. Er wollte dieses Leben nicht mehr. Ein anderes als seins stand nicht zur Verfügung. Alternativen sah er nicht.
Sein Platz im Hospiz war bestellt, und noch während er „das Haus des friedlichen Abgangs“ betrat, ließ alles, was er die letzten Jahre zusammengehalten hatte, langsam los.
Die Muskeln erschlafften, die Sehnen verloren ihre Spannung, der Rücken krümmte sich.
Schritt für Schritt wurde sein Knochenbau poröser, seine Organfunktionen begannen zu stottern.
Als er zitternd vor dem Tresen der Reception stand, kam sofort ein Pfleger und fing ihn mit einem Rollstuhl auf.
Seine ärztlichen Unterlagen waren schon Wochen zuvor eingereicht worden, ebenso sein Wunsch, möglichst ungestört und ohne Begleitung sterben zu können.
Er wurde in sein Zimmer gerollt, ein Pflegerpärchen half ihm ins Bett, Getränke und weiches Naschzeug in seinen Nachtschrank eingeräumt.
Dann ließ man ihn allein, schaute lediglich alle Stunde tagsüber und einmal in der Nacht, wie vereinbart, nach seinem Befinden.

Sein Körper verfiel zusehend. Er aß und trank nicht mehr. Den stündlichen, diskreten Besuch registrierte er kaum.
Sein Geist war an seinem Körper nicht mehr interessiert. Er hatte Besseres zu tun.
Da war so viel Vergangenheit, so viel Erlebtes, das es zu erinnern galt.
In der ersten Nacht kam er kurz in seinen Körper zurück, füllte mit Hilfe der Schwester die Ente halbvoll, dann schlief er ein wenig.
Am frühen Morgen wurde er von der Sonne geweckt, was ihm gefiel. Eine warme Berührung.
Sie reichte aus, seinen Geist wieder in Schwung zu bringen. Er war entzückt, wie umfangreich sein Leben gewesen war, durch das er bis tief in die nächste Nacht eher gemächlich, dafür um so intensiver schlenderte.
Plötzlich riß es ihn zurück. Brutal. Überflüssig. Unnötig.

„Tschuldige, Meister. Ich will bloß ungestört eine rauchen, ein bißchen Musik hören, Zeitung lesen und Kaffee trinken. Dauert nicht lange.“

Es wurde dunkel hinter seinen Augen.
Eine langsame, lebendige Dunkelheit, die sich da bildete. Sie war zornig. So zornig.
Sie war Teil seines Geistes. Der Teil, den er noch nicht angerührt hatte.
Er sah von der Decke herab, was ihn anfangs noch amüsierte, aber als er langsam tiefer sank, ahnte er mit ungutem Gefühl, was sein Geist im Sinn hatte.
Er sank tiefer, unsichtbar für den Frevler, dessen Plärren aus seinen Ohren quoll.
Er sah den Kopf näher kommen, spürte, wie sich seine Hände um den Schädel legten.
Als wären seine Fingerkuppen chirugische Laser, durchtrennten sie sanft den oberen Schädelknochen und hoben die Platte vorsichtig ab.
Das Gehirn des Frevlers lag vor ihm.
Seine unsichtbaren Finger glitten von oben in das Schädelinnere. Sie tasteten sich langsam vor, umfassten beidseitig das graue Fleisch und pflückte es mit einer schnellen Drehung, wie eine reife Frucht vom Ast, von dem Ende der Wirbelsäule.
Dann holte er das Gehirn heraus und schaute es an.
Er wußte nicht wie, aber er fühlte eine Übertragung von Energie, die von den Windungen auf ihn überging.
Die Musik plärrte immer weiter.
Die Energie wurde schwächer und ebbte schließlich ganz ab.
Mit gleicher Vorsicht legte er das Fleisch zurück an seinen Platz, nahm den Deckel und versiegelte den Knochen, auch wieder mit seinen Fingerkuppen.
Dann schwebte er zurück zur Decke in eine zufriedene Dunkelheit.
Der Frevler drückte die Kippe an seiner Schuhsohle aus, faltete die Zeitung zusammen, hob die Tasse von Fußboden auf, ging auf den Flur und brach dort zusammen.
Zwar stand die Zimmertür noch auf, aber das störte den sterbenden Körper des alten Mannes nicht mehr.
Sein Geist hatte sich so weit in die Unendlichkeit hinausgewagt, dass es kein Zurück mehr gab.

narr

Lies! Mendener Winter

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Es gibt die Theorie des im Menschsein verborgenen Campergens.
Dieses Gen bringt Menschen dazu, in Bier-, Schützen- oder Weihnachtsmarktzelten einzukehren um die Kondenstropfen an der durchsichtigen Plastikfensterfolie zu beobachten.
Eine andere Erklärung greift nicht, schaut man sich die Menschen bei der Veranstaltung „Mendener Winter“ an.

Es ist Zwölf Uhr Dreißig.
Drei Kinder stehen mit ihren Eltern vor dem Kinderkarussell und können nicht fassen, dass das Fahrgeschäft noch nicht geöffnet hat.

Es gibt zwei Zelte, mit Biertisch und Aschenbecher, zum Unterstellen.
Es gibt die geschlossene Almglück Holzhütte, die laut Schild immerhin bis Null Uhr geöffnet haben soll, vier Traversen, an denen bunte Scheinwerfer aufgehängt werden, ein Kleinzelt einer Versicherung, zwei Zelte der KulturInitiative Menden, und in den Büchereiarkaden wird ein Bratwurststand zusammengeschraubt.
Stadtabwärts, bei dem Zelt der Ecclesianer, übt Jesus sich im Ballonfalten.
Fünfzig Meter weiter bietet Mohammed kostenlos den Koran an.

P1000740   Bei diesem Plakat schmunzel ich immer etwas.
Als ich es das erste Mal sah, war mein Gehirn auf International, mindestens aber auf Englisch eingestellt, und so dachte ich zunächst, dies sei eine Gruppe, die behauptete, im Koran seien alles Lügen. Lies.
Erst, als ich dort die bärtigen Muslime missionieren hörte, begriff ich, dass die Befehlsform von lesen, Lies! gemeint war.
Sind das die Mißverständnisse, die Religionskriege auslösen?

narr

Nikolaus

Rollei Digital Camera

Ich hab viele Nikolause kennengelernt.
Der erste Nikolaus kam in die alte Steinsporthalle mit Wannenbad.
Wir mußten Purzelbäume mit abschließenden komischen Armbewegungen auf ausgetretenen, blauen Turnmatten mit speckigen Lederecken machen und bekamen ordentlich von Knecht Ruprecht, sehr zum Gaudi aller anwesenden Eltern, das Fell gegerbt.
Dass Knecht Ruprecht einer meiner Trainer war, erkannte ich schnell an seiner rechten Fußstellung, die sich doch enorm von den Fußstellungen der Anderen unterschied.
Den Nikolaus erkannte ich erst ein paar Jahre später, kurz bevor sich herausstellte, dass er ein internationaler Waffenschieber war, und zum Ausgleich eine Handballtruppe trainierte, während seine Frau sich beim Kinderturnen engagierte.
Der zweite Nikolaus war der Sohn meiner Akkordeon spielenden, Pelztier tötenden Klavierlehrerin. Da bedarf es keines weiteren Kommentars.
Der wahre Nikolaus in der Stadt war Theo, Sankt Theo.
Mit einem guten Händchen für Pflanzen aller Art betrieb er ein kleines Floristengschäft. Ab und an half ich ihm beim Dekorieren großer Säle.
Er besaß eine ganze Kollektion von Nikolausanzügen.
„Den hier,“ sagte er mir einmal und zeigte auf den typischen, rot-weißen Mantel, „den hier trag ich bei Alltagsgeschäften des Nikolauses. Für die Festtage aber nehm ich diesen.“
„Dieser“ war eine schwere Bischofsrobe, eine Mitra, und der gekringelte Stab.
Das goldene Buch lag zwischen vertrocknetem Rosenschnitt, da Theo auch Alkoholiker war.
Er trank zwar nur Ouzo, aber in rauhen Mengen, weswegen er seine Wohnung versoffen hatte und im Lädchen schlafen mußte.
Das wußten Alle in der Stadt. Trotzdem wurde er als Nikolaus zu jeder Feier eingeladen und oft mit Ouzo statt mit D-Mark bezahlt.
Jahre später traf ich ihn zufällig im Krankenhaus wieder, in dem er, völlig abgewrackt, völlig vereinsamt und von alten Weihnachtsfreunden verstoßen, zwei Tage danach starb.
Den dritten Nikolaus lernte ich in Hamburg, beim Häuserkampf in der Hafenstrasse kennen.
Niko war Franzose, nach Deutschland desertiert, weil er nicht zur Armee wollte, war Punk mit französischem Akzent und wilden Tatoos am gesamten Körper.
Er half mir, das Tränengas aus den Augen zu wischen und erklärte mir, warum sich gerollte Geldscheine am Besten dazu eignen, Kokslinien zu inhalieren.
Dem letzten, mir bekannten Nikolaus, hab ich vor einer Woche eine Nachricht auf facebook zukommen lassen.
Er ist der Geschäftsführer hier im Weltbildladen, und ich hatte eine Frage wegen eines kleinen, fernlenkbaren Hubschraubers mit Kamera.
Vielleicht meldet er sich ja noch.

narr

Zwischenmahlzeit

Rollei Digital Camera

Sie spricht langsam und deutlich zu der Bäckereifachverkäuferin.

„Haben wir Wurst?“

Die Verkäuferin schaut freundlich, muß aber erst die andere Kundschaft bedienen.

„Und? Haben wir Wurst?“

Fast kommt es mir wie ein Code vor. Schließlich befinden wir uns in einer Bäckerei.
Gespannt warte ich auf die Antwort.
Gefallen würde mir: Und? Haben wir Wurst? Ja. Aber es ist kein Wetter für fliegende Raumausstatter.
Und dann tauschten sie hinter dem Backofen am toten Briefkasten geheimnisvolle Zettel aus.
Aber nein.
Als die Wurstfragerin an der Reihe ist, beugt sie sich weit vor, tippt mit dem Nagel ihres rechten Zeigefingers gegen die Glasscheibe.

„Ich nehm dann ein Schnitzelchen und ein Frikadellchen. Legen sie mir das alles auf ein Brötchen? Und eine große Tasse Kaffee, bitte.“

Sie trägt ihr Tablett in meine Richtung, setzt sich an den Nebentisch.
Tatsächlich.
Auf einer Brötchenhälfte liegt unten das Schnitzelchen, belegt mit einem Frikadellchen, dann die andere Brötchenhälfte.
Gehalten wird alles durch die Adhäsionskraft der Margarine, die dick und gelblich-weiß an den Seiten herausquillt.
Die nächsten dreißig Sekunden sind etwas verschwommen.
Ich weiß zum Beispiel nicht, ob sie vorher die Zähne herausgenommen hat.
Aber anders kann sich der Verstand nicht erklären, wie sie ihre Zwischenmahlzeit an den Zähnen vorbei eingeatmet hat.
Vielleicht kann sie ihre Kiefern bei Bedarf aus- und wieder einrenken.

narr