Wunderbaum

DSC01384Ich rieche wie ein Wunderbaum.
Eigentlich meine Kopfbedeckung, weil die zu nahe neben den parfümierten Einlegesohlen für meine neuen Sandalen gelegen hat.
Die ersten Einlagen waren flauschig, mit Aloe-Vera und halfen gut gegen die Blasen. Die jetzigen sind hart und riechen nach Wunderbaum.
Olfaktorisch verwirrte AutofahrerInnen flirten vermehrt mit mir, weil ich ihren Stallgeruch trage.
Ich bin nicht sicher, ob mir das behagt.
„Nein. Es ist ja nicht mehr unser“, sagt die alte Dame auf meine Frage, ob sie kürzlich in Danzig gewesen sei.
„46 sind wir aus Danzig vertrieben worden. Mein Bruder war bei der SS und hat seinen Söhnen Schläge angedroht, falls sie in die HJ gehen sollten. Den hat die SS auch später erschossen. Der andere Bruder war Koch beim Führer in Obersalzberg. Ihre Mutter hab ich bei Stöß Fritz kennengelernt.“
Die Rößler-Rentner ärgern sich, dass das BVG das Betreuungsgeld gekippt hat. Sie sehen die Weibchen gerne an Herd und Staubsauger, möglichst noch rechts und links ein Kind auf dem Arm.
KiTa ist wie Kommunismus.
„Die wollen da nicht hin. Die wollen bei der Mama bleiben.“
„Warum kriegen die denn Kinder, wenn sie sie doch abgeben.“
Sie halten das Gesellschaftsbild von Dr.Gusti Gebhard (1962 ) in Ehren.
Schlaganfall und Spaß dabei, denke ich bei dem alten, völlig aphasichen Mann, dessen linker Arm eng am Körper anliegt, die Hand zur gekrampften Fastfaust zusammengeballt.
Bassig lacht und gluckert er, grüßt jeden mit einem wohlwollenden Geräusch und kollert gurgelnd, wenn die Verkäuferinnen seine bescheidenen Wünsch erahnen.
Ob er vor dem Anfall auch so eine Frohnatur war?
Er ist mir um so vieles angenehmer als dies vertrockneten Kohlrabie aus der Rößlerecke.
Außerdem rieche ich wie ein Wunderbaum.

card blanche

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„Ich hätte gerne das da.“
„Nein, Schatz. Das nicht.“
„Ich mag aber keine süßen Brötchen.“
„Dann such Dir was aus.“
„Das da.“
„Nein, Schatz. Das nicht. Drei Schokobrötchen bitte.“

Ja, Kinder. „Such Dir was aus“ ist keine card blanche.
„Such Dir was aus“ bedeutet immer: Das, was Mami oder Papi gefällt.
Gewöhnt euch an die Bevormundung.

 

narr

Schwipp-schwapp

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Grad geht die Welt unter.
Der Himmel stürzt ein. Die Wassertore sind weit geöffnet.
Rollatorengalopp, rasende Rollstühle, hechelnde PflegerInnen, alles hetzt Richtung Unterstand.
Als Abschluss der Show, ein Blitz, ein Donner, fast zeitgleich und laut.
Alle Gäste von Filiale 43 zucken zusammen und reden dann gleichzeitig:
„Da hat´s irgendwo eingeschlagen. Hoffentlich ist niemand tot.“
Nach einer Minute und dreißig Sekunden ist alles vorbei.
„Ich bin Dein Vater“, keucht eine kichernde Rentnerin wie Darth Vader auf Helium.
Doch halt!
Ich wollte ‚Schwipp-schwapp‘ erklären. Also.
Schwipp-schwapp heißt der Zustand, bei der angebliche Realität und meine Phanatsie verschmelzen.
Wenn ich nicht mehr unterscheiden kann ob das, was gerade geschieht, meiner Phantasie  oder der Realität entspringt, dann ist Schwipp-schwapp.
Schwipp-schwapp ist super für das Schreiben von Geschichten, taugt aber nur bedingt für soziale Routinen.
Rollerfahren und Schwipp-schwapp gehen, äh, rollen gut zusammen.
Autofahren und Schwipp-schwapp geht gar nicht.
Schwipp-schwapp verändert meine Zeit.
Dann bin ich zwischen zwei Sekunden in einer Welt, die von Anfang bis Ende durchlebt wird. Gründlich.
Wenn Ihr mich also wieder mal voll auf Schwipp-schwapp erwischt, dann will ich das. Meistens.
Und wie in jedem Job kommt irgendwann der Punkt, an dem man eine Pause braucht.
Dann krieche ich in meine Höhle und beruhige das Meer, bis aus Schwipp-schwapp  ein leichtes Plätschern oder fernes Meeresrauschen wird.

narr

Bürgerpflicht

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Filiale 43 riecht am ersten Mai nach Naphtalin aus dreihundertausend Mottenkugeln.
Das Sitzpublikum, alte Cafe-Rößler-Rentner, sowie vier weitere, unbekannte Methusalixe dünsten diesen speziellen Chemiecocktail mit jedem Faltenwurf ihrer knitterigen Epidermis stoßweise aus.
Die Luft wabert.
Freischwebende Faschismen aus Zuckerguss und Reisszwecken ziehen Schlieren in dem Mottenkugelsmog über dem Rößler-Tisch.
Eine Rotte Jugendlicher schreitet im Gleischritt und Takt aus dem basswummernden Bollerwagen, uns zuprostend, vorbei.
Sie trinken wenigstens aus Flaschen.
Eine Kleingruppe des Mendener Mittelstandes mit Rucksack und Klitorisschnauzer trinkt, Maiwanderung vortäuschend, ihren Saft aus Dosen.
Es ist Bürgerpflicht, am ersten Mai mit mindestens einem alkohlischen Getränk in der Hand durch die Stadt zu gehen.

Frühsport

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Aua. Ächz. Knack. Wirbelknirsch.
Wieso hab ich meinem Autisten versprochen, heute Mittag mit ihm Laufen zu gehen?
Mir steckt noch das Fensterputzen – rauf auf die Fensterbank, runter von der Fensterbank und alles ohne Leiter bei gefühlten 1345 Fenstern – in den Knochen.
Die Sonne ruft Juhuu, der Rücken knirscht krrkru, die Beine schlapp wie alte Luftballons, der Magen noch geweitet von der Geburtstagsvöllerei mit meiner Liebsten, und es war so lecker.
Das ist nicht die Leichtigkeit des Seins, die man sich für einen Autistenpommeslauf so wünscht.
Und der Fettnapf, der jetzt an einem meiner Füße klebt, weil ich die griechische Verkäuferin des letzten, richtigen Bäckers der Kleinstadt fragte, ob sie die Konkurrenz, hier in Filiale 43, fördere, trägt nichts zur Leichtigkeit dazu.
Ihre Blicke werfen mindestens drei schlechte Karmapunkte.
Um so überraschender und wohltuend, dass meine guten Karmapunkte, so scheint es, sich in der Überzahl befinden, denn während des Rollens durch die Zone kam ein Anruf auf mein mobiles Telefon.
„Ja. Guten Morgen. Tut mir leid, aber der will nicht raus aus seinem Bett. Entschuldigung, dass ich so kurzfristig anrufe.“
Auf der Stelle gedreht, sozusagen mit quietschendem Rollerreifen, die Zone wieder hochgerollt zu einem weiteren Kaffee mit Croissant.
Das ist der Frühsport um die Mittagszeit, der meinem Körper sehr entgegenkommt.

narr

kleine Insel Ich

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„Ich bin das letzte Stückchen heile Welt in dir,“ sagt Cäsar der Hase, und Therapeutinnen lachen schauerlich.

Eine Mutter quengelt im Beisein ihrer Tochter, wie anstrengend doch so ein Kindergeburtstag sei.

„Dreißig Brötchen schmieren im Kindergarten, am Nachmittag zu Hause den Kindergeburtstag mit Schatzsuche organisieren, ach, ich bin es so leid.“

Das Kind macht große Augen und hört ganz aufmerksam zu.

Es riecht nach strenger Seife.
Bilder von Menschen, die mit einer Bürste verzweifelt ihre Arme blutig schrubben, ihren Körper mit Desinfektion malträtieren, aus Angst vor dem Leben da draußen, laufen im inneren Kino über die hauchdünne Membrane der eigenen Vorstellung.

Ich kannte eine Frau, die sich mit dreißig Mal Zähneputzen am Tag ihre gesamte Mundhöhle zerstört hatte.
Eine andere Frau besaß keine Haut mehr an den Händen.
Das Pilatus-Syndrom.
Alle Schuld wird abgewaschen?
Es gibt so entsetzlich viel Schuld, wenn man es darauf anlegt.

Achtlos gehen wir miteinander um.
Gefüllt mit Verachtung und viel zu wenig Achtung für das Leben außerhalb der kleinen Insel Ich.

narr

Zwischenmahlzeit

Rollei Digital Camera

Sie spricht langsam und deutlich zu der Bäckereifachverkäuferin.

„Haben wir Wurst?“

Die Verkäuferin schaut freundlich, muß aber erst die andere Kundschaft bedienen.

„Und? Haben wir Wurst?“

Fast kommt es mir wie ein Code vor. Schließlich befinden wir uns in einer Bäckerei.
Gespannt warte ich auf die Antwort.
Gefallen würde mir: Und? Haben wir Wurst? Ja. Aber es ist kein Wetter für fliegende Raumausstatter.
Und dann tauschten sie hinter dem Backofen am toten Briefkasten geheimnisvolle Zettel aus.
Aber nein.
Als die Wurstfragerin an der Reihe ist, beugt sie sich weit vor, tippt mit dem Nagel ihres rechten Zeigefingers gegen die Glasscheibe.

„Ich nehm dann ein Schnitzelchen und ein Frikadellchen. Legen sie mir das alles auf ein Brötchen? Und eine große Tasse Kaffee, bitte.“

Sie trägt ihr Tablett in meine Richtung, setzt sich an den Nebentisch.
Tatsächlich.
Auf einer Brötchenhälfte liegt unten das Schnitzelchen, belegt mit einem Frikadellchen, dann die andere Brötchenhälfte.
Gehalten wird alles durch die Adhäsionskraft der Margarine, die dick und gelblich-weiß an den Seiten herausquillt.
Die nächsten dreißig Sekunden sind etwas verschwommen.
Ich weiß zum Beispiel nicht, ob sie vorher die Zähne herausgenommen hat.
Aber anders kann sich der Verstand nicht erklären, wie sie ihre Zwischenmahlzeit an den Zähnen vorbei eingeatmet hat.
Vielleicht kann sie ihre Kiefern bei Bedarf aus- und wieder einrenken.

narr