Vollbremsung

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 Es war noch in der Zeit, in der es möglich ist, unter Wasser zu atmen, über verdichtete Luftpömpel durch den Himmel zu hüpfen oder sich unendlich auszudehnen, als ein schepperndes, zuerst kaum wahrnehmbares, dann immer lauter werdendes Geräusch mich von der Ausdehnung zurückriss.
Mit verklebten Augen und Stimmbändern nahm ich den Hörer ab.

„Hab ich dich geweckt? Weißt du, was man machen muß, um so ein Fahrradschloss aufzukriegen?“

Vollbremsung in, Entschuldigung, welche Realität?

„Was?“

„Ja. So eins mit Nummern. Nein, Zahlen. Das klemmt.“

Das Brabbeln aus dem Hintergrund am anderen Ende der Leitung gab mir Gelegenheit, mich auf Ort, Zeit und Person festzulegen.
Und das etwas klemmte.

„Nimm ein, zwei Tropfen Salatöl.“

„Nein, nicht so. Sagt sie.“

Sie ist ihre Freundin, und sie meldete sich, mit dem typischen Stimmgurgeln bei dauerhaftem Gebrauch von Produkten der Pharma- Alkohol- und Tabakindustrie, aus dem Hintergrund.

„Nä. Da klemmt nix. Da hat jemand die Kombination verstellt?“

„Von einem Zahlenschloss am Fahrrad?“

„Ja weisse nich, wie dat geht?“

„Nein, tut mir leid. Das weiß ich nicht.“

„So ne Zange?“

„Meinst du einen Bolzenschneider?“

„Wo krieg ich denn jetzt sowat wech?“

„Tankstelle.“

„Genau. Tankstelle.“

 Die Stimme aus dem Hintergrund verstummt.

„Das ist ja eine gute Idee. Ich danke dir. Tschüss.“

Sie legt auf.

Hab ich ein Glück, dass die Airbags nicht explodiert sind.

narr

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Energieschub

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Nenn ich es doch einfach Energieschub.
Noch nicht ganz faßbar und nur halb unter Kontrolle.
Da plöppt was auf, spukt herum und verschwindet wieder.
Die Folge davon ( Ausrede, sagt die Liebste) ist Aufspringen in der Nacht und Schlafen bis 14.30 Uhr, frühstückslos in die Stadt zu gehen, die Viedeothekenfrau zu treffen und von ihr erzählt bekommen, welcher der schlechteste Zahnarzt der Stadt sei:

„Z-Point. Geh da nich hin, wo. Ich hatte Pinne inne Backe, mein Zahnarzt in Hemer war nicht da, also Z-Point. Der hat mir vorgeschlagen, für zehntausend Euro drei Zähne stehen zu lassen und den Rest neu zu machen. Ich bin mit offenem Mund wieder raus. Ohne Behandlung.“

Vor der Kirchentreppe steht wieder so eine arme Socke, die fegen muß, was seine FreundInnen ihm hingeschmissen haben.
Dann doch in den alten Ratssaal, zur Auffrischung von Erinnerungen an frühkindliche Traumata, erhalten bei Konzerten wie diesen, wo ich fünfjährig vor einem riesigen Flügel saß, mir vorher die Seele aus dem Leib gekotzt hatte und mit 4711 von Muttern und Klavierlehrerin eingeschmiert wurde.
Was hab ich diese Konzerte gehasst.
Das blieb trotz, oder gerade wegen des Applauses. Hätte mich das Publikum ausgebuht, was man bei Fünfjährigen natürlich nicht macht, wäre mir klar gewesen, vom Klavierspielen, mindestens aber von dieser Lehrerin Abstand zu nehmen.
Das Publikum aber klatschte brav bis entzückt, was mich glauben machte, dass Publikum häufig noch weniger Ahnung von Musik hat, als die Musizierenden.
Ich war stolz auf den Applaus, fühlte mich aber beschissen, weil ich wußte, dass mein Klavierspiel keines Applauses würdig war.
Wenn das keine Grundlage für ein solides Trauma ist.
Wie gesagt: Energieschub.

narr

Das Klavier

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Die Entscheidung ist gefallen.
Doch denke ich, die Konsequenz erst dann zu erfahren, wenn das alte Klangmöbel von starken Menschen die Treppen heruntergetragen wird und das Haus für immer verläßt. Aber schon der Gedanke daran tut gut.
Ich verkaufe das Klavier.

Vor knapp drei Wochen begann ich, die mittlere Wohnung, also die Wohnung meiner verstorbenen Eltern, leerzuräumen.
Ganz früher war das auch meine Wohnung.  Damals, als wir in dieses Haus einzogen. Fünfzig Jahre ist das jetzt her.
Von einer, mit einem Vorhang abgetrennten Ecke des Wohnzimmers meiner Eltern zu einem eigenen Zimmer, wenn auch Durchgangszimmer, bedeutete damals den Sprung zu ersten, selbstständigen Entscheidungen.
Anfangs teilte ich mir das Zimmer zwar noch mit meiner Schwester und einem Etagenbett, aber als sie für ihre Arbeit in die Lüneburger Heide zog, war das mein erstes Experimentierfeld.
Ich rührte die Farbe an und mein Vater strich, unter Protest, die Wände in altrosa.
Das Etagenbett wurde entsorgt und ein aufklappbares Jugendbett gekauft.
Das stand übrigens, bis vor zwei Jahren, so katzenuringetränkt, dass die Sprungfedern rosteten, an der gleichen Stelle des Zimmers.
Zu den rosanen Wänden kam eine runde Hängelampe, die mit rotem Bast umwickelt war.
Mit Heftzwecken befestigte ich eineinhalbmeter lange Schlüpfergummis unter der Zimmerdecke und knotete an die Enden diese kleinen Probefläschchen mit Schnaps oder Likör gefüllt. Meine erste, und bis heute einzige Zimmerbar.
Diesen Durchgangsraum zwischen Wohn- und Schlafzimmer meiner Eltern bewohnte ich, bis ich achtzehn Jahre alt war. Zwischendurch mußte ich ihn mit meiner Oma teilen, als diese nicht mehr alleine leben konnte.
Mit Achtzehn, kurz nach Beginn meiner Lehre zum Raumausstatter, zog und flog ich gleichermaßen aus, bzw raus. Ohne die Eltern zu informieren, hatte ich mir mit zwei FreundInnen eine Wohnung genommen und wurde umgehend von meinem Vater auf die Straße gesetzt.

Ich kürze jetzt ein wenig ab, aber die gesamte Geschichte wird sicher irgendwann aufgeschrieben werden.
Nach fünf Jahren kam ich das erste Mal zurück und bewohnte mit einer damaligen Freundin die oberste Wohnung, die meine Eltern einfach so gemietet hatten, weil die Miete billig war und sie keine Fremden im Haus wollten.
Drei Jahre später zog ich wieder aus.
Gut zwanzig Jahre später, als mein Vater das erste Mal im Sterben lag, kam ich aus Hamburg zurück und bewohnte zunächst das Gästezimmer in der unteren Etage.
Meine Eltern hatten zwischenzeitlich das Haus gekauft.
Zwar gesundete mein Vater ein wenig, aber nie genug, dass ich mein altes Leben wieder aufnehmen wollte. Als dann die Mieterin der unteren Wohnung zu ihrem Sohn zog, übernahm ich die Zimmer.
Elf Jahre später starb mein Vater. Elf Jahre, in denen wir uns endlich kennen und respektieren lernten.
Die Mieterin der oberen Wohnung, eine Messiefrau allererster Güte, zog zwei Jahre nach dem Tod meines Vaters ins betreute Wohnen.
Die Wohnung, bei ihrem Einzug frisch renoviert, war eine Ruine und mußt von Grund auf saniert werden.
Meine damalige Geliebte, heute Ehefrau, zog dort ein.
Meine Zimmer hatten immer noch den Anstrich der Vormieterin. Für mich war die Idee des Provisoriums nicht gestorben. Vom Gefühl her war ich immer noch auf der Durchreise.
Vor fünfzehn Monaten starb meine Mutter, wie sie es wollte, in ihrer Wohnung. Auch hier waren die letzten Jahre die intensivsten mit ihr.
Vor knapp drei Wochen dann der Entschluss und das Aufraffen, die Wohnung leerzuräumen, zu renovieren und dort einzuziehen. Wieder einzuziehen.
Das ist ein wirklich seltsames Gefühl. Ist das „das Ankommen“?
Ein Kreis hat sich geschlossen.
Was das mit dem Klavier zu tun hat?
Es wird verkauft. Zackbumm.
Das Möbel der Demütigung hat da nichts mehr zu suchen.

narr

für eine Welt ohne Drachen

“Ich hab hoffentlich meinen letzten Drachen erschlagen,”
sprach ich Monsignore Panninsky an, nachdem das Zwicken in seine Kniekehle mit gleichzeitigem Bellen nicht den erwünschten Erfolg gebracht hatte. Hust, hust.

Es gab mehrere Drachen im narrenleben.
Der Drache AOK, respektive Krankenkassen generell, da auch die KSK durchaus etwas Lindwurmartiges hat.
Der Drache Finanzamt, dem ich jetzt durch Geringverdienen aus dem Weg gehe. (ja, das gilt nicht als erschlagen, aber es hilft mir) Die Aufenthalte in der Gerichtsvollzieherhöhle zerfetzen jeden Held und jede Heldin.
Zuletzt der Drache Mobilcom, dessen Kündigung aus Mangel an seelischen Ressourcen zweieinhalb Jahre verschoben wurde.
Es ist der Oberdrache Angst, der, nachdem man ihn erschlagen, die Größe eines Mehlwurmes hat.
Bevor man ihn erschlägt, quillt sein Rauch aus jeder Ritze des eigenen Seins.
Einer Angststörung liegt keine poetische Schönheit inne, sie nervt. Die ungewollten, körperlichen Reaktionen nerven noch mehr.

Der narr ist für eine Welt ohne Drachen.

narr

Angst

Manager und Pferdezucht.
Herrenbrut wie Ammoniak.
Es gibt diese Angst wie ein Hintergrundrauschen.
Ein Riverquaimarschecho.
Denn nur, was richtig sauber ist, kann richtig glänzen.
Für Sekunden, Stunden, Tage
ist die Seele ein dünnes Häutchen.
Dann lügen selbst Bäume,
wenn sie grüne Blätter tragen.
Dann ist alles Lüge,
und ein Nein so schwer wie tausend Morde,
gewürgt mit eigener Hand.
Prometheus, der Herrschaftsherd
hat mit seinem Gas ganze Arbeit geleistet.
Keine Angst vor Allem!
Aber noch das miserabelste Verhalten
gilt als persönlich frei entfaltbar.
Zeitgeistkriecher sind mit Allem einverstanden,
bleibt nur ihr Kleinmief unberührt.
Bei 1000 Ps wird elektronisch Lachgas eingespritzt und Tschüss.
Es verrotten Wunder drinnen oder draußen.
Der kaugummiwiderkäuende Mensch entwickelt
sich zurück zum Schlachtvieh,
zur Konsumkuh oder Spermabullen, sagen Sie.
Leichtes Spiel für die, die es durchschauen.

Nachts

Die Nacht so kurz
und aufgeteilt in halbe Stunden.
Sie weiß nicht wer,
nicht wo, nicht wie.

Legt sich in´s Bett.
Steht auf, rennt rum.

Legt sich in´s Bett.
Steht auf, stellt sich vor´s Fenster
und starrt auf eine
nachterhellte, menschenleere Straße.
Drauf angesprochen,
sagt sie völlig klar:
“Da stimmt was nicht in meinem Kopf.”

Legt sich in´s Bett.
Steht auf.
“Ich will das nicht.
Ich weiß doch gar nicht.”
Als Endlosschleife abgespult.
“Ich will das nicht.”

Legt sich in´s Bett.
Steht auf, geht zur Toilette.
“Ich renn doch gar nicht rum.
Ich schlaf doch schön,”
ist jetzt die Schleife.
Setzt sich vor das Waschbecken,
läßt Wasser laufen
und tritt in eignem Rhythmus
vor den Syphon,
bis der Boden schwimmt.
“Ich schlaf doch schön.”

Legt sich in´s Bett.
Steht auf und
sucht im Treppenhaus
den Weg zur nächsten Wohnung.

Legt sich in´s Bett.
Steht auf.
Da draußen wird es hell.
Nimmt wahllos Kleidungsstücke,
zieht sie über und
schaltet um auf Tagmodus.
“Ich hab doch schön geschlafen.”

narr

kleiner Alltagsdialog

Mit Vollgas, extra lauter Sirene und Blaulicht in die Zone.
Fußgänger spritzen zur Seite, und wer das nicht tut, ist der nächste Kandidat.
Ziel ist das Altenheim.

“Ach laßt mich doch sterben,” fleht ein alter Mensch.

“Nein,“ sagt der Krankenfahrer.

“Nein,“ sagt die Altenpflegerin. “Das dürfen wir nicht. Wir helfen ihnen.”

“Wozu? Ich hab das Ende meines Weges erreicht.”

“Das wissen sie doch gar nicht.”

“Sie etwa?”

“Nein, aber wir sind durch das Gesetz gebunden.”

“Ein Gesetz? Tinte auf Papier sagt, dass ich nicht sterben darf? Was sind das für Menschen, die Menschen mit solcher Niedertracht quälen.”

“Wir wollen sie nur am Leben erhalten.”

“…sagte der Folterknecht zu seinem Opfer.”

“Nun machen sie mal halblang.”

“Es ist gegen meinen Willen. Sie stechen mich, sie quälen mich in meinen kranken, letzten Stunden.”

“Wir machen sie wieder gesund.”

“Und sie lügen schamlos. Können sie nachts ruhig schlafen, Dr. Folterknecht?”

“Das gibt jetzt einen kleinen Pieks. Wir müssen ihrem Körper Flüssigkeit zuführen. Sie sind völlig ausgetrocknet.”

“Will nicht trinken. Hab keinen Hungen. Wo ist denn meine Frau?”

“Aber die ist doch schon ein paar Jahre tot.”

“Quatsch. Die war gerade noch hier. Die hat mich geschubst. Deswegen liege ich doch hier.”

“Möchten sie lieber im Sessel sitzen, oder auf dem Bett liegen?”

“Sessel. Gleich kommt mein Sohn aus der Schule. Wir wollen doch auf die Parade. Ludwig Erhardt soll auch dabei sein.”

“Dann ruhen sie sich besser etwas aus. So eine Parade ist anstrengend.”

“Stimmt. Aber sie wecken mich rechtzeitig?”

“Selbstverständlich.”

narr