Harte Zeiten

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„Ich arbeite gern. Aber die gehen mir alle auf den Keks.“

„Ja. Ich leb auch sehr gern. Wenn nur die Menschen nicht wären.“

Die zwei Frauen schauen sich an, kichern und gehen zu einem ihrer drei Jobs. Einmal Küchenhilfe, zweimal Raumkosmetik.´

Der alte Mann des Tonträgergeschäftes steht in der Tür und friert. Dann greift er, um sich aufzuwärmen, seinen abgenutzten Besen und versucht, Spinnenweben hinter dem blitzsauberen Fallrohr vor seinem Geschäft zu entfernen.

Die Spinnen haben sich aber schon lange hinter die CD´s und seiner Art ihrer Vermarktung zurückgezogen. Da sind sie sicher vor Veränderung.

Eine Taxifahrerin holt zwei Pizzen, drei mal Döner ohne scharf, zwei mal mit scharf, steigt tütenbepackt ins Auto und fährt zur Lieferadresse. Ein Traumjob. Ich bin mal mit einem Essen-auf-Rädern Auto unterwegs gewesen, mußte mich aber nach zehn Kilometern übergeben. Geruch und Schaukelei haben das ganz leicht ermöglicht.

Die Standhaften aus Lendringsen gehen in Berufung. Sie beharren auf ihr Recht, einen Nazinamen in ihrer Adresse zu haben. Die Judikative hat schon in der ersten Instanz eine Augenbraue nach oben gezogen. Kahle, Seidel, Wagenfeld. Alles astreine Nazis. Aber selbst, wenn man den drei Standhaften dreimal erklärt, dass auf sie keine Kosten zukämen, da die Stadt diese übernimmt, bleiben sie stur.

Es geht ums Prinzip und um das Recht auf einen Nazinamen auf einem Straßenschild vor dem Wohnzimmerfenster.

Jetzt darf der Gröfaz schon nicht mehr über dem Büffet hängen, da soll einem wenigstens die Seidel von draußen zuwinken.

An manchen Tagen ist es hier in Menden oder Lendringsen wie 1960, kurz vor der Einführung des Farbfernsehns.

Braun, braun braun, ist alles was ich denke.

Braun, braun, braun, ist alles, was ich mag.

Dann denke ich, ein Mann greife sich auffällig in den Schritt, dabei steckt er nur etwas in seine Bauchtasche. Die Uhr springt auf 1985. Da war das in den Schritt greifen grad hype.

Hyper, hyper, sitzt der eigentlich im Knast? Ich las da sowas. Scutin, Puter, nein Scooter, der wars.

Betrunkene Griechen mit hochrotem Gesicht versuchen schwankend, die Straße im 90° Winkel zu überqueren, dabei ist es erst 14.00 Uhr.

Hier heißt die Antwort auf die Frage: “Und? Wie geht’s“ , nicht wie üblich: „muss so“, sondern: „Ouzo“.

Ich sags euch. Harte Zeiten.

Lebensziele

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Zum Frühstück Sonne auf Croissant, Kaffee und Gesicht. Kleine Wohlfühldinge mit großer Wirkung, zudem der Vorsatz, gleich zu duschen.

Es könnte ein guter Tag werden.

Die Welt hat sich weitergedreht, ein Großteil der Menschheit ist wieder aufgewacht oder geht schlafen. Es ist neun Uhr. Noch hat niemand niemandem den Krieg erklärt und vielleicht kann das ja heute so bleiben.

„Ich hab unwahrscheinlich viele Punkte auf der Karte. Sind Sie schon gestochen worden? Drei Dinkel bitte,“

„Geht so. Vier Mal. Hier bitte.“

Die Bäckereifachverkäuferin arbeitet jeden Satz hintereinander ab. Es ginge auf Vollmond zu, meint sie. Da seien die Leute noch mehr gaga, meint sie.

Wie, um ihre Worte zu untermauern, stürmt il peto in den Laden, einen Zahnstocher im Mundwinkel, brabbelt kurz laut etwas auf griechisch, dann auf deutsch.

„Ha. Ich liebe Regen. Sonst in Griechenland immer heiß. 39°, 40°, heut sogar 42°, sagt Schwager. Hier gut. Nur Frauen sind bedeckt. Zuhause nicht. Ah, Kühl. Regen.“

Er verschwindet, ohne eine Bestellung abzugeben, oder ohne dass es regnen würde. In der gegenüberliegenden Spielhalle.

Dér Fahrer von Trans-o-flex versucht, die Wahrnehmung von Schrittgeschwindigkeit zu modifizieren. Alles unter 50 kmh ist Stillstand, ab 65kmh wird geschritten.

Der Stadtanzeiger – bei Fahrradprüfungen schwebt eine Hand immer sichernd über dem Waffenholster, vielleicht ist einer der Koten ja gewaltbereit – ermahnt den Fahrer, nicht so schnell mit den Paketen unter dem Arm zu rennen, da sonst die Ware beschädigt werden könnte. In seinem Beuteschema stehen erwachsene Fahradfahrer*innen ganz weit oben.

„Mich sehen Sie jetzt einen Monat nicht mehr.“

„Einen Monat. Wer hat denn so lange Urlaub“

„Ist kein Urlaub. Ich fahr nach Mekka. Der Reiseführer sagt, wir ziehen in Guppen um den Stein. Nicht mehr alle auf einmal. Vielleicht werden ja dieses Jahr nicht so viele totgetreten.“

„Mama! Wenn ich groß bin, möchte ich sooo einen dicken Bauch haben“, schreit ein adipöser Junge.

Sein Lebensziel scheint jedenfalls erreichbar.

Mammon

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Es gibt Städte, die in den Sommerferien, vormittags, so viel Leben in sich tragen, wie ein Patient kurz vor der Reanimation. Ab der Mittagszeit beginnt der schleichende Herztod.

Ein Fahrer von Blechkotze mit Stern blockiert schwungvoll drei parkende Autos.

Er bewegt sich zittrig, schleichend aus dem Blech Richtung Doktor.

Er muss sich seine tägliche Adrenalinspritze ins Herz abgeholt haben, da er auf dem Rückweg zumindest ein Bein beschwingt hinter sich herzieht.

Die Sonne scheint manchmal, und das ist nicht das Schlechteste.

„Eine Million ist nicht viel“, meint eine frisch gekündigte Frau mit 600,- € Monatsgehalt. Sie sitzt am Nebentisch, raucht Kette, erzählt über den Kommunikationsabbruch ihres Chefs mit ihr nach der Kündigung und Stress mit dem Amt.

Ihr Gegenüber kontert mit seinem Kind und dessen Behinderung, einem glatten Bruch seines Unterarms, seiner Modelleisenbahn, und dass er jetzt die Scharnhorst baue.

„Zeit ist Geld“, ruft eine Glatze mit Religionsbart, und ein verdrießlicher, rothaariger Angestellter antwortet: „Jawoll,mein Führer.“

Es ist hier nicht anders als woanders. Nur woanders.

Dieselige Blechkotze soll verboten werden. So haben Gerichte entschieden. Sehnsüchtig schaut so mancher Politiker nach Polen und überlegt sich, die Kriterien für den Richterberuf in Deutschland ernsthaft zu überprüfen.

Das ist doch nicht im Sinne der Blechkotzeindustrie.

Sakramutschi hat sich an seinem eigenen Schwanz verschluckt.

Schon interessant, dass solche Sätze mittlerweile den Status der armeerikanischen Regierung beschreiben.

Für den Status der deutschen Regierung braucht es nur ein Fähnchen im Wind.

Wir stehen kurz vor der Wahl, da glaubt doch keiner ernsthaft an ein Dieselverbot. Oder eine Einschränkung für Autofahrer*innen.

Es sterben ja die Leute, die nicht in der gereinigten, vollklimatisierten Luft der Megablechkotze von Benz, Porsche, VW, usw, sitzen.

Die haben nur die Lobby der Bestatter. Und die neue Kollektion von Kindersärgen ist doch entzückend. Vielleicht werden auch gerade deswegen so viele Kinder geboren. Die Natur sorgt vor. Die Zeit der Menschenopfer ist lang noch nicht vorbei.

Und ob dem Kind die Kehle auf dem Altar durchgeschnitten wird, oder ihm wegen der Umweltbelastung die Luft ausgeht, bleibt sich gleich.

Mammon, Schutzpatron der Industrie, freut sich über jede Leiche.

Edel sei der Mensch

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Sag mir, wo die Menschen sind.

Mendens Population ist um die Hälfte gesunken.

Es soll einheimische Arten geben, die auch jetzt noch ihren Zug nach Antalya anstreben.

Andere Arten suchen sich neue Brutstätten der Erholung.

Die Sonne muss scheinen, Billiglohnland ist mehr als erwünscht, aber die Standards bitte wie daheim. Es darf nichts kosten und die Leute müssen freundlich bleiben, wenn wir den Großkotz raushängen lassen.

Glasperlen für die Eingeborenen. Wie damals, als es noch die Mauer durch Europa gab. Da war man mit Einwegfeuerzeugen und billigen Digitaluhren der König der Welt im Osten.

Das muss es doch noch geben. Irgendwo. Und es muss mit einem Billigflieger erreichbar sein. Das mit der Umwelt ist egal. Hauptsache, man kommt für fast gar nix dahin, wo es billig ist.

Edel sei der Mensch, hilfreich und gut; denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen!

So sah es Goethe früher. Heute müsste er erkennen:

Billig ist der Mensch, Hilfeverweigerer und Gaffer. Es gibt andere Wesen mit mehr sozialer Kompetenz.

Pladder

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Bringt das Schreiben im Schatten des Verfalls einen Hauch von Melancholie in das Geschriebene?

Erst Küster, dann Dealer, jetzt Ruine mit zwei Palmen, im Hintergrund ein Parkhaus, das langsam zusammenbricht.

Flankiert wird das Ensemble von drei (!) Ein-Euro-Läden und der Deutschen Bank. Da weiß ich grad nicht, welches der vier Geschäfte´den Stadtteil mehr abwertet.

Wasserspiele in Menden, hört sich an wie der Titel eines Pornofilmes aus dem Urinalbereich, aber es pladdert. Gehörig.

Billie Holiday singt den Blues, und die Tropfen schlagen Blasen auf dem Asphalt.

Dicke Baumaschinen reißen links vor dem Haus den Asphalt auf, rechts klirren Kräne, zusammen mit heulenden Hiltis. Die Knochenschinkenresidenz ist fast fertig, da fängt die Großbaustelle Westtangente mit großräumigen Verkehrsumleitungen an.

Morgens um fünf schmeißen die Arbeiter die schwarzen, hohlen Pastikfüße und die rot-weißen Absperrpömpel vom LKW. Um diese Zeit reicht der Hall so weit, dass es auch die Schläfer*innen in andren Stadtteilen in aller Deutlichkeit hören können: Hört her! Hier wird gearbeitet!

Dann fräsen, baggern, reinigen, fräsen, baggern, reinigen, bis Abends alles gebaggert, gefräst und gereinigt ist.

Am nächsten Tag und auch am übernächsten bleiben alle Baumaschinen verschwunden. Kein Arbeiter ist vor Ort. Bestimmt muß sich das Gefräßte erst setzen.

Ein Großraumbuggy mit Platz für vier Kinder und ebenso vielen Passagieren, wird von einer Frau die Zone hochgeschoben. Ein Hingucker.

Der Baumpisser gestikuliert mit steifen Fingern in seinem Selbstgespräch. Er hat schon länger keine Bäume mehr in der Zone gewässert. Die letzte Standpauke seiner alten Mutter hält ihn noch etwas zurück.

Die Lampen in der Zone können sich nicht zwischen An und Aus entscheiden. Das natürliche Licht ist so duster, dass alle Sensoren verrückt spielen.

‚Der mit dem Mülleimer schimpft‘ trägt eine Herrenhandtasche aus den Achtzigern am Handgelenk und schimpft. Die Mülleimer sind frisch geleert. Keine Chance auf Pfandware.

Jetzt singt Rio ‚Für Dich‘, was immer noch eine Gänsehaut wert ist und in jedem Fall besser wirkt, als feuchte Melancholie im Dauerregen.

Alles wird gut

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Die letzten Tage waren gefüllt mit Bildern harter Staatsgewalt und mittelweicher Gegenwehr. Alte Traumata juckten, und traurig konstatierte ich: die Pfeffersäcke haben nichts dazugelernt.

Die Regierungen insgesamt haben nichts dazugelernt.

Je souveräner das Volk, desto panischer der Staat.

G7, G8, GSG9, G20, das ist alles so letztes Jahrhundert.

Wenn sich Regierungshansel*innen unbedingt treffen wollen, dann sollen sie das doch auf einem Kreuzfahrtschiff tun. Irgendwo im Mittelmeer, Pazifik oder Atlantik. Da gehen sie uns nicht auf die Nerven.

Derweil kommen, rummsfallera, Identitäre mit C-Star und Hipsterbärtchen und wollen auf alle Gummiboote im Mittelmeer schießen. Deren Muttermilch muss auch kontaminiert gewesen sein. Zum Glück Aller dümpeln sie gerade im Suezkanal und werden auch hoffentlich nie wieder weggelassen.

Blechkotze, coffe to go, polnisches Kapusnik und ungarische Eselswurst, in der mehr Empathie steckt, als in ungarischen und polnischen Regierungsparteien zusammen.

Was ist denn nur los mit euch?

Ihr seid so bar jeden Mitgefühls, eitrig in der Sprache und pausenlos Arsch. Das ist nicht gut für die Gesundheit. Euer Testosteron ist verstrahlt, eure Gehirnstrunktur ist kongruent mit KZ-Bauplänen.

Das ist traurig, aber zum Glück nicht endgültig.

Die Bürger*innen formieren sich gerade in Massen, halten ihr Smartphone in die Dunkelheit und versuchen, euer Leben zu erhellen. Die wollen nicht, dass ihr tut was ihr tut.

Ein tricky dick Diktator reicht eigentlich in der Nachbarschaft. Wir haben derer zwei.

Pulin, äh, Statin und den Irren vom Bosporus. Dann noch die Orange im Washington und die Kartoffel in Warschau.

Nein, das nehme ich zurück. Die Kartoffel war mal Kinderstar. Den hat die Filmindustrie versaut.

Bubi Scholz – nein, der hat sein Frau erschossen – Olaf Scholz hat die Bürger*innen der Hansestadt der nicht existenten Polizeigewalt zum Fraß vorgeworfen.

Jetzt fragen sich die Bürger*innen, ob sie sich vielleicht selbst verletzt haben könnten.

Heute schneiden wir uns nicht, heut sprühn wir Pfeffer in unser Gesicht.

Und ein im Kopf gesungener Refrain, von dem ich nicht weiß, woher er stammt.

Duda hat n Loch im Bauch, duda, duda. (Vielleicht kann mir ja einer sagen, woher das stammt.)

Und juchu, er legt sein Veto ein.

Alles wird gut.

Gewissensprüfung

narrklein

Es ist ärgerlich. Jedes mal.

Ich habe eine Idee, schreibe sie aber nicht auf, weil ich denke, die sei so gut, dass ich sie nicht vergäße.

Dann vergesse ich sie, und sie landet, statt auf Papier, im nebulösen Nirwana meiner verstaubten Synapsen.

Das ärgert mich. Immer. Je mehr ich mich anstrenge, die Idee im Kopf wiederzufinden, desto leerer wird dieser.

Manchmal, und gerade hat es geklappt, hilft es, sich mit komplett anderen Dingen zu befassen.

Der Faltenwurf von Sommerkleidern wird bei hohen Temperaturen durch Schweißbäche verhindert.

So etwas in der Art.

Dann kann es geschehen, dass der Gedanke, die Idee, noch einmal aufpoppt und zündelt wie ein Ziesemännchen. Wie gerade eben.

Gewissensprüfung.

Das war die Idee und der Gedanke.

Ende der Siebziger und Mitte der Achtziger wurden an mir jeweils eine Gewissensprüfung vorgenommen, da man mir nicht glauben wollte, dass ich keine Menschen töte.

Zumindest nicht auf Befehl eines uniformierten Hampelmannes.

Soldaten sind für mich auch heute noch Mörder, die ihr mörderisches Handwerk in drei Monaten erlernen. Dann ist man Mördergeselle. Verpflichtet man sich für länger, kann man auch seinen Mördermeister machen.

Ich schweife ab.

Es war spannend, mein Gewissen damals zu erforschen, ethische Standpunkte zu entwickeln und zu festigen. Vieles davon ist Grundlage, wie ich heute ticke.

Die Idee war, eine Gewissensprüfung für angehende Politiker*innen einzuführen.

Die sitzen dann vor einem Gremium parteiloser Volksvertreter und müssen Fragen wie:

„Wie entscheiden Sie sich, wenn die Opposition einen sinnvollen Antrag stellt, ihre Parteilinie aber aus Prinzip alles Gegnerische verneint?“ beantworten.

Wer da die falsche Antwort gibt, kommt mit Eselsohren in die Ecke, oder muss für ein Jahr sozialen Dienst in einer caritativen Einrichtung leisten.

Das könnte uns vorwärts bringen.narrklein