Wohlfühlschmerz

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Was für eine schmerzensreiche Wohltat, die ich mir antat.

Was für eine seltsame, thailändisch-sauerländisch-italienische Stunde.

Was früher Waffen, Loden, Munition war, ist heute ein thailändisches Massagestudio.

Werkzeuge des Todes gegen knetende Hände?

Gar keine Frage, wer bei mir gewinnt.

Inmitten der Großbaustelle Balver Straße, kaum zu betreten, da direkt vor dem Geschäft gepflastert wird, während Fahrbahnmarkierer ihre Striche ziehen und Walzen den Asphalt bügeln, liegt das kleine Studio.

„Bitte ausziehen bis auf Unterhose und in Mitte legen. Da Kopf.“

Während ich mich in die Waagerechte bewege, beginnt der Raum zu beben.

Draußen wird das Pflaster mit der Rüttelplatte abgedrückt, drinnen schmiegt sich mein Kopf in die vorgeschriebene Öffnung. Ein Handtuch wird über meinen Rücken gelegt.

Der Tanz beginnt.

Die Frau ist eineinhalb Köpfe kleiner als ich, zierlich, zartgliedrig, ein Leichtgewicht. Aber was sie fünfzig Minuten mit meinem Körper anstellt, fühlt sich nicht so an.

Meine traditionelle Physiotherapeutin ist Handballerin, mindestens 1,85m groß, muskulös und könnte ein Telefonbuch mit zwei Fingern zerreißen.

Diese Frau jetzt könnte einen Käfer mit den Händen plätten. Einen VW-Käfer.

Sie beginnt trocken, an den Füßen, und schon bei den Waden merke ich: Die meint es ernst. Richtig ernst.

Mein Körper beginnt zu schwitzen.

Lasse ich de Augen geöffnet, sehe ich auf eine flache Schale mit Sand und Muscheln. Wie viele Menschen mögen da schon hineingetropft oder gesabbert haben.

Draußen bearbeitet ein Mensch das restliche Pflaster mit einem Fäustel, drinnen graben sich zierliche Stahldaumen, Eisenfäuste, gußeiserne Ellenbogen, Titankniee und Füße aus Granit durch meine verspannten Muskeln.

Nachdem die Rückseite weichgegerbt ist, macht sie, nachdem ich meinen Kopf wie einen Korke aus der Flasche, aus der Öffnung der Liege gezogen habe, mit meiner Vorderseite weiter.

Sie läßt ein weißes Tüchlein auf meine Augen fallen.

Bestimmt will sie nicht, dass ich mir ihre Techniken einpräge. Oder nicht sehe, mit welchem Körperteil sie die Innenseiten meiner Oberschenkel bearbeitet.

Behandlungsabläufe ähnlich wie beim Shiatsu, und bekäme ich die japanische Version meiner Ausbildung zu spüren, die Schmerzen wären ähnlich.

Der Arbeiter draußen ist ein lebensfroher Arbeiter, denn jetzt beginnt er auf italienisch zu singen. Irgendwas mit Bambinis, Bambina und Oleole, während die Walze zischt und eine Baggerschaufel Steine kratzt.

Wir lachen beide. Sie aus den Tiefen meines Lebermeridians, ich, weil ich nicht: Etwas sachter bitte! sagen möchte. Vor allem, wenn sie in meiner rechten Seite arbeitet. Da ist das Gefühl interessanterweise viel intensiver.

„Einmal hinsetzen, bitte.“

Sie pflückt noch einmal explizit Nacken-Schulter- und Wirbelsäulenmuskulatur auseinander und ist nach knapp einer Stunde fertig mit mir.

Etwas zittrig kleide ich mich wieder an. Bei allem mimmimi: Hat das gutgetan.

Beim Verlassen betrete ich ein frisch eingefegtes Bushaltestellenareal.

Aber so richtig berühren meine Füße nach dieser Behandlung nicht das Pflaster.

Erstmal eine Stunde schlafen.

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Haben Sie das gesehen?

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Vor der Filiale steht, mitten auf dem Fahrweg ein Auto. Am Steuer sitzt eine junge Frau. Sie sitzt. Das Fahrzeug steht.

Sie hat dünne, spitz zulaufende Finger mit langen, ebenso spitz gefeilten Fingernägeln. Gelangweilt streicht sie über ihr Smartphone. Ab und an gähnt sie inbrünstig. Ihre Körpersprache erzählt, dass dieser Morgen nicht ihr Ding ist, dass sie lieber irgendwo mit Zimmerservice und einem braungebrannten Toyboy die Zeit verbringen würde.

In der gegenüberliegenden Straße verkeilen sich zwei Megablechkotz – Fahrzeuge.

Es geht nicht vor und nicht zurück.

Zunächst sieht man nur wild gestikulierende Arme, dann steigt eine Fahrerin aus. Ihr hochroter Kopf ist ein netter Farbpunkt vor den schwarz-weißen Fachwerkhäusern im Hintergrund.

Zielstrebig – wegen der Einkeilung muß sie ihren Wagen einmal umrunden – geht sie zur Tür der gegenerischen Kombatantin und schreit und schimpft, und fast schlägt sie gegen die Scheibe, als diese heruntergelassen wird, ein linker Arm herausschießt und ebenfalls wild geäußerte Worte.

Das geht so eine ganze Weile. Die Ausgestiegene hat die größere Kraft oder die besseren Kraftausdrücke, denn irgndwann setzt die Kombatantin widerwillig zurück.

Ich glaube sogar, kleine Rauchwölkchen aus den Ohren der Ausgestiegenen steigen zu sehen.

Zurück in ihrem Auto, fährt sie kurz zickzack und braust, immer noch wild gestikulierend, davon.

Nebenan, vor Rossmann, sitzt ein Golden Retriever, angeleint an einen Fahrradständer.

Ein Fahrradfahrer parkt, der Hund zuckt erschreckt zurück.

Frau Leberwurst kommt dazu, will ihren Einkaufstrolley ebenfalls dort parken, der Hund wird panisch.

Er reißt an der Leine, Trolley und Fahrrad fallen um, der Eisenständer scheppert.

Die Panik erhöht sich.

Der Hund rennt los, im Schlepptau den scheppernden Ständer. Der verfehlt hauchdünn ein stehendes Auto.

Mehrere Menschen rennén hinter ihm her. Der Hund gibt Gas.

„Halten! Halten“, brüllt wer. Ein Fußgänger greift beherzt zu und bringt den Ständer zum Stehen. Der Hund wird herumgerissen, legt sofort den Rückwärtsgang ein und zieht, als ginge es um sein Leben, an der Leine. Schwupps, rutscht das Halsband über den Kopf. Endlich frei, denkt sich der Hund und rast mit wehendem, goldenen Fell davon.

„Poldi! Poldi“, brüllt ein Mann und rennt los, dem Hund auf Nimmerwiedersehen hinterher. Der Ständer bleibt alleine in der Zone zurück.

Ruhe.

„Haben Sie das gesehen? Haben Sie das gesehen,“ fragt Frau Leberwurst in die Ruhe hinein jeden, der an ihr vorbeikommt.

„Haben Sie das gesehen?“

Kinder

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Der pensionierte Realschullehrer für Arschlochkunde und Rechtsaußen grüßt für gewöhnlich mit halbem Führergruß. Der fällt nicht so auf wie der durchgestreckte Arm.

Jesus hat jetzt ein E-Rad und fährt damit seinen Strohhut und seine Luftballons herum.

Der Kleinstadthipster hat auch ein E-Rad. Ist grad Mode, Herr Spahn.

Eine Grundschullehrerin im Ruhestand versprüht boshaft Gift und Galle.

„Eine fette Verkäuferin hat hinter einer Theke nichts zu suchen. Punkt.“

Für wie viele Traumata ihrer ehemaligen Schutzbefohlenen mag sie wohl verantwortlich sein?

Die Stadt hat sich wieder gefüllt. Sommerferien sind fast zu Ende. Die Bratwurstbude wird so schwungvoll von den Fleischfrauen geschoben, dass das Straßenschild, welches die Bude touchiert, leicht die Biege macht.

Die Kinder verkaufen in der Stadt ihren pädagogoischen Spielzeugüberfluss. Platz schaffen für Neues, der Rubel muss rollen. Kaufen,verkaufen, kaufen verkaufen. Früh übt sich, wer richtig konsumieren will.

Zwischen dem farbenfrohen Second-hand-Spielzeug und den Müttern mit hektischen Flecken im Gesicht und den aufgedrehten Kindern, die zwischen haben wollen und verkaufen sollen wie eine Flipperkugel hin und her schießen, fährt, quasi als Sahnehäubchen des organisierten Mutter-Kind-Chaos, ein Radlader mit einer vollen Mulde Split durch die Zone.

Da schießt so manche, blanke Panik ins Gluckenauge und die Helikoptermütter schmeißen die Rotoren an.

Nur die Frau mit einer Jogginghose geht rauchend schwanger durch die Stadt. Ihr Auftrag: Chancengleichheit pränatal torpedieren. Ihr Umfeld ist die Sauerstoffunterversorgung des Gehirns. Da muß der Embryo drauf vorbereitet werden.

Arme Kerle

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Arme Kerle.

Wirklich.

Ihr seid übel dran.

Jetzt könnt ihr noch nicht einmal mehr, ohne heftige Kritik zu erwarten, eure Beine spreizen in Bus und Bahn.

Das ist schlimm, nicht wahr.

Aber wisst Ihr, was noch schlimmer ist?

Wenn Ihr in einer Diskussion , ganz mimimi, herumjammert, dass Frauen ja keine Ahnung hätten. Die hätten keinen Penis, den Mann sich, beim Beine übereinanderschlagen, einklemmen würde. Und das täte ja wohl weh. Deswegen breitbeinig in Bus und Bahn.

Testosteron kann nicht gut fürs Gehirn sein, wenn so etwa dabei herauskommt.

Haltet doch einfach die Beine geschlossen in der Öffentlichkeit, den Mund am besten auch, dann klappts auch mit der Nachbarin.

Am Strand von Bukkemose

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Mitternacht klingelt der Wecker.

Aufstehen, packen, die Liebste küssen, alles ins Auto wuchten. Los geht es um kurz nach Zwei.

Freie Fahrt für Frühaufsteher*innen.

Kurz hinter Hamm fragt die Liebste: „Hast Du eigentlich die Hoftüre abgeschlossen? Oder wenigstens zugezogen?“

Nach kurzer Rekapitulation muss ich leider zugeben: „Nein. Hab ich verbaselt.“

„Zurückfahren?“

„Oh nö.“

Wir liegen wirklich gut in der Zeit, und noch sind die Straßen frei. Nein, entscheiden wir uns. Ich werde zwei Freunde kontaktieren, die das regeln sollen. Später. Jetzt schlafen sie noch.

Eine halbe Stunde bis Münster. Die Uhrzeit macht es möglich.

In der Raststätte Dammer Berge sind wir die einzigen Gäste.

Raststätten in der Nacht erinnern mich an meinen Tellerwäschejob in der Raststätte Würzburg.

Kaltes Bratenfett, Reinigungsmittel und abgekühlte Urlaubsvorfreude stecken in jedem Geruchsmolekül. In den Kellern laufen schon die Vorbereitungen für die Frühschicht. Müllpressen in der furchteinflößenden Müllpressmaschine, die blauen Tonnen mit Essensresten vom Vortag für die Schweinebauern und Seifensieder vor die Tür stellen. Säckeweise Kartoffeln schälen in der Schleudertrommel, in der nächsten Umgebung der Raststätte die Mülleimer leeren. Ab und an Geballere, in der Nacht besonders gut zu hören, von der Selbstschussanlage im Weinberg direkt neben der Autobahn.

In Dammer Berge dagegen ist es still. Die Daddel-Automaten blinken einsam, nur eine Servicekraft kümmert sich um Croissants, Brötchen und anderes, gebackenes Frühstücksgedöns. Selbt das Windrad vor der Raststätte schweigt in der Dunkelheit.

Hinter Bremen beginnt es zu dämmern.

Kurz vor dem Wachwerden träumte ich von dicken Nebelbänken rund um Lippstadt (eine alte Jugenderinnerung), hinter Bremen wabern sie im Wachzustand rechts und links der Autobahn.

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Kurz vor Hamburg ist es hell, der Verkehr nimmt zu. Bis jetzt war es ein fast autofreies Baustellenhopping, nach dem Elbtunnel ist es voll. Gehetzte Hanseaten rasen blinkerlos von rechts nach links und wieder zurück in die nächste Lücke, ohne Rücksicht auf Verluste.

Hinter Hamburg Fahrer*innenwechsel auf einem Parkplatz mit vollautomatischen Klos und einer Motte mit schöner Zeichnung.

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Das Baustellenhopping geht weiter bis kurz vor Dänemark.

„Hast Du dem Kevin schon geschrieben?“

„Mach ich gleich.“

„Können wir denn in Dänemark die Antwort empfangen mit unserem Tarif?“

„Hm.“

Es gibt tatsächlich wieder, wenn auch improvisiert, einen Grenzübergang nach Dänemark.

Ätzend.

Europa war doch mal grenzfrei.

Das Navi piept, die Karte verschwindet, das Deckblatt von Dänemark ploppt auf, die Karte erscheint wieder, und Peter, der Ansager für Richtungswechsel hört sich bei dänischen Namen etwas überfordert an. Die Radiosprecher*innen klingen betrunken.

Wir verlassen die Autobahn Richtung Fähre nach Langeland.

Die Dänen müssen ein kunstbeflissenes Völkchen sein. Auf jeder Insel im Kreisverkehr steht eine, immer eine andere, große Skulptur.

Die Häuser sind klein, geduckt, was dem stetigen Wind geschuldet sein mag. Die Straßen werden schmaler, aber den Dänen scheinen die eigenen Geschwindigkeitsbeschränkungen egal zu sein.

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An dem Fähranleger könnten wir mit Euros bezahlen, werden wir belehrt, würden aber nur Scheine, kein Kleingeld zurückbekommen.

Was für ein Humbug. Nationale Währung. Wo ist er hin, der europäische Gedanke? Wir zahlen mit Karte. Kapital kennt keine Grenzen.

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Die Fähre hat W-Lan, und kaum eingeloggt, kommen die Nachrichten von den zwei angeschriebenen Freunden, dass die Hoftüre jetzt abgeschlossen sei. Die Liebste ist erleichtert.

Nach fünfzig Minuten und ruhiger See erreichen wir die Insel Fyn. Kurz hinter dem Anleger ziehen wir aus einem Automaten Wikingergeld, und im angrenzenden Supermarkt besorgen wir uns Nahrung und Getränke. Das Münzgeld hat Löcher.

Soll man es sich um den Hals hängen?

Je näher wir dem Ziel kommen, desto schmaler werden die Straßen. Die erlaubten 50kmh scheinen sehr verwegen.

Die abgeschnittene Wolkenbank vor uns verspricht: Hier ist die Ostsee. Nach gut zehn Stunden erreichen wir irgendwo im Nirgendwo den Ort der Zusammenkunft der Großfamilie meiner Liebsten, zu der ich durch Liebe und Heirat auch gehöre.

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Lummerland, La-la-Land, Langeland, am Strand von Bukkemose.

Es hört sich an und liest sich auch ein wenig wie eine chronische Erkrankung, aber das sind nur die üblichen Vorurteile gegenüber der dänischen Sprache.

DSC02911.JPGEin Ferienhaus für acht Personen ausreichend, mit verbautem Blick auf den Strand, die Einrichtung recht neu und komplett Ikea.

Die Liebste und ich schlafen in einem klitzekleinen Raum außerhalb des Hauses, direkt neben der Sauna.

Sechs Erwachsene, ein achtjähriges Zwillingspaar und zwei Hunde.

Eigentlich bin ich ein Familienmuffel. Die Erfahrungen mit und die Erinnerungen an meine Familie haben diese Haltung entwickelt.

Um so schöner, dass ich mich in dem Familienverbund meiner Liebsten wohl fühle. Nicht so wohl, dass ich mein genetisch bedingtes Bedürfnis nach Ruhe und Alleinsein gänzlich hinter mich ließe.

Aber dafür gab es ja die Sauna und lange Spaziergänge.

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Skandalös allerdings, dass es in der gesamten dänischen Datschalandschaft um uns herum nicht ein Cafe, Kiosk oder wenigstens eine Parkbank mit Kaffeeausschank gab.

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Deshalb bat ich die Liebste irgendwann, mich in der nächsten Kleinstadt, sieben Kilometer entfernt, abzuwerfen. Dort sollte es zwei Supermärkte geben und Einwohner.

Und folgerichtig spürte mein Survivalmodul auch eine, die einzige Bäckerei, mit vier Stühlen und zwei Tische draußen, auf.

Der Kaffee scheußlich, das Gebäck mega zuckerig konzentriert, aber Sonne auf dem Bauch und genügend Tinte im Füller.

Der Rückmarsch in praller Sonne, flirrender Luft und hochsommerlicher Gerüche war, bis auf die zwei Blasen, an jedem Fußballen eine, entzückend.

Ohne Ende Landschaft.

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Am Ende gab es sogar noch ein Reh und einen toten Schweinswal.

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Doch, Langeland. Du bist ein schönes Fleckchen Erde. Aber zu weit weg vom Sauerland.

 

Harte Zeiten

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„Ich arbeite gern. Aber die gehen mir alle auf den Keks.“

„Ja. Ich leb auch sehr gern. Wenn nur die Menschen nicht wären.“

Die zwei Frauen schauen sich an, kichern und gehen zu einem ihrer drei Jobs. Einmal Küchenhilfe, zweimal Raumkosmetik.´

Der alte Mann des Tonträgergeschäftes steht in der Tür und friert. Dann greift er, um sich aufzuwärmen, seinen abgenutzten Besen und versucht, Spinnenweben hinter dem blitzsauberen Fallrohr vor seinem Geschäft zu entfernen.

Die Spinnen haben sich aber schon lange hinter die CD´s und seiner Art ihrer Vermarktung zurückgezogen. Da sind sie sicher vor Veränderung.

Eine Taxifahrerin holt zwei Pizzen, drei mal Döner ohne scharf, zwei mal mit scharf, steigt tütenbepackt ins Auto und fährt zur Lieferadresse. Ein Traumjob. Ich bin mal mit einem Essen-auf-Rädern Auto unterwegs gewesen, mußte mich aber nach zehn Kilometern übergeben. Geruch und Schaukelei haben das ganz leicht ermöglicht.

Die Standhaften aus Lendringsen gehen in Berufung. Sie beharren auf ihr Recht, einen Nazinamen in ihrer Adresse zu haben. Die Judikative hat schon in der ersten Instanz eine Augenbraue nach oben gezogen. Kahle, Seidel, Wagenfeld. Alles astreine Nazis. Aber selbst, wenn man den drei Standhaften dreimal erklärt, dass auf sie keine Kosten zukämen, da die Stadt diese übernimmt, bleiben sie stur.

Es geht ums Prinzip und um das Recht auf einen Nazinamen auf einem Straßenschild vor dem Wohnzimmerfenster.

Jetzt darf der Gröfaz schon nicht mehr über dem Büffet hängen, da soll einem wenigstens die Seidel von draußen zuwinken.

An manchen Tagen ist es hier in Menden oder Lendringsen wie 1960, kurz vor der Einführung des Farbfernsehns.

Braun, braun braun, ist alles was ich denke.

Braun, braun, braun, ist alles, was ich mag.

Dann denke ich, ein Mann greife sich auffällig in den Schritt, dabei steckt er nur etwas in seine Bauchtasche. Die Uhr springt auf 1985. Da war das in den Schritt greifen grad hype.

Hyper, hyper, sitzt der eigentlich im Knast? Ich las da sowas. Scutin, Puter, nein Scooter, der wars.

Betrunkene Griechen mit hochrotem Gesicht versuchen schwankend, die Straße im 90° Winkel zu überqueren, dabei ist es erst 14.00 Uhr.

Hier heißt die Antwort auf die Frage: “Und? Wie geht’s“ , nicht wie üblich: „muss so“, sondern: „Ouzo“.

Ich sags euch. Harte Zeiten.

Lebensziele

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Zum Frühstück Sonne auf Croissant, Kaffee und Gesicht. Kleine Wohlfühldinge mit großer Wirkung, zudem der Vorsatz, gleich zu duschen.

Es könnte ein guter Tag werden.

Die Welt hat sich weitergedreht, ein Großteil der Menschheit ist wieder aufgewacht oder geht schlafen. Es ist neun Uhr. Noch hat niemand niemandem den Krieg erklärt und vielleicht kann das ja heute so bleiben.

„Ich hab unwahrscheinlich viele Punkte auf der Karte. Sind Sie schon gestochen worden? Drei Dinkel bitte,“

„Geht so. Vier Mal. Hier bitte.“

Die Bäckereifachverkäuferin arbeitet jeden Satz hintereinander ab. Es ginge auf Vollmond zu, meint sie. Da seien die Leute noch mehr gaga, meint sie.

Wie, um ihre Worte zu untermauern, stürmt il peto in den Laden, einen Zahnstocher im Mundwinkel, brabbelt kurz laut etwas auf griechisch, dann auf deutsch.

„Ha. Ich liebe Regen. Sonst in Griechenland immer heiß. 39°, 40°, heut sogar 42°, sagt Schwager. Hier gut. Nur Frauen sind bedeckt. Zuhause nicht. Ah, Kühl. Regen.“

Er verschwindet, ohne eine Bestellung abzugeben, oder ohne dass es regnen würde. In der gegenüberliegenden Spielhalle.

Dér Fahrer von Trans-o-flex versucht, die Wahrnehmung von Schrittgeschwindigkeit zu modifizieren. Alles unter 50 kmh ist Stillstand, ab 65kmh wird geschritten.

Der Stadtanzeiger – bei Fahrradprüfungen schwebt eine Hand immer sichernd über dem Waffenholster, vielleicht ist einer der Koten ja gewaltbereit – ermahnt den Fahrer, nicht so schnell mit den Paketen unter dem Arm zu rennen, da sonst die Ware beschädigt werden könnte. In seinem Beuteschema stehen erwachsene Fahradfahrer*innen ganz weit oben.

„Mich sehen Sie jetzt einen Monat nicht mehr.“

„Einen Monat. Wer hat denn so lange Urlaub“

„Ist kein Urlaub. Ich fahr nach Mekka. Der Reiseführer sagt, wir ziehen in Guppen um den Stein. Nicht mehr alle auf einmal. Vielleicht werden ja dieses Jahr nicht so viele totgetreten.“

„Mama! Wenn ich groß bin, möchte ich sooo einen dicken Bauch haben“, schreit ein adipöser Junge.

Sein Lebensziel scheint jedenfalls erreichbar.