Arrogant

Er saß im Sonnenschein auf einer dieser designten Holzbänke mit Kunststeineinfassung im Stadtzentrum. Neben ihm stand ein Thermobecher mit Kaffee, aus dem er manchmal trank, während er sich Notizen machte.

Den ganzen Tag hatte er noch keine Wort geredet. So war es ihm am liebsten.

Je mehr er sich mit Worten oder Sätzen seiner Sprache beschäftigte, je mehr er versuchte, Sätze so exakt wie möglich zu formulieren und zwar so, dass sie genau dem entsprachen, was er der Welt mitteilen wollte, desto weniger sprach er.

Die Worte, die beim Sprechen aus seinem Mund purzelten, trafen manchmal ins Schwarze, lagen aber häufig so weit neben dem Ziel, dass er immer und immer wieder einen Satz begann, stockte, überlegte, neu startete, um sich langsam der Aussage anzunähern, die er eigentlich machen wollte.

Sprechen war etwas Schnelles, Flüchtiges. Immer häufiger wurden seine Worte bei Gesprächen unverständlich, weil er noch beim Ausstoßen der Silben feststellte, dass es zu ungenau, zu stark oder schwach, jedenfalls nicht passend für eine korrekte Beschreibung der ihm vorschwebenden Situation war, aber das neue, genauere Wort schon parat stand und mit dem ausgestoßenen Laut gurgelnd ins Freie drang, was zwar ein Geräusch ergab, aber nicht wirklich von anderen verstanden werden konnte.

Genauigkeit war ihm wichtig, wichtiger als Schlagfertigkeit.

Er dachte nicht langsam. Ganz und gar nicht. Es gab nur so viele Worte, die etwas Ähnliches ausdrückten, aber nur eines, das exakt war. Das wollte erst mal gefunden werden.

Wenn er kein brauchbares Wort fand, was manchmal vorkam, baute er es. Er setzte Gefühl, Bewegung, Geruch oder Gegenstand zusammen, um ein treffendes Bild zu schaffen.

So saß er im maiheißen Sonnenschein, nippte kurz an seinem Kaffee und dachte über den zuvor geschriebenen Satz: „Manche Menschen lassen sich die Arroganz in die Augenbrauen tätowieren“, nach.

Das war doch nicht richtig. Sollte es nicht eher: „Manche Menschen lassen sich Arroganz anstelle der Augenbrauen tätowieren“ heißen?

Er schloß die Augen und stellte sich augenbrauentätowierte Menschen vor.

„Entschuldigung.“

Mit dem gesprochenen Wort wurde es schattig vor seinen geschlossenen Augen.

„Entschuldigung!“

Widerwillig öffnete er erst das rechte, dasnn das linke Auge. Die Hand mit dem Thermobecher zuckte. Aber er widerstand dem Impuls, den Inhalt Richtung Störenfried zu schleudern.

Vor ihm stand ein Mensch, männlich, mit neckischem Anglerhütchen, Hawaihemd, dreiviertel langen Shorts, weißen Socken und Sandalen.

„Können Sie mir sagen, wie ich zum Jobcenter komme?“

Eigentlich wollte er: „Verpiss Dich“ sagen, dann: „Nein“. Heraus kam ein hohles, verknotetes: „Pein“.

Er öffnete zwei-, dreimal den Mund, um seine Lippen und Kiefer unter Kontrolle zu bringen. Dabei entstand ein Geräusch, als würden Seifenblasen platzen.

„Ach. Du bist taubstumm, Du Armer. Dann muß ich halt jemand anderes fragen.“

Der Störenfried holte seine Geldbörse hervor, nahm eine Eineuromünze, warf das Geldstück in den Thermosbecher und ging weiter.

Manche Menschen sind auch ohne tätowierte Augenbrauen unerträglich arrogant, schrieb er als nächsten Satz.

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2 Kommentare zu „Arrogant

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