Irgendwas mit Tanzen

Die alten Männer des Tonträgergeschäftes stehen weißhaarig, die Bäuche mit Flanell und T-Shirt bedeckt, im Türrahmen des Tonträgergeschäftes, warten auf Kundschaft bis ihnen zu warm wird, und sie sich in die klimatisierte CD-Butze zurückziehen.

Der italienische Baumveredler, sonst mit dem Rad unterwegs, läßt den Motor seiner japanischen Güllepumpe vor der Zone aufheulen. Alle schauen. Ziel erreicht.

Wieder hat sich ein radikales, pseudoreligiöses Arschloch in die Luft gesprengt und jede Menge Menschen, diesmal in Manchester, ermordet.

Alles schreit nach Sicherheit.

Ein verständlicher Reflex, dann die leidige Diskussion um mehr Kameras, auch wenn die Diskutierenden wissen, dass durch Kameras nicht eine Straftat verhindert wird.

Jedes Märtyrerarschloch wird sich bei noch mehr Kameras die Hände reiben. Die aufgezeichneten Bilder vervielfältigen den Angstfaktor.

Die kommerziellen Medien, egal welcher Art, wissen das auch, aber Opferbilder bringen Klicks, Auflage, Quote.egal ob rechte, linke oder religiöse Bombe.

Ein kranker Scheiß.

Der Exekutive dieses Landes wird allenfalls noch mit Mißtrauen begegnet. (So viele Fehler muß man erst mal machen. Gibt es eigentlich bei dem rechten Dreck jemanden, der nicht für den Verfassungsschutz als V-Mann arbeitet?)

Wir rasen auf die Katastrophe zu.

Haha.

Diesen Satz schreibe ich, in den verschiedensten Variationen auch schon seit dreißig Jahren.

Dabei ist die Menschheit die Katastrophe. Doch hilft diese Einsicht nicht.

In Menden, wie überall auf diesem Planeten, geht für die Überlebenden das Leben weiter.

Polizeisirenen, jaulende Hunde, der alte Mann des Tonträgergeschäftes stellt ein Veranstaltungsplakat vor die Tür.

Irgendwas mit Tanzen.narrklein

Let the sunshine in

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Das Gießwasser für die Buchsbaumkiste fließt glitzernd in der Morgensonne durch die Fugen des Zonenpflasters.

Die Gewichtung des letzten Satzes liegt auf „Morgensonne“. Heißheißheiß. Endlich.

Mein Körper taut auf. Alle bösen Gedanken werden von Helios verbrannt.

Peter der Prächtige (Danke für die Formulierung, Frau Stegmann) schlendert mit dem Präsidenten, vertieft in ein Geschpräch, vorbei.

„Guten Morgen. Ich war im Krankenhaus. Bin aber schon wieder raus. Kleine Rippenprellung. Ich muß gleich, keine Ahnung, warum, zur Polizei. Jetzt ist der Kommissar in einer Vernehmung. Aber ich hab nichts gemacht. Echt nicht.“

In diesem klaren Sonnenlicht fühlt sich das Menschliche um mich herum viel liebenswürdiger an.

Alles hat eine leicht rosige Färbung. Wie kurz vor einem Sonnenbrand.

Zwei Griechinnen reißt eine Einkaufstüte. Zwei Kilo Tomaten rollen in die Zone.

Gekreisch. Gekicher. Tatsächlich bremsende Blechkotze.

Die Sonne macht es möglich.

Ein Hipster geht desinteressiert vorbei.

Der Hipsterbart des 21ten Jahrhunderts ist wie der Vokuhila des 19ten Jahrhunderts. HölleHölleHölle.

Schon kommt ein Strahl gebündelter Photonen und brennt die Spitze des Gedanken mit der Mahnung: „Brav sein“ weg.

Ich will ja brav sein, Sonne. Auch wenn es, angesichts hilfloser und genervter Eltern mit quengelnden Kindern, schwer fällt.

Kannst Du eigentlich Empathie einbrennen. Und vielleicht ein wenig Demut gegenüber allem was lebt. So Huckepack auf Deinen Sonnenstrahlen. Dann wären wir nach jedem Sonnenbad bessere Menschen.

Die Toren vom Sauerland

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Heute ist die gesamte – wie sag ich es bloß nett – lower intelligentia auf den Beinen, am Rollator oder an den Walking-Sticks.

Die Fachfrau für Kaffeeverbrennung grüßt freundlich, setzt sich ins Auto und fährt davon. Es ist noch zu früh, sich dem Geschwall von Plapper auszusetzen.

Die Rößler-Rentner winken mit allen Armen nach draußen, halten sich aber akustisch zurück.

Der komische Lyriker und der Präsident flanieren in die Frühstückspause und heben für einen Moment den allgemeinen IQ, aber kaum sind sie vorbei, sinkt das Level wieder auf beängstigend unterirdisch.

Viel altes Faltenfleisch ist unterwegs und genießt die letzten Tage, Einige von ihnen, recht viele eigentlich, tragen Pflaster oder Blessuren an Armen und/oder im Gesicht. Ich hoffe mal, es war persönliches Ungeschick und nicht die Hilfspflegekräfte.

Der pensionierte Fachlehrer für Rechtsaußen und Arschlochkunde wippt mit Händen in den Hosentaschen vor weiteren Rechtsaußen und strotzt vor Selbstbewußtsein.

„Hömma, Mädschen. Wo krieg isch in dieser Stadt denn billige Zähne“, fragt ein kleiner Bierbauchmann die Bäckereifachverkäuferin.

Die zuckt nur ein „Weiß ich nicht“ mit den Schultern, schweigt aber ansonsten. Ihr Bedarf an schlecht durchbluteten, kaum funktionierenden Gehirnen ist für diesen Tag gedeckt.

Die fahrenden Pflegekräfte versuchen, durch den verstopften Zonenhals zu lavieren.

DHL, UPS, Hermes, GLS, GPD, Lobbe, ein weißer Betonmischer, private Blechkotze, Elektriker, Schreiner, Klempner, alle mit Transporter, ein LKW für Resteessenverwertung, einer für medizinische Abfälle, ein LKW für Textilservice und Logistik, der Automatenauffüllerbulli versuchen das ebenso.

Das Verkehrskonzept Mendens und der Zustand der Straßen muß diesem Pool unterversorgter, schlecht funktionierender Gehirne entsprungen sein. Fahrradfahrer*innen in der Zone werden heftigst von der Polizei verfolgt, während die Blechkotze unbehelligt bleibt.

Es sollte nicht: “Menden, Tor zum Sauerland“ heißen.

Wie wäre es mit: “Menden, die Toren vom Sauerland“.

Rechtslinghausen

crazy

Eine Altenpflegehilfskraft schiebt eine Seniorin im Rollstuhl an mir vorbei. Die Beiden umgibt eine starke Aura der Unzufriedenheit.

Geht man zu nahe an ihnen vorbei, springt der Funke über. Man selber wird unzufrieden. Denkt an das eigene Älterwerden und weiß, das alles wird noch schlimmer mit den unqualifizierten Arbeitskräften.

Menschenpflege ist kein 450,- € Job.

Egal, ob die Menschen jung, krank, behindert oder alt sind.

Gestern war Wahl.

Am Grund der politischen Sickergrube gab es einen kleinen, neoliberalen Furz mit einer Blase, die es mit einem Rülpser bis zur Oberfläche schaffte.

Das NRW-Volk hat wirklich einen an der Marmel.

Heißt es jetzt eigentlich Rechtslinghausen?

Es ist, als flüsterten sich alle Recklingshausener*innen „Heil Hydra“ ins Ohr. Vielleicht sind das die letzten Auswirkungen des Kohlenstaubes, vielleicht haben sie zu viel Emscherwasser getrunken. Wer weiß das schon.

Um es mit E. Kästners Worten zu sagen: „Wird´s besser, wird’s schlechter? Seien wir ehrlich. Leben ist immer lebensgefährlich.

Nepper, Schlepper…

narrkleinDrei alte Damen stehen nebeneinander und besitzen mit ihrem indischen Kräuterseifeduft mindestens soviel Durchlagkraft wie Sarin oder Senfgas.

„Ich hatte letztes Jahr einen Schlaganfall im Stammhirn. Ich geh ausse Spur. Ich zieh nach rechts“, klagt eine von ihnen im Gewaber indischer Wohlgerüche.

Die Sonne scheint, in Menden ist schon wieder das Mittelalter ausgebrochen.

„Wenn ich nicht mindestens zwei Kaffee mit einem Espresso getrunken habe bevor ich was esse, bekomme ich Magenkrämpfe“, stöhnt eine junge Markttenderin in mittelalter Wolle.

Aber haben nicht erst die Türken den Kaffee nach Wien gebracht? Da war das Mittelalter schon lange tot.

Ihre Wolle riecht nach frischen Acrylamiden vom Vorabend, mit einem aktuellen Hauch öffentlicher Toilettenseife.

War wohl grad kein Wiesenschaumkraut zur Hand.

Weil das Mittelalter so fad und abgenudelt ist, haben die Veranstalter gedacht: Da muß frischer Wind rein. Verpflichten wir doch eine Quackenbrücker Postkutsche mit der Optik eines gelben Holzcontainers, gezogen von vier Kaltblütern. Hauptsache alt. Die Mendener kennen nicht den Unterschied von alt oder mittelalt. Noch nicht einmal beim Gouda.

Nein, Menden. Wenn ihr euch schon unbedingt Menschen, die in ihrer Kleidung wohnen, in die Stadt holen wollt, macht ein großes Obdachlosenfest.

Bewirtet für einen Tag die Hungrigen, Bedürftigen, Verzweifelten oder Heimatlosen der Umgebung.

Aber bitte nicht mehr so einen Bauernfängermarkt mit gebrannten Mandeln, Edelpopcorn und Dachfensterrollos.

„Gimpel rupfen“ heißt das in der Schaustellersprache.

Jetzt rate mal Menden, wer die Gimpel sind.

So ernst

Kleine griechische Kinder haben das Winken für sich entdeckt.

Sie stehen im Regen und winken, in neoprengorehightech Jacken eingewickelten, Menschen zu.

Die Wenigsten winken zurück.

Es regnet, es ist Maianfang und das Leben ist eine ernste Angelegenheit.

Da winkt man nicht einfach so. Schon gar nicht Kindern. Und nicht um diese Uhrzeit.

Der Ernst des Lebens hat sie alle fest im Griff.

Alles ist Ernst. Tonnenschwer ernst.

Das Klima, die Nazis, der amerikanische Präsident, die Bundeswehr, die Mode, das Schulsystem, der Innenminister, Politik an sich, alles so unglaublich ernst.

Wer Spaß am Leben hat ist unglaubwürdig und hat den Ernst nicht verstanden.

Nein. Da lache ich lieber.

Ich lache über alle Ernsthaften dieser Welt.

Über alle, die verbissen ihren heiligen Ernst verteidigen, und am meisten über die, die glauben, mit ihrer Ernsthaftigkeit auch die Wahrheit gepachtet zu haben.

20170421_220823Da sind Menschen so moralisch erhaben und gut, dass sie nicht daran denken, ihr gebrauchtes Geschirr, ihren Müll wegzuräumen.

Das sollen die anderen machen. Die nicht so erhaben und gut sind.

Die moralisch nicht so integer sind.

Die keine Führungskräfte im sozialen Bereich sind.

Die nicht so den Überblick über das Ganze haben.

Die eher für niedere Arbeiten und nicht für edle Gedanken geschaffen sind.

Die sollen das machen. Die da.

Die kriegen schließlich auch Geld dafür.

Mindestlohn?

Ja. Meinetwegen auch Mindestlohn. Ich würde ja für 8,50€ keinen Finger krumm machen.

Die haben es eben nicht gelernt. Sich zu verkaufen.

Bei uns wurde das im Grundkurs: Edle Menschen, erhaben und gut, Teil I, ausgiebig unterrichtet.

Da gab es Fächer wie: Sich verkaufen leicht gemacht – Arschloch sein und trotzdem glücklich –

Edel, erhaben und gut: Wie der Schein unser Sein bestimmt.

Ihr wollt Ordnung haben, wo es keine Ordnung geben kann. Es gibt kein ordentliches Leben. Leben ist immer Veränderung. Es geht immer hin und her. An dem ganzen YingYang-Gedudel ist ja etwas dran. Ordnung ins Chaos bringen, und der Beginn des Aufstands in der Ordnung.

Das gilt für die Gesellschaft, für den Geist und für den Körper.

´Lachte ich hysterisch, es wär genauso krankhaft ernst.

Nein. Ich lache euch doch nicht aus. Ich lache nur über eure ernsthaften Aussagen, eure ernsten Gesichter beim Verkünden der Nachrichten, über euer Verhalten in der Öffentlichkeit, ihr Edlen, Erhabenen und Guten. Das seid ja nicht ihr. Das ist nur das, was ihr uns allen zeigen wollt. Darüber lache ich.

Ihr selbst, wenn ihr alleine seid, schlagt doch auch die Hände über dem Kopf zusammen und sagt: „Was soll der ganze Scheiß eigentlich?“

Da lach ich nicht. 

Lachen und Neugierde liegen übrigens dicht beieinander.