Cashmere

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Seit drei Wochen, mindestens, werden wir mit hochgezüchteten Geruchsmolekülen unserer Nachbarin bombardiert.

Die Blüten im Garten können sich noch so viel anstrengen, ihr Duft wird erschlagen von einer Flasche, mindestens ausreichend für zwei Großfamilien, Cashmere.

Entweder hat sie den Parfumbottich zerschlagen, oder sie gießt täglich ihre Umgebung und Teile des Gartens, jedenfalls, so weit sie aus dem Fenster gießen kann, literweise mit unverdünntem Cashmere.

Ihr Mann dampft. Und ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass den Produzenten von E-Liquids nicht die Geschmacksrichtung Cashmere eingefallen ist. Der Gummibärchengeruch von verdampften Energydrinks ist schon schlimm genug.

Meine Liebste, die neben ihr, aber ein Stockwerk höher wohnt, klagt über Kopfschmerzen und brennenden Augen. Selbst bei geschlossenen Türen dringt der Kampfstoff durch die Poren des alten Hauses in alle Bereiche unseres Lebens, und bringt die Liebste dazu, sich am Gartentisch den großen Zeh zu stoßen.

Wieso tun Menschen das?

Können die sich selber nicht riechen?

Mag sein, die Olfaktorik von mir und meiner Liebsten ist sensibler als die von anderen, aber es ist ja an der Möhne, in einem geparkten Auto mit geschlossenen Fenstern und zwei Mädels als Insassinnen, geschehen, dass sie sich, nach einer ausgiebigen Deodorantdusche im Wagen, mit einer entspannenden Zigarette selbst in die Luft sprengten.

Nochmal. Wieso tun Menschen das?

Wieso müssen wir Amy Sedaris, mit ihren duftigen Splittergranaten für dauerhafte Chemievergiftung im Fernsehn ertragen?

Wer bringt uns bloß bei, dass wir parfümiert sein müssen?

Was einstmal etwas Besonderes war – Heut ist ein großer Tag. Heut leg ich etwas Parfum auf – ist einem dekadenten Gerangel um den intensivsten Geruch gewichen.

Ich mag ja die Vorstellung von zyklischen Ereignissen. Vielleicht sind wir wieder im Barock, wo waschen als bäurisch galt.

Also her mit dem Duftwasser. Und schütt auch was in die Ecke. Irgendwer hat da hingekackt.

Arrogant

Er saß im Sonnenschein auf einer dieser designten Holzbänke mit Kunststeineinfassung im Stadtzentrum. Neben ihm stand ein Thermobecher mit Kaffee, aus dem er manchmal trank, während er sich Notizen machte.

Den ganzen Tag hatte er noch keine Wort geredet. So war es ihm am liebsten.

Je mehr er sich mit Worten oder Sätzen seiner Sprache beschäftigte, je mehr er versuchte, Sätze so exakt wie möglich zu formulieren und zwar so, dass sie genau dem entsprachen, was er der Welt mitteilen wollte, desto weniger sprach er.

Die Worte, die beim Sprechen aus seinem Mund purzelten, trafen manchmal ins Schwarze, lagen aber häufig so weit neben dem Ziel, dass er immer und immer wieder einen Satz begann, stockte, überlegte, neu startete, um sich langsam der Aussage anzunähern, die er eigentlich machen wollte.

Sprechen war etwas Schnelles, Flüchtiges. Immer häufiger wurden seine Worte bei Gesprächen unverständlich, weil er noch beim Ausstoßen der Silben feststellte, dass es zu ungenau, zu stark oder schwach, jedenfalls nicht passend für eine korrekte Beschreibung der ihm vorschwebenden Situation war, aber das neue, genauere Wort schon parat stand und mit dem ausgestoßenen Laut gurgelnd ins Freie drang, was zwar ein Geräusch ergab, aber nicht wirklich von anderen verstanden werden konnte.

Genauigkeit war ihm wichtig, wichtiger als Schlagfertigkeit.

Er dachte nicht langsam. Ganz und gar nicht. Es gab nur so viele Worte, die etwas Ähnliches ausdrückten, aber nur eines, das exakt war. Das wollte erst mal gefunden werden.

Wenn er kein brauchbares Wort fand, was manchmal vorkam, baute er es. Er setzte Gefühl, Bewegung, Geruch oder Gegenstand zusammen, um ein treffendes Bild zu schaffen.

So saß er im maiheißen Sonnenschein, nippte kurz an seinem Kaffee und dachte über den zuvor geschriebenen Satz: „Manche Menschen lassen sich die Arroganz in die Augenbrauen tätowieren“, nach.

Das war doch nicht richtig. Sollte es nicht eher: „Manche Menschen lassen sich Arroganz anstelle der Augenbrauen tätowieren“ heißen?

Er schloß die Augen und stellte sich augenbrauentätowierte Menschen vor.

„Entschuldigung.“

Mit dem gesprochenen Wort wurde es schattig vor seinen geschlossenen Augen.

„Entschuldigung!“

Widerwillig öffnete er erst das rechte, dasnn das linke Auge. Die Hand mit dem Thermobecher zuckte. Aber er widerstand dem Impuls, den Inhalt Richtung Störenfried zu schleudern.

Vor ihm stand ein Mensch, männlich, mit neckischem Anglerhütchen, Hawaihemd, dreiviertel langen Shorts, weißen Socken und Sandalen.

„Können Sie mir sagen, wie ich zum Jobcenter komme?“

Eigentlich wollte er: „Verpiss Dich“ sagen, dann: „Nein“. Heraus kam ein hohles, verknotetes: „Pein“.

Er öffnete zwei-, dreimal den Mund, um seine Lippen und Kiefer unter Kontrolle zu bringen. Dabei entstand ein Geräusch, als würden Seifenblasen platzen.

„Ach. Du bist taubstumm, Du Armer. Dann muß ich halt jemand anderes fragen.“

Der Störenfried holte seine Geldbörse hervor, nahm eine Eineuromünze, warf das Geldstück in den Thermosbecher und ging weiter.

Manche Menschen sind auch ohne tätowierte Augenbrauen unerträglich arrogant, schrieb er als nächsten Satz.

Irgendwas mit Tanzen

Die alten Männer des Tonträgergeschäftes stehen weißhaarig, die Bäuche mit Flanell und T-Shirt bedeckt, im Türrahmen des Tonträgergeschäftes, warten auf Kundschaft bis ihnen zu warm wird, und sie sich in die klimatisierte CD-Butze zurückziehen.

Der italienische Baumveredler, sonst mit dem Rad unterwegs, läßt den Motor seiner japanischen Güllepumpe vor der Zone aufheulen. Alle schauen. Ziel erreicht.

Wieder hat sich ein radikales, pseudoreligiöses Arschloch in die Luft gesprengt und jede Menge Menschen, diesmal in Manchester, ermordet.

Alles schreit nach Sicherheit.

Ein verständlicher Reflex, dann die leidige Diskussion um mehr Kameras, auch wenn die Diskutierenden wissen, dass durch Kameras nicht eine Straftat verhindert wird.

Jedes Märtyrerarschloch wird sich bei noch mehr Kameras die Hände reiben. Die aufgezeichneten Bilder vervielfältigen den Angstfaktor.

Die kommerziellen Medien, egal welcher Art, wissen das auch, aber Opferbilder bringen Klicks, Auflage, Quote.egal ob rechte, linke oder religiöse Bombe.

Ein kranker Scheiß.

Der Exekutive dieses Landes wird allenfalls noch mit Mißtrauen begegnet. (So viele Fehler muß man erst mal machen. Gibt es eigentlich bei dem rechten Dreck jemanden, der nicht für den Verfassungsschutz als V-Mann arbeitet?)

Wir rasen auf die Katastrophe zu.

Haha.

Diesen Satz schreibe ich, in den verschiedensten Variationen auch schon seit dreißig Jahren.

Dabei ist die Menschheit die Katastrophe. Doch hilft diese Einsicht nicht.

In Menden, wie überall auf diesem Planeten, geht für die Überlebenden das Leben weiter.

Polizeisirenen, jaulende Hunde, der alte Mann des Tonträgergeschäftes stellt ein Veranstaltungsplakat vor die Tür.

Irgendwas mit Tanzen.narrklein

Let the sunshine in

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Das Gießwasser für die Buchsbaumkiste fließt glitzernd in der Morgensonne durch die Fugen des Zonenpflasters.

Die Gewichtung des letzten Satzes liegt auf „Morgensonne“. Heißheißheiß. Endlich.

Mein Körper taut auf. Alle bösen Gedanken werden von Helios verbrannt.

Peter der Prächtige (Danke für die Formulierung, Frau Stegmann) schlendert mit dem Präsidenten, vertieft in ein Geschpräch, vorbei.

„Guten Morgen. Ich war im Krankenhaus. Bin aber schon wieder raus. Kleine Rippenprellung. Ich muß gleich, keine Ahnung, warum, zur Polizei. Jetzt ist der Kommissar in einer Vernehmung. Aber ich hab nichts gemacht. Echt nicht.“

In diesem klaren Sonnenlicht fühlt sich das Menschliche um mich herum viel liebenswürdiger an.

Alles hat eine leicht rosige Färbung. Wie kurz vor einem Sonnenbrand.

Zwei Griechinnen reißt eine Einkaufstüte. Zwei Kilo Tomaten rollen in die Zone.

Gekreisch. Gekicher. Tatsächlich bremsende Blechkotze.

Die Sonne macht es möglich.

Ein Hipster geht desinteressiert vorbei.

Der Hipsterbart des 21ten Jahrhunderts ist wie der Vokuhila des 19ten Jahrhunderts. HölleHölleHölle.

Schon kommt ein Strahl gebündelter Photonen und brennt die Spitze des Gedanken mit der Mahnung: „Brav sein“ weg.

Ich will ja brav sein, Sonne. Auch wenn es, angesichts hilfloser und genervter Eltern mit quengelnden Kindern, schwer fällt.

Kannst Du eigentlich Empathie einbrennen. Und vielleicht ein wenig Demut gegenüber allem was lebt. So Huckepack auf Deinen Sonnenstrahlen. Dann wären wir nach jedem Sonnenbad bessere Menschen.

Die Toren vom Sauerland

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Heute ist die gesamte – wie sag ich es bloß nett – lower intelligentia auf den Beinen, am Rollator oder an den Walking-Sticks.

Die Fachfrau für Kaffeeverbrennung grüßt freundlich, setzt sich ins Auto und fährt davon. Es ist noch zu früh, sich dem Geschwall von Plapper auszusetzen.

Die Rößler-Rentner winken mit allen Armen nach draußen, halten sich aber akustisch zurück.

Der komische Lyriker und der Präsident flanieren in die Frühstückspause und heben für einen Moment den allgemeinen IQ, aber kaum sind sie vorbei, sinkt das Level wieder auf beängstigend unterirdisch.

Viel altes Faltenfleisch ist unterwegs und genießt die letzten Tage, Einige von ihnen, recht viele eigentlich, tragen Pflaster oder Blessuren an Armen und/oder im Gesicht. Ich hoffe mal, es war persönliches Ungeschick und nicht die Hilfspflegekräfte.

Der pensionierte Fachlehrer für Rechtsaußen und Arschlochkunde wippt mit Händen in den Hosentaschen vor weiteren Rechtsaußen und strotzt vor Selbstbewußtsein.

„Hömma, Mädschen. Wo krieg isch in dieser Stadt denn billige Zähne“, fragt ein kleiner Bierbauchmann die Bäckereifachverkäuferin.

Die zuckt nur ein „Weiß ich nicht“ mit den Schultern, schweigt aber ansonsten. Ihr Bedarf an schlecht durchbluteten, kaum funktionierenden Gehirnen ist für diesen Tag gedeckt.

Die fahrenden Pflegekräfte versuchen, durch den verstopften Zonenhals zu lavieren.

DHL, UPS, Hermes, GLS, GPD, Lobbe, ein weißer Betonmischer, private Blechkotze, Elektriker, Schreiner, Klempner, alle mit Transporter, ein LKW für Resteessenverwertung, einer für medizinische Abfälle, ein LKW für Textilservice und Logistik, der Automatenauffüllerbulli versuchen das ebenso.

Das Verkehrskonzept Mendens und der Zustand der Straßen muß diesem Pool unterversorgter, schlecht funktionierender Gehirne entsprungen sein. Fahrradfahrer*innen in der Zone werden heftigst von der Polizei verfolgt, während die Blechkotze unbehelligt bleibt.

Es sollte nicht: “Menden, Tor zum Sauerland“ heißen.

Wie wäre es mit: “Menden, die Toren vom Sauerland“.

Rechtslinghausen

crazy

Eine Altenpflegehilfskraft schiebt eine Seniorin im Rollstuhl an mir vorbei. Die Beiden umgibt eine starke Aura der Unzufriedenheit.

Geht man zu nahe an ihnen vorbei, springt der Funke über. Man selber wird unzufrieden. Denkt an das eigene Älterwerden und weiß, das alles wird noch schlimmer mit den unqualifizierten Arbeitskräften.

Menschenpflege ist kein 450,- € Job.

Egal, ob die Menschen jung, krank, behindert oder alt sind.

Gestern war Wahl.

Am Grund der politischen Sickergrube gab es einen kleinen, neoliberalen Furz mit einer Blase, die es mit einem Rülpser bis zur Oberfläche schaffte.

Das NRW-Volk hat wirklich einen an der Marmel.

Heißt es jetzt eigentlich Rechtslinghausen?

Es ist, als flüsterten sich alle Recklingshausener*innen „Heil Hydra“ ins Ohr. Vielleicht sind das die letzten Auswirkungen des Kohlenstaubes, vielleicht haben sie zu viel Emscherwasser getrunken. Wer weiß das schon.

Um es mit E. Kästners Worten zu sagen: „Wird´s besser, wird’s schlechter? Seien wir ehrlich. Leben ist immer lebensgefährlich.

Nepper, Schlepper…

narrkleinDrei alte Damen stehen nebeneinander und besitzen mit ihrem indischen Kräuterseifeduft mindestens soviel Durchlagkraft wie Sarin oder Senfgas.

„Ich hatte letztes Jahr einen Schlaganfall im Stammhirn. Ich geh ausse Spur. Ich zieh nach rechts“, klagt eine von ihnen im Gewaber indischer Wohlgerüche.

Die Sonne scheint, in Menden ist schon wieder das Mittelalter ausgebrochen.

„Wenn ich nicht mindestens zwei Kaffee mit einem Espresso getrunken habe bevor ich was esse, bekomme ich Magenkrämpfe“, stöhnt eine junge Markttenderin in mittelalter Wolle.

Aber haben nicht erst die Türken den Kaffee nach Wien gebracht? Da war das Mittelalter schon lange tot.

Ihre Wolle riecht nach frischen Acrylamiden vom Vorabend, mit einem aktuellen Hauch öffentlicher Toilettenseife.

War wohl grad kein Wiesenschaumkraut zur Hand.

Weil das Mittelalter so fad und abgenudelt ist, haben die Veranstalter gedacht: Da muß frischer Wind rein. Verpflichten wir doch eine Quackenbrücker Postkutsche mit der Optik eines gelben Holzcontainers, gezogen von vier Kaltblütern. Hauptsache alt. Die Mendener kennen nicht den Unterschied von alt oder mittelalt. Noch nicht einmal beim Gouda.

Nein, Menden. Wenn ihr euch schon unbedingt Menschen, die in ihrer Kleidung wohnen, in die Stadt holen wollt, macht ein großes Obdachlosenfest.

Bewirtet für einen Tag die Hungrigen, Bedürftigen, Verzweifelten oder Heimatlosen der Umgebung.

Aber bitte nicht mehr so einen Bauernfängermarkt mit gebrannten Mandeln, Edelpopcorn und Dachfensterrollos.

„Gimpel rupfen“ heißt das in der Schaustellersprache.

Jetzt rate mal Menden, wer die Gimpel sind.