Evolution

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Es bedarf immer einer großen, inneren Stärke, am frühen Morgen, bei diesem alten, kalten April, beim Anblick der mich umgebenden Menschen, bei dem herrschenden, politischen Geschwurbel, bei der durchrauschenden, stinkenden Blechkotze, bei dem Gebell und Gejaule des großen Hundes vom Einarmigen durch die ganze Nacht, beim Betrachten der erfrorenen Triebe des Walnussbaumes, nicht einfach die Mauern hochzuziehen und zu sagen: „Leckt mich doch alle“, „Blas mir aufm Kopp“, „Geht mir am Arsch vorbei.“

Gut, dass ich mich im Urlaub erholt habe.

Menden hat rot-gelb geflaggt. Jetzt wohne ich schon so lange hier, aber die Bedeutung der Beflaggung erschließt sich mir nicht.

Vielleicht hab ich es auch schon mal gewußt und wieder vergessen. Es wird was kirchliches sein, oder der Zirkus ist in der Stadt, oder beides.

Des Bratwurstmanns Bude wird von zwei Fleischereifachverkäuferinnen an ihren Platz geschoben.

„Bratwurstmann, ach Bratwurstmann.

Heut brennt Dir nicht die Bratwurst an“,

beten sie beide, bekreuzigen sich und verschwinden wieder, um totes Fleisch zu schneiden.

„Sind Sie wieder am studieren“, werde ich von einer älteren Frau gefragt, die mir seit einem Jahr regelmäßig zuwinkt.

„Ich denke“, antworte ich.

„Wie bitte?“

„Denken.“

„Aha.“

Hier in Menden wird ein speziell belegtes Brötchen „Roter Baron“ genannt. Heldenvereehrung der besonderen Art. (Vielleicht sollte ich es mal Christian v. Richthofen schicken. Hallo Christian.)

Was wäre es doch für ein evolutionärer Fortschritt, ließen wir den Status und das Verhalten von Schimpansen hinter uns und übernähmen die gesellschaftlichen Strukturen der Bonobos.

Kein: „Gleich gibt’s auf die Fresse.“

Kein: „Knie nieder, ich bin der König.“

Kein: „Meine Yacht, mein Haus, mein Auto, meine Frau, mein Hund, mein Kind.“

Das haben wir doch lange genug probiert, und was ist dabei herausgekommen?

Schmerzen, Zerstörung, Katastrophen.

Wir sind ungeschlagene Weltmeister im Niedermachen anderer.

Es ist beruhigend zu wissen, dass das Y-Chromosom sich demnächst selber abschafft. Reparieren kann es sich nicht. Also immer und immer wieder die gleichen Fehler?

„Uga, Uuga. Nochmal.“

Bringt doch nichts. Was hat es denn in der Menschheitsgeschichte für männliche Erfolge gegeben?

Krieg machen, Menschen töten, Maschinen bauen, ausrasierte HJ-Frisuren tragen.

Die Krone der Schöpfung ist aus Kunststoff oder Metall, und dient dazu, den karieszerfressenen Korpus zu verbergen.

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Oschentoschen, oder Urlaub im Breisgau

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Zack.

Schon kocht das Blut auf großer Flamme.

„Ich muß hier raus. Hier werd ich aggressiv.“

Während die Liebste mit unserer Gastgeberin in einem französischen Supermarkt, mit den Außmassen einer Kleinstadt und dem Namen „Cora“, das Abendessen erlegt, bricht mein System friedfertiger Zurückhaltung nach exakt vierundsechszig Sekunden zusammen, überläßt mich meinen gewalttätigen Aggressionen, denen ich mich, nach der hektischen Schaukelei in der italienischen Fiatzitrone, in keinster Weise gewachsen fühle.

Also bin ich nach sechsundsechsig Sekunden wieder draußen.

Die Mädels können das gut alleine.

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Der hochglanzlackierte Holzfußboden im Einzelgeschäftsbereich innerhalb der Verbrauchsgüteranlage wirkt sich halluzinatorisch auf meine Psyche aus.

Sechzig Prozent der hiesigen Bevölkerung wähle Front National, meint unsere Gastgeberin, Faschistenscheiße meine ich, aber diese Info trägt auch nicht zu einer psychischen Verbesserung bei.

Aber wie bei Dylon Thomas: To begin at the beginning, bitteschön.

Fünf Tage Ending Urlaub mit der Liebsten. Besuch bei Freunden mit Blick auf den Kaiserstuhl.

Die Freunde sind über Ostern im Ruhrgebiet und nehmen uns auf dem Rücksitz des italienischen Dieselflitzers mit.

Je tiefer wir in den Süden vordringen, desto kälter wird es.

Noch eine Woche zuvor waren es siebenundzwanzig Grad, erzählt uns unser Gastgeber bei einer Zigarette auf dem Balkon.

Jetzt sind es maximal sieben Grad im wilden Breisgau.

Der Kaiserstuhl winkt nebelverhangen ins Wohnzimmer. Wir winken fröstelnd zurück.

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Am nächsten Tag, unsere Gastgeber haben uns ihr Bett überlassen und schlafen im Wohnzimmer auf einer aufblasbaren Matraze, nimmt uns die Gastgeberin, nach dem Frühstück in der Kleinststadt mit nach Frankreich zum Einkaufen.

Cora heißt der Supermarkt, in dem ich nach einer Minute und vier Sekunden die Fassung verliere und mich von den Damen trenne.

Draußen durchatmen, frische Luft, irgendwie realisieren, dass das hier Frankreich ist.

Der Storch auch dem Parkplatz hilft zwar nicht, beruhigt aber ein wenig meine Nerven.

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Drinnen wieder dieser glänzende Bootslackfußboden.

Die Stornofrauen tragen Rollschuhe und flitzen bei Bedarf zu den Kassen, machen dabei kräftig Kilometer, und wenn sie etwas Glitzer trügen, wäre es fast wie in einer Starlight-Inszenierung.

Es ist eindeutig Frankreich, da alle französisch sprechen.

In einer Brasserie bestell ich einen grand cafe noir et un croissant und stelle überrascht fest, dass es funktioniert.

Soviel sei gesagt: Die französischen Croissants schmecken um Längen besser als die deutschen. Und weil die Mädels noch brauchen: encore une fois.

Zurück über die mautfreie Autobahn, über Rhein 1 und Rhein 2 Richtung Ending, sieht unsere Gastgeberin aufgehängten, mit bunten, glänzenden Bändern geschmückten Reisig und biegt sofort, mit freudiger Erwartung in der Stimme, in die Richtungab, in der die Besenspitze zeigt.

„Besenwirtschaft. Besenwirtschaft“, wiederholt unsere Gasgeberin mantramäßig und erklärt, dass manche Weingute manchmal privat Essen verkaufen, wenn etwas übrigbleibt.

Die gefundene Besenwirtschaft allerdings ist ein Besenfake, weil professionelles Restaurant. Also ein Lockbesen. Dann hält sie an einer Eisdiele gegenüber eines Kirschenmuseums, und wenn die Kälte nicht wäre,…na ja.

Abends kocht sie uns ein richtig leckeres Essen, und nach Bier und Pastis reicht es dann auch für den Tag.

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Colmar. Stadt der Kunstharz-Freiheitsstatue, leckeren Croissants, alten Häuserzeilen, Ziegen vor der Kirche und dem Klostermuseum „unter Linden“.

Die Fachwerkhäuser am Anfang der Altstadt sind renoviert, je tiefer man geht, dest schmuddeliger werden sie. Aber es tut gut, mal wieder blinkende, französische Apothekenschilder, Tabak-Schilder oder Pastiswerbung zu sehen.

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Das Museum ist eine Wucht im Kloster.

Die Treppenhäuser, die alten und neuen Abteilungen, der Neubau an sich, der Kreuzgang mit Innenhof, sind schon sehenswert, die Exponate, von Pfeilspitze bis Monet, Picasso, Dix, Niklaus von Hagenau, Grünewald und wie sie alle heißen mögen, sehr beeindruckend.

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Nach sechs Stunden sind wir platt. Kunst kucken ist auch Arbeit.

Am Abend gibt es den großen Sternenhimmel.

Wenn auch „nur“ ein Stern, gehen wir zu Merkles in Ending. Sterneküche, wo man sie nicht unbedingt erwartet.

Es war ein Erlebnis an Geschmack und Genuß, und für meine Liebste und mich eine Premiere.

Allerdings ist das Einzge an Sternevokabular, das bei mir hängengeblieben ist, der mit Soja lackierte Pak Choi.

Der Rest ist in meiner Begeisterung für Essen und Trinken und im badischen Akzent leider untergegangen.

Deswegen heißt der Single malt, den unser Gastgeber und ich zum Abschluß trinken, auch Oschentosch. Natürlich heißt er nicht wirklich so, aber wir haben die Flasche fotografiert, weil der richtig lecker war und wir sicherlich die eine oder andere Flasche bestellen werden.

Am Donnerstag fahren die Liebste und unsere Gastgeberin nach Freiburg. Da ich aber keine Lust auf Wühlen im Waschbärdepot habe, bleibe ich mit mehreren Optionen zurück.

Schlafen, Spazierengehen, Fahrradfahren.

Es werden die ersten beiden Möglichkeiten.

Nach einem ausgiebigen Nickerchen beschließe ich, den fast Achttausender, in gerader Blickrichtung vom Balkon, diesen Tag zu besteigen.

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Es ist klar, kalt und sonnig, und nach einigen netten Innenstadtknipsereien mache ich mich auf den Weg zur Katharinenkapelle.

Wein, wohin man blickt. Überall grün, kaum Menschen, Schnee auf dem Schau-ins-Land und aufwärts geht es.

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Nach der Hälfte des Weges ist der Gedanke an ein Biwak an den steilen Hängen des Mischwaldes recht verlockend, aber nach einer angeregten Unterhaltung mit einem Mist- und einem Maikäfer entscheide ich mich stattdessen für einen Durchmarsch bis zum Gipfel.

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Die letzten fünfhundert Meter bin ich Lois Trenker: „Auffi geht’s, Buam“, und Wolfgang Ambros: „Vatter. Der Berg ruaft“ sehr nahe.

Oben steht eine geschlossene, kleine Kapelle und ein noch kleinerer, geschlossener Kiosk.

Vier weitere Wanderer sind schon da und drehen sich zu mir um, um zu sehen, wer da so schnauft.

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Die Aussicht nach Ending ist recht schlecht, da alles zugewuchert ist. Aber mir ist weniger nach Aussicht als mehr nach Luft schnappen. Ich bin ja keiner von den Pussies, die Sauerstoff auf den Achttausender mitnehmen Und von badischen Sherpas hab ich im Basislager nichts gesehen.

Zurück nehme ich einen anderen Abstieg, überlege kurz, ob ich dem Kräuterpfad folgen soll, das wäre aber ein Umweg nach Ending. Lieber nicht. Ich will die Reserven nicht restlos aufbrauchen. Also rechts in den Hohlweg, was keine schlechte Entscheidung ist. Der Weg wirkt, als hätte man ihn aus dem Berg geschnitten. In die Wände aus festem Sand haben Jugendliche der Umgebung Herzchen, Liebesbotschaften oder Fangeschwafel geritzt.

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Am Ende des Weges komme ich genau an der Stelle heraus, an der ich den Aufstieg begann. Perfekt. Es ist jetzt nicht mehr weit bis zum Basislager. Das Bett ruft, die Knochen knirschen, ein ausgewachsener Muskelkater wird geboren. Oh je. Und der Tag der körperlichen Urlaubsbelastung liegt noch vor mir. Morgen. Dann geht es nämlich nach Rust in den Europapark.

Kurz vor neun starten mein Gastgeber und ich ohne Frühstück. Rust liegt um die Ecke.

Vor eineinhalb Jahren schenkten mir Gastgeberin und Gastgeber einen Eintrittskartengutschein für zwei Personen für eben diesen Park. Da aber meine Liebste kein Fan von Achterbahnen ist, fahren der Gastgeber und ich, um das Geschenk einzulösen. (Am Ende des Tages nennen wir uns gegenseitig CoasterBuddy.)

Es gab den Tipp, antizyklisch vorzugehen, und gleich zu Beginn die Parkbahn zu nehmen, um am Ende des Parks mit der Achterbahn zu beginnen. Diesen Tipp lese ich auch einen Tag später in der Zeitung der DB.

Kein guter Tipp, wie sich herausstellt. Wir beginnen mit Wodan, der Holzbahn im mystischen Island. Ein bißchen Mordor, etwas Thor und Odin, viel dunkles Gewisper und fünfzig Minuten Anstehzeit.

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Rasant und rappelig, nicht unbedingt zwei Worte, die ich zusammen in Verbindung mit Achterbahnen sehe, geht es rauf und runter. Eine gute Einstimmung mit nüchternen Magen für den Tag. Nachdem Wotan uns ausgespuckt hat, landen wir direkt bei GazProm, dem Sponsor der nächsten Bahn. Würde Exkanzler Schröder hier den Streckenwärter machen, ich wäre nicht überrascht. Außerdem drängt sich uns die Frage auf, was GazProm mit Island zu tun hat. Die Bahn allerdings ist knorke. Looping, Längsdrehungen um die eigene Achse mal rechts, mal links, knapp vorbei an Halsbrecherisch und wirklich jaaaaa. Anstehzeit fünfundvierzig Minuten.

Der Park ist jetzt wirklich voll. Unmengen von Menschen in dieser perfekten Scheinwelt. Keine Wasserbahn, sagen wir uns. Wir wollen nicht den Rest des Tages mit nassen Klamotten herumlaufen. Also weiter zu den Russen.

Leider ist die Mir geschlossen. Schade. Ich hätte gerne den exakten Nachbau der Friedensraumstation gerne von innen gesehen. Also stellen wir uns bei der Bahn an. Fünfundvierzig Minuten. Man sieht nicht viel von der Bahn, und gefährlich sieht das, was man sieht, auch nicht aus. Diese Meinung ändert sich schlagartig, als wir indoor den Raketenkorpus nach oben umrundet haben und ins Freie rollen. Die Wagen drehen sich, der Blick geht barrierefrei tief nach unten. Wir haben das zweifelhafte Vergnügen, den Großteil der steilen Abfahrten und Kurven rückwärts zu erleben, und als wir aussteigen, sind wir Coasterbuddies uns einig, dass das heftig war. Endlich zittern die Knie. Jetzt verlangt der Magen dringend eine Stärkung. In der Schweiz gibt Käse und Brot für meinen Buddy und Omas Apfelkuchen und Kaffee für mich. Es dauert allerdings nicht lange, bis uns das Schweizer Gejodel und Gedudel gehörig auf den Sack gehen. Trotzdem probieren wir nach der ersten Verpflegung die Bobbahn. Anstehzeit fünfzehn Minuten. Warum die Umstehenden lachen, als ich mich vor meinen Buddy, der schon sitzt, in den Bob quetsche, bleibt uns verborgen. Aber die Stimmung ist gut und die Bahn so na ja. Schweiz halt.

Jetzt aber. Wir sind hier wegen Geschwindigkeit. Temporausch. Das verspricht der Silver Star mit fünzig Minuten Wartezeit. Nico Rossberg lobt die Bahn, erzählt aus großen Bildschirmen, dass es ein Feeling wie Rennfahren sei und wir würden jetzt seine Welt erleben. Die Umgebung ist das perfekte Werbeumfeld für Mercedes Benz und die Geräusche von vorbeirasenden Rennmaschinen stimmt uns langsam auf die Bahn ein. Vier Minuten soll die Fahrt dauern, zwanzig Sekunden Schwerelosigkeit wird uns versprochen und G-Kräfte wie in einem Rennauto. Der Start ist ähnlich mit Ampeln geregelt wie bei einem richtigen Rennen. Als dann endlich alle Lampen grün leuchten, verschaltet sich Herr Rossberg, Wir starten im dritten Gang, langsam hoppel, ruckel, nicht wie bei GazProm, wo wir rausgeschossen wurden, dann geht es siebzig Meter steil aufwärts und ab in den freien Fall. Alles ist geschmeidig, geleckt, wie man es von Benz nicht anders erwartet, und an den Griffen sind sogar Pulszähler. Meine Pulsbreite liegt zwischen neunzig und hundertzwanzig, bei meinem Buddy ähnlich. Wenn das einem Rennerlebnis gleichkommen soll, werd ich auch Rennfahrer.

Bei den Griechen, Pegasus läßt grüßen, beginnt die Virtualität. Wir zahlen einen kleinen Extraobolus für die VR-Brille und fahren damit Achterbahn. Das hat etwas. Kaum beginnt die Fahrt, werden wir alle zu Comicfiguren, und als die echte Achterbahn steil abwärts fährt, vermittelt uns die Brille, dass die Schienen weggebrochen sind und wir in einen Abgrund stürzen. Zum Glück kommt der Sohn des Frankenstein, fängt uns auf und geleitet uns in den sicheren Hafen. Wenn auch noch ausbaufähig, beeindruckt diese Kombination von virtuell und real doch sehr. Das gilt auch für den Alpenexpress, auch wenn es da nicht ganz so fluppte.

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Nachmittagspause mit Fish&Chips. Mein Coasterbuddy schwärmt von der Detailversessenheit innerhalb dieser künstlichen Welt, muß dann aber doch lachen, da die Fakezeitung, in der das Essen serviert wird, eine Leipziger Zeitung von 1930 darstellen soll.

Nach den Chips mache ich den Vorschlag, doch in die Arthur und die Minimoysbahn zu gehen, was sich als fataler Fehler herausstellt. Anstehzeit fünfundreißig Minuten, zeigt das Schild, aber es dauert mindestens doppelt so lange, und die Bahn ist dann doch eher was für Kinder.

Um Sechs werden wir von unseren Liebsten kontaktiert, wann und wo wir uns denn zum Abendessen treffen wollen, und halb acht in der hiesigen Tapasbar ist ein vernünftiger Vorschlag. Das reicht für mindestens eine Fahrt mit langen Anstehzeiten, die aber gar nicht mehr so lang sind, da sich der Park doch merklich geleert hat. Wir entscheiden uns für die Russen, weil am beeindruckendsten, aber beim zweiten Mal, wieder größtenteils rückwärts, ist der Schreck verflogen und es ist nur noch gut.

In der Tapasbar ist auch Achterbahn, wenigstens bei zwei Servicekräften. Die Datteln im Speckmantel sind aus, niemand hat Stockfisch bestellt, der Kaffee für die Liebste ist so falsch wie die Mariachi Band oder die Flamencotänzer*innen.

Bei der Heimfahrt bietet uns die badische Dorfidylle noch eine Überraschung, als wir an einem Veranstaltungshaus vorbeifahren, und einer Sporttanzgruppe beim Umkleiden zuschauen können.

Was für ein toller Tag, sagt mein Kopf, während der Muskelkater vom Vortag mindestens Drillinge bekommt.

Am nächsten Tag, nach einem ausgiebigen Frühstück nehmen wir den Zug und sind nach fünfmaligem Umsteigen trotzdem pünktlich daheim.

Was für eine tolle Woche. Mein großer Dank geht deswegen nach Ending zu unseren Gastgebern.

Merci vielmals.

Ostergeschenkeumtauschbörse

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„War das nicht der Baumpisser?“

„Ja“, kommt die gequälte Antwort der Bäckereifachverkäuferin. „Ich hab den erst nicht erkannt, so mit geschlossener Hose.“

Noch irrt der Erlöser durch die Wüste, offiziell auferstehen tut er ja Sonntags, doch Menden atmet auf.

Der letzte Jesus machte um 6.00 Uhr seine Runde über´n Berg, das Kreuz wurde wieder eingepackt.

Das, was die Menschen an Vergebung und Erlösung während der Prozession erfahren haben, haben sie spätestens an den Supermarktkassen dieses Landes verspielt.

In Äthiopien könnte es an den Nahrungsmittelabwurfstellen nicht turbulenter zugehen, als Ostersamstagmorgen im Supermarkt.

Es ist keine Schlacht ums kalte Buffet. Es ist die Schlacht am Kühlregal.

„Die Schlacht an der Wursttheke haben wir verloren, mein Sohn, aber den Krieg können wir noch gewinnen“, versucht ein Vater sein Kind zu beruhigen, da eine Frau vor ihm das letzte Scheibchen Kinderwurst weggeschnappt hat.

Wieso haben sich die Konsument*innen in den letzten Jahren eigentlich aufschwatzen lassen, zu Ostern müsse man was schenken?

Das kommt nicht von Herzen, das kommt von der Industrie.

Die Geschenkeindustrie hat sich tief im Herzen der Glaubensindustrie eingenistet.

Gibt es eigentlich schon Ostergeschenkeumtauschbörsen?

So lange schon

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Der Tag beginnt mit einem leisen, aber deutlichen „Knack“.

Nicht gut. Nicht schön, als ich die Konsequenzen überdenke.

Knick-knack, Ärmchen ab, flüsterten wir einstmals den Koten ins Ohr, und wenn das gar nicht half auch gerne mal: „Geh doch auf der B7 spielen“.

Das aktuelle Knack ist anders, wenn auch nicht neu und seit meinem sechzehnten Lebensjahr, seit ich mit meiner neuen, ersten Brille, vor lauter Verwunderung über die Klarheit des Sehens, gegen eine Laterne rannte, und die zwei Stunden alte Brille brach, bekannt.

Meine Augen sind die Bestrafung für, in einem früheren Leben begangene, menschliche Verfehlungen. Es dürften keine schwerwiegenden Verfehlungen gewesen sein.

Noch sind 40% Augenkraft vorhanden. Genug, um alles Wichtige zu erkennen, und so wenig, um gerne mal die Ausrede zu benutzen: „Och. Ich hab Dich gar nicht gesehen“.

Nichts, was eine gute Brille nicht richten könnte. So sie denn heile ist und ohne gebrochenen Rahmen. So wie jetzt.

Natürlich haue ich, aus respektvoller Angst vor meiner Optikerin, gleich einen richtungsweisenden Fehler raus, indem ich versuche, den Rahmen mit Superkleber zu fixieren.

Ihre ersten Worte sind deswegen auch: „Du hast doch nicht…Was hast Du denn hier gemacht.“

Und knuff, puff zuff, erklärt sie mir, warum Kunststoffgestelle und Superkleber nicht zusamen gehen, daß man das Gestell jetzt wegschmeißen könne und hätt ich doch bloß nicht…

Da für gewöhnlicch 80% ihrer Reparaturen für lulu sind, und ich seit 44 Jahren Kunde bin, ist ihr Schimpfen gut gemeint und gehört, wie Brillentücher und Etui, zu unserer Kommunikation.

Sehr zur Verwunderung der restlichen Kundschaft.

Ein neues Gestell muss also her.

Die Gläser waren teuer, die Werte sind noch aktuell. Das alte Gestell in neu gibt es nicht mehr, dafür etwas anderes mit gleicher Form, was aber erst nächste Woche kommt.

Ich fixiere die Angestellt mit bösem Blick, als ich die Ersatzbrille aufsetze und sie lapidar meint, jetzt fehle nur noch die Narbe an der Stirn und ein Zauberstab.

„Vorsichtig behandeln“, raunt die Chefin hinter vorgehaltener Hand. „Ich hab Dir längere Bügel von einer anderen Brille drangemacht. Die behältst Du jetzt, bis die Neue da ist, Harry.“

Die Angestellte lacht.

„Harry ist eigentlich sein Vater“, klärt sie die Angestellte auf. „…aber der ist ja…Wie lange ist der schon tot?“

Die Chefin schaut mich fragend an.

„Sechzehn Jahre.“

„So lange schon.“

„So lange schon.“

„Mach keinen Kratzer dran.“

Sie schaut mich noch einmal streng freundlich über ihre Brille an und wendet sich der nächsten Kundin zu.

Candyman

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„Ich kann nicht so schnell. Machen Sie mal langsam, junge Dame. Ich steh unter schweren Medikamenten. Diese beiden Weizen hätte ich gerne. Das machen Sie gut. Auch dieses Geschäft. Ganz wunderbar, wie Sie das machen, junge Dame.“

Wäre das nicht eine Alternative?

Alle Kund*innen bekommen vor Betreten des Geschäftes schwere Medikamente, bis wir alle ganz wunderbare, junge Damen sind.

Der Candyman hält uns die präparierten Zuckerstückchen mit ausgestrecktem Arm auf einem Silbertablett entgegen. Wer dreimal laut Candyman sagt, bekommt die Familienpackung.

Graukalt frieren die Leute, während sie orangenen 7,5 Tonnern in der Zone ausweichen.

In ihrer Erinnerung ist die Luft noch warm.

Sag jetzt bitte keiner den Satz mit Schnee und Ostereiern. Die Leute sind genervt genug von den Temperaturen.

Das mit dem Candyman war ja auch gelogen.

Das kannst du so oft rufen, wie du willst. Es gibt keine Familienpackung.

Je öfter und lauter du rufst, desto schneller kommt der Stadtanzeiger und nimmt dir die Einzeldosis weg.

Gewes

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Fleischpasteten und Overallträger. „..und noch ’ne Bild dazu und nen Kaffee.“

Die Männer gehen armfrei im Unterhemd am frühen Morgen. Das blaue, kyrillische Gekritzel unter der fahlen, wabbeligen Speckhaut könnte man bestimmt lesen, wenn man mit den Fingerkuppen über die Gänsehäute striche. Aber wer möchte das schon.

Reinweiße Betonmischer, mit rotierender Trommel ohne einen Spritzer Dreck, strahlen eine chirurgische Eleganz aus, wenn sie leise durch die Zone rollen.

Sie legen einen Zauber über die Stadt, erwecken den Eindruck, Menden wäre eine Miniaturwunderlandbaustelle.

Keifende, schimpfendes, meckernde, nörgelnde Bürger*innen stehen, ebenfalls in Miniaturformat, an den Baustellen. Sie wissen alles besser und schmeißen ihren Abfall in die Baugruben.

Polizeifigürchen kommen alle 15 Minuten mit Blaulicht angefahren.

Sie machen Dududu mit dem Zeigefinger und fahren weiter.

Ebenfalls alle 15 Minuten gibt es einen Amoklauf und alle Püppchen fallen um.

Da ist eine Mutter, die hat ihr Kind Silvester genannt. Ob die anderen Kinder Weihnachten, Neujahr oder Ostern heißen?

Oh heilige Einfalt. Schmeiß doch endlich Hirn vom Himmel.

„Ach. Mach nicht so ein Gewes um Menschen. Die kommen und gehen“, erwidert ein Rentner nach meiner flehenden Bitte.

Das macht es auch nicht besser.