Nazigold

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„Du hast aber auch ein Schild an der Stirn“, sagt meine Liebste, als ich ihr die Geschichte erzähle.

Stimmt. Die Verrückten kommen alle zu mir.

Gestern war ja Sonne. Toller Tag, Gartenarbeit, und da mir Schreddern um die Mittagszeit nicht genehm ist, weder von mir noch von anderen, setzte ich mich ins Fenster, um an meiner Gebärdengeschichte zu arbeiten.

„Sie sitzen ja immer noch da“, ruft eine Frau, vierzig vielleicht, in Schwarz/Grau mit schwarzer Filzkappe bis über die Ohren.

„Vor zehn Jahren haben Sie auch schon da gesessen. Da haben wir uns unterhalten. Ich bin dann nach Frankfurt, aber jetzt bin ich wieder hier, nachdem die mir zum zweiten Mal meine Existenz vernichtet haben.“

„Äh, ja?“

„Und nur, weil ich ein Buch geschrieben habe.“

„Was für ein Buch?“

„Ich hab recherchiert über das Nazigold. Das ist hier im Sauerland versteckt. Haben Sie schon mal von dem Geheimnis von Schwalbe 1 und 2 gehört?“

„Kenn ich seit meiner frühesten Jugend. Und in den geheimen Versorgungstunneln hab ich als Kind gespielt. Heute sind alle Eingänge gesichert. Der Kapellenberg ist wie ein Schweizer Käse. Untenrum.“

Sie schaut mich mißmutig an.

„Ja Sie. Sie haben damals schon so geredet. Aber alle, die wegen des Bernsteinzimmers oder des Nazigoldes“, sie macht eine ausholende Geste, „400 kg, recherchiert haben, sind jetzt tot oder ihre Existenz wurde vernichtet. Wie bei mir. Die bezahlen einfach nicht. Obwohl ich das Buch geschrieben habe. Und ich weiß, dass da bis heute 4700 Menschen draufgeklickt haben.“

Sie redet und gestikuliert wie Else Tetzlaff, bloß in abfälliger Weise, eine Oktave tiefer und mit verächtlichem Mund.

„Kann ich das Manuskript mal lesen?“

„Nein“, blafft sie mich an. „Können Sie nicht. Ist auf dieser Seite. Hab ich doch erzählt. Dass die nicht zahlen. Hab ich doch erzählt. Hören Sie denn nicht zu? Jetzt hab ich keinen Job mehr und die zahlen nicht.“

„Wo ist das Nazigold denn?“

„Steht alles in dem Buch. Da steht alles. Deswegen haben die ja meine Existenz vernichtet. Ich hab im Kurierdienst gearbeitet, in Frankfurt, dann hab ich das Buch geschrieben. Und jetzt zahlen die nicht. Ich hab einem Freund Geld gegeben, der sollte das kaufen. Aber die haben gesagt, es wär nichts verkauft worden.“

„Wer sind denn die?“

„Na die Plattform, auf der ich das veröffentlicht habe. Das gibt’s als ebook.“

„Und Sie haben Ihren Kurierdienst gekündigt, weil Sie dachten, das reiche mit dem Buch?“

„Ja, aber die zahlen nicht. Ach, die ganze Welt geht sowieso in Arsch. Geht doch alles den Bach runter. Nur gut, dass ich Gott noch habe.“

Jetzt fällt mir die erste Begegnung ein. Damals versuchte sie, mir Jehovas Gedanken näherzubringen, aber da mir Gotteskonstrukte seit jeher eher suspekt sind, war das eine lustige Unterhaltung.

„Der sei Ihnen auch gegönnt“, rutschte es aus mir heraus.

„Ja, so reden Sie. Haben Sie damals schon. Aber die…“

Ich unterbreche sie mit der Ausrede anstehender Gartenarbeit, schwinge mich aus dem Fenster, schließe es und verschwinde.

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