mein kleiner Bengel

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Die Frühschicht der Spielhallenaufsicht trägt einen dicken Wollponcho, der die gleichen großflächigen Muster zeigt, wie in der Fensterwerbung ihres Arbeitsplatzes.

Das ist gelebte Identifikation mit dem Job.

Steht sie vor der geschlossenen Eingangstür, verschwindet ihr großer Körper zu 80% in den Mustern.

Ihre Kollegin erreicht das durch einen Jogginganzug in grauem Tarnfleckmuster.

Man soll sie nicht sehen bei der Aufsicht.

Die suchtkranken Spieler*innen sind paranoid genug.

Ich hab ein neues Fahrrad.

Für Peter P. Ist die Schräglage der oberen Rahmenstange ästhetisch bedenklich.

Mir ist sie ganz recht. Wie oft hab ich mir die Hoden gequetscht, wenn ich nach vorn vom Sattel gerutscht war.

So werden die Hoden bloß daran erinnert, dem Kopf zu sagen, er möge aufmerksam sein.

Gestern hab ich den Wohlfühlschmerzbereich verlassen. Da waren zu viele Steigungen in der Tour.

Aber ganz ehrlich. Völlig bolle. Der kleine Bengel brüllt in mir vor Freude.

Wenn er nicht ein trotziger Bengel ist, der die Arme mit finsterer Miene vor der Brust verschränkt und mault: “Mach ich aber nicht.“

Da kommt dann aber ganz fix die erlernte Verantwortung und erwidert gelassen: „Mach es, oder Du bist draußen.“

Menno, denkt sich der Bengel und macht es. Er kettet das neue Fahrrad ans Haus. Hinten. Im Garten, während die Verantwortung auf der Treppe steht und sich selber auslacht für ihr Gebaren. So ist das mit Erwachsenenliebe. Da bindet man an sich. Vertrauen hin oder her.

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Kopfkino

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Der Morgen beginnt ruppig.

„Ruck-zuck ist die Fresse dick und die Runkel dunkel.“

El Consigliere steht vor dem Bauzaun und schaut den Jungs, die flott malochen an diesem zukünftigen Altenheim, beim Mauern und Wuchten von künstlichen Steinen zu.

Links der Espresso, rechts die Zigarette, in der Mitte der Herzschrittmacher.

„Schinkenspicker“ will ich immer rufen, weiß aber, dass es der Information geschuldet ist, der Finanzier der Altenwohnanlage sei primär Schinkenproduzent.

Demnächst gibt es Seniorenschinken, gut abgehangen und luftgetrocknet, vor der Haustür.

Eine ehemalige Hauptschulnärrin – die Tochter meiner Bühnenpferdepartnerin aus Iserlohn – kommt mir entgegen.

In dem Stück, welches wir entwickelt hatten, erzählte sie in einem Monolog von Heroin an Bahnschwellen und kaputten Menschen.

Jetzt ist sie Apothekerin und sorgt für eine gerechte Verteilung der Drogen in Iserlohns Altenheimen.

So entstehen Verquickungen im Kopf.

„Hast Du gestern Fernsehn geguckt?“

„War doch kein Fußball.“

„Nein, ich mein den Terror.“

Eine andere Mama, Tochter und zwei Kinder stehen vor der Theke.

Was genau waren die Auslöser der Vorstellung einer inzestuösen, sauerländer Familie?

Dann, über die Heroinschiene der Jungnärrin driftet die Fantasie Richtung „China Town“, aufgeschlitzen Nasenflügeln und Orangen ab.

Zwei Sterne Kopfkino mit Kaffee, ohne Popcorn.

Aufgemotzte Blechkotze röhrt die 30ger Zone herunter.

Kleiner Schwanz, Minieier, großer Auspuff.

Wenn es nicht so stinken würde und soviele Tote verursachte, wäre es lächerlich.

Ob ich es wohl noch erleben werde, dass dieser Ast der Zivilisation austrocknet und abstirbt?

Man wird ja wohl noch träumen dürfen in diesem herrlichen Sonnenschein.

„Bißchen Bräune tanken“, ruft mir El Consigliere zu.

Er hat genug Baustelle begutachtet, genug geraucht und Espressi getrunken.

Der Schrittmacher muß an die Ladestation.

Bei Mary Poppins war alles besser

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Der Kampf der Schornsteinfeger findet auf allen Ebenen statt.

Der Bezirksfeger sieht ein wenig wie Carlsson vom Dach aus und kommt mit seiner Auszubildenden.

Er wirft einen Blick hinter die Schornsteinklappe.

„Ja. War klar.“

„Was ist klar?“

„Schauen Sie doch selbst.“

Er weist mit der Hand in die Öffnung, in der, haldenmäßig, der Ruß nach oben klettert.

„So ein Pfusch.“ Er schüttelt seine blonden Locken.

„Warum?“

„Wenn wir Kamine kehren, lassen wir keinen Ruß zurück.“

„Uh. Mein Reden. Ich hab sogar bei der Innung nachgefragt, dann eine Weile nicht bezahlt. Erst nach Beseitigung seines Drecks. Also des vorletzten Schornsteinfegers.  Jetzt kommt ein anderer.“

„Sie haben die freie Wahl. Ich schicke Ihnen mal mit der Rechnung ein Kündigungsformular mit. Sie haben doch auch diesen Vertrag unterschrieben. Meine Rechtsanwältin meint, der sei in der Form nicht gültig. Das ist ja auch so eine Sache.“

Er schüttelt den Kopf. Wieder fliegen die Locken.

„Ich muß alle sieben Jahre eine Feuerstättenschau abhalten. Mit dem eigentlichen Fegen hat das nichts zu tun.

Die Auszubildende lächelt freundlich, während sie ihr Klemmbrett hält. Sie scheint die Sorgen ihren Chefs zu kennen.

Der erzählt von Punkten, und wie man Bezirke bekommt, wer kungelt und wieso das bei ihm alles besser wäre, Schornsteinfeger*inneninterna, die mich jetzt nicht so brennend interessieren.

„Müssen Sie überhaupt noch hoch hinaus“, frage ich die Auszubildende, um vom Thema abzulenen. Aber bevor die antworten kann, tut dies Carlsson vom Dach mit einem kehligen Männerlachen. Sie nickt und freut sich über seine Bestätigung.

„Sie ist schon im Zweiten“, zwinkert er mir zu, und ich bezweifle, dass das Glück bringt.. Dann verabschieden sie sich. Er erinnert an der Haustür noch einmal an die Rechnung, die „beschriebenen Komplikationen“ und das Kündigungsformular.

Der Ruß ist immer noch im Schacht.

Bei Mary Poppins war alles besser.

Nasendusche

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Montag Morgen.

In dieser kleinen Stadt gibt es jetzt kaum Menschen, die aufrecht gehen oder glücklich blicken. Die Schultern hängen, der Blick ist auf den Boden geheftet.

Der Schulzzug ist noch nicht vorbeigekommen.

Keine Begeisterung, die anstecken könnte. Das tun hier bloß Viren und Bazillen.

„Ich. Ich bin dran“, versucht ein russischsprachiger Mann mit Krücken sich erfolglos vorzudrängeln. Die Krücken trägt er unter dem Arm. Vielleicht nutzt er sie, wenn er des Mitleids bedarf.

Hilft hier nicht. Nicht Montag morgen. Hundert prozentig nicht.

Gibt es eigentlich bei 100% ein Lokalrunde, Herr Schulz?

Die E-Zigarette ist dem E-Rohr, aus dem es jetzt gehörig dampft, gewichen. So groß wie ein halbes Würgeholz und doppelt so schwer.

Überall nur Schwanzvergleich. Ätschibätschi. Kindergarten, dampfende Colts.

Morgen ist Feuerstättenbegehung vom Bezirksschornsteinfeger. Das hört sich archäologisch an.

Vielleicht zeichne ich die Umrisse eines Mammuts mit Kohle an die weißgekalkte Kellerwand.

Sechs heranwachsende Männliche überfluten ihre Umgebung mit ausgewählten Gerüchen aus Duschgel, Shampoo, Deo und Rasierwasser. Ist nicht mehr schlimm.

Ich kann seit Neuestem mein olfaktorisches System neustarten. Ich habe eine Nasendusche und ich benutze sie.

„Schneewittchen, Du alte Mettstulle“, brüllt wer quer durch den Laden mit dem meisten Schnickschnackschrott in der Stadt.

Um diese Gerüche aus den Nebenhöhlen zu bekommen, werde ich die Nasendusche mit Bleiche befüllen müssen.

Lotto

narrkleinSantana und Bueno Vista Social Club sind die neue Nachmittagsmusik in Filiale 43.

Vielleicht ist es auch nur Klonmusik.

Hört sich an wie Santana, sind aber nur Algorythmen.

Liest sich wie Steven King, sind aber nur Algorithmen.

Fühlt sich an wie Blödheit, ist aber nur Westfalenpost.

Was Handfestes muß her.

„Ein halbes Emma Urkorn.“

Da Autos immer häufiger als Waffe von Terroristen benutzt werden, kann man Autofahrer*innen doch als Fast-Terrorist*innen bezeichnen. Immerhin terrorisieren sie Fußgänger*innen und Radfahrer*innen mit ihrer terrorisierenden Blechkotze.

„Einmal Latte Matschiato.“

Ach, gleich pladderts wieder. Und heute abend muß ich zur Betreuung. Ist schon ein hartes Leben.

Um es mit den Worten meiner Liebsten zu sagen: „Spiel mal Lotto.“

Nazigold

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„Du hast aber auch ein Schild an der Stirn“, sagt meine Liebste, als ich ihr die Geschichte erzähle.

Stimmt. Die Verrückten kommen alle zu mir.

Gestern war ja Sonne. Toller Tag, Gartenarbeit, und da mir Schreddern um die Mittagszeit nicht genehm ist, weder von mir noch von anderen, setzte ich mich ins Fenster, um an meiner Gebärdengeschichte zu arbeiten.

„Sie sitzen ja immer noch da“, ruft eine Frau, vierzig vielleicht, in Schwarz/Grau mit schwarzer Filzkappe bis über die Ohren.

„Vor zehn Jahren haben Sie auch schon da gesessen. Da haben wir uns unterhalten. Ich bin dann nach Frankfurt, aber jetzt bin ich wieder hier, nachdem die mir zum zweiten Mal meine Existenz vernichtet haben.“

„Äh, ja?“

„Und nur, weil ich ein Buch geschrieben habe.“

„Was für ein Buch?“

„Ich hab recherchiert über das Nazigold. Das ist hier im Sauerland versteckt. Haben Sie schon mal von dem Geheimnis von Schwalbe 1 und 2 gehört?“

„Kenn ich seit meiner frühesten Jugend. Und in den geheimen Versorgungstunneln hab ich als Kind gespielt. Heute sind alle Eingänge gesichert. Der Kapellenberg ist wie ein Schweizer Käse. Untenrum.“

Sie schaut mich mißmutig an.

„Ja Sie. Sie haben damals schon so geredet. Aber alle, die wegen des Bernsteinzimmers oder des Nazigoldes“, sie macht eine ausholende Geste, „400 kg, recherchiert haben, sind jetzt tot oder ihre Existenz wurde vernichtet. Wie bei mir. Die bezahlen einfach nicht. Obwohl ich das Buch geschrieben habe. Und ich weiß, dass da bis heute 4700 Menschen draufgeklickt haben.“

Sie redet und gestikuliert wie Else Tetzlaff, bloß in abfälliger Weise, eine Oktave tiefer und mit verächtlichem Mund.

„Kann ich das Manuskript mal lesen?“

„Nein“, blafft sie mich an. „Können Sie nicht. Ist auf dieser Seite. Hab ich doch erzählt. Dass die nicht zahlen. Hab ich doch erzählt. Hören Sie denn nicht zu? Jetzt hab ich keinen Job mehr und die zahlen nicht.“

„Wo ist das Nazigold denn?“

„Steht alles in dem Buch. Da steht alles. Deswegen haben die ja meine Existenz vernichtet. Ich hab im Kurierdienst gearbeitet, in Frankfurt, dann hab ich das Buch geschrieben. Und jetzt zahlen die nicht. Ich hab einem Freund Geld gegeben, der sollte das kaufen. Aber die haben gesagt, es wär nichts verkauft worden.“

„Wer sind denn die?“

„Na die Plattform, auf der ich das veröffentlicht habe. Das gibt’s als ebook.“

„Und Sie haben Ihren Kurierdienst gekündigt, weil Sie dachten, das reiche mit dem Buch?“

„Ja, aber die zahlen nicht. Ach, die ganze Welt geht sowieso in Arsch. Geht doch alles den Bach runter. Nur gut, dass ich Gott noch habe.“

Jetzt fällt mir die erste Begegnung ein. Damals versuchte sie, mir Jehovas Gedanken näherzubringen, aber da mir Gotteskonstrukte seit jeher eher suspekt sind, war das eine lustige Unterhaltung.

„Der sei Ihnen auch gegönnt“, rutschte es aus mir heraus.

„Ja, so reden Sie. Haben Sie damals schon. Aber die…“

Ich unterbreche sie mit der Ausrede anstehender Gartenarbeit, schwinge mich aus dem Fenster, schließe es und verschwinde.

„Katze gebärden. Versteh nicht.“

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Zeit zur Rekapitulation.

Mein Kopf ist wirr von all den Gebärden.

Eine Woche Sprachfingern macht erstaunlich Dinge mit der Wahrnehmung.

Santana zum Frühstück aus den Bäckereiboxen. Galoppel, galoppel sagt der innere Taktgeber, während der Verstand versucht, das Tempo zu drosseln.

Umweltsäue verstopfen mit Blechkotze die Zone für eine Handvoll Brötchen, und es ist ihnen überhaupt nicht peinlich.

Aber egal. Ich muß die Gebärden sacken lassen. Eine Woche intensiv Gebärdensprache zu erlernen verlangt ihren Tribut.

Kawei S. aus D. ist unsere Dozentin. Sie kommt mit ihrer hörenden Tochter, die leider krank ist und nur die erste Stunde dolmetscht.

Danach sind wir, oh Schreck, den Rest der Zeit alleine mit Kawei und ihren Gebärden.

Dass das nicht einfach wird, bemerke ich spätestens bei dem Erlernen des Fingeralphabets.

„Dein Name wie?“

Beim Wechseln vom M zum N hab ich den ersten Knoten in meinen Fingern.

Meinen Mitstreiterinnen geht es ähnlich. Nach einer Weile schauen wir alle unsere Finger an, als wären sie kleine Aliens, die ihr Geheimnis nicht verraten wollen.

„Mit Übung vergeht das“, versucht uns Kawei zu beruhigen. Die Gebärde für „Üben“ kommt mir sehr bekannt vor, da ich sie im Theater oft unbewußt anwende bei Schauspieler*innen, die partout ihren Text nicht lernen.

Ob ich wohl fleißiger bin?

Am Ende des ersten Schultages sind wir alle einigermaßen gut durcheinander.

Aber natürlich verhindert ein schon länger geplantes Abendessen beim Mongolen ein intensives Üben, so dass ich mit schlechtem Gewissen schlafen gehe und morgens, zwischen Kaffee und Croissont, das Fingeralphabet übe.

Das Gebäude der VHS besitzt eine angenehme Atmosphäre, der Seminarraum einen Rollwagen, auf dem zwei Kannen Kaffee, zwei Kannen Wasser für Tee, ein Teekästchen mit acht verschiedenen Teesorten, sowie zwei bunte Kartons mit leckeren Plätzchen stehen.

Dementsprechend hoch ist mein Kaffeekonsum und der dazugehörige Druck auf der Blase.

Als ich einmal von der Toilette zurückkomme, ist es wirklich spooky beim Betreten des Seminarraumes.

Menschen sitzen sich gegenüber und unterhalten sich gebärend.

Mein Hirn sagt: Fehler. Fehler. Wo ist der Ton?

Denn zu so viel Aktion gehören Geräusch und Sprache, sagt der Kopf in seiner langweiligen Routine.

Wahrnehmung.

Das ist einer der Gründe, warum ich diesen Kurs mache.

Vor Jahren saß ich einmal in einem leeren Bus von Hamburg/Othmarschen Richtung Innenstadt. An einer Haltestelle kam ein Pulk von Menschen in den Bus.

Sie unterhielten sich, lachten, schimpften, diskutierten, und alles ohne Ton.

Ich, als einzig Hörender, saß da und verstand nichts. Aber ich war fasziniert von der Energie und der Kreativität der Mitfahrenden.

Seitdem will ich das auch können.

„Katze gebärden. Versteh nicht.“

Guten Morgen, guten Tag, guten Abend. Wie geht’s.

Nach vielen holprigen Versuchen, uns, die Nachbarinnen und Kolleginnen und eigentlich die ganze Welt zu begrüßen, sind eigentlich alle Gebärden vom Vortag vergessen.

„Üben“, versucht Kawei uns erneut zu beruhigen, aber ich bin abends im Theater in Arnsberg. Das Stück „Wintergarten“ der dort lebenden, syrischen Geflüchteten soll bei uns aufgeführt werden. Da wird nach dem Schlussapplaus noch viel geredet.

Ich ertappe mich dabei, wie ich vor Stückbeginn noch einmal kurz das Fingeralphabet repetiere.

Ob es der viele Input der letzten Wochen, das schlechte Gewissen wegen zu wenig Üben, eine ungünstige Luftdrucksituation, oder einfach die Zeit dafür war, jedenfalls besucht mich am Mittwoch eine unfreundliche Migräne, die mich bis Nachmittags in Beschlag hält.

Am Donnerstag lerne ich den Begriff dafür und kann dem explodierenden Kopf nur zustimmen. Die Gebärde zeigt sie, nachdem sie uns in einer hinreißenden Performance erzählt, was sie den Abend zuvor am HBF erlebt hatte. Überall Polizei, Sondereinsatzkommando, ein Verrückter mit Axt wäre vorher dagewesen, hätte Menschen verletzt und alles wäre abgesperrt gewesen.

Die Frauen der Gruppe – ich bin der einzige Mann – erklären mir im Schnelldurchlauf und bei Partnerinnenübungen die gestrigen, neuen Gebärden, und ihre Unsicherheiten sind erfrischend beruhigend.

Nur eine Frau gebärdet schon recht fließend, wir anderen holpern weiter.

Das wird auch nicht besser, als wir mit den Zahlen beginnen.

Am Ende des Tages können wir uns nicht nur kaum mehr an eine Gebärde erinnern, es fallen auch einfachste Rechenvorgänge wie Addition oder Subtraktion komplett aus.

Wir schauen nur noch mit müden Augen unsere Finger an. Die schauen zurück und sagen: lass mich in Ruhe.

Der Freitag ist fast Erholung, auch, wenn er mit Zahlen, Handynummern, Nummernschildern Preisen für Alltagsgegegstände und Postleitzahlen beginnt und mit Mustern, Formen und Farben fortgesetzt wird.

Einmal ist Kawei böse, weil einige sich von einer Gebärdenden abwandten, weil eine Hörende eine Frage in den Raum rief und wir uns umdrehten um zu antworten.

Da der Augenkontakt zwischen Gebärdenden notwendig, ja unerläßlich für die Kommuniktion ist, (sollte bei Hörenden ja auch so sein), sehen Gehörlose es als Beleidigung an, wenn man sich von ihnen abwendet, während sie gebärden.

Das war aber auch das einzige Mal, dass Kawei böse war. Sie ist ein tolle Dozentin, aufmerksam und immer bestrebt, die Entstehung einzelner Gebärden verständlich zu erklären

Eine Woche, und sei sie auch noch so intensiv, reicht natürlich nicht aus, egal welche Sprache zu erlernen.

Wir haben von etwa 8000 gebräuchlichen Vokabeln vielleicht 120 Gebärden gelernt, und einige hab ich schon wieder vergessen.

Die Frauen haben eine Gruppe gegründet und wollen sich unregelmäßig in einem lauten Iserlohner Cafe treffen.

„Da versteht man eh nix. Da können wir gut gebärden.“

Kurz nach Mittag verabschieden wir uns herzlich von Kawei. Im Oktober geht es weiter.