Weiberfastnacht

narrklein

98% aller Männer mit Anglerhut sehen doof aus.

Bei der australischen Variante, mit Korken und anderem Gebamsel an der Krempe, sind es sogar sagenhafte 100%.

„Kumma ey. Kumma.“

Die Rößler-Rentner reagieren auf die vorbeigehenden, verkleideten Frauen mit verschwommener Aussprache und erigiertem Zeigefinger.

Es ist Weiberfastnacht.

„Du kannst Weihnachten nicht leiden. Du kannst Karneval nicht leiden. Gibt es überhaupt ein Fest, das Du magst?“

„Das Leichenwendefest auf Madagaskar.“

Alle, die heute die Zone durchqueren, bekommen automatisch das Seepferdchenabzeichen, bei dem dichten Regen.

Sobald sie den Mund wieder öffnen können, erzählen sie Geschichten, dass die Einsatzleitung der Polizei die wahren Details verschweige über den Amoklauf. Dass es nämlich wohl doch Tote gegeben haben soll. Mindestens vier nämlich. Aber darüber schweigen die da oben, so der allgemeine Tenor im Postfaktum.

„Die hatten ja schon die Särge in einer Schützenhalle stehen.“

Weltweit sind die Jecken los. Und nicht erst, seit der Psychotiker Präsident ist.

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Aufräumen

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Aufräumen. Freiräumen. Wegräumen.

Mir ist grad nach räumen, einlagern, wegschmeißen, Platz schaffen.

Der Frühling kommt. Irgendwann. Demnächst. Das ist schön, aber auch nur hoffentlich zufällig zeitgleich. Platz schaffen. Ich brauche Platz in Haus und Hirn.

Haus und Hirn kling wie eine Eventjournaille für daheim praktizierende Neurolog*innen

Ich fühle mich, wen wunderts, so zugemüllt wie dieser Planet.

Mit 16, als Mopedschrauber ohne jegliche Kentnisse, bestand das Reparieren der flotten Hercules hauptschlich darin, ihren Auspuff auszubrennen. Das konnte ich gut. Ablagerungen und Anhaftungen ausbrennen.

Die Ablagerungen im Hirn abbrennen. Das wär´s.

Atmet, meine kleinen Synapsen.

Macht tiefe Atemzüge und rotzt den ganzen Dreck aus. Nehmt euch ein Beispiel an Bronchien, Lunge und Nase. Die Drei hauen grade den ganzen Schleim raus.

Alarm,Alarm Alarm, heult laut erst eine, dann eine andere Sirene einen Halbton tiefer, dann lalülala, dann Hubschrauber.

Amoklauf an der Berufsschule.

Was? In Menden?

Wieso nehme ich an, das nicht?

Wenn das so weitergeht, ist irgendwann jede Stadt mal dran.

„Wir sind sicher, Schatz. Doch, hier ist ein Großaufgebot. Wir halten die Türen geschlossen und werden informiert, wenn es vorbei ist. Hoffentlich, bevor die Bewohner zurückkommen.“

Ich lege auf, und die Bezirksregierung Arnsberg informiert über twitter, dass es ein Fehlalarm gewesen sei.

Ich rufe zurück und informier meine Liebste.

Wäre das auch geklärt.

Sachertorte

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Es sind die kleinen Dinge, die Geschichten erzählen.

In dem Moment, in dem der Sohn den Rollator seines Vaters in sein Auto packen will, und man sowohl an seiner Handhabung des Rollators, als auch an der Aktion des Einpackens erkennt, dass er das noch nie gemacht hat, der Sohn.

Er wirkt nicht wütend, aber angepisst.

Natürlich gibt der alte Vater Ratschläge, was dem Junior gar nicht passt.

Er hat jetzt selber einen Sohn. Er geht schon länger einen Meter voraus, wenn die Familie spazieren geht.

Er an der Spitze, dann sein Vater, dann seine Mutter und seine Frau. Die Frau hält das Kind.

So ist die ursprüngliche Ordnung.

So wurde es ihm schon früh beigebracht.

Jetzt muß er sich um Sohn und Vater tagsüber kümmern.

Der äußere, kleinstädisch-sauerländische Einfluss ist groß.

Die Rößler-Rentner erklären ihm die Welt und wie das so ist mit Martin Schulz und rot-rot-grün oder der großen Koalition, und Frau Wagenknecht sei ja bildschön, aber politisch, und auch wenn sie recht hätte: wir haben doch erlebt, was dabei rausgekommen ist.

Neben mir schält sich, höchst professionell, als würde sie dafür Geld bekommen, eine junge Frau aus ihrer gezwiebelten Kleideranordnung, geht zur Theke und kommt mit Sachertorte und Milchkaffee zurück.

Gleich wirkt sie vierzig Jahre älter.

Sachertorte verkürzt die Telomere über Gebühr.

Das ist der Preis für guten Scheiß.

So ein Tag

crazy

Ach heut ist so ein Tag.

Da möcht ich Hundehalter grob kupieren

und Ferkelzüchter flink kastrieren.

Natürlich ohne Pharmazeutika.

„Der spürt doch nix. Nimm nur die scharfe Zange.“

Und knipp und knapp – schon sind sie ab.

„Das tut jetzt weh. So richtig weh. Hör auf zu jaulen, Hundehalter. Halts Maul, du Schweinefürst. Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu.“

kleine Grube

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Gleich Loch graben.

Kleine Grube für kleinen Kater.

Der liegt jetzt noch, wie weiland seine Vorgängerin, eingehüllt in seine Lieblingsdecke, geschützt durch eine Plastiktüte, in der Tiefkühltruhe.

Herr Peter P. nennt unser Haus despektierlich: Das Haus der Toten!

War ein bißchen viel Gesterbe in letzter Zeit. Schneemond war, der das Ganze auch noch in fahles Nachtlicht hüllte.

Da kann die Psyche schon mal gaga werden.

Ein Exhalbbruder mache die Welle, informiert mich schreckerfüllt die Sekretärin des Bestattungsinstitutes, weil sie, laut Schweigepflicht, ihm nicht sagen dürfe, wann der genaue Beisetzungstermin sei. Er könne doch mich fragen, habe sie gesagt, da hätte er grumbelgrummelbrätsch lautstark das Institut verlassen.

Das wird noch anstrengend.

Nicht ein Hallo in sechzig Jahren. Die Existenz ihrer Schwester ging ihnen lebenslang komplett am Arsch vorbei.

Wir sprachen am Ende ihres Intensivstationaufenthaltes in Herne darüber, als ich ihr sagte, dass sie wirklich kein Fettnäpfchen ihres Lebens auslassen würde. Da lachte sie verhalten zustimmend. Der Tod war ihr da wohl schon zu nah auf die Pelle gerückt. Da sprachen wir auch über Beerdigungen.

„Die will ich nicht dabei haben. Nee. Auf gar keinen Fall. Ich bin doch nicht bekloppt.“

Mit „Die“ waren ihre Brüder gemeint. Ich erfülle bloß ihren Wunsch.

Also zurück zum Loch, zur kleinen Grube.

Die erste Aushebung endete an den Zipfeln der roten Decke der toten Theaterhündin Paula.

Die zweite Grabung wurde unterbrochen, weil ich zuerst glaubte, Meerschweinchenrippchen zu sehen und fragte mich, wieso die so aufgequollen seien.

Aber bei genauerer Betrachtung waren es die Zipfel der Decke von der dicken Katze, die vor ein paar Jahren gestorben ist. Das Meerschwein liegt also zwischen Hund und Katze.

Ich befürchte, unter der Kirsche ist kein Platz mehr. Unter dem Rhabarber liegen noch zwei weitere Katzen.

Wär ich Behörde, ich müßte den Friedhof der Kuscheltiere wegen Überfüllung schließen.

Zum Glück habe ich letztes Jahr die Pfingstrosen hinter dem Zwergahorn umgesetzt. Da ist eine Mulde übriggeblieben.

Also bewege ich da einen halben Kubikmeter Erde, bis die kleine Kiste von Amazon passt.

Dann locken Kaffee, Zigarette und Sonne. Warme Sonne auf meinem Körper.

Die beiden anderen Löcher müssen sich wegen ihrer überfälligen Befüllung noch etwas gedulden.

Nachlassgericht

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„Sie haben aber ein Taschenmesser dabei“, sagt der Justizbeamte vom Gelsenkirchener Justizzentrum.

Noch ist sein Blick freundlich, die Rechte hängt nah am Holster, während meine Jacke und Hose langsam aus dem Scanner rollen.

„Mein blaues McGyver? Das ist ein Schweitzer Taschenmesse.“

„Holen Sie das bitte mal raus.“

Ich folge seiner Anweisung, krame das kleine Multifunktionalstool aus de Tasche und übergebe es ihm.

„Ganz schön groß“, sagt er mit zweifelndem Gesicht und zeigt es seinem Kollegen hinter dem Sicherheitsglas. Der winkt ab.

„Gut. Dann lass ich das mal durchgehen. Sie auch“, scherzt er und winkt mich weiter.

Beim ersten Mal, knapp eineinhalb Stunden vorher, purzelte der gesamte Inhalt der Tasche und Jacke über den Boden, nachdem ich baselig die Scannerkiste von den Rollen schubste. Da war ihm der blaue McGyver nicht aufgefallen.

„Was wollen Sie“, fragte da die Beamtin am Nachlassgericht. „Haben Sie K?“

Ihre Frage hörte sich an wie die einer Kundin an ihren Dealer. Koks, Ketamin, Kohlehydrate?

„Ja.“

„Sie kommen zu spät. Erst um zwei wieder. Jetzt ist die Sprechzeit vorbei.“

Jetzt bedeutete zwei Minuten nach halb Zwölf.

„Pardon. Ich komme aus dem Sauerland. Und im Netz stand nichts von Sprechzeiten.“

Sie grummelte und greinte, konnte sich aber doch zu einem: „Ich kann ja schon mal die Akte anlegen. Name?“

„Meinen, oder den meiner Schwester?“

„Wer ist denn verstorben?“ Und Ihr Blick sagte: na das wird lustig.

Ich gab ihr den Namen und schob vorsichtshalber meinen Ausweis in ihre Richtung.

„Ich lege jetzt die Akte an. Um 14.00 Uhr müssen Sie dann zum Gerichtspfleger. Der hat ab 14.00 Uhr wieder Sprechzeiten. Zimmer 42. Wir haben nämlich Sprechzeiten.“

Während sie den Satz mit den Sprechzeiten zum dritten Mal wiederholte, wählte sie jemanden an.

„Kannst Du noch einen machen? Ach du Scheiße. Ja, aber der kommt aus dem Sauerland. Ist gut. Ich sag`s ihm“, seufzte sie mit dem Ton einer zu tiefst erschöpften Heroine.

„14.00 Uhr. Zimmer 42. Aber kommen Sie eher. Die Schlange ist lang. Deswegen ja die Sprechzeiten.“

Als ich kam, saß ein Mann auf den grau-grünen Drahtgeflechtkinostühlen im Flur vor Nr.42.

„Oben ist die Kantine, das Stadtzentrum ist nah. Sie sollten nur schon eher hier sein. So halb zwei. Dann sind Sie der erste in der Schlange.“

Damit nickte sie mir zu und schob mich mit ihren Augen aus dem Aktenraum.

Ein halbes Stockwerk tiefer ist selbst das Verlassen des Gebäudes mit großen Schildern geregelt.

  • Zum Tür öffnen bitte hier den Knopf drücken –
  • Gehen Sie bis zur Mitte des Raumes. Tür schließt selbsttätig –
  • Warten Sie –
  • Wenn Sie in der Mitte des Raumes warten, öffnet sich der Ausgang selbsttätig –

Ich gehe erst einmal in die Richtung, in der ich nach zwanzig minütiger Suche einen Parkplatz fand, lasse den Wagen links liegen und stehe nach zwei Minuten vor dem Gelsenkirchener Bahnhofseingang mit allen Kaputten dieser Welt. Eine Frau mit tiefen Schattenringen und einem blaugeschlagenen Augen kommt weinend aus dem Gebäude

Wenn man früher aus dem Bahnhof Altona kam und die Richtung Ottensen einschlug, war es auch kaputt mit seltsamem Volk. Hier ist nur kaputt. Menschen, Läden, Umgebung. Nein, diese Zone mit einem Billigladenüberangebot gehört nicht zu meinen Lieblingen.

Ich verzehre in einem Bäckereicafe Kaffee und Croissant, während das Elend flaniert.

Um halb Zwei bin ich zurück, stolpere kurz über das blaue McGyver und sitze pünktlich, als einziger, auf einem der grau-grünen Drahtgeflechtkinostühle vor Nr. 42.

Kurz nach mir kommt ein Mann mit Akten unter dem Arm und schließt die Tür auf.

„Sind Sie, haben Sie, Sauerland?“

Er schaut mich fragend an. Ich nicke.

„Kommen Sie. Gehen wir rein.“

Noch im Türrahmen, die Akten auf einen großen Stapel weiterer Akten legend, fragt er mich: „Haben Sie Kinder? Ich les hier nichts.“

„Ja. Eine Tochter.“

„Ah. Die ist dann nach Ihnen dran.“

„Was ist mit meinen Halbbrüdern?

„Sind die hier?“

Verwirrt verneine ich.

„Sehen Sie.“

Er tippt schnell auf seiner Tastatur.

„Mein Drucker“, sagt er, und es schwingt ein wenig der Stolz von Porschefahrern in ihm,

„hatte heute morgen keine Tinte mehr. Echt. Heute war die Hölle los. Und go“.

Er drückt mit ausgestrecktem Zeigefinger enter und der Drucker surrt.

Wir kommen noch einmal auf Tochter und Halbbrüder, und als er sagt, die Halbbrüder seien jetzt vollkommen egal, stimme ich ihm schon gerne zu.

„Hat ihre Tochter ein Kind. Das wäre dann das Dritte im Bunde.“

„Ja.“

„Ist auch erbberechtigt. Muß auch zurücktreten, also die Erziehungsberechtigen an Stelle.“

„Aha.“

„Hier“, gibt er mir den Ausdruck. „Lesen Sie es sich genau durch und unterschreiben Sie. Ist der Name richtig geschrieben? Nein, seh ich schon. Doppel N. Das hat die Kollegin wohl falsch gemacht. Lesen Sie, ich ändere das kurz. Das können Sie behalten. Ist kein Dokument mehr.“

Ich lese über die Konsequenzen, wenn ich das Erbe meiner Schwester ausschlage und versichere mit der Unterschrift, nichts von ihr in Besitz genommen zu haben.

„Ich hab die Leiche mitgenommen.“

„Das dürfen Sie aber doch nicht.“

„Der Bestatter. Nicht ich. Ich hab sie überführen lassen. Hat das Konsequenzen?“

„Ja. Das Ordnungsamt muß nicht für die Kosten aufkommen, ansonsten, nein. Hier unterschreiben.“

Er hält mir das frisch ausgedruckte Dokument hin.

„Ihre Tochter wird von uns schriftlich benachrichtigt. Ihr Enkelkind ebenso.“

Er setzt sich vor seine Tastatur und sieht das Gespräch wohl als beendet an. Also ziehe ich meine Jacke an, stecke das Nichtdokument mit falschgeschriebenem Namen in die Tasche und gehe nicht, ohne freundlich zu grüßen.

Draußen sitzt keine Menschenseele. Der Gang ist leer. Schlange.

  • Zum Tür öffnen bitte hier den Knopf drücken –
  • Gehen Sie bis zur Mitte des Raumes. Tür schließt selbsttätig –
  • Warten Sie –
  • Wenn Sie in der Mitte des Raumes warten, öffnet sich der Ausgang selbsttätig –

Gelsenkirchen, Du mußt was tun.