Nie wieder

crazy

Herr W. schaute in die Auslage, sah Mieder, Messer und Muttermilchpumpen, als die Schaufensterscheibe mit einem lauten Knall und Klirren vor ihm zusammenbrach,
„Nie wieder Mieder“, skandierte eine dreiköpfige Gruppe mittelalter Männer auf der anderen Straßenseite.
Herr W. ging zu ihnen.
„Was, bitteschön, gibt es denn an Miedern auszusetzen?“
Der mittlere Mann, offensichtlich der Anführer, schaute ihn grimmig an, während Beta und Gamma ihren Kopf verlegen zur Seite drehten.
„Wenn Sie wüßten, was wir wissen, würden Sie nicht fragen.“
„Aber Mieder?“
„Schauen Sie.“
Mit einer knappen Geste wies der Anführer seine Mitstreiter an, die Hände auszustrecken. An allen Fingern klebten Pflaster.
„Haben Sie schon mal alte Damen und Herren, die ein Mieder tragen, ausgezogen? Wir sind Pflegehelfer, aber darauf hat man uns in der sechsmonatigen Ausbildung nicht vorbereitet.“
„Und erst das Anziehen“, warf Beta ein, während Gamma zustimmend nickte.
„An diesen Häckchen reiße ich mir jedesmal die Finger auf. Nägel brechen ab, und wenn unser Blut an den fleischfarbenen Stoff kommt, müssen wir auch noch die Reinigung bezahlen.“
„Wir wollen keine Opfer sein.“
„Genau. Nieder mit dem Mieder. Nie wieder Mieder!“
Pussies, dachte Herr W. und ging schnell weiter, da er mit diesem Trio nicht in Verbindung gebracht werden wollte.

Frühstücksgedanken (utopisch)

IMG_0297„Was wollen wir auch jaulen. Irgendwann werden wir alle tot sein. Dann hat die liebe Seele Ruh.“
Ja. Im Grunde klebt doch jeder von uns an der Leimrute des Wohlstandes, und es gibt nicht viele Möglichkeiten, dem zu entrinnen.
Der Hauch des Schmetterlingsflügels mag Orkane heraufbeschwören, das Wesen des Menschen wird er nicht verändern.
Selber denken und Verantwortung übernehmen und Konsequenzen ertragen tut weh. Wir folgen lieber Trends, behaupten, dass sei freie Entscheidung und bekommen nicht mit, dass die Industrie dieses Entscheiden schon längst für uns getätigt hat.
Die Entscheidung für den eigenen Lebensstil ist klasse und muss auch unbedingt beibehalten werden (sofern das überhaupt bei 28 Kriegen, Umweltkatastrophen oder Hungersnöten weltweit möglich ist) , aber es glaube doch bitte niemand, dadurch ändere sich etwas. Man mag sich ethisch erhaben fühlen wenn man kein Fleisch isst, kein Auto mehr fährt, kein Flugzeug benutzt oder Kreuzfahrtschiffe verdammt, aber die Zerstörung, Ausbeutung und Unterdrückung wird dennoch weitergehen.
Klar können wir regionale Paradiese schaffen, aber den Konzernen entlockt das allenfalls ein müdes Lächeln. Die weltweite Wirtschaft hat sich dem Krebsgeschwür Wachstum verschrieben, und die Metastasen umspannen den gesamten Globus.
„Ich spiel das Spiel nicht mit“, ist leicht gesagt und leichter noch getan, aber wenn man nicht die anderen sieben Milliarden Menschen davon überzeugt, es ebenfalls zu tun, ist es doch eher sehr naiv und dient nur der eigenen Bauchpinselei.
Jetzt mag man die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und sagen: „Aber dann ist es ja hoffungslos.“
Nö. Ist es nicht. Ein weltweiter Streik, über einen längeren Zeitraum, wird etwas verändern. Das ist eine Utopie. Aber das waren Herzverpflanzungen und Weltraumflüge auch mal. Gehen wir es doch an. Wir sind die Weltbevölkerung.

narr

Anschläger

Es ist früh am Morgen. Heut Abend werde ich ein Anschläger sein.
Ein Muskelmann mit Religionsbart schaut mich grimmig an, während er darauf wartet, dass der Nachbarfriseur öffnet.
Ich denke an die Schulungsräume für den Bootsführerschein, Fahrschule, Seminarräume allgemein und frage mich, wie der Raum der Anschläger aussehen wird. Christopher kommt, und gemeinsam fahren wir Richtung Möhne. Die hat die Anschläge der Briten mit den Rollbomben, hüpf – hüpf – hüpf – sink – bumm, nicht so gut überstanden. Wir hoffen, dass es uns besser ergeht.
Ein Industriegebiet, eine kleine Blechhalle, eine weiße Eingangstür, ich würde sagen: Alles in Allem eine kleine Klitsche.
Ein Mann mit rundem Gesicht, Würstchenlippen und leicht hervorquellenden Augen, empfängt uns. Er ist der Ausbilder und gibt Christopher und mir die Hand, die sich anfühlt wie ein ertrunkenes Nagetier mit Fell. Er kratzt sich im Schritt, meint aber lapidar, da hätte ihn eine Mücke gestochen.
Die Halle wirkt eher wie eine große Garage. Neben einem kleinen Hubsteiger steht ein Motorrad, in einer anderen Ecke ein Bett und noch ein Moped. Oh ha.
Im hinteren Teil steht ein Bauwagen, da sind die Toiletten. Außerdem neun Stühle, in drei Dreierreihen mit kleinen Schultischen. Das ist die theoretische Unterrichtsabtelung. Ein Beamer, eine Leinwand, Spielzeugbagger, kleine Plastikgabelstapler, Kräne für den Sandkasten, Schautafeln aus den 70gern.
Auf zwei Plätzen liegen Presente für uns. Schlüsselband, Kugelschreiber, Feuerzeug, unverrottbare Einkaufstasche, alles in Signalrot, sowie ein blaßkopiertes, nicht mehr aktuelles Regelwerk für Anschläger. IMG_0329
Christopher und ich sind die einzigen Teilnehmer. Als Erstes sollen wir das blaßkopierte Regelwerk aktualisieren, indem wir eine neue Kennzeichnungsziffer für Anschläger auf irgendeine Seite schreiben.
Dann schaltet er den Beamer an, und wir sehen einen Schulungsfilm über Sicherheit am Arbeitsplatz, hergestellt 1973, während der Seminarleiter unsere Daten vom Personalausweis irgendwo einträgt.
Nach dem Film erzählt er uns noch einmal den Inhalt des Filmes, schweift aus unerklärlichen Gründen ab und landet beim Grundgesetz, welches er, nach eigener Aussage, sehr genau studiert hat und zu der Überzeugung gekommen ist, dass die BRD nicht existiert, sondern ein Wirtschaftskonglomerat ist.
Na super. Es ist nicht nur brunzlangweilig, der Fredi ist auch noch ein Reichsbürger. Bloß nicht diskutieren, sonst dauert der Dreck noch länger. Also schauen Christopher und ich ihn schweigend an. Raucherpause, schlägt der vor.
Danach gibts den zweiten Schulungsfilm. Alte, grisselige Bilder von irgendeiner Werft, von Ketten, Belastungswerten und Anschlagwinkeln, die man keinesfalls überschreiten darf, Traversennutzung, Zweier – Dreier – und Vierergehänge, von Ungleichgewichten und Kettenverkürzungen, von Drahtseilen und Gurten, die materialschonend sind, aber auch durchscheuern (mit Winkelangabe von Kanten, ab wann gescheuert wird), von Handzeichen zum Kranführer, rauf-runter, rechts-links, näher ran, weiter weg, und nach Filmende versucht der Fredi schwurbelnd und verklausulierend das Halteszeichen zum Kranführer noch irgendwie, aber nicht so richtig, mit dem Hitlergruß zu verbinden.
Schweigen, Raucherpause.
Danach gibt´s eine Powerpointpräsentation mit gleichem Inhalt, wie das blaßkopierte Anschlägerheftchen. Kettenkennzeichnung, Gurtkennzeichnung, farbige Plaketten für Belastungswerte, Aufnäher, Einnäher, Anzahl der Streifen auf der Gurtummantelung, Anschlagwinkel und Verlust der Tragkraft – Wenn Sie die Seele sehen, Seil wegschmeißen – ausgeleierte Haken, abgenutzte Kettenglieder, Kettenversteifung, Säurebad und Korrosion, dann spielt Fredi mit dem kleinen Plastikgabelstapler und zeigt, was passiert, wenn Ladung schief sitzt.
Kaffee, Raucherpause.
Zum Schluß sehen wir Gurte und Ketten am Haken in echt, sehen die Plaketten und Aufnäher, sehen Gurte, deren Eingeweide herausquellen, dann überreicht er uns das Zertifikat, gibt uns das nasse Nagetier mit Fell zum Abschied.
Bloß weg. Diese fünf Stunden hätte man in dreißig Minuten packen können, aber jetzt dürfen wir am Hafen arbeiten und Lasten anschlagen.

narr

Klusenstein

„Da wurden früher Jungfrauen runtergeschmissen.“
So hieß es seit meiner frühesten Jugend. Spannend, dachte ich, auch wenn ich nicht wußte, was „Jungfrau“ bedeutet.
Heute morgen kam mir die Idee, doch eine kleine Fahrradtour dorthin zu machen. Burg Klusenstein, ich komm dich besuchen.
Kurzer Stop bei Tönnesmann. Was dort gelagert wird, ist das Archiv des Presseklubs, manchmal Kunst und manchmal nur Wertstoff.

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Vorbei an den Kalkwerken, die des Nachts eine geeignete Kulisse für ein Remake von „Bladerunner“ sein könnte.

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Ich bin ja kein Schisser, hab Erfahrung als Fahrradkurier in Hamburg, aber mit dem Rad durch das Hönnetal zu fahren, hat mich doch ein wenig verkrampft aussehen lassen. Autos sind nicht meine Freunde, Autofahrer*innen erst recht nicht, wenn ihre Außenspiegel mich streifen. Vielleicht hätte ich den Zug nehmen sollen.

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Irgendwie finde ich von hier keinen Weg zur Burg. Also außen herum, Richtung Deilinghofen und dann die erstmögliche Straße links ab. Der weiche Schotterweg ist mühsam mit dem Rad zu meistern. Aber dann:

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Ein älterer Mann mit Schirmmütze steht wartend hinter einer Ecke und tritt hervor, als ich den Hof betreten will.
Ja, es sei Privatbesitz, nein, er sei nur der Pächter. Fotografieren ja, aber nicht für das Internet. Da habe der Besitzer, Reinkalk, etwas gegen. Ob ich denn wohl mal über die berühmte Brüstung, von der die Jungfrauen geworfen wurden, schauen dürfte.
„Gehen Sie ruhig durch. Sie haben ja mit mir gesprochen.“

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Hier ist weiter nichts zu sehen. Schade. Das innere des Haupthauses hätte mich schon interessiert. Also zurück über den Schotterweg. Kurz angehalten, um ein Foto für die Liebste zu machen.

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Und abwärts geht es. Jetzt möchte ich auch die alte Mühle, die unter der Burg liegt, sehen.
(Das war übrigens die übelste Strecke im Hönnetal mit dem Rad. Kein Seitenstreifen, viele LKW´s, und Idioten, die noch schnell an mir vorbei wollen und mich fast in die Hönne schubsen.

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Wirklich schade, wie verfallen diese alte Mühle ist. Ob die auch Reinkalk gehört?

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Mal nachfragen. Aber jetzt nach Hause. Ich bin das Fahrradfahren nicht mehr gewohnt.

 

narr

 

Katerbrunze

Bringt es auch Glück, wenn man morgens in alte Katerbrunze packt?
Ein unachtsamer Griff an die Plastiktütenverpackung der Sommerreifen, und ich rieche wie ein ungepflegter Pumakäfig.

Der Mann hinter der Reparaturannahme verzieht sein Gesicht, nimmt aber tapfer den Auftrag entgegen.

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Pfingstdienstag morgen in der Kleinstadt, Frühstück im Supermarkt mit heißen Croissants.
Ein Mann mit pakistanischen oder indischen Wurzeln kassiert als Einziger inmitten von vierzehn weiteren, nicht besetzten Kassen.
Und ohne zu zögern spielt ein Teil von mir die Rassistenkarte, assoziiert dunkle Hautfarbe, Arbeitskittel, Billiglohn – wahrscheinlich ist es der Filialleiter – wird aber von einem anderen Teil von mir mit der Arschlochkarte gekontert. Ich spiele die ab – in – die – Ecke – Jungs – Karte und gewinne, nicht, ohne belustigt den Kopf zu schütteln.
Das kann nur am Katerbrunz liegen, das ansonsten inaktive Idiotenichs kurz aus der Stase erwachen.

Der Wagen ist nach dem Frühstück fertig. Sommerschuhe an und klapperlos. Ich bring ihn zur Liebsten, dann ab über die, noch nicht erwachte, Kirmes nach Hause.

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Auf Höhe des Riesenrades springt mich ein Kopfschmerz an, der zwingend Dunkelheit verlangt. Na prima.

 

 

 

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Ein windspieliger Nackthund leckt meine Hand. Das macht es auch nicht besser. Menno. Auf das Familienerbe hätte ich gern verzichtet.

Bringt also kein Glück, dieser Katerbrunz.

narr

Eisheilige

DSC02099Diese Eisheiligen riechen nach Sommer.
Rossige Rentner blicken jungen Mädchen in armlos-bauchfrei-shirts hechelnd hinterher. Die alte Besitzerin der ehemaligen Leberwurstmühle sprüht in jede Fuge des Fußgängerzonenanfangspflasters hochpotente Essigessenz. Das ist Atem raubend und vertreibt den Geruch von Sommer. Vielmehr riecht es jetzt wie in alten Dunkelkammern.
Was gut passt, da ein Kollege und Redakteur der ehemaligen Mendener Zeitung neben mir sitzt und über sein Leid beim Lesen der Westfalen Post mit mir redet.
„Wenn der nochmal ‚Obrigkeit‘ schreibt, haue ich ihm eine rein. Ich hab ihm das schon mal erklärt. Wir haben keine Monarchien, und wir sind nicht Untertan. Wir sind der Souverän.“
Während er klagt,rennen, krabbeln, schlurfen, schleichen viele Souveränies an uns vorbei.
„Das ist die Obrigkeit“, seufzt er und deutet mit einem Kopfnicken auf die vorbeiziehenden Gestalten.
„Beruhigend ist das auch nicht, aber mir fehlt die Kraft zur Aufregung.“
Der italienische Furzknoten, il peto italiano, schwebt auf seiner Wolke der Flatolenzen vorbei und probiert sich kosmopolitisch.
„Mahlzeit, yasses, bon soir, nastrovie“, grüßt er gasig mit glasigen Augen. Niemand fühlt sich angesprochen, keiner grüßt zurück, was ihn aber nicht weiter stört.
Die Fachfrau für Kaffeeverbrennung, schließt ihren Laden auf, und sofort nehmen die weißen Clownshunde ihre Schaufensterposition ein. Mit beiden Vorderpfoten an die Schaufensterscheibe klopfen, wie die chinesischen Winkekatzen. So stand es in ihrer Stellenbeschreibung.
„Wollen Sie meine große Möhre sehen“, fragt ein gegeelter Seitenscheitelkunde mit rosigen Wangen. Bestimmt ärgert sich jetzt de Fachfrau über die Wahl ihrer Hunde. Rottweiler oder Dobermann wären die richtige Antwort ob dieser Unverschämtheiten.
Ist es eigentlich bekleidungstechnisch so vorgerschrieben, dass die ungelenksten Menschen große Sportwerbung auf ihren t-shirts tragen?

narr

THC

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Den Beobachter beobachten

In Holland geht man in einen Coffee-Shop, kauft, nachdem man sich auf der Raucherkarte etwas ausgesucht hat, einen Joint, Gras oder Haschisch und gut ist.

In Deutschland wird die Abgabe so aussehen:
„Guten Tag. Ich hätte gerne etwas Gras.“
„Kein Problem. Bitte tragen Sie hier Ihren Namen und Ihre Adresse ein. Dann brauche ich noch Ihren Ausweis.. Des Weiteren benötige ich eine kleine Blutprobe und wenn Sie so nett wären, hier Ihren Daumen drauf zu legen. Etwas mehr Druck bitte. Haben Sie ein Passfoto dabei? Nein? Nicht schlimm, aber beim nächsten Mal bitte dran denken. So. Jetzt noch einen kleinen Piekser, dann kann es losgehen.
Wir haben drei Sorten im Angebot. Das erste ist sehr medizinisch, also wenig THC, das zweite anregend, das dritte entspannend. Welches Schweinderl hätten Sie denn gerne? Haha.
Nein. Tut mir leid. Bargeld nehmen wir nicht. Sie können hier nur mit Karte zahlen. Der Sicherheit wegen.“

narr