Kleine Fotostrecke nach einem Werkstattbesuch

Eine kaputte Birne und ein Wackelkontakt wurden schnell ausgewechselt und entwackelt. Das Wetter war super und schneeiges Sauerland ist immer eine kleine Rundfahrt wert.

 

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Na ja, zunächst eher so etwas wie eine Strandparty.

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Alle Vögel sind schon da

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alle Vögel alle

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Ich mag die Gegend.

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Angst

P1000822„Wenn der Chef da ist, hab ich immer Angst.“
Ihre Hand zittert, als sie mir den falschen Kaffee einschenkt, es bemerkt und fast zu weinen beginnt.
„Wie damals. Bei Prüfungen in der Schule. Da war mir immer schlecht. Ich hab gebrochen und alles durcheinander gewürfelt. Deswegen hab ich bis heute noch keinen Führerschein. Fahrprüfung ist für mich der Abgrund des Todes. Jede Prüfung ist meine private Hölle.“
Ein Geräusch aus der Küche läßt sie verstummen, läßt sie ihre Schultern zusammenkrampfen und mich mit dem Blick einer zum Tode Verurteilten anschauen.
„Der Chef“, haucht sie, und irgendwie wird ihre Haltung noch devoter.
Ein blonder Mann steht im Türrahmen, hält ein Smartphone vor sein Gesicht und fotografiert den Eingangsbereich, die Theke und Regale.
Dann nickt er freundlich der Verkäuferin zu und geht grüßend aus dem Laden.
Die Verkäuferin sackt zusammen.
„Puhh,“ sagt sie. „Ich weiß auch nicht“, und lächelt verschämt.

Enthaltsam

DSC01883„Hast Du Dich schon mal enthalten“, fragt das Kind die Mama.
„Öh, nö“, antwortet diese.
„Was wählst Du bei der Kanzlerwahl?“
Mama schürzt die Lippen, schaut mich an, schüttelt den Kopf und hebt resignierend die Schultern. Antwort gibt sie keine. Des Tochters Aufmerksamkeit liegt jetzt bei dem roten Gratislolli.
Ich mag die Mama, war auch mal verknallt in sie. Eigentlich eher in ein Bild von ihr und in daraus resultierende Vorstellungen.
Mama hat sinnliche Lippen. Schon immer gehabt. Einmal sah ich sie in der Innenstadt mit einem völlig zerkauten Mund, der ganz klar Auskunft über ihre Tätigkeit der letzten zwölf Stunden gab.
Da es mir an dem Tag ähnlich ging, hatten wir vielleicht die gleichen Schwingungen, den gleichen Geruch oder deckungsgleiche Bilder.
Lustvolle Nacht, bis die Körper vor Erschöpfung abwinken, und Gebrauchsspuren wie Kratzer, rote Flecken, Schwellungen, Überdehnungen und eben diese zerkauten, überstrapazierten, glänzenden Lippen das Äußere dominieren.
Wir erkannten uns, erkannten einen Teil von uns. Das machte uns lächeln. Macht es immer noch.
Das Kind hört auf, mit den Beinen zu baumeln, legt die Stirn in Falten und ploppt mit dem roten Lolli.

„Was genau ist eigentlich ‚Enthaltung‘?“

 

narr

Lustiger Haufen

P1010224Wie anrührend, wenn eine Hundehalterin bei Regen den Schirm auch über ihren Hund hält.
„Drei, fünf und acht. Der hat die Kinder einfach aus dem Fenster geschmissen.“
„Flüchtlingsheim?“
„Nee, normal. Also…“
Die Rößler-Rentner differenzieren sehr genau.
Es ist der Tag nach Weiberfastnacht. Mendens Frauen haben sich als rauchende Regenschirmhalterinnen mit großen Augenringen verkleidet.
Das Thele-Tubbi grüßt nickend. Wieso ist das noch nicht in Rente?
Das Sauerland ist ja bekannt für seinen überschäumenden Humor und seine jeckische Spritzigkeit. Da wird keine Pfütze ausgelassen, und das Wasser unter dem sechseckigen Pflaster freut sich eine Beule.
Bei Amazon kann man das Verkleidungspaket: Kinderflüchtlingspaar World War II kaufen.
Was sind wir doch für ein lustiger Haufen Menschen.

narr

Kaffee mit Welle

P1000768Was haben ein fetter Rauhaardackel und ein plötzliches Gefühl miteinander zu tun?
Ein Paar Engelsflügel in Plastik werden vorbeigetragen. Die tragende Person ist so umfänglich, dass sie auch mit drei Paar Flügeln dem Boden nur mühsamst entschweben könnte.
Wieder ein Rauhaardackel, wieder dieses Gefühl.
Puff´s Jupp, der mit seiner Frau Klara die Wohnung belegte, in der jetzt die Liebste wohnt, kommen mir in den Sinn.
Jupp und Klara hatten einen Rauhaardackel, der Axel hieß und Bier trank.
Mit 70 machte Herr Puff den Führerschein, mit 71 eine Tour durchs Sauerland mit Klara, Axel und Auto, kam zurück, gab dem Dackel Bier, setzte sich in seinen Sessel und verstarb.
So machte man das damals.
Kurze Zeit später verstarb Axel an Leberversagen und Klara zog zu ihren Verwandten.
„Immer, wenn ich sie sehe, muß ich an Ihre Mama denken.“
Die das sagt, steckt (auch) fast ihre Nase in mein Ohr, so nah kommt sie mir.
„Die hat ja im Kino immer an der Kasse gesessen. Einmal hab ich mir den Zeh gebrochen. Ich hab gegen eine Eisenkugel getreten. Die sah aus wie ein Fußball. Da kam Ihre Mutter sofort heraus.“
An die Geschichte erinnere ich mich. Das war Harrys Zeit der künstlichen Kackhaufen, die er gerne mal in fremden Wohnbereichen deponierte. Eines Morgens, beim Frühstück, erzählte er von der Eisenkugel vor dem Kino, und dass er sie wie einen Fußball angemalt und die „Dulle“ davor getreten hätte. Seine diebische Freude ärgerte die gutbürgerliche Ilse, meine Mutter, etwas. Trotzdem schmunzelte auch sie, war er doch ihr Held, ihr Heißsporn, ihre große Liebe, und die „Dulle“ konnte sie ebenfalls nicht leiden.
Harry und Puff´s Jupp waren das DreamTeam der Improvisation und der schiefen Flächen in unserem Haus. Die Waagerechte wurde ausgewogen mit der kleinen Blase in der Bierflasche – und was da nicht alles vom LKW gefallen war, was da im Haus verarbeitet wurde.
Wieder dieses Gefühl. Aber jetzt kann ich es zuordnen. Heut wäre er 83 geworden.
Darauf einen Kaffee mit Welle, Harry.

narr
ps. der Text wurde gestern geschrieben.