Ohrkriecher

crazy
juhuu

„Oh la la. Da kann man ja sagen: ‚Fronkreisch, Fronkreisch.‘ “ haucht etwas in mein Ohr, während ich versuche, meine Gedanken zu sammeln.
Ich schrecke zusammen, wende meinen Kopf und blicke auf herausschauende, graue Nasenhaare, grobe Poren und alte Aknekrater unter rotgeschabter Haut.
Was ist das für eine Angewohnheit, vage bekannten Menschen fast ins Ohr zu kriechen?
Den Namen des Ansprechers kenne ich nicht. Grüßen tun wir uns seit einem Jahr, bekannt ist er mir seit der Schulzeit.
Für mich war er immer der Langstreckenläufer, so oft, wie ich ihn im Sportdress sah. Turnschuhe trägt er immer noch. Nur sein Gang hat sich von etwas Federndem in etwas Schlurfiges verändert. Müde Füße auf glattem Untergrund.
„Ach, wegen des Croissants“, reagiere ich spät im Angesicht der Nasenhaare. Aber er zieht sich schon wieder zurück-
Setzt die Füße so, als hätte er Bürsten unter die Sohle gespannt und schubbert sich aus der Tür.
Auftrag erfüllt. Konzentration gestört.

Streifenfrei

DSC00582Mittwochs ist Putztag in Mendens Innenstadt.
„Gin dobre“, sagt die Spielhallenaufsicht zu ihrer Kollegin und prüft mit kritischem Blick den linkshändigen Flitschenschwung des Fensterreinigers.
Die Kollegin kommt mit zwei Kaffee zurück. Dann stehen beide im Türrahmen, rauchen und beäugen den Mann im blauen Overall, seinen Eimer, Flitsche, Schwamm und Leder.
Ansetzen, abziehen, trocknen, fertig.
„Mein Mann ist gestorben. Da komm ich ja kein Brot mehr holen“, tönt eine gutgelaunte Stimme im Vorbeigehen.
Der Fensterputzer zieht weiter zum nächsten Geschäft mit großer Scheibe. Drei andere Trupps , verfolgt von zwei Versorgungswagen, schwingen ebenfalls auf dem Boulevard der Insolvenz den Schwamm, so dass man wunderbar streifenfrei in leere Geschäftsräume schauen kann.

 

narr

So!

DSC00848So. Genug geschwiegen und Gold gesammelt.
Mir fehlten seit Neujahr die Worte. Das Kind in mir hat nur noch, Worte zerfetzend, geschrieen. Es fühlte sich vierzig Jahre in die Vergangenheit versetzt.
Die Nazis, die Sexisten, die rassistischen Arschlöcher und die Kleinbürger.
Das Kind schrie verzweifelt: „Ich weiß, was jetzt kommt“, dabei hatte es zuvor gedacht, dieser ganze Dreck hätte sich längst erledigt.
Es ist wie früher, nur, dass die Leute heute mit einem Smartphone herumwedeln.
Das ICHICHICH, der Neid, die Mißgunst, der Hass, die Hautfarbenarroganz, alles wieder hochgeschwabbt in der Suppe des Lebens.
Müßig zu fragen, wer die Kacke gequirlt hat.
Wer Bildungsstandards zurückschraubt, muß sich nicht wundern, wenn Idioten auf seinem Grab tanzen.

 

narr