Schluss mit peng

P1010007Die letzte Drehung unter der Bettdecke.
Wachwerden.
Augen auf, Schmerz dahinter. Augen zu, Schmerz bleibt.
Die Zunge tastet im Mund herum. Auch da Schmerz.
Kleine Hautfetzen baumeln vom Gaumen herab und erzählen von dem heißen, gestrigen Pizzabelag.
Idealerweise könnten sich die verschiedenen Schmerzen gegenseitig aufheben, aber den Gefallen tun einem diese egoistischen Gefühle nicht. Sie alliieren und verteidigen sowohl Mundhöhle als auch Hinterkopf mit der Vehemenz von Glaubenskriegern.
Sind Masochisten in einer solchen Situation eigentlich glücklich? Schmerzen ohne äußeres Dazutun.
Killing me softly with this pain.
Kalt in Hitze, heiß in Kälte, der Körper spielt Schüttel-Dich.
Die Nase denkt sich: „Oh. Super. Schließ ich mich der Allianz an. Luft wird überbewertet. Schwell ich doch mal zu.“
Der Magen denkt sich nur: „Ohrch.“
Ich seh das Grün der Spinatpizza von gestern abend auf weißem Porzellan und denke: „Gaumen umsonst verbrannt.“
Schließlich wünsche ich, und das ist meine politische Handlung an diesem Freitag, allen kriegsführenden Menschen die gleichen Symptome.
Dann wär für heute Schluss mit peng.

narr

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ohne nichts

crazy

 

„Das ist ’ne gute Schauspielerin. Aber da war sie zu menschlich.“
„Ja, stimmt. Da war sie zu menschlich.“
Die plappernden Rößler-Rentner schwafeln sich in Hochform.
Ein anderer, frustierter no-name-Rentner befiehlt mir, vom Fahrrad auf dem Gehweg abzusteigen.
„Ja, hat man Ihnen denn nicht den Unterschied zwischen Fahrrad und Roller beigebracht“, frage ich freundlich.
Grummel-knütter, knütter-grummel.
„Aber nicht so knütter-grummel schnell.“
„Reichen Sie doch eine Petition ein. Für Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Gehwegen“, rufe ich fröhich hinterher.
Knütter-grummel, grummel knütter.
Zwei Jungs, deren Parfum nicht mehr den Geruch ihrer ungewaschenen Körper übertünchen kann, stehen vor der Theke und zeigen auf Croissants.
„Die sind ohne nichts, wo?“
Das Narrenschiff, Abteilung Menden, läßt heute die Insassen auf das Oberdeck. Sonne soll ja helfen.

narr

Lumpen

P1000643  „Für Lumpen zahlen Sie 7,50 €. Soviel, wie für den Inhalt einer 70l Tonne“, sagt der Mann am Infotelefon von Lobbe.

Am Bringhof wird klar, dass der, mit Altkleidern vollgestopfte Bettbezug erst in Plastiktüten umgepackt werden muß.
Während der Umverpackung kommt ein weißhaariger, stämmiger Mann mit dem Imponiergehabe eines Mittelständlers kurz vor der Rente und versucht mir zu erklären, dass die Kleiderspende ja auch gegen die Armut in Indien, überhaupt gegen Armut der Welt sei.
Je mehr er erzählt, wird klar, dass er sich für den Nabel der Welt, Deutschland für das Maß aller Dinge hält, und überhaupt stünden wir, im Gegensatz zur dritten Welt (er hat sie, laut H.v.Veen selber nummeriert) an der Spitze der wirtschaftlichen und menschlichen Entwicklung.
Zum Schluß beschimpft er mich als Gutmensch, und ich erwidere, dass seine Unterhaltung gerade auf eine faschistische Ebene gerutscht sei.
Für solche Lumpen zahle ich keine 7,50€.
Zwanzig Minuten später, zu Fuß bei Roths Büdeken, darauf wartend, dass die Ampel auf Grün wechselt, spricht mich der unsympathischste Dealer der Stadt an.
„Brauchst du ein neues Portemonnaie? Unbenutzt.“
Dabei hält er mir eine fast-Leder-Börse, verdeckt vor den Blicken der anderen, vor die Augen und zuppelt, wie zum Beweis des Unbenutzten, an den Schutzpappen im Inneren der Karten und Geldscheinfächer. Als ich dankend ablehne, fragt er weiter.
„Brauchst du son Nazizeugs? Kann ich dir auch verkaufen.“
Ja. Lumpen gibts nicht nur Karnevalsdienstag im Gasthof Hünnies.

narr

à la carte

Appetit vergangen
Appetit vergangen

„20 Jahre Fressen für den Frieden“ in Menden geht grad komplett an mir vorbei.
Gestern, beim Aufmarsch der Dreckschleudern mit einem H im Nummernschild, gekoppelt mit der Sichtung kulinarischen Gekröses unterm Rathauszelt, verging mir ganz spontan der Spaß am Dasein in der Innenstadt.
Zuerst kommt das Fressen. Die Moral geht derweil an der Hönne spazieren und überlegt sich, diese Stadt fürderhin zu meiden. (Ist sicher ´ne Überlegung wert.)
Es ist der Auflauf des verarmten Mittelstandes mit der Chance, die guten Anziehsachen aus dem Schrank zu holen, um ihren brüchigen Status Quo zu präsentieren. Ihre kleinen Hündchen und Hunde werden mit Basecabs, Halstüchern und Prolpalmen dekoriert. Beim Catwalk durch die Innenstadt allerdings fegt das hängende Bauchfell des vergötterten Haustieres Kippen, Sputum, Kartoffelreste mit Knoblauchsoße und Schotterstaub in der Bahnhofstraße zusammen. Mehr gibt der Status Quo nicht her.
Ach, was reg ich mich auf. Genau das ist doch Menden, ist Deutschland.
Piefiges Großmannstum, pseudokapitalistische Quarkbällchen mit der Vorliebe für Loden und Hirschhornknöpfe.
Da bleibt nur, allen Guten Appetit und eine Extraportion Sauerstoff zu wünschen , wenn die Dreckschleudern wieder ihre Motoren anschmeißen.

narr

Muschelkästchen

Völker lasst das Schießen sein
Völker lasst das Schießen sein

Versprich nicht, was du nicht halten kannst.
Das ist, sozusagen, mein Fluch der letzten Tage.
Vor kurzem sprach ich mit meiner Schwester und erwähnte nebenbei, dass ich ihr Muschelkästchen wiedergefunden hätte.
„Meine Robinson-Crusoe-Schatzkiste? Aus Caorle? Wie schön.“
„Ich such es dir raus und bring es beim nächsten Mal mit.“
Das war das Versprechen.
Seit drei Tagen durchsuche ich das Haus. Putputput, Muschelkästchen, wo steckst du?
Neben längst vergessenen, selbstgmachten Sonnenbrillenclips, Ting-Ting-Mahej Ingwerbonbons aus den 90gern, drei alten Handys, Anrufbeantwortern, Unmengen von Fotos, kaputten Wachstumslampen, alten Fliesen, Diolenwatte, einer Gasmaske, einem alten Volksempfänger aus den Dreißigern des letzten Jahrhunderts, meinen drei Wasserskiern und Staub von mindestens sieben Generationen fand ich auch diese hübsche Sammlung alter, verrotteter Vorderladernachbauten für Dekorationszwecke des ehemaligen Blumennachbars Klerebezem.
Kein Muschelkästchen.
Kennt Ihr das? Genau zu wissen, dass etwas da ist, etwas, was man vor kurzem noch in der Hand hatte, und man wahnsinnig wird, weil man sich nicht erinnern kann, wo man es dann hingelgt hat.
Vielleicht gibt es ja auch ein Muschelkästchenuniversum, in das alle Muschelkästchen dieser Welt durch ein kleines Wurmloch verschwinden.
Ich bleib dran.
Und wenn ich ins Muschelkästchenuniversum muss, baue ich mit eben eine Rakete.
So.

narr

Arlette

crazyw1

Hm. Wieso denke ich denn heute an Arlette?
Die Frau mit Haar so dick wie Pferdeschweif und ihren Happy-Feets zum Geldverdienen.
Ist heut der Hopper-Stopper-Stepperinnen-Day?

Körnerkur is so delicious!
Zellulitis mag sie nicht.
Katze hockt am Rand des Tisches,
Kater ist zu Männern nett.
Trotz Körperoptimalgewicht maunzt sie ständig:
– I´m so fat! –
Tanzharter Tigertangahintern,
der sich beim Spülen noch bewegt
zum Rosagumihandschuhsingen,
wo häufig Sauce noch am Teller,
doch seltener die Stimme klebt.
Neunundzwanzig rote Pusteln
durchbrechen juckend weiße Haut.
– Jeder Tag ist ein Geburtstag -,
frohlocken ihre Pusteln laut.
Kleine Zöpfchen an die Waden
möchte gern der Nachbar flechten.
Das bekommt ihm nicht sehr gut.
– Nimm jetzt bitte mal den rechten
Fuß und massier ihn sehr behutsam,
dann den Rücken und den Hals.
Sonst knallt´s. –