Tante Ziege

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Sie wohnten in einem zweistöckigem Siedlungshaus im obersten Stockwerk.
Unten war der väterliche Laden und das Lager. Zeitungen, Zigaretten, Tabak, Süßkram, Getränke, Lotto-Toto.
Der kleine Gemüsegarten hinter dem Haus war Papas ganzer Stolz.
Kohlrabie, Radieschen, Porree, Zwiebeln, Möhren,Tomaten, Kartoffeln und Salat, was Papa anbaute, gedieh prächtig in der fetten Erde.
Er hatte dem Filius gezeigt, wie man Erde umgräbt, wie man Wildkräuter von Nutzpflanzen unterscheidet, oder gerade Pflanzenreihen anlegt.
Acht war der Filius und dem Papa zu helfen seine Leidenschaft. Klein, blond und flink wuselte er im Garten herum, zupfte Unerwünschtes aus der Erde, schleppte Wasser von der Regentonne in der Gießkanne und wässerte alles bei Trockenheit.
Regnete es, stand er nach der Schule im Laden, sortierte Zigaretten, Schokoriegel oder Comics ein.
Ab und zu kam die Schwester seines Vaters und meckerte. Sie meckerte immer, weswegen Papa sie Ziege nannte.
Er hatte sie einmal „Tante Ziege“ genannte. Da war sie fürchterlich böse geworden und Papa hatte gelacht.
Sie redete immer von Enthaltsamkeit, von Keuschheit und den Versuchungen, die der Papa irgendwo in seinem Laden versteckt haben sollte.
Kurz vor Pfingsten war es, als sie sagte: „Wenn Du Deinen Papa lieb hast, vergrab am besten den ganzen Tabak im Garten.“
Und als sei ihr das noch eben eingefallen, sagte sie weiter: „Und wenn Du Glück hast, geht der Tabak sogar an und Du kannst im Herbst viel mehr ernten.“
Das leuchtete dem Filius ein und er machte sich an die Arbeit.
Die Erde war noch locker.
Hochsommer nannte es der Wettermann im Fernsehn, und dem Filius tropfte der Schweiß von der Stirne.
„Guter Schweiß“, wiederholte er Papas Worte wie ein Mantra. Er hatte schon vor Augen, wie Papa sich über die kommende Ernte freuen würde.
Zwischen den einzelnen Reihen bohrte er mit einem Dorn in Abständen von zehn Zetimetern ein Loch in den Boden.
„Arbeitsschweiß ist guter Schweiß“, sagte Papa immer wenn er Wasserkisten schleppte oder Altpapier zusammen schnürte.
Stock in die Erde, das Loch ein wenig geweitet, die Zigarette mit dem Filter zuerst hineingesteckt, etwas Erde darüber, leicht angedrückt, nächstes Loch.
Eine Packung Zigaretten ergab eine Pflanzreihe in dem zwei Meter breiten Beet.
Eine Stange Zigarette reichte für ein Viertel des Beetes.
Zwölf Stangen für drei Beete.
Am späten Nachmittag war der Filius fertig mit der Arbeit. In jeder Reihe steckte, wie es Papa ihm gezeigt hatte, eine leere Zigarettenpackung, aufgespießt auf ein Stöckchen. Schließlich sollte jeder wissen, welche Sorte da wachsen würde.
Abschließend wässerte er alle drei Beete und freute sich ein Loch in den Bauch.
Am nächsten Tag fuhren Papa und Filius gemeinsam für ein langes Wochende an die See.
Das Wetter war bundesweit optimal. Tagsüber warm bis heiß, abends kleinere Gewitter mit erfrischendem Regen.
Als sie Montag abend zu Hause ankamen, wartete die Tante schon vor der Tür.
„Und? Alles verjubelt?“
Dabei funkelten ihre Augen boshaft. Kurzurlaub war etwas, was nur dekadente Menschen machten.
„Was willst Du“, frage Papa kurz angebunden.
„Hab nichts mehr zu trinken.“
Also schloss Papa den Laden auf und ging durch, der Filius hinterher, während die Tante sich zwei Flaschen Wasser aus einem Regal griff und dann Geld in das Schälchen auf dem Tresen legte.
Papa wollte eigentlich gleich die Treppe hoch in die Wohnung, stutzte aber an der ersten Stufe. In dem Moment wußte Filius, dass etwas nicht in Ordnung war.
Papa blickte zur Tür, die in den Garten führte. Dann dauerte es noch einen kleinen Moment, bis er sich in Bewegung setzte. Filius bekam Herzklopfen als er Papa sah, wie er da im Türrahmen stand.
Es waren die, plötzlich hängenden Schultern und der kleine, haltsuchende Griff an den Rahmen. Papa hatte erkannt, dass etwas anders war und es war nicht gut.
Wortlos ging er die Stufen auf den Kies herunter. Alle Pflanzen waren tot oder sehr nah am Lebensende. Ein metallisch, scharfer Geruch lag in der Luft.
Er stapfte ins erste Beet, rupfte die leeren Zigarettenschachteln am Stock aus der Erde und schaute seinen Sohn an, der noch auf der Treppe stand.
Der Blick stieg höher, über den Sohn hinweg und blieb an seiner Schwester, die immer näher kam, hängen.
Sie stellte sich hinter den Jungen, blickte triumphierend zurück und lachte gemein.
Tante Ziege.

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