schlimme Jungssache

crazyw1
Gerade der Pubertät entkommen, stehen, hocken oder sitzen sechs angetrunkene, junge Männer bei Bichmanns Blutbuche, den Bollerwagen, mit einer Kiste Bier, Baguette und Käse beladen, am Straßenrand geparkt, und unterhalten sich lautstark über Frauen.
Schlitzaugen, Schlupflider, blond, schwarz, blau oder grün, Locken oder glatt, große Brüste, kleine Brüste, Rock, Hose, Brille ja-nein, Stöckelschuhe, Strapse, Korsett, dick, dünn.
Ihre Erfahrungen haben sie sich offensichtlich beim Durchblättern von diversen Hochglanzmagazinen geholt.
Sie diskutieren Piercings, Nippelklemmen und Tatoos.
Der eigentliche Kern ihrer Diskussion ist aber die Frage, wer von diesen Frauen die Beste im Bett sei, sein könnte.
„Loch ist Loch“, brüllen sie am Ende unisono.
Ja, das ist wahr. Und kein Loch ist zu klein , in dass man euch nicht, mit dem Kopf zuerst, eingraben sollte.
Was habt ihr bitte im einundzwanzigsten Jahrhundert zu suchen?

Advertisements

card blanche

P1010108

„Ich hätte gerne das da.“
„Nein, Schatz. Das nicht.“
„Ich mag aber keine süßen Brötchen.“
„Dann such Dir was aus.“
„Das da.“
„Nein, Schatz. Das nicht. Drei Schokobrötchen bitte.“

Ja, Kinder. „Such Dir was aus“ ist keine card blanche.
„Such Dir was aus“ bedeutet immer: Das, was Mami oder Papi gefällt.
Gewöhnt euch an die Bevormundung.

 

narr

Schwipp-schwapp

P1010103

Grad geht die Welt unter.
Der Himmel stürzt ein. Die Wassertore sind weit geöffnet.
Rollatorengalopp, rasende Rollstühle, hechelnde PflegerInnen, alles hetzt Richtung Unterstand.
Als Abschluss der Show, ein Blitz, ein Donner, fast zeitgleich und laut.
Alle Gäste von Filiale 43 zucken zusammen und reden dann gleichzeitig:
„Da hat´s irgendwo eingeschlagen. Hoffentlich ist niemand tot.“
Nach einer Minute und dreißig Sekunden ist alles vorbei.
„Ich bin Dein Vater“, keucht eine kichernde Rentnerin wie Darth Vader auf Helium.
Doch halt!
Ich wollte ‚Schwipp-schwapp‘ erklären. Also.
Schwipp-schwapp heißt der Zustand, bei der angebliche Realität und meine Phanatsie verschmelzen.
Wenn ich nicht mehr unterscheiden kann ob das, was gerade geschieht, meiner Phantasie  oder der Realität entspringt, dann ist Schwipp-schwapp.
Schwipp-schwapp ist super für das Schreiben von Geschichten, taugt aber nur bedingt für soziale Routinen.
Rollerfahren und Schwipp-schwapp gehen, äh, rollen gut zusammen.
Autofahren und Schwipp-schwapp geht gar nicht.
Schwipp-schwapp verändert meine Zeit.
Dann bin ich zwischen zwei Sekunden in einer Welt, die von Anfang bis Ende durchlebt wird. Gründlich.
Wenn Ihr mich also wieder mal voll auf Schwipp-schwapp erwischt, dann will ich das. Meistens.
Und wie in jedem Job kommt irgendwann der Punkt, an dem man eine Pause braucht.
Dann krieche ich in meine Höhle und beruhige das Meer, bis aus Schwipp-schwapp  ein leichtes Plätschern oder fernes Meeresrauschen wird.

narr

Kuckuck

kein Held
kein Held

Auch wenn ich mettiwetti und den angereisten Eidgenossen Unrecht getan habe, da ich schon kurz vor der Pause gegangen bin, so ließ es sich nicht ändern, da mein psychisches Schwipp-schwapp überzulaufen drohte.
Aber from the beginning.
Schon beim ersten Gang die Stadt herunter feierte Ouzo-Theo sein vierzig jähriges Bestehen in der Stadt. Chapeau und Yamas.
Dann kam mir auf der Höhe Dameris-Köster-Rosier-Hillebrand bei der besetzten Schaukel ein seltsamer Gedanke.
Die Stadt Menden hat die Wippe mit den zwei Stangen aufgestellt, um jungen Mädchen kostenloses Training an der Stange zu ermöglichen.
Eine Etage tiefer, bei dem billigen Backwerk-Bäcker, saßen ungesund und schlecht gepflegt aussehende Menschen mit Zigarette und Kaffee im Pappbecher. Sie musterten die Vorbeigehenden.
„Du meinst aber die ganz Kaputten“, schallte es zu mir herüber, der ich im Vorbeigehen war. Das brachte mich zum Lachen.
Irgendwie dachte ich dann an die Teufelsbrücke, die von Menden-Hafen-Mitte über die Hönne zum Aldi führt.
Bilder von ausrutschenden Menschen flammten in meinem Geist auf mit dem Sub-Text: Das sind aber die ganz Kaputten.
Kombiniert mit meiner vortäglichen Wahlerfahrung, als ich mir die Oberlippe an dem Briefumschlag aufschnitt und Krankenschwestern, die allesamt in schwarzer oder weißer Lack-Leder-Latex-Uniform umherranten, an eine Altenpflegeschülerin erinnerten und mich in meiner Phantasie versorgten,  brachte das mein Schwipp-schwapp ganz gut ins Schaukeln.
Dann setzte ich mich an einen Eiscafetisch, an dem schon die Frau Bauer, der Herr Neuhaus und die Frau Janßen saßen. Die Frau Jansen war frech zu mir, das verstärkte das Schaukeln.
Nachmittags wühlte ich mich, zur Beruhigung, durch den Garten, erlegte Efeu, Giersch und Löwenzahn in der Menge zweier Kubikmeter.
Dann sagte ich zu meiner Tochter: „Ich seh aus, als käme ich gerade von einer SM-Sitzung. Überall Striemen.“
Abends dann, auf dem Weg zum Theater, brannte mein Oberkörper, was mich an Domians Brennesselgeschichte erinnerte.
Es war, als schwebte schon den ganzen Tag eine sehr schräge Vorstellung von Sexualität durch meine Aura.
Das  Theater hatte geflaggt und zusätzlich die Gäste mit dem weißen Kreuz auf rotem Grund begrüßt.
Schön, dachte ich, dass aus anderen Kommunen Europas auch mal Gäste kommen.
Aber schon beim Betreten des Theaters begann das Schaukeln erneut.
Auf einmal rannte da wieder eine Schwester im weißen Lacklederdress herum, ein Ziegenpeter juchzte im Amateurdialekt, die Frau Janßen wollte Geld von mir, keine Erdnüsse auf den Tischen, dafür schweizer Schokolde, Brot und Käse.
Ständig rief mein Hirn: „Er hat sein Brot in den Käse fallen lassen. Bringt mir die Peitsche. Die Peitsche!“
Ich war in einem Klischee gefangen, und als die MusikerInnen ihr Programm begannen, natürlich in schwytzer-ditsch (wobei mir „ditsch“ gerade eingefallen ist und mir gut klingt) war es um mein Schwipp-schwapp geschehen.
Ich driftete durch Zeit und Dialekt, wollte zwischendurch „Kuckuck“ rufen und die Uhren umdrehen und hatte fünfundvierzig Minuten später das dringende Bedürfnis nach Ruhe und Erholung.
Bei sowas höre ich auf meinen Körper, also ging ich leise.

 

narr

P1010097

 

 

Plauzenträger mit durchgedrücktem Kreuz bewegen sich, als wären ihre Arme abgeknickte Paddel mit eigenem Motor.
Arme wachsen, im Gegensatz zur Plauze, nicht weiter. Je ausgeprägter die Plauze, je breiter die Schultern, desto intensiver werden die Arme, durch Gravitations – Flieh –  und Schwingungskräfte in pendelnde, oder auch paddelnde Bewegungsabläufe gebracht, sobald der Hauptkörper losläuft.

Zwei grimmige Ostpreußenomas werden umschmeichelt von Puderpartikeln des neunzehnten Jahrhunderts, NonChalance aus der gleichen Epoche und frischen Corega-Tabsmolekülen.
„Im Alter mußt mehr bezahlen fir Tabletten als Fressen.“

Kinder in devoter Haltung, die im Gesicht die Falschheit der Erwachsenen eins zu eins übernommen haben, sind auch kein Zuckerschlecken.

Die Mendener Malerin mit yugoslawischen Wurzeln ist gebrechlich geworden.
Ob sich noch irgendwer für ihre Bilder interessiert?

Schlußsatz: Wenn ein VW-Käfer fleischmieder-Farbe trägt, bin ich auf die Unterwäsche der Fahrerin gar nicht neugierig.

narr

Tante Ziege

P1010087

Sie wohnten in einem zweistöckigem Siedlungshaus im obersten Stockwerk.
Unten war der väterliche Laden und das Lager. Zeitungen, Zigaretten, Tabak, Süßkram, Getränke, Lotto-Toto.
Der kleine Gemüsegarten hinter dem Haus war Papas ganzer Stolz.
Kohlrabie, Radieschen, Porree, Zwiebeln, Möhren,Tomaten, Kartoffeln und Salat, was Papa anbaute, gedieh prächtig in der fetten Erde.
Er hatte dem Filius gezeigt, wie man Erde umgräbt, wie man Wildkräuter von Nutzpflanzen unterscheidet, oder gerade Pflanzenreihen anlegt.
Acht war der Filius und dem Papa zu helfen seine Leidenschaft. Klein, blond und flink wuselte er im Garten herum, zupfte Unerwünschtes aus der Erde, schleppte Wasser von der Regentonne in der Gießkanne und wässerte alles bei Trockenheit.
Regnete es, stand er nach der Schule im Laden, sortierte Zigaretten, Schokoriegel oder Comics ein.
Ab und zu kam die Schwester seines Vaters und meckerte. Sie meckerte immer, weswegen Papa sie Ziege nannte.
Er hatte sie einmal „Tante Ziege“ genannte. Da war sie fürchterlich böse geworden und Papa hatte gelacht.
Sie redete immer von Enthaltsamkeit, von Keuschheit und den Versuchungen, die der Papa irgendwo in seinem Laden versteckt haben sollte.
Kurz vor Pfingsten war es, als sie sagte: „Wenn Du Deinen Papa lieb hast, vergrab am besten den ganzen Tabak im Garten.“
Und als sei ihr das noch eben eingefallen, sagte sie weiter: „Und wenn Du Glück hast, geht der Tabak sogar an und Du kannst im Herbst viel mehr ernten.“
Das leuchtete dem Filius ein und er machte sich an die Arbeit.
Die Erde war noch locker.
Hochsommer nannte es der Wettermann im Fernsehn, und dem Filius tropfte der Schweiß von der Stirne.
„Guter Schweiß“, wiederholte er Papas Worte wie ein Mantra. Er hatte schon vor Augen, wie Papa sich über die kommende Ernte freuen würde.
Zwischen den einzelnen Reihen bohrte er mit einem Dorn in Abständen von zehn Zetimetern ein Loch in den Boden.
„Arbeitsschweiß ist guter Schweiß“, sagte Papa immer wenn er Wasserkisten schleppte oder Altpapier zusammen schnürte.
Stock in die Erde, das Loch ein wenig geweitet, die Zigarette mit dem Filter zuerst hineingesteckt, etwas Erde darüber, leicht angedrückt, nächstes Loch.
Eine Packung Zigaretten ergab eine Pflanzreihe in dem zwei Meter breiten Beet.
Eine Stange Zigarette reichte für ein Viertel des Beetes.
Zwölf Stangen für drei Beete.
Am späten Nachmittag war der Filius fertig mit der Arbeit. In jeder Reihe steckte, wie es Papa ihm gezeigt hatte, eine leere Zigarettenpackung, aufgespießt auf ein Stöckchen. Schließlich sollte jeder wissen, welche Sorte da wachsen würde.
Abschließend wässerte er alle drei Beete und freute sich ein Loch in den Bauch.
Am nächsten Tag fuhren Papa und Filius gemeinsam für ein langes Wochende an die See.
Das Wetter war bundesweit optimal. Tagsüber warm bis heiß, abends kleinere Gewitter mit erfrischendem Regen.
Als sie Montag abend zu Hause ankamen, wartete die Tante schon vor der Tür.
„Und? Alles verjubelt?“
Dabei funkelten ihre Augen boshaft. Kurzurlaub war etwas, was nur dekadente Menschen machten.
„Was willst Du“, frage Papa kurz angebunden.
„Hab nichts mehr zu trinken.“
Also schloss Papa den Laden auf und ging durch, der Filius hinterher, während die Tante sich zwei Flaschen Wasser aus einem Regal griff und dann Geld in das Schälchen auf dem Tresen legte.
Papa wollte eigentlich gleich die Treppe hoch in die Wohnung, stutzte aber an der ersten Stufe. In dem Moment wußte Filius, dass etwas nicht in Ordnung war.
Papa blickte zur Tür, die in den Garten führte. Dann dauerte es noch einen kleinen Moment, bis er sich in Bewegung setzte. Filius bekam Herzklopfen als er Papa sah, wie er da im Türrahmen stand.
Es waren die, plötzlich hängenden Schultern und der kleine, haltsuchende Griff an den Rahmen. Papa hatte erkannt, dass etwas anders war und es war nicht gut.
Wortlos ging er die Stufen auf den Kies herunter. Alle Pflanzen waren tot oder sehr nah am Lebensende. Ein metallisch, scharfer Geruch lag in der Luft.
Er stapfte ins erste Beet, rupfte die leeren Zigarettenschachteln am Stock aus der Erde und schaute seinen Sohn an, der noch auf der Treppe stand.
Der Blick stieg höher, über den Sohn hinweg und blieb an seiner Schwester, die immer näher kam, hängen.
Sie stellte sich hinter den Jungen, blickte triumphierend zurück und lachte gemein.
Tante Ziege.

Feuer und Wasser

Schwitzende, wippende, tanzende Leiber, wummernde Bässe im Unterbauch, Brat – und Bockwurst, Geschrei, Gekicher, Gejohle, quietschende Reifen und Gehhilfen im Takt, Feuer, Wasser, ohne Feuerwasser; die Disco im Vereinsheim der Tanzsportabteilung des SV Menden (TSA Menden) hatte etwas.

Draußen RaucherInnen neben dem Grill. Zwei, maximal drei Züge, dann war die Zigarette nass.
Den Brat- und BockwurstkäuferInnen lief das Wasser von dem Grillstandzelt in den Nacken. Wieder im Tanzsaal, tropfte ihnen das Wasser von der Stirne.
Niemand stand vor der Tür und sagte: Du kommst hier net rein!
Es war völlig bolle, ob TurnschuhträgerInnen, NutzerInnen orthopädischen Schuhwerks, Ballerinamädchen, Higheelfrauen und -männer Cowboyschnellfickerstiefelmenschen oder BarfußgeherInnen, NutzerInnen von Elektro- oder manuellen Rollstühlen hier abtanzen wollten. Völlig bolle.
Den Hip-Hop hab ich nicht mitbekommen, ebensowenig die Tanzgruppe vom VKM. Soll gut gewesen sein.

P1010034

 

 

 

 

Die Tanzgarde vom      Teufelsturm wurde bejubelt und bereicherte auch nach dem Auftritt als blau-weiß-glänzende Farbkleckse die bunte Gesellschaft.

Als draußen die Dunkelheit sich anschickte, ihr Nachtwerk zu beginnen, als der Bratwurststand leer gegessen war und 60 Liter pro Quadratmeter Regen fiel, fasste der letzte act den Abend, vor der Halle, sehr schön zusammen.
Wasser von oben, Feuer von unten und mittendurch, gleichberechtigte Elemente in Harmonie.
War ein schönes Ergebnis, ihr Workshopler. Als Startschuss, nehme ich mal an.
Ich warte gespannt auf die Fortsetzungen.


Ps: Was aus der ehemaligen Trillewitz-Halle in der Horlecke entstanden ist, kann sich von Innen sehen lassen. Bravo. Barrierefreie Tanzräume gibt es nicht so viele in Menden.