kein schöner Land

P1010005Das kann ich gut.
Augen auf und träumen.

Verreisen, ohne den Stuhl zu verlassen.
Wegdriften von dieser Pfuidreckschmerzauawelt mit Nervenbeben verursachenden Hoch- und Tiefdruckgebieten.
Regungslos verschwinden, während der Himmel Blasen wirft und die Dummheit im Stechschritt über die Welt marschiert.
Das kann ich gut.
Wenn doch bei der Rückkehr alles anders wäre.
Aber leider, leider ist alles wie gehabt.
Schmerzhaft, grell, explosionshaft.
Es ist die Welt zur Zeit kein schöner Land.

 

narr

 

Oppenheimer Krötenbrunnen

crazy

Da ist der Narr doch etwas verwirrt. Interkulturell sozusagen.
Gestern stand ich wieder bei Stavros, rührte genüßlich den Zucker in meinen Espresso und beobachtete, wie er eine Flasche Wein öffnete.
Das ist an sich schon ungewöhnlich, denn Wein ist hier, bei den alten Griechen, nicht das bevorzugte Getränk. Frappee´s, Espresso, Bier, Wasser, Ouzo, Cippolino und Kräuterlikör beherrschen hier das Trinkbild.
Aber ich fühlte mich auch seltsam berührt durch das Aussehen der Flasche Wein. Ohne das Etikett gesehen zu haben, hatte ich das Gefühl zu wissen, was für ein Wein das war.
Stavros öffnete die Flasche und goß sich sich zweifingerbreit in ein Wasserglas. Dunkel, bräunlich, fast likörgleich gluckerte der Rebensaft hinein. Dann kostete er und verzog angewidert und verunsichert das Gesicht.
Ich deutete auf die Flasche, und er gab sie mir.
„Oppenheimer Krötenbrunnen, 1988“, las ich laut vor und lachte.
„Hab ich von Zigeuner. Der kam mit ganze Palette für fünf Euro.“
Als ich noch ein Kind war und meine Eltern die Stufen zur Bürgerlichkeit erklommen, gehörte es zum guten, bürgerlichen Ton dazu, einmal m Jahr den Handelsvertreter von Saar/Mosel/Ruwer mit den neuesten Weinen zu empfangen und kistenweise Krötenbrunnen einzulagen.
So, wie es die Rothschilds taten, oder die Beaujolais.
Was der Handelsvertreter nicht sagte, war, dass die zuckersüße Moselbrause so gar nicht lagerfähig war.
Mein Vater organisierte Tonröhren, stapelte sie im ehemaligen Kohlenlager und befüllte sie Jahr für Jahr.
Bei Familienfesten, wenn Kegelbrüder- und schwestern zu Besuch kamen, an Feiertagen wurden die guten Kristallgläser auf den Tisch gestellt, dann kam der schwere, süße Wein und am nächsten Morgen der schwere, schmerzende Kopf.
Diese Zuckerbombenbürgerlichkeit hielt nicht allzu lange an, der eingelagerte Wein blieb im Keller für die Erben.
Ich wußte, wie der Korken von innen aussah, als Stavros ihn aufbrach. Bräunlich, bröselig, rottig.
„Das ist kein Lagerwein. Davon hab ich mindestens fünf Kisten in den Ausguss geschüttet.“
„Malaka. Schenk ich dir Sekt. Willst du haben Sekt? Ist auch von Zigeuner. Oder hier. Asti. Auch von 1988. Nimm mit.“
Ich brachte es nicht über da Herz, seine Geschenke abzulehnen. Die Liebste meinte: Schmeiß sie weg, ohne dass er was merkt.
Wir wissen beide, wie der Sekt beim Öffnen reagieren wird. Hatten wir auch schon. Die väterlichen Kisten Sekt, im Keller gelagert, zu Sylvester geöffnet, in die Wohnung getragen und um Mitternacht, als der Korken knallen sollte, machte es nur ‚ffft‘. Oder ‚pfhh‘.
Bin ich jetzt zu einem, ähnlich rottigen Gegengeschenk an Ostern verpflichtet?

narr

Tradition (hätt ich ja fast vergessen)

Ticktacktick.
Pünktlich um 22.00 Uhr, mit Beginn der ersten Abendostermesse, verhallt das letzte Ticken des Testweckers in den, überall in der Stadt und im Wald verteilten Lautsprechern.
Eine kleine Gruppe ist seither ständig in Bewegung.

Die eindringliche Atmosphäre nimmt jeden gefangen, der freiwillig geht. Beten, singen, manchmal mit, manchmal ohne Unterstützung der Lautsprecher. Wandern über kerzenbeleuchtete. knorrige Waldwege, Kreuzfälle. Andere stehen abseits und doch inmitten des Geschehens. Einzelne, in sich versunkene Wanderer.

Die radikalen Esoteriker brechen häufig unter der Last des über dreihundert Jahre alten, doppelzimmermannsgroßen Holzkreuzes zusammen, verursacht doch die Kopfmaske mit Dornenkrone, rollendem Blut und wirren Haaren, Sauerstoffmangel und Atemnot. Diskrete Sanitäter entblößen dann den Büßer, geben Kutte und Maske an nächste Kandidaten, verabreichen Sauerstoff und tragen den Ohnmächtigen in ein waldgetarntes Zelt.

Alle sprechen nur das Wenigste miteinander. Der Wald, die Lichter, erleuchtete Heiligenhäuschen im Dunkeln, Blättergeraschel, Welten wispern ihren eigenen Dialekt, und jeder glaubt, etwas verstanden zu haben.
Manche gehen die Vierundzwanzigstundenprozession von der ersten bis zur letzten Minute schweigend. Die Stadt wälzt sich unruhig im Schlaf. Der Weg führt treppab aus dem Wald, gegenüber ein Begräbnisunternehmen, sanftes Mahnen an die Lebenden, kleine Fachwerkhäuser, schummerige Gassen, in denen Tritte hallen.
Manchmal schallt Pink Floyd aus dem Wald, Rachmaninoff oder Mozart.

Rumms.
Wieder ist ein Gläubiger zusammengebrochen. Mittlerweile sind die Sanitäter vom Malteser Hilfsdienst etwas müde, das Zelt ist überfüllt, aber noch steht die rush hour bevor. Hundertausende am Nachmittag werden erwartet und jedes Jahr mehr. Und noch immer werden hängende Schienbeine mit einer Keule gebrochen. Väter verstecken Eiernester im Stadtpark, bestimmt ist das Gras etwas feucht, die Luft diesig kalt. In einer Stunde tanzt das Osterlamm auf dem Bergrücken. Es hat noch jedes Jahr getanzt.

 

Nachtrag zum gestrigen Eintrag

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Auch diese Nacht war es bibberkalt.

Es spielte bis 24.00 Uhr eine andere Combo als gestern die gleichen Lieder, manche etwas besser.

Die Toilette war wieder abgeschlossen.

Um 1.00 Uhr gab es eine böse Schlägerei unter besoffenen Kids, weil der Eine den Anderen Hurensohn genannt hatte.

Um 2.00 Uhr sprach wer, um junge Mädels zu beeindrucken: Schaut her. Ich bin Moses und kann über Wasser gehen.

Dabei versuchte er, über den abgedeckten Pool der Modellbauer zu laufen.

Um 2.03 Uhr kam Katz vorbei.

 

Sicherheitsdienst

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One night in Bangkok, spielt es in meinem Kopf.
Dabei sind es zwei Nächte. Nicht in Bangkok, sondern in Lendringsen.
Nachtwache auf dem Lendringsner Frühling. Als wenn es nicht genug Absurditäten in meinem Leben geben würde.
Die Cover-band spielt Nirvana. Ich bin überzeugt, Kurt Cobain würde selbst jetzt, im skelettierten Zustand, besser singen.
Die Bunken feiern Uftata. Es ist das Highlight des Jahres, neben Schützenfest und Beerdigung.
Die jugendlichen Vorortschönheiten haben sich in verschiedene Kleinrudel zu fünft oder sechst aufgeteilt und machen selfies.
Die jungen Vorortmachos parken ihre fünfzig-Kubik-Kleinkrafträder und wedeln unauffällig mit Nierengurt und Helm.
Dann ab zum Bierstand. Cola zischen. Oder direkt zur Cover-Band, um vor der Bühne so cool wie es geht Rockstar zu schlürfen.
Die spielen gerade „knocking on heavens door“, und ich stell mir vor, sie wären wirklich dort.
Da der Toilettenwagen schon um 18.30 Uhr abgeschlossen wurde als Vorbeugung gegen Vandalismus, liegt mein Hauptanliegen bei den Wildpinklern, die für eine Stange Wasser weniger auch gerne mal den frischen, halben Kubikmeter Rindenmulch verunreinigen wollen.
Langsam dringt die Kälte durch das Bodenblech.
Es ist uncool, den Wagen mit Standgas aufzuheizen.
Außerdem halte ich mich ungerne in stehenden Fahrzeugen mit laufendem Motor auf. Ein Zug muss rollen, ein Auto fahren.
In einem stehenden Zug spürt man die Unzufriedenheit der anderen Fahrgäste. Im stehenden Auto ist es der eigene Frust, weil es nicht vorwärts geht.
Um 23.00 Uhr hört die Band das Spielen auf. Um 23.30 Uhr fängt sie noch einmal an.
Skandal im Sperrbezirk, Sauerland, der Sänger singt immer noch einen Halbton tiefer als verlangt.
Um 24.00 Uhr ist endlich Schluss mit Muke.
Ein paar Verwegene wagen es, die rot-weissen Absperrpömpel als Kopfbedeckung zu nutzen.
Aber als sie mein Securitygesicht sehen, stellen sie alles brav an ihren Platz zurück.
Das letzte Mal, dass ich in diesem Vorort eine Nacht verbracht habe, war 1978, vor dem Auszug aus meiner ersten Wohnung.
Um zwei Uhr drei schleicht Katz vorbei.
Ab drei Uhr steigt die Kälte ins Rückenmark. Bis jetzt hab ich es vermieden, in den Schlafsack zu kriechen. Erstens ergibt das zusammengerollte Paket eine gute Nackenrolle, zweitens ist eine kleine, grüne Ikeadecke aus dem Auto um meine Beine gewickelt, und drittens hätte ich bei einem Einsatz schon verloren, bevor ich mich aus dem Sack gepellt hätte. (hab ich grad wirklich „Einsatz“geschrieben? Security läßt das Gehirn verrohen.)
Aber die Vandalen schlafen, es ist streckenweise totenstill.
Dafür ist die Temperatur bis auf ein Grad plus gefallen. Schuhe aus, rein in den Sack und warten, bis der Tag anbricht. Um halb sechs fängt es an zu dämmern, ab sechs Uhr ist es hell. Ich versuche nur, meine Augen zu bewegen. Sobald ich die Stellung meines restlichen Körpers verändere, laufen mehrere Schauer der Kälte meinen Rücken herunter.
Um sieben Uhr kommen Flöry und Björn.
Die Beiden ab ins Beet, ich ab ins Bett.
Noch eine Nacht, dann ist es vollbracht.

wie schön

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Wie schön.
Morgens geh ich mit der Liebsten aus dem Haus, beim Rausbugsieren des Autos kommt Stavros von nebenan und grüßt uns.
„Kann sein, dass gleich ein Paket für mich kommt.“
„Nehm ich schon. Kein Problem.“
Die Liebste zur Arbeit gebracht und nach Arnsberg gefahren, weil dort die angehenden Altenpflegerinnen die kleine Premiere ihres noch kleineren Stücke aufführen.
Der Auftritt von vor drei Tagen war eher eine Generalprobe unter erschwerten Bedingungen.
Hauptschule, mit SchülerInnen, die keine Lust auf noch ’n Vortrag hatten.
Vor Ort erfahre ich, dass zwei Auftritte in dieser Schule geplant sind, und dass eine Stange eines Infusionsständers in Neheim geblieben ist.
Also spiele ich mit Herzblut den Infusionsständer und erfülle nebenbei noch seine Funktion als Vorhanghalter.
Die Mädels spielen auch mit Herzblut und nach dem spärlichen Schlussapplaus meint ein Lehrer:
„Hat mir toll gefallen, aber waren sie nicht ein wenig zu kritisch?“
Soll doch die Chefin Marita dem Lehrer erklären, dass es in der Altenpflege keine heile Welt gibt.
Während der zweiten Aufführung klappt alles wie am Schnürchen.
Die anwesende Lehrerin ist auch sehr angetan, scheint etwas mehr Erfahrung als ihr männlicher Vorgänger mit Altenpflege zu haben und stellt als Einzige Fragen, stellvertretend für die schweigenden Schüler und Schülerinnen.
„Das ist richtig. Wer in der Altenpflege arbeiten will, darf kein Feigling sein. Da muß man sich mit allem Menschlichen auseinandersetzen.“
Draussen, bei Abschlusszigarette und Dampf erfahre ich und erkennen wir, dass es eigentlich der letzte Auftritt war.
Eventuell noch einen im September, eventuell.
Zu Hause angekommen, klebt kein Zettel an der Tür, also kein Paket gekommen. Schade. Ich hatte mich so auf den neuen Computer gefreut.
Spät am Abend, nach einem ausführlichen Essen mit der Liebsten beim Vietnamesen, geh ich zu Stavros auf einen Espresso.
Kaum hab ich den Gastraum betreten, winkt Stavros heftig.
„Alles da!“
„Was ist da?“
„Post. Ich sollte doch Paket annehmen. Der kleine italienische Fahrer ist direkt zu mir und hat gefragt ob ich nehme.“

Wie schön, dass meine Strasse mich immer noch überraschen kann.

 

ps. Mädels, das habt Ihr gut gemacht.