Dankbarkeit

crazy

Manchmal bin ich so weit entfernt von Gut und Böse, und dann wieder bin ich mittendrin.
„Schau nach vorne“, möchte ich allen Fahrradkindern, die sich nach ihrem Kumpel umsehen, zurufen.
Aber es macht auch Spaß zuzusehen, wie sie gegen einen Pömpel donnern.
„Unser Gehirn arbeitet manchmal komisch“, antworte ich auf die Frage einer Verkäuferin, ob ich einen Besen für schlechte Gedanken hätte.
„Da sagen Sie was“, ruft die andere Verkäuferin von hinter der Brotmaschine.
„Was glauben Sie, woran ich denke, wenn hier die Scheiben fallen.“

Manche Menschen schieben einen Rollstuhl wie einen Einkaufswagen. Wobei sie dem Inhalt des Einkaufswagens sehr häufig mehr Beachtung schenken.

Vielleicht noch einen Satz zu Pflegeberufen insgesamt.
Wer ‚zu erwartende Dankbarkeit‘ als Kriterium für die Entscheidung, diesen Beruf zu erlernen, auf der Liste stehen hat, sollte vielleicht doch etwas anderes machen.

Frühsport

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Aua. Ächz. Knack. Wirbelknirsch.
Wieso hab ich meinem Autisten versprochen, heute Mittag mit ihm Laufen zu gehen?
Mir steckt noch das Fensterputzen – rauf auf die Fensterbank, runter von der Fensterbank und alles ohne Leiter bei gefühlten 1345 Fenstern – in den Knochen.
Die Sonne ruft Juhuu, der Rücken knirscht krrkru, die Beine schlapp wie alte Luftballons, der Magen noch geweitet von der Geburtstagsvöllerei mit meiner Liebsten, und es war so lecker.
Das ist nicht die Leichtigkeit des Seins, die man sich für einen Autistenpommeslauf so wünscht.
Und der Fettnapf, der jetzt an einem meiner Füße klebt, weil ich die griechische Verkäuferin des letzten, richtigen Bäckers der Kleinstadt fragte, ob sie die Konkurrenz, hier in Filiale 43, fördere, trägt nichts zur Leichtigkeit dazu.
Ihre Blicke werfen mindestens drei schlechte Karmapunkte.
Um so überraschender und wohltuend, dass meine guten Karmapunkte, so scheint es, sich in der Überzahl befinden, denn während des Rollens durch die Zone kam ein Anruf auf mein mobiles Telefon.
„Ja. Guten Morgen. Tut mir leid, aber der will nicht raus aus seinem Bett. Entschuldigung, dass ich so kurzfristig anrufe.“
Auf der Stelle gedreht, sozusagen mit quietschendem Rollerreifen, die Zone wieder hochgerollt zu einem weiteren Kaffee mit Croissant.
Das ist der Frühsport um die Mittagszeit, der meinem Körper sehr entgegenkommt.

narr

eine weitere Leseprobe incl. Titelbild

Solange der Herr Wolfgang Weist im Lügenland noch keine eigene Abteilung hat, mach ich, weil ich ihn mag, hier ein wenig Werbung für ihn und für seinen ersten, fertigen Roman „Galzmann„.

Da kann ich auch gleich der Frau Sonja Heller – http://www.bufbi.de/  http://www.sonjaheller.de/ – für das Bild für den Buchumschlag danken.

 

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Eine kleine, weitere Leseprobe gibt es auch noch.

Aus dem siebten Kapitel: „Zirkuspferde erholen sich schneller„.

 

Für einen kurzen Moment hoffte Claude, in seine Starre zu fallen, seinen Gedankenfluss abstellen zu können.
Heut ist der Wurm drin, dachte er. Ich bin unruhig, wie schon lange nicht mehr.
Ein Symbol poppte auf dem Bildschirm auf, um anzuzeigen, dass der Scanvorgang abgeschlossen war.
Rechner aus, Monitor aus, Drucker aus, Licht aus, raus.
Auf der Stelle herumgedreht und gleich wieder rein.
Wenigstens versuchen wollte er es. Er tastete sich im Dunkeln vor und setzte sich.
In der Finsternis des Büros schien das Tempo seines Herzschlags anzuziehen. Als ob der lichtlose Raum seine Empfindungen verstärkte.
Blitzlichter von Zenzi, von Marlene, von Ketchup und schwimmenden Ratten schossen durch seinen Geist.
Weises Lachen gepaart mit dem Satz: Es sterben laufend Menschen vor laufender Kamera. Als Endlosschleife.
Er schüttelte den Kopf und knurrte in der Hoffnung, die Schleife zu durchbrechen. Manchmal half Knurren.
Es hatte geholfen, als er, zwölfjährig, in Froschlaich stand, um für eine Mutprobe einen Frosch aufzublasen.
Er hatte immer behauptet, dass es eine Mutprobe gewesen war, auch, wenn er genau wusste, dass es nicht stimmte. Aber das wollte er sich nicht eingestehen.
„Komm da raus“, hatte sein Kumpel gesagt. „Das ist doch voll eklig.“
Aber er wollte es wissen und er knurrte.
Bis zu den Knien stand er in dem benzinig schimmernden Schaum, Kaulquappengewimmel an den Waden, kleine panische Frösche und große paddelnde Frösche zwischen seinen Beinen.
Die Schaumspritzer trockneten knisternd an der Hautoberfläche seiner halbnackten Oberschenkel.
Links hielt er den Strohhalm. So einen aus richtigem Stroh.
So einen, wie ihm sein älterer Bruder Wochen zuvor im Spaß in den Rachen gerammt hatte, dass er Blut spucken musste.
Die Reaktion des Vaters war eine Ohrfeige für den Bruder gewesen.
So fest war der Schlag, dass der Kopf des Bruders gegen seinen geprallt war, der eigene Kopf gegen den Kühlschrank knallte und eine tiefe Fleischwunde am Augenwinkel das Resultat war.
So einen Strohhalm hielt er jetzt links wie einen Dolch, während die rechte Hand über dem Froschgewimmel schwebte, jederzeit bereit, bei Augenkontakt zuzugreifen.
Frösche sind glitschig und flink.
Die Hand wollte nicht richtig zugreifen aus Angst, den Frosch zu verletzen.
Die Bewegungen wurden immer hektischer. Das Brackwasser schlug Wellen und spritzte ihm in die Augen.
Der Frustpegel stieg höher.
„Das ist doch doof“, quengelte sein Kumpel, doch das Jagdfieber stieg.
Wieder und wieder stieß die Hand zu, stach der Strohhalm durch Laich und Blasen. Dann war da auf einmal der Frosch in der Hand und zugedrückt.
Fest zugedrückt, noch fester, bis die Amphibienhaut riss und Blut mit Eingeweiden durch seine zusammengepressten Finger quoll, die er seinem Kumpel vor die Augen hielt.
Der kotzte augenblicklich in das Wasser und es war wie der Startschuss zur Raserei.
Für einen Moment hielt der Wahnsinn den kleinen Geist gefangen, ließ alles hochsteigen. Die Verletzung am Augenwinkel, die dummen Sprüche des Sportlehrers, die Demütigungen und Schläge der Klavierlehrerin, das große Versagen beim Konzert, alles platzte auf wie ein überreifer Furunkel, und da, wo Tropfen gelben Eiters landeten, starben Frösche. Zertrampelt, zermatscht, zerfetzt, zerquetscht. Ein Froschmassaker.
Keuchend riss Claude seine Augen auf in der Dunkelheit des Büros.

Innere Ruhe war etwas anderes.
Das Froschmassaker lag schon so lange zurück, trotzdem hatte er das Gefühl, jeden Spritzer in diesem Moment auf der Haut zu spüren. Er hatte den Geruch des Brackwassers in der Nase. Er konnte die Konsistenz des Froschlaichs zwischen den Fingerspitzen fühlen. Das alles hatte sich tief in ihm verankert.
Am unangenehmsten aber waren die Scham und der Ekel vor sich selbst.
Beides hatte er damals ganz heldenhaft heruntergeschluckt, hatte sich, wenn auch mit großer Kraftanstrengung, nicht übergeben. Die Tränen hatten sich mit den Schleimspritzern vermischt und waren als solche nicht zu erkennen.
Sein Kumpel damals war weggerannt, er selbst zitternd und erschöpft aus dem Betonbecken geklettert mit dem Entschluss, nie wieder zu den Klavierstunden zu gehen.
Seine erste, wirkliche Entscheidung.
Wenn aber, so dachte er später, so viel Froschmord nötig war, eine Entscheidung zu treffen, wollte er keine weitere treffen. Unterstützt wurde diese Einsicht ein Jahr danach durch die Bügelprügel seines Vaters.
Eine Entscheidung, doppeltes Leid.
Von außen drang gedämpftes Hupen in die Dunkelheit.
Die unterschiedlichen Tonlagen der Signalhörner ließen einen Autokorso vermuten.
Akustische Belästigung einer wahnsinnigen Blechschlange.

Benefizkonzert

Nein.
Ich enthalte mich der Kritik. Es war eine Veranstaltung für ein Projekt der Regenbogenschule in Hemer.
„Sind Sie von der IKZ“, werde ich begrüßt.
Nein, ich schreibe für das Lügenland, dem Sprachorgan der ungezählten Halbwahrheiten. Subjektiv, voreingenommen und verliebt in eine der Frauen des Chores „Vokalisk Iserlohn“ unter der Leitung von Uta Minzberg.
Der erste Gedanke war, dass ich schon immer so ein Zirkuszelt haben wollte. Eine meiner ganz frühen Geschichten handelt von einem Gott, seiner Frau, der Tochter und ihrem Freund, die mit einem Zirkuszelt die Welt bereisten und kleine bis größere Wunder vollbrachten, circensisch und in vielerlei anderer Hinsichten.
Mein Fantasiezelt war innen größer als außen.
Das Chorzelt wurde ganz ohne Wunder von einem Heißgebläse auf unterste Betriebstemperatur gebracht.
Ein Teil der Zuschauer waren die Mitglieder der sechs Chöre, ein anderer die Eltern des ersten Kinderchores der Gesamtschule Hemer.
Canterino Schwerte, Tonträger Neuenrade, Provokal Dortmund und Vokalart Menden waren die anderen Chöre.
Es gab geschmierte Brötchen, Sekt und rosa Spendenschweine aus Pappmachee und auch noch andere Zuschauer, Zuhörer, Menschen, die sich mit Notfalldecken aus Aluminium zu wärmen versuchten.
Der Moderator kam von Radio MK, aber seinen Namen hab ich vergessen.
Der heimliche Star des Abends, von später auftretenden Erwachsenen dreimal kopiert, war die kleine Tochter von Mitgliedern des Neuenradener Chores, die übrigens ganz schnuckelig acapella sangen. Während aller vier Lieder ließ sie Manegensägemehl schneien.

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Man möge mir verzeihen, nicht alle Gruppen vidiotisch aufgezeichnet zu haben, die Reihenfolge ist auch nicht korrekt, aber wie gesagt. Verliebt in und verheiratet mit einer der vokalisken Sängerinnen aus Iserlohn.
Langsam wird mir wieder warm.

 

Wenn Altenpflegerinnen spielen

Die Blumen sind welk, der Himmel ist grau.
Zu Staub zerfallen sind alle Gebeine.
Geist der Vergangenheit – du weißt es genau.
Wenn ich laut rufe, dann Geist: Erscheine!

So. Der erste Teil der Arbeit ist getan.
Es brauchte zwei Wochen Beschäftigung mit dem Thema, drei Tage und zwei Nächte Intensität, Kaffee, Tinte und Papier.
Jetzt haben die neun Mädels der Altenpflegeschule einen Text zum Lernen.
Gestern, nach durchmachter Nacht noch einen Tag im Theater hinterhergeschoben.
(Durch Schlafentzug entstandene Halluzinozen versüßten mir die Versuche der Frauen auf der Bühne:)
Nächste Woche beginnen die Einzelproben, Gruppen – und Gesamtproben.

Es ist eine Tatsache, dass bei Improvisationen von Neulingen die zu lobende und zu beschreibende Nachbarin immer entweder auf den Strich geht, GoGo-Tänzerin ist, irgendwen ermordet hat oder den professionellen Striptease beherrscht.
Das vergaß ich bei der ersten Videoaufnahme von vor zwei Wochen, weswegen die auch nicht veröffentlicht wird. Da hätte man ja einen ganz falschen Eindruck bekommen können.
Aber die gestrige Aufnahme kann ich zur Vorstellung der Frauen verwenden.

Ich denke, die nächsten Wochen werden noch lustig.

kleine Insel Ich

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„Ich bin das letzte Stückchen heile Welt in dir,“ sagt Cäsar der Hase, und Therapeutinnen lachen schauerlich.

Eine Mutter quengelt im Beisein ihrer Tochter, wie anstrengend doch so ein Kindergeburtstag sei.

„Dreißig Brötchen schmieren im Kindergarten, am Nachmittag zu Hause den Kindergeburtstag mit Schatzsuche organisieren, ach, ich bin es so leid.“

Das Kind macht große Augen und hört ganz aufmerksam zu.

Es riecht nach strenger Seife.
Bilder von Menschen, die mit einer Bürste verzweifelt ihre Arme blutig schrubben, ihren Körper mit Desinfektion malträtieren, aus Angst vor dem Leben da draußen, laufen im inneren Kino über die hauchdünne Membrane der eigenen Vorstellung.

Ich kannte eine Frau, die sich mit dreißig Mal Zähneputzen am Tag ihre gesamte Mundhöhle zerstört hatte.
Eine andere Frau besaß keine Haut mehr an den Händen.
Das Pilatus-Syndrom.
Alle Schuld wird abgewaschen?
Es gibt so entsetzlich viel Schuld, wenn man es darauf anlegt.

Achtlos gehen wir miteinander um.
Gefüllt mit Verachtung und viel zu wenig Achtung für das Leben außerhalb der kleinen Insel Ich.

narr

Bifokal

P1000866xBifokal.
Ab heute trägt der narr bifokalen Schliff auf der Nase.
Die Lesebrille ist verbrannt und sowieso kann ich seit einigen Jahren beim Autofahren den Tachometer nicht mehr erkennen.
„Eigentlich dürftest du gar kein Auto mehr fahren“, sagte die Optikerin.
„Für zwei- dreimal im Monat Fahren hat es gereicht. Tachometer werden überschätzt“, erwiderte ich.
Die Gleitsichtbrille von vor fünf Jahren machte mich Anfangs schwindelig, war hundsgemein teuer und entsprach nach sechs Monaten nicht mehr den Werten meiner Augen.
Ich bin der Einzige in der Familie mit dem Knick in der Optik.
Es gibt allerdings vier interessante Geschichten rund ums Auge aus der Familie.
Da wäre zuerst die Augengeschichte zwischen meinem Vater und Schwester Sophie.
Er arbeitete auf dem Bau neben ihrer Praxis – sie war den Erzählungen nach Physiotherapeutin und noch irgendwas – und er bekam ungelöschten Kalk ins Auge. Böse Falle.
Schwester Sophie ging auch sofort ans Werk, zog mit Krallengriff den Augapfel aus seiner Höhle und spülte ihn gründlich mit Wasser ab.
Mein Vater sprach von scheußlichen Schmerzen und einer außerordentlichen Raumwahrnehmung. Ansonsten alles gut
Mir hat sich vor Jahren mal ein glühender Eisenspan in den Augapfel gebohrt. Trotz Schutzbrille und Alltagsbrille darunter, flog er beim Flexen fast unbemerkt hinein.
Der Augenarzt war rüde. Zuerst prockelte er mit einem ganz feinen Zahnarztbohrer in meiner Lederhaut, dann nahm er eine etwas dickere Nadel und prockelte weiter. Dann gab er mir etwas gegen die Schmerzen.
Einmal explodierte ein Magnesiumblitz direkt vor meinem Gesicht. Ich hab zehn Stunden nur weiß gesehen. Das war eine heftige Erfahrung.
Meine Tränen flossen immer im Zivildienst, wenn ich den alten Damen mit einem Minisaugnapf die Kontaktlinsen herausnehmen mußte
Deswegen trag ich heute aber nicht bifokal.
Ich hab einfach schlechte Augen.

narr