Intensivstation

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Natürlich ist es eine Narretei.
Wer könnte das besser beurteilen als der narr.
Aber am 24. 12. mit dem Fasten zu beginnen ist mein Yang im Ying des Festtagswahnsinns.
Während andere die Kerzen entzündeten und die Geschenke auspackten, gönnte ich mir ein Microklist.
Bei der Lesung am nächsten Morgen lief alles glatt. Alle von mir ausgewählten, geschriebenen Worte spazierten gemächlich durch meine Stimmritze und brachten das zahlreich erschienene Publikum in Stimmung.
Am Nachmittag, nach vielen Tassen Kräutertee, schlief ich eine Stunde.
Als ich wieder wach wurde, blinkte eine Nachricht auf meinem Telefon.
Die Klinik in Gelsenkirchen hatte angerufen und wollte mir etwas mitteilen.
Innere Ruhe ist nichts, was Mensch erzwingen kann.
Der Arzt hatte doch gesagt, sie sei stabil, würde nicht in das Thorax-Zentrum- Herne verlegt werden.
Die Hölle sind immer die eigenen Gedanken.
Das wurde auch nicht besser, als ich zurückrief und mir niemand Auskunft geben wollte, da der behandelnde Arzt grad abwesend und erst in einer halben Stunde, tut uns ja auch leid.

Nicht gut.
Einundreißig Minuten später rief ich an.

„Was Sie wollen wissen? Hä? Ah, Schwester.“ Eine Minute Stille, dann:“schmurgelgurgel valegt“

„Wie verlegt? Können Sie mir nichts Genaueres sagen?“

„Muß ich holen Arzt. Moment.“

Die Telefonmusik  der Intensivstation trug Nichts zur Beruhigung bei. Nach endlosen drei oder vier Minuten sprach ein Arzt bei der Arbeit mit mir.

„Sekunde, ich muß gerade….., ja, das passt. Alles gut bei Ihnen, nein, nicht bei Ihnen, ich behandel grad noch. So. Jetzt Sie. Ihre Schwester wurde nach Herne ins Thorax-Zentrum verlegt. Mehr kann ich Ihnen auch nicht sagen. Frohes Fest noch.“

Großes Kopfkino. Zustand verbessert gegen Zustand verschlechtert, gepaart mit  dem Gefühl nahenden Unglücks.
Da blieb kein Platz, die Premiere im Theater am Abend zu besuchen.
Der Magen knurrte.

Am nächsten Tag rief ich im Thorax-Zentrum an und erfuhr immerhin, dass dort die Besuchszeiten durchgehend sind.
Am Nachmittag holte mich mein Lieblingsneffe für einen Spaziergang mit anschließendem Kaffeetrinken ab.
Frische Luft mit umherschwirrenden Modellflugzeugen und Hunger irgendwo im Sauerland.
Abends kam die Liebste zurück. Was für leckere Sachen sie mitgebracht hatte.
Früh Morgens fuhren wir nach Herne.
Über dem EG-Schlachthof von Bochum stand ein Regenbogen, der auch durch die Windböen nicht die Fassung verlor.
Der behandelnde Arzt auf der Intensivstation nahm sich viel Zeit für uns. Ab und zu schnalzte er mit seinem Mund, als ob ein Bonbon an seinem Gaumen klebte. Er wirkte sehr müde.
Was er allerdings sagte, trug nichts zur Beruhigung bei, da bis heute nicht sicher ist, was denn eigentlich die Ursache für den kritischen Zustand meiner Schwester ist.
Ich zog einen sterilen Kittel, Mundschutz und Gummihandschuhe an, wurde noch einmal sanft auf das veränderte Aussehen meiner Schwester hingewiesen, in das abgetrennte, geschlossene Behandlungszimmer geführt und war dann mit ihr alleine.
Es ist nicht gut, Menschen so zu sehen.
Es geht nicht um den Menschen, es geht darum, das Fleisch am Leben zu erhalten, da der Mensch durch die Medikation des künstlichen Komas ausgeschaltet ist.
Das Fleisch wird beatmet, drei Monitore, unzählige Schläuche, klickendes, klackendes Gurgeln und Piepsen stellen sicher, dass das Fleisch am Leben bleibt.
Ich sprach mit ihr, berührte sie sanft, blieb eine Zeitlang bei ihr und war erschüttert über das Aussmaß ihres kritischen Zustands.
Draußen, vor dem Raum, blieb ich, nachdem ich Kittel, Mundschutz und Handschuhe entsorgt hatte, einen Moment stehen um mich zu sammeln.

„Würden Sie bitte entweder wieder hineingehen oder diesen Flur verlassen. Sie müssen das verstehen. Es geht um die Privatsphäre der Patienten.“

Ich verstand das.
Die Tränen kamen und gingen, die Liebste und ich gingen auch, die Hilflosigkeit blieb bei mir.

narr

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