Neulich im Hospiz

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Er hatte ein gutes Leben gehabt.
Ein langes Leben. Aber jetzt war es vorbei. Er wollte dieses Leben nicht mehr. Ein anderes als seins stand nicht zur Verfügung. Alternativen sah er nicht.
Sein Platz im Hospiz war bestellt, und noch während er „das Haus des friedlichen Abgangs“ betrat, ließ alles, was er die letzten Jahre zusammengehalten hatte, langsam los.
Die Muskeln erschlafften, die Sehnen verloren ihre Spannung, der Rücken krümmte sich.
Schritt für Schritt wurde sein Knochenbau poröser, seine Organfunktionen begannen zu stottern.
Als er zitternd vor dem Tresen der Reception stand, kam sofort ein Pfleger und fing ihn mit einem Rollstuhl auf.
Seine ärztlichen Unterlagen waren schon Wochen zuvor eingereicht worden, ebenso sein Wunsch, möglichst ungestört und ohne Begleitung sterben zu können.
Er wurde in sein Zimmer gerollt, ein Pflegerpärchen half ihm ins Bett, Getränke und weiches Naschzeug in seinen Nachtschrank eingeräumt.
Dann ließ man ihn allein, schaute lediglich alle Stunde tagsüber und einmal in der Nacht, wie vereinbart, nach seinem Befinden.

Sein Körper verfiel zusehend. Er aß und trank nicht mehr. Den stündlichen, diskreten Besuch registrierte er kaum.
Sein Geist war an seinem Körper nicht mehr interessiert. Er hatte Besseres zu tun.
Da war so viel Vergangenheit, so viel Erlebtes, das es zu erinnern galt.
In der ersten Nacht kam er kurz in seinen Körper zurück, füllte mit Hilfe der Schwester die Ente halbvoll, dann schlief er ein wenig.
Am frühen Morgen wurde er von der Sonne geweckt, was ihm gefiel. Eine warme Berührung.
Sie reichte aus, seinen Geist wieder in Schwung zu bringen. Er war entzückt, wie umfangreich sein Leben gewesen war, durch das er bis tief in die nächste Nacht eher gemächlich, dafür um so intensiver schlenderte.
Plötzlich riß es ihn zurück. Brutal. Überflüssig. Unnötig.

„Tschuldige, Meister. Ich will bloß ungestört eine rauchen, ein bißchen Musik hören, Zeitung lesen und Kaffee trinken. Dauert nicht lange.“

Es wurde dunkel hinter seinen Augen.
Eine langsame, lebendige Dunkelheit, die sich da bildete. Sie war zornig. So zornig.
Sie war Teil seines Geistes. Der Teil, den er noch nicht angerührt hatte.
Er sah von der Decke herab, was ihn anfangs noch amüsierte, aber als er langsam tiefer sank, ahnte er mit ungutem Gefühl, was sein Geist im Sinn hatte.
Er sank tiefer, unsichtbar für den Frevler, dessen Plärren aus seinen Ohren quoll.
Er sah den Kopf näher kommen, spürte, wie sich seine Hände um den Schädel legten.
Als wären seine Fingerkuppen chirugische Laser, durchtrennten sie sanft den oberen Schädelknochen und hoben die Platte vorsichtig ab.
Das Gehirn des Frevlers lag vor ihm.
Seine unsichtbaren Finger glitten von oben in das Schädelinnere. Sie tasteten sich langsam vor, umfassten beidseitig das graue Fleisch und pflückte es mit einer schnellen Drehung, wie eine reife Frucht vom Ast, von dem Ende der Wirbelsäule.
Dann holte er das Gehirn heraus und schaute es an.
Er wußte nicht wie, aber er fühlte eine Übertragung von Energie, die von den Windungen auf ihn überging.
Die Musik plärrte immer weiter.
Die Energie wurde schwächer und ebbte schließlich ganz ab.
Mit gleicher Vorsicht legte er das Fleisch zurück an seinen Platz, nahm den Deckel und versiegelte den Knochen, auch wieder mit seinen Fingerkuppen.
Dann schwebte er zurück zur Decke in eine zufriedene Dunkelheit.
Der Frevler drückte die Kippe an seiner Schuhsohle aus, faltete die Zeitung zusammen, hob die Tasse von Fußboden auf, ging auf den Flur und brach dort zusammen.
Zwar stand die Zimmertür noch auf, aber das störte den sterbenden Körper des alten Mannes nicht mehr.
Sein Geist hatte sich so weit in die Unendlichkeit hinausgewagt, dass es kein Zurück mehr gab.

narr

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