Betreuung II

“ Kannst Du auch Sonntags? Wir haben da um zehn Uhr ein Frühstück, und sie wird das nicht lange durchhalten. Wir würden dann so um elf Uhr anrufen.“

Gestern war Samstag und auch Betreuung.
Um neunzehn Uhr verabschiedeten sich die Eltern zur Weihnachtsfeier.

„Film ist eingelegt. Den will sie sehen. Tschüss.“

Schick angezogen verlassen die Beiden die Wohnung

„Inki a da isst. Enn i da oma ma, ib opoaue,“

„Nein. Ich schlag keine Tiere, und ich finds auch nicht gut, wenn andere das machen.“

„A in isst.“

„Ja. Pinki hat da hingepinkelt, ich weiß. Aber Schläge ändern da gar nichts.“

„ockt.“

„Wie bitte?“

„ockt.“

Ich übrlegte, das denn „ockt“ bedeuten könnte, fand aber keine Lösung.

„Ich weiß nicht, was du meinst.“

„ockt u.“ Dabei zeigte sie auf den Fernseher.

„Du willst „Elton zockt“ kucken?“

„a.“

„Ok. Dann bleibt der kleine Eisbär, wo er ist.“

„Enn i o.“

„Glaub ich dir. Der ist ja auch schon älter.“

Also schauten wir „Elton zockt live“.
Wir wetteten, dass der erste Spielpartner, die zweite Spielpartnerin vom aufgestiegenen Fernsehpraktikanten gewänne und sahen, wie ein Bild übermalt und ein High-Heel-Stiefel versaut wurde.

Ist Pro7 der Kanal für degenerierte SpielerInnen?

Bei der letzten Betreuung war es „schlag den Raab“.

Um zweiundzwanzig Uhr wollte sie ins Bett, aber nicht, ohne mir vorher eine Tüte zu überreichen. Das erste Mal, vor drei Jahren, tat sie das ganz verschämt. Aber gestern lachte sie über das ganze Gesicht und freute sich, mir etwas zu schenken. Ein Pfund Kaffee, ein halbes Pfund Tee, eine Dose und eine Tüte mit Plätzchen. (Denk an dein Päckchen nach drüben)
Wieder schaute sie mich völlig fasziniert an, als ich ihr eine gute Nacht und angenehme Träume wünsche.
Um halb drei kamen die Eltern etwas derangiert und gut abgefüllt zurück.
Um halb fünf lag ich im Bett, um halb zehn klingelt das Telefon.

„Sie hat keine Lust mehr und will jetzt schon nach Hause.“

„Bin gleich da.“

„Da“ ist eine, nur zwei Minuten von mir entfernte Kantine, deren BesitzerInnen dem Teddybärwahnsinn verfallen sind.
Bärennippes, wohin die Brötchenkrümel auch fallen.
Salzstreuerbären, Bärenservietten, Teddytassen, drei Meister Petz Duftlampen, Kerzen im Felllook, es gibt keine Peinlichkeit aus dem Bereich der künstlichen Ursidae, die nicht in dieser Kantine vertreten ist.
Vielleicht hat meine zu Betreuende Angst, durch diesen Bärenfimmel einen epileptischen Anfall zu bekommen.
Vielleicht mag sie auch einfach nicht den Schützenfesthumor, dem an ihrem Tisch von den Schützen eifrig zugesprochen wird.
Kaum sieht sie mich, springt sie auf und sagt: Ause!
Ich bringe sie nach Hause. Sie legt sich sofort ins Bett.
Morgen beginnt wieder ein harter Tag in der Werkstatt.

narr

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