Herausforderung

„Geh nicht ins Licht. Geh nicht,“ flüstere ich hinter dem Lenkrad.

Die Straße ist ein gleißendes Lichtermeer.
Sie ist nass, die Sonne steht tief. Die Augen sind nicht in der Lage, den Lichtdornen auszuweichen. Nichts, außer Schmerzen der Helligkeit, ist zu sehen.
Der Gegenverkehr verschwindet, die Augen tränen, was dem Gleißen eine Korona verleiht.
War da eine Ampel? Wie ist denn jetzt der Straßenverlauf?
Die Erinnerung überbrückt ein wenig die Blindheit, ist aber keine zuverlässige Hilfe.
Waren da nicht mal Häuser, ein Einkaufszentrum, eine Stadt namens Hemer?
Alles versunken in schmerzhafte Lichtfluten.
Es ist schwierig die Spur zu halten, dieser Dezemberfrühlingstag hat es in sich.
Heute ist alles Herausforderung.
Ich fahre zu einer Familie, in deren Wohnung Nahrungsmittel im Überfluss überall verteilt sind.
Heute ist mein fünfter Tag des Fastens.
Alle Geschmacksknospen im Körper gieren nach Arbeit, nach Geschmack.
Salzig, süß, sauer, bitter, fluffig, knackig, krustig, flockig, matschig, in dieser Wohnung ist alles vertreten.
Zwei große Kühlschränke, eine große Gefriertruhe, eine Speisekammer.
Auf jedem Tisch, jeder Arbeitsfläche liegen Spekulatien, Dominosteine, Lebkuchen, Tüten mit kleinen Ersatztwix, Ersatzmars, Ersatzmilkyways, eingeschweißte Waffeln, Baiserhörnchen, Pappweißbrot, Rosinenbrot, Graubrot, gekochte Eier, Bananen, selbstgebackene Plätzchen.
Außerdem glüht auf dem Wohnzimmertisch ein selten scheußliches Artefakt aus der Tiefe einer Schützenseele.
Was ne Machoscheiße.
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Auf dem Heimweg taucht die Sonne alles in ein strahlend orangenes Licht.
Der Kapellenberg glüht in einer Farbe, die eines Frühlingstages würdig ist.
Um neunzehn Uhr muß ich zurück in die Nahrungshöhle.
Möge die Macht mit mir sein.

narr

Intensivstation

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Natürlich ist es eine Narretei.
Wer könnte das besser beurteilen als der narr.
Aber am 24. 12. mit dem Fasten zu beginnen ist mein Yang im Ying des Festtagswahnsinns.
Während andere die Kerzen entzündeten und die Geschenke auspackten, gönnte ich mir ein Microklist.
Bei der Lesung am nächsten Morgen lief alles glatt. Alle von mir ausgewählten, geschriebenen Worte spazierten gemächlich durch meine Stimmritze und brachten das zahlreich erschienene Publikum in Stimmung.
Am Nachmittag, nach vielen Tassen Kräutertee, schlief ich eine Stunde.
Als ich wieder wach wurde, blinkte eine Nachricht auf meinem Telefon.
Die Klinik in Gelsenkirchen hatte angerufen und wollte mir etwas mitteilen.
Innere Ruhe ist nichts, was Mensch erzwingen kann.
Der Arzt hatte doch gesagt, sie sei stabil, würde nicht in das Thorax-Zentrum- Herne verlegt werden.
Die Hölle sind immer die eigenen Gedanken.
Das wurde auch nicht besser, als ich zurückrief und mir niemand Auskunft geben wollte, da der behandelnde Arzt grad abwesend und erst in einer halben Stunde, tut uns ja auch leid.

Nicht gut.
Einundreißig Minuten später rief ich an.

„Was Sie wollen wissen? Hä? Ah, Schwester.“ Eine Minute Stille, dann:“schmurgelgurgel valegt“

„Wie verlegt? Können Sie mir nichts Genaueres sagen?“

„Muß ich holen Arzt. Moment.“

Die Telefonmusik  der Intensivstation trug Nichts zur Beruhigung bei. Nach endlosen drei oder vier Minuten sprach ein Arzt bei der Arbeit mit mir.

„Sekunde, ich muß gerade….., ja, das passt. Alles gut bei Ihnen, nein, nicht bei Ihnen, ich behandel grad noch. So. Jetzt Sie. Ihre Schwester wurde nach Herne ins Thorax-Zentrum verlegt. Mehr kann ich Ihnen auch nicht sagen. Frohes Fest noch.“

Großes Kopfkino. Zustand verbessert gegen Zustand verschlechtert, gepaart mit  dem Gefühl nahenden Unglücks.
Da blieb kein Platz, die Premiere im Theater am Abend zu besuchen.
Der Magen knurrte.

Am nächsten Tag rief ich im Thorax-Zentrum an und erfuhr immerhin, dass dort die Besuchszeiten durchgehend sind.
Am Nachmittag holte mich mein Lieblingsneffe für einen Spaziergang mit anschließendem Kaffeetrinken ab.
Frische Luft mit umherschwirrenden Modellflugzeugen und Hunger irgendwo im Sauerland.
Abends kam die Liebste zurück. Was für leckere Sachen sie mitgebracht hatte.
Früh Morgens fuhren wir nach Herne.
Über dem EG-Schlachthof von Bochum stand ein Regenbogen, der auch durch die Windböen nicht die Fassung verlor.
Der behandelnde Arzt auf der Intensivstation nahm sich viel Zeit für uns. Ab und zu schnalzte er mit seinem Mund, als ob ein Bonbon an seinem Gaumen klebte. Er wirkte sehr müde.
Was er allerdings sagte, trug nichts zur Beruhigung bei, da bis heute nicht sicher ist, was denn eigentlich die Ursache für den kritischen Zustand meiner Schwester ist.
Ich zog einen sterilen Kittel, Mundschutz und Gummihandschuhe an, wurde noch einmal sanft auf das veränderte Aussehen meiner Schwester hingewiesen, in das abgetrennte, geschlossene Behandlungszimmer geführt und war dann mit ihr alleine.
Es ist nicht gut, Menschen so zu sehen.
Es geht nicht um den Menschen, es geht darum, das Fleisch am Leben zu erhalten, da der Mensch durch die Medikation des künstlichen Komas ausgeschaltet ist.
Das Fleisch wird beatmet, drei Monitore, unzählige Schläuche, klickendes, klackendes Gurgeln und Piepsen stellen sicher, dass das Fleisch am Leben bleibt.
Ich sprach mit ihr, berührte sie sanft, blieb eine Zeitlang bei ihr und war erschüttert über das Aussmaß ihres kritischen Zustands.
Draußen, vor dem Raum, blieb ich, nachdem ich Kittel, Mundschutz und Handschuhe entsorgt hatte, einen Moment stehen um mich zu sammeln.

„Würden Sie bitte entweder wieder hineingehen oder diesen Flur verlassen. Sie müssen das verstehen. Es geht um die Privatsphäre der Patienten.“

Ich verstand das.
Die Tränen kamen und gingen, die Liebste und ich gingen auch, die Hilflosigkeit blieb bei mir.

narr

vertrauensbildende Maßnahme

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Es ist keine vertrauensbildende Maßnahme, wenn eine Krankenschwester im sterilen Dress von der Intensivstation des evangelischen Krankenhauses in Gelsenkirchen eilt: „machen Sie bitte Platz,“ die Tür zum Besucher-WC  öffnet, hinter sich schließt, und ich zunächst ein Geräusch höre, das weniger an Flatolenzen, denn an ein platzendes Schlauchboot erinnert, welches, und das ist das zweite Geräusch, einen Wasserfall herabstürzt.
Dann lange Stille.
Die Liebste, erfahren im Umgang mit Pflegepersonal, meint trocken: „Sie raucht eine. Wetten?“
Jetzt leuchtet auch die Nutzung des Besucher-WCs ein, da das Personalklo fast nebenan ist.
Auf dem Personalklo könnte es der Chef ja mitbekommen.
Nach sieben Minuten kommt sie, mit derangiertem sterilen Kittel und einer Rauchfahne heraus und verschwindet wieder auf der Intensivstation.
Ich bin mir nicht sicher, ob sie sich die Hände gewaschen hat.

narr

W und andere ichtigkeiten

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Um diese Jahreszeit nimmt sich die Gesellschaft, mehr als sonst, wirklich wichtelwichtig.
Wirtschaftswichtel prognostizieren das Wachstum des kommenden Jahres.
Wir haben einen neuen Waffenwichtel von der Leyen, äh von der Leine gelassen.
Webwichtel werfen mit virtuellen Schneeflocken und Katzenvideos um sich.
Wellnesswichtel wickeln ihr Klientel in wohltemperierte Wunderwatte, während wütende Wohnzimmerwichtel mit wabbeligen Waffeln werfen.
Alles ist so schrecklich wichtelwichtig.

warr äh narr

BürgerInnenbistro

„Euch gehts ja gut,“

sagen die Angestellten der Stadt Menden, als sie an unserem Tisch vorbeigehen oder von der Brüstung auf uns herunterschauen.
Der Tisch ist einer von Dreien, die im Rathausfoyer zwischen einer langen, roten Bank und sechs, abwechselnd roten und schwarzen Sitzwürfeln stehen.

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Gegenüber, wo früher die Information war, ist jetzt eine geschwungene Theke mit Kuchenabteilung, ein professioneller Kaffeeautomat, etwas Gastronomieschnickschnack, fünf Barhocker und jede Menge vorbeieilendes Volk.
Es riecht nach frischer Farbe und freien Monomeren, die sich langsam aus dem roten Kunstlederbankbezug davonstehlen.
Meine Sitznachbarin ist hier sehr bekannt. Alle grüßen sie und kommen für ein Schwätzchen an den Tisch.
Die automatischen Schiebetüren arbeiten ununterbrochen.
Der Bürgermeister eilt vorbei, gibt uns Beiden, einzig Sitzenden, die Hand, irgendein Smalltalk über Tintenpatronen, die er besorgen muß, und schon eilt er mit gespreizten Händen weiter.
Meine Nachbarin kichert und macht leise eine Bemerkung über den clownesken Kleidungsstil des Bürgermeisters.
Es piept und hallt, es klackt, wenn Türen ins Schloss gleiten, die Geräusche der vorbeilaufenden Schritte werden von den weißen Wänden zurückgeworfen.
Ohne Frage hat das Foyer durch das neue Gastronomieangebot an Attraktivität gewonnen.
Hier werde ich sicherlich den einen oder anderen Kaffee trinken.

narr

Neulich im Hospiz

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Er hatte ein gutes Leben gehabt.
Ein langes Leben. Aber jetzt war es vorbei. Er wollte dieses Leben nicht mehr. Ein anderes als seins stand nicht zur Verfügung. Alternativen sah er nicht.
Sein Platz im Hospiz war bestellt, und noch während er „das Haus des friedlichen Abgangs“ betrat, ließ alles, was er die letzten Jahre zusammengehalten hatte, langsam los.
Die Muskeln erschlafften, die Sehnen verloren ihre Spannung, der Rücken krümmte sich.
Schritt für Schritt wurde sein Knochenbau poröser, seine Organfunktionen begannen zu stottern.
Als er zitternd vor dem Tresen der Reception stand, kam sofort ein Pfleger und fing ihn mit einem Rollstuhl auf.
Seine ärztlichen Unterlagen waren schon Wochen zuvor eingereicht worden, ebenso sein Wunsch, möglichst ungestört und ohne Begleitung sterben zu können.
Er wurde in sein Zimmer gerollt, ein Pflegerpärchen half ihm ins Bett, Getränke und weiches Naschzeug in seinen Nachtschrank eingeräumt.
Dann ließ man ihn allein, schaute lediglich alle Stunde tagsüber und einmal in der Nacht, wie vereinbart, nach seinem Befinden.

Sein Körper verfiel zusehend. Er aß und trank nicht mehr. Den stündlichen, diskreten Besuch registrierte er kaum.
Sein Geist war an seinem Körper nicht mehr interessiert. Er hatte Besseres zu tun.
Da war so viel Vergangenheit, so viel Erlebtes, das es zu erinnern galt.
In der ersten Nacht kam er kurz in seinen Körper zurück, füllte mit Hilfe der Schwester die Ente halbvoll, dann schlief er ein wenig.
Am frühen Morgen wurde er von der Sonne geweckt, was ihm gefiel. Eine warme Berührung.
Sie reichte aus, seinen Geist wieder in Schwung zu bringen. Er war entzückt, wie umfangreich sein Leben gewesen war, durch das er bis tief in die nächste Nacht eher gemächlich, dafür um so intensiver schlenderte.
Plötzlich riß es ihn zurück. Brutal. Überflüssig. Unnötig.

„Tschuldige, Meister. Ich will bloß ungestört eine rauchen, ein bißchen Musik hören, Zeitung lesen und Kaffee trinken. Dauert nicht lange.“

Es wurde dunkel hinter seinen Augen.
Eine langsame, lebendige Dunkelheit, die sich da bildete. Sie war zornig. So zornig.
Sie war Teil seines Geistes. Der Teil, den er noch nicht angerührt hatte.
Er sah von der Decke herab, was ihn anfangs noch amüsierte, aber als er langsam tiefer sank, ahnte er mit ungutem Gefühl, was sein Geist im Sinn hatte.
Er sank tiefer, unsichtbar für den Frevler, dessen Plärren aus seinen Ohren quoll.
Er sah den Kopf näher kommen, spürte, wie sich seine Hände um den Schädel legten.
Als wären seine Fingerkuppen chirugische Laser, durchtrennten sie sanft den oberen Schädelknochen und hoben die Platte vorsichtig ab.
Das Gehirn des Frevlers lag vor ihm.
Seine unsichtbaren Finger glitten von oben in das Schädelinnere. Sie tasteten sich langsam vor, umfassten beidseitig das graue Fleisch und pflückte es mit einer schnellen Drehung, wie eine reife Frucht vom Ast, von dem Ende der Wirbelsäule.
Dann holte er das Gehirn heraus und schaute es an.
Er wußte nicht wie, aber er fühlte eine Übertragung von Energie, die von den Windungen auf ihn überging.
Die Musik plärrte immer weiter.
Die Energie wurde schwächer und ebbte schließlich ganz ab.
Mit gleicher Vorsicht legte er das Fleisch zurück an seinen Platz, nahm den Deckel und versiegelte den Knochen, auch wieder mit seinen Fingerkuppen.
Dann schwebte er zurück zur Decke in eine zufriedene Dunkelheit.
Der Frevler drückte die Kippe an seiner Schuhsohle aus, faltete die Zeitung zusammen, hob die Tasse von Fußboden auf, ging auf den Flur und brach dort zusammen.
Zwar stand die Zimmertür noch auf, aber das störte den sterbenden Körper des alten Mannes nicht mehr.
Sein Geist hatte sich so weit in die Unendlichkeit hinausgewagt, dass es kein Zurück mehr gab.

narr

RealitätsstanzerInnen

„Seid doch bitte etwas einsichtig, ihr RealitätsstanzerInnen und vertraut Euren Quantenphilosophen und Physikern“, lachten die Elfen.

„Es macht keinen Sinn, die Welt in rechte Winkel einzuteilen. So, wie es keinen Sinn macht, dem kleinen Diktator Verstand die Zügel zu überlassen. Ihr habt das Alles einmal gewußt und Euch so angestrengt, es wieder zu vergessen.“

Ihr Lachen schwebte über dem Alltagslärm wie Staubteilchen im Sonnenlicht.
Ein kleiner Troll drängte sich durch ihre Reihen nach vorne.

„Warum wohl,“ schnaubte er, „geht Ihr so gerne ins Lichtspielhaus und schaut Euch Wunder auf der Leinwand an?“

Er kratzte seinen haarigen Bauch.

„Es ist der angestrengte Versuch Eures Inneren, Euch darauf hinzuweisen, dass Ihr selbst diese Wunder erleben oder sogar sein könntet, würdet Ihr nicht so besessen Eure Fähigkeiten verleugnen.“

Die Elfen nickten zustimmend. Dann sangen sie und der Troll zusammen.

„RealitätsstanzerInnen sind die Geißeln Eures Seins.
Sie werden alt geboren und ihr erstes Wort ist „meins“.
Den Regeln sind Sie hörig, den Maßeinheiten treu.
Bei Alltagsphantasien da werden sie so scheu –
ßlich. Scheußlich. Scheußlich. Scheußlich. “

Ein Windstoß ließ den Chor durcheinanderwirbeln, das Lachen wurde von dem aufkommenden Nebel des dritten Advents verschluckt und der Alltagslärm gewann wieder die Oberhand.

narr