Das Klavier

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Die Entscheidung ist gefallen.
Doch denke ich, die Konsequenz erst dann zu erfahren, wenn das alte Klangmöbel von starken Menschen die Treppen heruntergetragen wird und das Haus für immer verläßt. Aber schon der Gedanke daran tut gut.
Ich verkaufe das Klavier.

Vor knapp drei Wochen begann ich, die mittlere Wohnung, also die Wohnung meiner verstorbenen Eltern, leerzuräumen.
Ganz früher war das auch meine Wohnung.  Damals, als wir in dieses Haus einzogen. Fünfzig Jahre ist das jetzt her.
Von einer, mit einem Vorhang abgetrennten Ecke des Wohnzimmers meiner Eltern zu einem eigenen Zimmer, wenn auch Durchgangszimmer, bedeutete damals den Sprung zu ersten, selbstständigen Entscheidungen.
Anfangs teilte ich mir das Zimmer zwar noch mit meiner Schwester und einem Etagenbett, aber als sie für ihre Arbeit in die Lüneburger Heide zog, war das mein erstes Experimentierfeld.
Ich rührte die Farbe an und mein Vater strich, unter Protest, die Wände in altrosa.
Das Etagenbett wurde entsorgt und ein aufklappbares Jugendbett gekauft.
Das stand übrigens, bis vor zwei Jahren, so katzenuringetränkt, dass die Sprungfedern rosteten, an der gleichen Stelle des Zimmers.
Zu den rosanen Wänden kam eine runde Hängelampe, die mit rotem Bast umwickelt war.
Mit Heftzwecken befestigte ich eineinhalbmeter lange Schlüpfergummis unter der Zimmerdecke und knotete an die Enden diese kleinen Probefläschchen mit Schnaps oder Likör gefüllt. Meine erste, und bis heute einzige Zimmerbar.
Diesen Durchgangsraum zwischen Wohn- und Schlafzimmer meiner Eltern bewohnte ich, bis ich achtzehn Jahre alt war. Zwischendurch mußte ich ihn mit meiner Oma teilen, als diese nicht mehr alleine leben konnte.
Mit Achtzehn, kurz nach Beginn meiner Lehre zum Raumausstatter, zog und flog ich gleichermaßen aus, bzw raus. Ohne die Eltern zu informieren, hatte ich mir mit zwei FreundInnen eine Wohnung genommen und wurde umgehend von meinem Vater auf die Straße gesetzt.

Ich kürze jetzt ein wenig ab, aber die gesamte Geschichte wird sicher irgendwann aufgeschrieben werden.
Nach fünf Jahren kam ich das erste Mal zurück und bewohnte mit einer damaligen Freundin die oberste Wohnung, die meine Eltern einfach so gemietet hatten, weil die Miete billig war und sie keine Fremden im Haus wollten.
Drei Jahre später zog ich wieder aus.
Gut zwanzig Jahre später, als mein Vater das erste Mal im Sterben lag, kam ich aus Hamburg zurück und bewohnte zunächst das Gästezimmer in der unteren Etage.
Meine Eltern hatten zwischenzeitlich das Haus gekauft.
Zwar gesundete mein Vater ein wenig, aber nie genug, dass ich mein altes Leben wieder aufnehmen wollte. Als dann die Mieterin der unteren Wohnung zu ihrem Sohn zog, übernahm ich die Zimmer.
Elf Jahre später starb mein Vater. Elf Jahre, in denen wir uns endlich kennen und respektieren lernten.
Die Mieterin der oberen Wohnung, eine Messiefrau allererster Güte, zog zwei Jahre nach dem Tod meines Vaters ins betreute Wohnen.
Die Wohnung, bei ihrem Einzug frisch renoviert, war eine Ruine und mußt von Grund auf saniert werden.
Meine damalige Geliebte, heute Ehefrau, zog dort ein.
Meine Zimmer hatten immer noch den Anstrich der Vormieterin. Für mich war die Idee des Provisoriums nicht gestorben. Vom Gefühl her war ich immer noch auf der Durchreise.
Vor fünfzehn Monaten starb meine Mutter, wie sie es wollte, in ihrer Wohnung. Auch hier waren die letzten Jahre die intensivsten mit ihr.
Vor knapp drei Wochen dann der Entschluss und das Aufraffen, die Wohnung leerzuräumen, zu renovieren und dort einzuziehen. Wieder einzuziehen.
Das ist ein wirklich seltsames Gefühl. Ist das „das Ankommen“?
Ein Kreis hat sich geschlossen.
Was das mit dem Klavier zu tun hat?
Es wird verkauft. Zackbumm.
Das Möbel der Demütigung hat da nichts mehr zu suchen.

narr

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Ein Kommentar zu „Das Klavier

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