Samstagabendarbeit

Der Samstag Abend bei der Betreuung beginnt dieses Mal mit einem Schlüpferwechsel während eines Telefonats mit ihrer Freundin, den Simpsons, Pipi Langstrumpf und Schlag den Raab.
Alles zusammen ist besser als „Wetten das“.
Raab stapelt Kastanien.

„Ha i Kinneraten macht.“
„Das hast du im Kindergarten gemacht?“
„a.“
„Und? Hast du auch zweieinhalb Millionen gewonnen?“
„a.“
„Das glaub ich dir aber nicht.“
„Oo. Erung.“
„Wie bitte?“
„Erung.“
„Werbung?“
„a.“

Kate Perry singt vom Tigerauge. Zu Beginn des Abends zeigte sie sich auf dem Kinderkanal nach Pippi Langstrumpf.
Es folgt das Lieblingsspiel aller Generäle.
Völkerball.
Ballert das Volk in Grund und Boden.
Wenn der Polizist so schießt, wie er wirft, müssen sich böse Menschen keine Sorgen machen.

„Ann i ni.“
„Werfen?“
„a.“
„Ein Uder ann as.“
„Dein Bruder?“
„a.“

Das Programm wird nicht besser, der Polizist auch nicht.
Wir sind die Infantilen des einundzwanzigsten Jahrhunderts.
Grauenhaft, wenn Fernsehen meine einzige Abendunterhaltung wäre.
Wie sieht wohl eine Verfolgungsjagd mit dem Polizisten aus? Schnell fahren tut er nicht.

„inkie!! U otz leich,“ brüllt sie unvermittelt in hohem Falsett alle fünf Minuten.
Gemeint ist eine der drei Hauskatzen. Tiger, Pinkie, und Clio.
Eminem rappt, was noch nie mein Ding war. Dabei fuchtelt er mit dem rechten Arm mit achtundsiebzig Umdrehungen wie früher Joe Cocker. Speedy.
Elton kommt.

„En enni au.“
„Klar. Der gehört auch dazu.“

Plötzlich hält sie einen fünfminütigen Monolog, von dem ich vielleicht dreißig Sekunden verstehe. Bei Nachfragen versteht sie nicht, was ich meine.
Ich kenn sie seit drei Jahren und noch immer beherrsch ich ihre Sprache nicht. Wenn ich weiß, an welchem Ort sie grad ist, reime ich mir Einiges zusammen und lass es durch Nachfragen an sie bestätigen, aber oft springt sie gedanklich Zick-Zack, und wenn ich da keine Schlüsselwörter erkenne, tappe ich im Dunkeln.
Von ihrem Telefonat am Anfang des Abends hab ich so gut wie nichts verstanden. Die Telefonpartnerin, ihre Freundin hab ich letztens kennengelernt. Sie arbeitet auch in der Werkstatt, spricht ähnlich, aber mit polnischem Akzent und sitzt im Rollstuhl.
Als ich meine Klientin abholen wollte, schob sie ihre Freundin, unterhielt sich schnell und lange mit ihr und ich verstand kein Wort. Zwischendurch kicherten und lachten sie, manchmal hinter vorgehaltener Hand, manchmal ganz offen.
„I e ett.“
„Ja. Ist gut. Ist auch schon ganz schön spät.“
Das Ballpoolspiel zwischen Raab und dem Polizisten langweilt sie. Kaum Bewegung und unbekannte Regeln.
Ich wünsche ihr angenehme Träume und einen guten Schlaf, was sie jedesmal zu faszinieren scheint.
Ich stelle den Fernseher aus.
Sie schläft eine Stunde, steht auf, geht in die Küche, holt einen Plastikbeutel, geht ins Wohnzimmer, findet zwei Korken und tütet sie ein.
„I am di.“
„Du sammelst Korken?“
„a.“
Sie nimmt die Tüte, trägt sie ins Schlafzimmer, legt sie ins Regal und sich wieder hin.
Eine Stunde später kommen die Eltern zurück und warnen mich vor dem dichten Nebel.
Ich fahr nach Hause, es ist richtig fies nebelig, und beim Öffnen des Tores auf menschenleerer Straße, die im Nebel liegt, hallt plötzlich das gespenstische Geräusch des verrückten Lachers zwischen den Häuserschluchten.
Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

narr

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