Furz

P1000722

Mit dem spontanen Schreiben ist es wie mit dem Einkaufen.
Wer mit Hunger einkauft, hört auf den Magen, auf die primären Bedürfnisse.
Wer mit schlechter Laune schreibt, schreibt über die Laune und wie schlecht das Alles doch ist.
Gute Laune öffnet Horizonte, schlechte legt Scheuklappen an.
Aber bei Erkältungen, massiven Hautirritationen, Gelenkschmerzen, trübem, kaltem Wetter, der SPD, der EU und den allgemeinen, weltweiten politischen Verhältnissen fällt es schwer, den Schalter für die gute Laune zu finden, geschweige denn ihn umzulegen.
Umlegen ist dann auch eher ein Wort, welches in einem anderen Zusammenhang  gebraucht werden könnte.
Aber wenn man damit erstmal angefangen hat, ach, lassen wir das.
Also gute Laune.Hinter welchem Tor verbirgst du dich dieses Mal? Oder steckt hinter allen Dreien der innere Zonk?
Es gibt Tage, da wird einem das Menschsein echt verleidet.
Ach, heul doch, innerer Schweinehund, aber lass mich in Ruhe.
Letztendlich bestehst du nur aus piefigem, aufgeblähtem Eigendünkel, du Flatolenz der eigenen Befindlichkeit.
Nichts anderes ist es.
Ich hab einen Furz quer sitzen.

narr

Advertisements

Groschengrab

P1000714

Wohlgemerkt!

Alte Damen mit Führerschein machen mir genauso viel Angst wie alte Herren.

Die Lichtanlagen der neuen Autos erinnern mich an Spielautomaten.
Groschengrab sagte man früher.
Das trifft, wenn es auch keine Groschen sind, auf das Auto zu.
Der Smart sieht ja schon aus wie eine Spardose.
Autos verbrennen Geld, Benzin, manchmal auch Menschen.
Es ist das private Kriegswerkzeug der großen Masse Mensch.
Eine mobile Ritterrüstung, das mobile Hoheitsgebiet schlechthin.
Mein Auto, meine Regel.
Das Recht auf Waffen und Autos ist gottgegeben, sagen die Armeerikaner.
Das deutsche Volk ist vielerortens gottesfürchtig. Es verkauft gerne Waffen oder Autos.
Es würde gerne Waffen tragen, besser noch, sie wären ans Auto montiert.
Laserzielerfassung für das Impulsgeschütz, damit verbanne ich sie alle an den Straßenrand.
Aber irgendwie können sich die Verantwortlichen noch nicht durchringen zu diesem Schritt.
Also wird weiter gehupt, Fernlicht an/aus, geflucht, gedroht, abgedrängt oder nur gedrängelt.
Was ist eigentlich aus dem Menschen geworden, der immer über Autos stieg, die ihm im Weg waren.
Bestimmt wurde er mit den Füßen zuerst aufgehängt.

narr

Energieschub

P1000711

Nenn ich es doch einfach Energieschub.
Noch nicht ganz faßbar und nur halb unter Kontrolle.
Da plöppt was auf, spukt herum und verschwindet wieder.
Die Folge davon ( Ausrede, sagt die Liebste) ist Aufspringen in der Nacht und Schlafen bis 14.30 Uhr, frühstückslos in die Stadt zu gehen, die Viedeothekenfrau zu treffen und von ihr erzählt bekommen, welcher der schlechteste Zahnarzt der Stadt sei:

„Z-Point. Geh da nich hin, wo. Ich hatte Pinne inne Backe, mein Zahnarzt in Hemer war nicht da, also Z-Point. Der hat mir vorgeschlagen, für zehntausend Euro drei Zähne stehen zu lassen und den Rest neu zu machen. Ich bin mit offenem Mund wieder raus. Ohne Behandlung.“

Vor der Kirchentreppe steht wieder so eine arme Socke, die fegen muß, was seine FreundInnen ihm hingeschmissen haben.
Dann doch in den alten Ratssaal, zur Auffrischung von Erinnerungen an frühkindliche Traumata, erhalten bei Konzerten wie diesen, wo ich fünfjährig vor einem riesigen Flügel saß, mir vorher die Seele aus dem Leib gekotzt hatte und mit 4711 von Muttern und Klavierlehrerin eingeschmiert wurde.
Was hab ich diese Konzerte gehasst.
Das blieb trotz, oder gerade wegen des Applauses. Hätte mich das Publikum ausgebuht, was man bei Fünfjährigen natürlich nicht macht, wäre mir klar gewesen, vom Klavierspielen, mindestens aber von dieser Lehrerin Abstand zu nehmen.
Das Publikum aber klatschte brav bis entzückt, was mich glauben machte, dass Publikum häufig noch weniger Ahnung von Musik hat, als die Musizierenden.
Ich war stolz auf den Applaus, fühlte mich aber beschissen, weil ich wußte, dass mein Klavierspiel keines Applauses würdig war.
Wenn das keine Grundlage für ein solides Trauma ist.
Wie gesagt: Energieschub.

narr

Das Klavier

P1000693

Die Entscheidung ist gefallen.
Doch denke ich, die Konsequenz erst dann zu erfahren, wenn das alte Klangmöbel von starken Menschen die Treppen heruntergetragen wird und das Haus für immer verläßt. Aber schon der Gedanke daran tut gut.
Ich verkaufe das Klavier.

Vor knapp drei Wochen begann ich, die mittlere Wohnung, also die Wohnung meiner verstorbenen Eltern, leerzuräumen.
Ganz früher war das auch meine Wohnung.  Damals, als wir in dieses Haus einzogen. Fünfzig Jahre ist das jetzt her.
Von einer, mit einem Vorhang abgetrennten Ecke des Wohnzimmers meiner Eltern zu einem eigenen Zimmer, wenn auch Durchgangszimmer, bedeutete damals den Sprung zu ersten, selbstständigen Entscheidungen.
Anfangs teilte ich mir das Zimmer zwar noch mit meiner Schwester und einem Etagenbett, aber als sie für ihre Arbeit in die Lüneburger Heide zog, war das mein erstes Experimentierfeld.
Ich rührte die Farbe an und mein Vater strich, unter Protest, die Wände in altrosa.
Das Etagenbett wurde entsorgt und ein aufklappbares Jugendbett gekauft.
Das stand übrigens, bis vor zwei Jahren, so katzenuringetränkt, dass die Sprungfedern rosteten, an der gleichen Stelle des Zimmers.
Zu den rosanen Wänden kam eine runde Hängelampe, die mit rotem Bast umwickelt war.
Mit Heftzwecken befestigte ich eineinhalbmeter lange Schlüpfergummis unter der Zimmerdecke und knotete an die Enden diese kleinen Probefläschchen mit Schnaps oder Likör gefüllt. Meine erste, und bis heute einzige Zimmerbar.
Diesen Durchgangsraum zwischen Wohn- und Schlafzimmer meiner Eltern bewohnte ich, bis ich achtzehn Jahre alt war. Zwischendurch mußte ich ihn mit meiner Oma teilen, als diese nicht mehr alleine leben konnte.
Mit Achtzehn, kurz nach Beginn meiner Lehre zum Raumausstatter, zog und flog ich gleichermaßen aus, bzw raus. Ohne die Eltern zu informieren, hatte ich mir mit zwei FreundInnen eine Wohnung genommen und wurde umgehend von meinem Vater auf die Straße gesetzt.

Ich kürze jetzt ein wenig ab, aber die gesamte Geschichte wird sicher irgendwann aufgeschrieben werden.
Nach fünf Jahren kam ich das erste Mal zurück und bewohnte mit einer damaligen Freundin die oberste Wohnung, die meine Eltern einfach so gemietet hatten, weil die Miete billig war und sie keine Fremden im Haus wollten.
Drei Jahre später zog ich wieder aus.
Gut zwanzig Jahre später, als mein Vater das erste Mal im Sterben lag, kam ich aus Hamburg zurück und bewohnte zunächst das Gästezimmer in der unteren Etage.
Meine Eltern hatten zwischenzeitlich das Haus gekauft.
Zwar gesundete mein Vater ein wenig, aber nie genug, dass ich mein altes Leben wieder aufnehmen wollte. Als dann die Mieterin der unteren Wohnung zu ihrem Sohn zog, übernahm ich die Zimmer.
Elf Jahre später starb mein Vater. Elf Jahre, in denen wir uns endlich kennen und respektieren lernten.
Die Mieterin der oberen Wohnung, eine Messiefrau allererster Güte, zog zwei Jahre nach dem Tod meines Vaters ins betreute Wohnen.
Die Wohnung, bei ihrem Einzug frisch renoviert, war eine Ruine und mußt von Grund auf saniert werden.
Meine damalige Geliebte, heute Ehefrau, zog dort ein.
Meine Zimmer hatten immer noch den Anstrich der Vormieterin. Für mich war die Idee des Provisoriums nicht gestorben. Vom Gefühl her war ich immer noch auf der Durchreise.
Vor fünfzehn Monaten starb meine Mutter, wie sie es wollte, in ihrer Wohnung. Auch hier waren die letzten Jahre die intensivsten mit ihr.
Vor knapp drei Wochen dann der Entschluss und das Aufraffen, die Wohnung leerzuräumen, zu renovieren und dort einzuziehen. Wieder einzuziehen.
Das ist ein wirklich seltsames Gefühl. Ist das „das Ankommen“?
Ein Kreis hat sich geschlossen.
Was das mit dem Klavier zu tun hat?
Es wird verkauft. Zackbumm.
Das Möbel der Demütigung hat da nichts mehr zu suchen.

narr

Böser Himmel

P1000685

Der Himmel lügt mir etwas vor.
Ich schaue durch ein Fenster,sehe Sonnenstrahlen, güldnes Laub im Garten
und das Blaue über der Stadt.
Dann geh ich auf die Straße
und hab nach zehn Sekunden schon die Kälte satt.
Die Feuchtigkeit wär gut, hätt ich ein Wasserdefizit.
Wär ich ein Nordseefischer, ständ ich bei diesem Klima fit an allen Netzen.
Doch bin ich nur ein sauerländer Freseköttel.
Mich schauerts schon ab zehn Grad plus,
und diese Tage im November fetzen meine Gleichmut auseinander.
Von wegen Tage der Besinnung,
bei Glühwein, heißen Waffeln, Tannenduft
und Himmel hilf, jetzt gibt es auch den Mendener Winter.
Besinnungslos möcht ich da sein.
Ich werd erst wach, wenn außerhalb der Gruft
die Kirschen voll in Blüte stehen.
Der Himmel hilft nicht.
Er läßt mich durch den feuchten, kalten Nebel gehen.

narr
x

Samstagabendarbeit

Der Samstag Abend bei der Betreuung beginnt dieses Mal mit einem Schlüpferwechsel während eines Telefonats mit ihrer Freundin, den Simpsons, Pipi Langstrumpf und Schlag den Raab.
Alles zusammen ist besser als „Wetten das“.
Raab stapelt Kastanien.

„Ha i Kinneraten macht.“
„Das hast du im Kindergarten gemacht?“
„a.“
„Und? Hast du auch zweieinhalb Millionen gewonnen?“
„a.“
„Das glaub ich dir aber nicht.“
„Oo. Erung.“
„Wie bitte?“
„Erung.“
„Werbung?“
„a.“

Kate Perry singt vom Tigerauge. Zu Beginn des Abends zeigte sie sich auf dem Kinderkanal nach Pippi Langstrumpf.
Es folgt das Lieblingsspiel aller Generäle.
Völkerball.
Ballert das Volk in Grund und Boden.
Wenn der Polizist so schießt, wie er wirft, müssen sich böse Menschen keine Sorgen machen.

„Ann i ni.“
„Werfen?“
„a.“
„Ein Uder ann as.“
„Dein Bruder?“
„a.“

Das Programm wird nicht besser, der Polizist auch nicht.
Wir sind die Infantilen des einundzwanzigsten Jahrhunderts.
Grauenhaft, wenn Fernsehen meine einzige Abendunterhaltung wäre.
Wie sieht wohl eine Verfolgungsjagd mit dem Polizisten aus? Schnell fahren tut er nicht.

„inkie!! U otz leich,“ brüllt sie unvermittelt in hohem Falsett alle fünf Minuten.
Gemeint ist eine der drei Hauskatzen. Tiger, Pinkie, und Clio.
Eminem rappt, was noch nie mein Ding war. Dabei fuchtelt er mit dem rechten Arm mit achtundsiebzig Umdrehungen wie früher Joe Cocker. Speedy.
Elton kommt.

„En enni au.“
„Klar. Der gehört auch dazu.“

Plötzlich hält sie einen fünfminütigen Monolog, von dem ich vielleicht dreißig Sekunden verstehe. Bei Nachfragen versteht sie nicht, was ich meine.
Ich kenn sie seit drei Jahren und noch immer beherrsch ich ihre Sprache nicht. Wenn ich weiß, an welchem Ort sie grad ist, reime ich mir Einiges zusammen und lass es durch Nachfragen an sie bestätigen, aber oft springt sie gedanklich Zick-Zack, und wenn ich da keine Schlüsselwörter erkenne, tappe ich im Dunkeln.
Von ihrem Telefonat am Anfang des Abends hab ich so gut wie nichts verstanden. Die Telefonpartnerin, ihre Freundin hab ich letztens kennengelernt. Sie arbeitet auch in der Werkstatt, spricht ähnlich, aber mit polnischem Akzent und sitzt im Rollstuhl.
Als ich meine Klientin abholen wollte, schob sie ihre Freundin, unterhielt sich schnell und lange mit ihr und ich verstand kein Wort. Zwischendurch kicherten und lachten sie, manchmal hinter vorgehaltener Hand, manchmal ganz offen.
„I e ett.“
„Ja. Ist gut. Ist auch schon ganz schön spät.“
Das Ballpoolspiel zwischen Raab und dem Polizisten langweilt sie. Kaum Bewegung und unbekannte Regeln.
Ich wünsche ihr angenehme Träume und einen guten Schlaf, was sie jedesmal zu faszinieren scheint.
Ich stelle den Fernseher aus.
Sie schläft eine Stunde, steht auf, geht in die Küche, holt einen Plastikbeutel, geht ins Wohnzimmer, findet zwei Korken und tütet sie ein.
„I am di.“
„Du sammelst Korken?“
„a.“
Sie nimmt die Tüte, trägt sie ins Schlafzimmer, legt sie ins Regal und sich wieder hin.
Eine Stunde später kommen die Eltern zurück und warnen mich vor dem dichten Nebel.
Ich fahr nach Hause, es ist richtig fies nebelig, und beim Öffnen des Tores auf menschenleerer Straße, die im Nebel liegt, hallt plötzlich das gespenstische Geräusch des verrückten Lachers zwischen den Häuserschluchten.
Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

narr

Samstagblues (kurz vor der Arbeit)

P1000649

„Der Junge hat heut ein Butterbrot frei,“

lautet der Spruch eines Vaters, und schon rattert der innere Fragenkatalog.

Heißt das, dass er heute ein Butterbrot extra essen darf?
Bedeutet es, dass er eine Stulle überspringen darf?
Ist heute sein Namenstag, oder hat er sein Zimmer besonders gut aufgeräumt?
Die Fragen bleiben offen, da der Vierjährige mi seinem Charme und seinem Lächeln alle um den Finger wickelt.

„Ich weiß doch nirgendwo unterkommen,“ greint ein Sandkastenbekannter von mir. „Ich kipp dauernd um.“
Die Einschläge kommen näher, hallt eine Stimme in meinem Geist. Sie kommen näher.
Wird er der Nächste sein?

Atme ich durch die Nase ein, hört es sich an, als klingle in der Ferne ein Telefon. Die Fantasie sagt: kein Anschluss unter dieser Nummer, trotzdem hab ich den Impuls, ständig den Hörer abzunehmen. Atme ich aus, antworten mir Ziegenbauern von La Gomera in El Silbo, und das Pfeiffen im Kopf nimmt keine Ende.
Kommen die Frauenhintherpfeiffer der Kolpingstraße dazu, entsteht eine Kopfkakophonie, in die Ilse Werner einstimmt.

Sollte das nicht ein ruhiges Wochenende werden?

narr