Ach wie traurig

Zum Frühstück einen Chemiecoctail von Chaqwa.

Der nennt sich Cappucino und ist so weit vom Originalgetränk der Kappuziner entfernt wie die Erde vom Mars.
Ach wie traurig ist Fröndenberg.
Im Lidl gibt es Filiale 58, doch die Verkäuferinnen wissen nicht um die dreistufige Kaffeeverstärkereinstellung ihrer Maschine.
Ach wie traurig ist Fröndenberg.
Die Einwohner sehen aus wie Menschen, doch spricht man sie an, kommt nur: datscha oder dutscha oder schnefzelklep aus ihren Mündern.
Ach wie traurig ist Fröndenberg.
Ein Vater kämpft darum, seine zwei Fahrräder, den Anhänger, zwei ausgewachsene Dalmatiner und seine Tochter heile in den Zug zu bringen.
Ach wie schön ist Fröndenberg, wenn der Sauerlandexpress den Bahnhof verläßt.
Dortmund ist, wie Dortmund eben ist. Holperig, schmuddelig, pottig.
Die Frauen sind tätowierter, die Männer lauter. Es ist mehr Pink und Leder unterwegs, geschlechtsunabhängig.

“Ich mach eben, hust, röchel, sputumgurgel, die Zigarette aus, dann park ich ein. Hust.”

Doch, es macht Spaß, mal wieder durch eine größere Stadt zu schlendern.
Dortmund besitzt neonrote Stadtsklaven, Münster neongrüne, Menden neongelbe. Statusfarben?
Ein Hauch von abgestandener Internationalität weht durch die Zone.
Hier sehen die Menschen die nichts zu tun haben, entweder noch schicker oder noch schrottiger aus als in Kleinstädten.

“Zeitgenössische Kunst macht alles glatt,” meint Wu Wei, während er sich nachts, von europäischen Museumskultur erschlagen, in ein Taxi fallen läßt.

Nirgendwo sonst wird so viel Nasenschleim hochgezogen und auf den Boden gespuckt. Vielleicht tragen die Menschen hier so hohe Absätze an den Schuhen, um möglichst weit von dem klebrigen Bodenbelag entfernt zu sein.
Ein Wandersmann mit zünftiger Hose, Hut, festem Schuhwerk, Regenjacke und Rollator zuckelt vorbei.
Das ist wirklich das neue, bundesweit individuelle Verkehrsmobil. Verbraucht nur mitgeführten Sauerstoff, und wenn´s lustig werden soll, wird Lachgas eingespritzt.
Pimp my Rollator.
Viele Menschen gehen mit halbgesenktem Blick, den Daumen auf der benutzerfreundlichen Oberfläche ihres Smartphones. Eigentlich sind sie gar nicht da. Nicht anwesend in ihrer vorbeihastenden Abwesenheit.
Nicht hier und nicht dort als dauerhafter Zustand.
Nicht zwischen den Welten, eher an einem Nichtort, an etwas Verwischtem.
Elektronen fühlen sich dort wohl, wenn Spuren menschlicher Schatten sie umschmeicheln.
Kein Ort zum Verweilen, und doch versuchen so viele Menschen dort zu sein.
Das Hier und Jetzt ist so uninteressant für sie, daß sie das gleich ihren FreundInnen posten müssen.
Die Protzbauten mit meterdicken, geriffelten Pseudomarmorsäulen machen grad ihre Städtetour. Erst Münster, jetzt Dortmund.
Man kann tüchtig Zukunftangst bekommen, betrachtet man das Verhalten trinkender und rauchender Menschengruppen, die so offensichtlich mit sich selber gar nicht klar kommen und zu Hauf ein Kind an der ungewaschenen, nikotingelben Hand mit sich zerren, während das andere Kind, jünger, im fadenscheinigen Buggy nicht aufhören kann zu schreien.
Sowieso.
Der Platz vor dem Kaufhof in Dortmund sieht aus, wie der Platz vor dem Kaufhof in Hagen, ein Straßenzug wie eine Nebenstraße in Iserlohn Mitte.
Austauschbare Innenstädte sind gähn.

narr

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