Wojceck

Hamburg, drei Jahre nach der deutschen, demokratischen Revolution.

Das Klex-Theater war geschlossen, der narr hatte danach in der internationalen Schule für Musik, Tanz und Drama gearbeitet und eine Menge toller Leute kennengelernt. Unter anderen auch Theo, der aus Hamburg kam, in Poppenbüttel wohnte und in der Abschlußklasse war.

Filmfreak, Splatterfreak, er zeigte dem narren Braindead und andere, seltsame Zombiefilme, den Stadtpark bei Nacht und seine kiffenden, teilweise bewaffneten Freunde, über die der narr den Job als Fahrradkurier bekam.

Theo hatte als Abschluß den Woyceck einstudiert und auch die Idee, das Ganze als Film zu produzieren. Damals gab es den Offenen Kanal in Hamburg.
Jeder Schmacko konnte dort Audio- oder Videogeräte ausleihen. Einzige Bedingung: irgendwann mußte das aufgenommene Zeugs auch ausgestrahlt werden. Dafür boten sie einen kleinen Schneideraum und für die Radiofreaks ein kleines Studio.
Die Schule hat in Winterhude eine Zweigstelle. Zwei Tanzsäle, einen mit einer Treppe und einer Tür, die nirgendwohin führt. Das war die Wohnung von Marie, Woycecks Freundin. Woycecks Wohnung war eine Ruine zwischen der abgerissenen Synagoge und dem PIk As, im ehemaligen Gängeviertel, nicht weit vom Großneumarkt entfernt. Jetzt ist da eine Autoreparaturwerkstatt, wo früher die Synagoge war. Drei Wandnischen mit jüdischen Symbolen erinneren noch daran, wenn man die Ölkanister und Lacktöpfe beiseite schiebt.

Weitere Filmorte waren der, damals neue, Turboaußenfahrstuhl an dem nagelneuen Burdagebäude und die Eingangshalle einer Werbeagentur Nähe Jungfernstieg. Die besaß einen künstlichen Wasserfall, der sich über vier Stockwerke in das Erdgeschoss ergoss in einen knietiefen Pool mit exotischen Wasserpflanzen. Außerdem das Moor bei Poppenbüttel und den einzigen, steilen Hügel in Hamburg, den Theo hochrennen wollte.

Atmospährische Hilfsmittel waren rotes und grünes Bengalfeuer aus meinen Vorräten, ein Buch von Witkacy, mit Bildern aus seinen Drogenräuschen, die Quetsche und zwei alte 500 Watt Baustellenfluter des narren, Ohrringe und einen Einkaufskorb aus Rattan.
Die Kameraausrüstung zeigte sich eher bescheiden, oft benutzt, ausgeleiert. Das Sachtlerstativ ließ sich nur noch ruckelnd bedienen, die Kamera nicht wirklich festschrauben,und die Scharfeinstellung der Kamera war eher Glücksache, da der geriffelte Justierring ebenso ausgeleiert arbeitete wie die Schraubengewinde des Stativs.

“Weißabgleich? Gebt der Kamera ´nen Schlach in Nacken, dann richten sich die Röhren schon aus,” sagte uns ein Techniker vom offenen Kanal. “Ach ja, die Akkus haben eine Macke. Halten nicht wirklich lange. Und das Laden dauert. Und dreht das Stativ nicht so hoch. Das sackt mit der Kamera drauf plötzlich ab.”
Die Dreharbeiten begannen. Es war die kleinste Crew Hamburgs. Theo und der narr und Jenny, ebenfalls eine Abschlußschülerin, die die Marie spielte.
Die Nische unter der Treppe im Tanzsaal war schnell dekoriert und dramatisch ausgeleuchtet mit den zwei Flutern und Tageslicht.

Es gab keine Regeln der Filmkunst. Der Text war klar, die Situation war klar, alles andere wurde improvisiert. THC beflügelt in solchen Momenen die Kreativität, macht den Blick unscharf für Fehler. Und wir hatten viele THC-haltige Produkte zur Verfügung und Guarana, was damals in Hamburg neu und hip war und wie Fischfutter schmeckte.
Für die Innenaufnahmen konnten wir uns Zeit lassen, da die Kamera direkt an den Strom angeschlossen werden konnte, bei Außendrehs sah das, mit den Akkus anders aus.

Wir mußten das Improvisieren komprimieren, was bis auf das Moor und die Ruine nicht weiter schlimm war, da wir weder für das Haus mit dem Wasserfall oder dem Turbolift eine Drehgenehmigung hatten. Alles mußte entsetzlich schnell gehen, immer auf der Hut vor der Security.

Aber Theo stapfte, es war Winter, als grad kein Publikumsverkehr war, in den Pool unter den Wasserfall, sprach seinen Text, spielte zitternd, mit blauen Lippen den Wahn des Woyceck, bis der Sicherheitsdienst von oben brüllte und wir eilig Alles zusammenrafften und auf die Straße rannten.

Ähnlich war es im Turbofahrstuhl, den wir so lange blockierten und rauf und runter düsten, bis der Alarm losging. Aber die Bilder, die waren, sind großartig, gespenstisch, skurril, kraftvoll.
Beim Sichten des Rohmaterials immer und immer wieder, stellten wir irgendwann fest, dass der Ton, die Geräusche, das gesamte Akustische unbrauchbar war.
Wochen vergingen. Der Offene Kanal rief an und fragte nach, wann wir denn fertig seien. Wir müßten so langsam an´s Senden denken. Weder Schnitt noch Ton waren fertig.
Also fassten wir drei uns ein Herz, rollten ein paar Joints auf Vorrat, und fingen an zu schneiden. Das klappte ganz gut, wenn auch der Ton immer noch kümmerlich vor sich her quäckte.
Der narr borgte sich im Radiostudio ein Mikrofon aus, und Jenny und Theo begannen, das Geschnittene zu besprechen, so synchron, wie es eben ging. Zwischendurch spielte der narr Toncollagen, an denen er, Jahre zuvor bei einem Unneraner Musikprojekt mitgearbeitet hatte, oder kleine, improvisierte Stücke mit seiner Quetsche ein.
Nach drei Wochen waren wir fertig, irgtendwie fertig, Fünfundvierzig Minuten Woyzeck. Es war gewiß keine Meisterleistung. Gesellemstück?

Die Zuschauerreaktionen waren recht einhellig.

“Is halt so´n langweiliges Kunstzeugs.”

Aber es war unser erster eigener Film.

narr

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