Der Legionär

Nach einem langen Gespräch mit der Liebsten stellte ich, noch mit Tränen in den Augen, fest, dass keine Zigaretten mehr da waren.

Einen langen Abend hatten wir mühsam um Worte gerungen, ich hatte sie gefordert, und als sie kamen, war ich auch schnell überfordert.

Und doch hatten wir uns  beide durchgebissen, durchgekämpft durch einen Strudel von verschlingenden Wahrheiten. Aber wir wollten nicht aufgeben, uns nicht aufgeben, und blieben am Thema.

Leben, Ängste, absurde Ängste und nicht weniger zerstörerisch als andere Ängste auch. Gemeinsam hatten wir den ersten Schritt zur Entschärfung der Situation entworfen, sie hatte das Gespräch fürsorglich, mit Hinsicht auf meine Verfassung, ruhig beendet.

Jetzt wollte ich eine rauchen. Keine Zigaretten. Also rüber zu Stavros, dem griechischen Wirt in der Kneipe an der Ecke.

“Kaffee?”

“Kaffee und Zigaretten, bitte.”

Der Legionär sass als einziger Gast am Ende der Theke.

Metaxa – Mokka, in ständigem Wechsel.

“Sag mir was, damit ich reagieren kann,” sagt er mit schwerer Zunge. Vielleicht kann ich dir erklären, was der blöde Grieche nicht versteht. Wer ist Schuld?”

Ich schaute den Legionär ruhig an.

“Woran?”

” Na ja, Schuld eben. Blöder Deutscher, Nazi und so.”

Dabei versuchte er zu grinsen, aber als seine Zigarette aus der Hand fiel, kicherte er.
“Ich kann mich so schlecht konzentrieren. War deswegen schon in Therapie, erfolglos. aber auch wegen anderer Sachen.”

Mokka – Metaxa.

“Ich hab eine neue Nachbarin. Neu. Pastorin.”

Dabei zwinkerte der Legionär mit einem Auge..

“Schnuckelig”, fragte ich zurück?

“Aah, geh mir weg. Mein ich doch nicht so.. Nein, das nicht. Die hat zwei Schlösser. Zwei, verstehste. Eins funktioniert. Das andere sei komisch, sagt sie. Komisch. Das bringt mich zur Verzweiflung. Meine Schulter ist entzündet und mein Innenohr. Drei Nächte hab ich nicht geschlafen, weil ihr Schloss so “komisch” ist. Komisch.”

Ein Beben lief durch den Körper des Legionärs, verbunden mit einem Krächzen, das auch ein Lachen hätte sein können. Sein eingefallenes, schnurrbärtiges Gesicht glänzte vor Schweiß.

“Hast du was gesagt? Sag was, damit ich reagieren kann. Ich glaube, meine Reaktionen sind erkältet. Los, du Grieche. Gib mir Mokka-Metaxa. Hat aber nicht gewirkt, die Thearapie. Verstehste? Sonst hätte ich doch nicht so eine Angst wegen des komischen Schlosses. Und saufen tu ich auch nicht weniger. Aber der Grieche versteht nicht. Du verstehst, warum ich in Therapie war, nicht wahr? Hat aber nichts genutzt.“

Seine langen, schlanken Finger zitterten, als er sich eine neue Zigarette mit braunem Deckblatt anzündete,

“Vier Wochen stationär. Und alles für die Katz. Reden, bis der Arzt kommt.”

Der Legionär lachte laut los.

“Bis der Arzt kommt. Und dem wußte ich nichts zu sagen. Er ist doch der Scheißarzt. Soll er doch von selbst drauf kommen. Ich hab ´ne Innenohrentzündung. Glaubst du, die hat er von alleine gefunden?”

Mokka – Metaxa.

“Aber das ist es ja nicht. Dieses zweite Schloß, das macht mich wahnsinnig. Das hat mit der Krankheit zu tun. Ich muss reagieren. Sag was.”

Der Legionär sackte zusammen, schloss die Augen und verschwand in sich.
Ich trank meine Kaffee aus, steckte die Zigaretten, die Stavros mir aus dem Automaten gezogen, geöffnet  und auf die Theke gelegt hatte, ein, bezahlte, wünschte Stavros einen schönen Abend und ging.
narr

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