Münsterporn

Ich versuche, die Geschichte aus dem Kopf zu schreiben.

Irgendwo gibt es Notizen dazu, aber ich weiß, dass es mir damals hauptsächlich die Tinte veschlagen hatte. Ich konnte mich nur wundern, damals in Münster.

Ich interessiere mich für Sexshops, seit es welche gibt.

Meine erste Mitbewohnerin Gabi arbeitete sogar in einem. Das war eine lustige Zeit.

Der erste Sexshop in Menden. Wasserstrasse.

Das Nebenzimmer, ausgestattet mit hölzernen Klappgartenstühlen, Leinwand und Super8 Projektor. im Vorderraum pornographische Magazine, zwei, drei verschiedene Dildos (Dildi) und eine aufblasbare Gummipuppe in in einer alten Lebensmittelladentheke aus Holz.

Die braven Bürger kamen spärlich und mit hochgeschlagenen Mantelkragen, gingen in´s Nebenzimmer, Gabi schmiss den Projektor an und irgendein verkratzter Porno flimmerte über die Leinwand, während aus dem, vom Projektor abnehmbaren, plastikverkleideten Lautsprecher irgendetwas Keuchendes schepperte.

Zehn Minuten später verliessen sie den Laden, wieder mit hochgeschlagenem Mantelkragen. Gabi musste die gebrauchten Tempos einsammeln und den Film zurückspulen.

Der Blasse war Chef, und der Laden hielt kein Jahr.

An eine Geschichte denke ich immer im Zusammenhang mit Sexshops gerne und immer mit einem wohligen Schauer des Absurden.

Bochum.

Während diverser Auftritte in verschiedenen Kneipen und Theatern war ich immer an diesem Sexladen vorbeigefahren, irgendwann ging ich hinein.

Im Eingangsbereich alles Handwerkliche, Mediale und Kreative, was der Sexbereich so hergab, im angrenzenden Raum, damals schon ein Überbleibsel der Erotikbranche, eine Peepshow mit mittelalten Bochumer Mädels.

Und es gab den abgesperrten Bereich, in den man nur per Knopfdruck des Wächters und zehn DM eingelassen wurde.

Na klar wollte ich da hinein. Der Summer summte und das Absurde begann.

Durch einen schweren, braunroten Roßhaarvorhang mit breiten Ledersäumen ging es auf eine auditoriumähnliche Fläche. Zwei weiße, breite Holzstufen, auf der obersten stand links eine weiße Bude, während rechts der Raum von Maschendraht begrenzt wurden, hinter dem sich Cola- und Wasserkisten stapelten. Auf einem kleinen Rollwagen ein Fernseher mit eingebautem Videorecorder.

Aus der Bude trat eine spärlich bekleidete, kauende Frau heraus.

„Fümzig Hand, Humdert Mumd, schluck, dabei nackt, hundertfünfzig ficken eine Stunde.“

Hab ich nicht. Ich dachte, ich bekomme einen Privattanz.“

Und es dauerte zehn Minuten, bis ich der empörten Prostituierten eine Pause schmackhaft machen konnte.

Essen Sie doch in aller Ruhe ihr Brot weiter, Ich hab .Sie beim Essen gestört. Tut mir leid. War blöd von mir. Ich habs zu spät erkannt. Aber ich hab wirklich kein Geld.“

Irgendetwas schien sie dann doch zu beeindrucken, oder es war, im Rückblick betrachtet, ihre Masche und ein Trick des Hauses, egal.

Sie stellte den Fernseher an, schob eine Videocasette ein, und ein Porno begann. Sie ging wieder zurück in ihre Bude. Der Film war ein Film in dem ein Pärchen einen Film schaut in dem ein Pärchen einen Film schaut und davon geil wird und unbeholfen professionell Sex miteinander hat, das erste Pärchen wird auch geil etc. Das waren mir zu viele Ebenen, und als ich nach drei Minuten pornographischer Ödnis den Sexladen verließ, freute ich mich, so leicht davongekommen zu sein

In Amsterdam verfolgte ein Mann im Gorillakostüm eine nackte Frau und vögelte sie im hinteren Thekenbereich eines Sexshops. Hamburger Erfahrungen würden den Rahmen der Geschichte sprengen, werden bestimmt noch selbst Geschichte, aber keine war so seltsam wie der Münsterporn.

Schon die Anlage an sich besaß etwas Eigenes.

Oben der normale, leicht schmuddelige Pimmelplüschpornosexshop, unten, eine Treppe tiefer, schmutziger Hardcore.

Ein großer, runder Raum. Nach rechts und links führte jeweils ein Gang weg, in der Mitte ein kleinerer, ebenfalls runder Raum. In dem Gang lagen die Videokabinen vis-a-vis und nebeneinander. Die Türen liessen sich nicht mehr schliessen, die Trennwände durchlöchert.

Dunkler, klebrig feuchter Beton als Fussboden, der alle fünfzehn Minuten von einem älteren, grauhaarigen, schwarz-afrikanischen Italiener gefeudelt wurde. Es roch nach Chlor und kaltem Sperma.

Halbledertypen und junges Goldkettchenvolk standen rauchend in Zwei- und Dreiergrüppchen, schlenderten umher in diesem geflackten Dämmerlicht, erhellt vom Flimmern der vielen Fernseher, beschwipst von der Kakophonie pornographischer Geräuscheakrobatik.

In einigen Kabinen saßen Männer alleine, in einigen zu zweit, trotzdem wirkte dieser Laden nicht wie ein Schwulenclub. Eher wie eine schmutzige, absurde, irgendwie auch schräge Notlösung sexuellen Auslebens.

Da der Gang der Rundung des inneren Raumes folgte, stand man irgendwann da, wo man hergekommen war.

Der innere Raum.

Circa acht Meter Durchmesser, der gleiche, feuchtgaue Fußboden. Auf Augenhöhe ein Fernseher neben dem anderen in die Wand eingearbeitet, Lüftungsschlitze zwischen den Bildschirmen erinnerten an damalige Installationen von Nam Juk Paik. Ansonsten schmutzig weisse Wände.

Direkt am Eingang lag ein Kleiderbündel auf dem Fußboden.

Patsch, patsch, patsch.

Ein Geräusch, seltsam fremd in dieser Umgebung, war mir schon vorher aufgefallen.

Patsch.patsch patsch.

Wie nackte Füße auf Betonfussboden. Und dann sah ich eine Person mit einer wirklich seltsamen sexueller Neigung. Ein komplett nackter Mann, einsachtzig groß, Bierbauch, schütteres, rötlich-braunes Haar. hastete durch das gesamte Etablissement, blieb vor jedem Bildschirm stehen, bewegte ruckartig seinen Unterleib vor und zurück, dass der, nicht erigierte Penis mitsamt dem Hodensack zuwischen Unterbauch und Pospalte hin und her schwang in einem Tempo, dass die Konturen seines Geschlechts verschwammen.

Klatschklatschklatschklatschklatschklatsch.

Und weiter zum nächsten Bildschirm.

Patsch, patsch, patsch.

Er schien bekannt zu sein in diesem Laden. Niemanden kümmerte es, niemand vergriff sich an dem Kleiderbündel. Er wirkte wie jemand, der verdurstet, weil er nie gelernt hatte, zu trinken.

Klatschklatschklatschklatschklatschklatsch Patsch, patsch, patsch,

rannte er aus dem runden Raum in den Gang, flitzte nackt an jeder Kabine vorbei, blieb bei interessanten Einblicken stehen, ließ sein Gehänge kurz schwingen und hastete weiter. Sprang lachend über den Feudel des schwarzafrikanischen, drahtiggrauen Italieners, flitzte zurück in den runden Raum, und das Ritual des Gechlechtschwingens begann erneut vor jedem Bildschirm.

Seltsame Sexualität, dachte ich traurig, wunderte mich, wie man ohne Ekel barfuss diesen Betonfußboden betreten konnte und weiß heute noch, wie betreten ich den Laden verlassen hatte.

 

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Ein Kommentar zu „Münsterporn

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