Sinderella

 SINDERELLA

 

 

Schon mehrere Jahre läuft diese Person am narren vorbei. Jetzt kennt er ihren Namen und einen kleinen Teil ihrer Geschichte. Und Ihren Spitznamen.

Alle nennen sie hier nur Sinderella aus Sindelfingen, was sie, wie sie selber sagt, einem ihrer dämlichsten Fehler zu verdanken habe.

Als sie es sagte, tat sie es in einer Mischung aus deutsch und polnisch  mit einer frischen Einfärbung sauerländischen Dialektes, wie etwa – woll – wonnich – jau – meintse echt? –  einer kaum zu überbietenden Kombination aus Unverständlichkeit, Temperament und fettem Lachen.

Geboren wurde sie als Jelena Sowiesodingsdadova irgendwo in Polen, mit zwei Jahren nach Sindelfingen gekommen unter nicht ganz, wie sie sagt, koscheren Umständen.

Ihre Mutter soll am Ende eines bayrisch-polnischen Wirtschaftsaustausches der Spieleinsatz in einem Warschauer Hotel gewesen sein. Der Bayer gewann und nahm sie mit nach Sindelfingen.

Sie wuchs auf in den schmuddeligen Hinterhöfen der Stadt, ihre Mutter arbeitete als Reinigunskraft und brachte sie beide so grade eben durch.

Immerhin, so sagte ihre Mutter immer, immerhin hätte das Schwein sie nicht auf den Strich geschickt. Geschämt hätte er sich, wenigstens geschämt, dass er in einem Pokerspiel einen Menschen gewonnen habe. Ihr polnischer Exlude war da wohl nicht so zimperlich in der Vergangenheit gewesen.

Die Wohnung war von dem Bayer, die Mutter zahlte Miete an ihn, wer ihr Vater war, wusste sie nicht..

Als Jelena achtzehn wurde, geschahen mehrere Dinge zur gleichen Zeit. Ihre Mutter starb,  viel zu früh, geschafft durch zu viel harte Arbeit, viel Schlechtem zu Essen und zu viele schlechte Drogen, wie die berüchtigte polnische Suppe, ein Aufguss aus Straßenrandmohn, in ihrer Jugend.

Kurz darauf verlor sie ihre Wohnung wegen angeblichen Eigenbedarfs des Vermieters und sie lernte Johannes kennen. Jo, wie sie ihn nannte. Auf die Frage nach seinem Nachnamen lachte sie, schüttelte den Kopf, bleckte zur Erklärung die Zähne und sagte, wie beim Zahnarzt:

“ Hab grad neue Kronen. Keine Chance.“

Es machte den Eindruck, als hätte sie einen durchtrainierten,  gutpropotionierten Körper trotz ihrer Größe von 1. 56 m.

Grad deswegen konnte der narr sich an keinen Moment erinnern, an dem sie nicht in ihrem unförmigen Teddysamttrainingsanzug und einer Basecab mit heraushängendem Pferdeschwanz herumlief.

Sinderella aus Sindelfingen.

„Ich schaff mich frei. Drei Jahre noch.“

„Drei Jahre noch was?“

„Spielhalle. Sieben Jahre Aufsicht für Kost und Logis und ein kleines Taschengeld.“

„ Das ist Sklaverei.“

„Joi, ist freiwillig und Vertragserfüllung. Ausserdem mit Sozialversicherung.“

Darauf war Jelena stolz, so, wie sie es erzählte. Und so absurd, fremd und grauenhaft  die ganze Geschichte war, so seltsam unbeschwert wirkte sie.

Ihr wurde also die Wohnung gekündigt und der Vermieter, der, der ihre Mutter gewonnen hatte, gab ihr die Adresse von Jo. Sie kannte Jo vom Hörensagen. Jeder im Viertel kannte Jo. Schmuddel-Jo, Jo-Scheißdreck, Johannes Schmierlapp, so nannte man ihn hinter vorgehaltenener Hand.

„ Ich hätte auf meine innere Stimme hören sollen. Die sagte klar und deutlich: der nicht. Aber ich war allein, und er wollte sich um alles kümmern. Scheißdreck, wonnich?“

Er besorgte ihr ein Zimmer über einer abgewrackten Bar, die im Volksmund „zu den Dreititten“ genannt wurde. Die Betreiberinnen waren zwei Schwestern, einer war die metastasierte Brust abgenommen worden.

„ Höflich hatte er mich gefragt, ob ich auf den Strich gehen würde. Deutlich hab ich nein gesagt. Worauf er meinte, er würde schon was anderes finden, damit ich die Miete bezahlen könne.“

Zwei Tage später wurde sie von einem Partner von Jo begutachtet.

„Ich bin der Effizienzmanager,“ imitierte sie ihn lachend und mit vollem Mund. Das sei sein häufigst gesagter Satz gewesen und immer hätte er sie süffisant dabei angeschaut. „Siphisont.“ Immer.

Fotos geschossen, Fragebogen, Fotos im Badeanzug, Fotos in Unterwäsche, Honig um´s Maul geschmiert, ob sie nicht Lust auf Film hätte und was für eine tolle Ausstrahlung und baldiges Casting und schwupps, Vertrag aus der Tasche gezaubert und unterschrieben ohne zu wissen, was.

„Ich war schön blöd. wonnich?“

Dabei schaute sie den narren ruhig an. Der erinnerte sich an sein Beo Bornekamp- Kulturkneipen – Desaster und nickte.

„Kommt vor.“

Am gleichen Tag lernte sie Carlos kennen. Später, als sie in den Dreititten hinter dem Tresen stand. Er betrat den verrauchten, trüben Raum, umstrahlt von der Aura des Erfolges. Das sagte sie wörtlich.

„ Vastehste, in seim Job war er bannig erfolgreich. Das konnt ma sehn.“

Hochgewachsen, südländisch, Bartschimmer. „Schön wie ein Gott, blöd wie Scheiße auf guten Schuhen“

Nach Feierabend in sein Loft, und er fickte sie wie ein Pornostar, bis beiden die Luft wegblieb. Während sie sich anzog, lag er weggeschlummert nackt auf dem Sofa als sie, mehr als Gefühl denn aus den Augenwinkeln, Bewegung im Nebenraum bemerkte.

„Ich hab da instinktiv gehandelt, wo? Nich gedacht. Vorsichtig nachgschaut. Ein Studio, zwei Kerle gingen einen Raum weiter, ich hab mir die Filmcassetten, die sie aus den Kameras und Recordern herausgenommen, beschriftet und auf einen Tisch gelegt hatten, geschnappt und bin weg.“

Sie hätte es wissen müssen, sagte sie bei einem weiteren Schluck Kaffee. Mit dem Rausrennen sei ihr klar geworden, dass sie tief in Schwierigkeiten steckte.

Sie atmete laut aus, so laut, dass hinten im Hals ein Geräusch entstand und es wirkte wie: pass auf, Freundchen, Schicksal, was auch immer. Mich kriegst du nicht klein. Dabei schaute sie den narren an, suchte Verständnis und fand großes Interesse.

Zum Bahnhof rannte sie, packte die Cassetten in ein Schließfach, den Schlüssel dazu in ein kleines Päckchen und dieses, an sie selbst addressiert, in einen Briefkasten.. Dann setzte sie sich in ein Cafe und dachte nach. Und fasste einen Plan.

Als erstes kaufte sie ein Packung Schmerztabletten. Dann suchte sie im Telefonbuch einen Notar in der  Nähe des Bahnhofs. Zu dem ging sie als Nächstes. Klopfte an die Türe, wurde eingelassen, schritt zielstrebig zu dem Schreibtisch der Vorzimmerdame, grüßte diese freundlich, nahm sich eine Visitenkarte aus einem Kästchen, grüßte noch einmal und verließ die Kanzlei. Wieder zurück ins Cafe. Dort schluckte sie vier Schmerztabletten auf einmal und machte sich auf den Weg in ihre Wohnung.

„Scheißdrecks Auto stand vor der Tür. Also steckte ich mir jeweils zwei Tampons unter die Ober- und Unterlippe, atmete durch und betrat meine Wohnung.“

Sie stand noch nicht ganz im Zimmer, da traf sie ein so harter Schlag ins Gesicht, dass ein Teil ihrer Zähne brachen, die Lippen aufplatzten und das Blut floss. Die Tampons schützten etwas den Ober- und Unterkiefer, die Schmerztabletten dämpften den Aufprall, trotzdem wurde sie von der Wucht des Schlages durch den Raum an die Wand gschleudert.

„In der Situation cool zu bleiben, war am Schwierigsten. Ich wisch mir also mit der einen Hand das Blut ab und reiche ihm mit der anderen, zitternden Hand die Visitenkarte des Notars. Jo Scheißdreck kann so blöd glotzen, das glaubst du nicht, wo?“

Jo glotzte also tumbe von der Karte zu Jelena und wieder zur Karte. „Willste mich jetzt verklagen. oder was?“

„Ich war grad bei dem Notar und muß da morgen wieder hin. Wenn du mich also noch einmal schlägst, wird er mich fragen, was geschehen ist, und dann wird er dich verklagen. Ich hab mit ihm vereinbart, dass ich mich täglich bei ihm melde.“

„Wo sind die Cassetten?“

„Bei dem Notar. Zusammen mit einem Brief, den er öffnet, wenn ich morgen nicht pünktlich erscheine.“

„Das kannst du dir nicht leisten.“

„Ruf doch an. Die Nummer steht auf der Karte.“

„Die geben Fremden keine Auskunft.“

„Ja.“

Ich will die Cassetten wiederhaben!“

„Nein. Die bleiben unter Verschluss. Du wolltest mich über den Tisch ziehen. Ich tret in keinem Pornofilm auf.“

„Mädel. Die waren alle ganz begeistert von dir. Du könntest ein Star werden. Sinderella soll er heißen. Du verstehst. Sin. Wegen Sünde und so.“

„Nein. Ich mach dir einen anderen Vorschlag.“

Von ihr kam der Vorschlag der modernen Sklaverei. Scheißdreck war nur mit Geld zu kommen.

„Ich arbeite für dich. Laß uns ausrechnen, was du mit diesem Filmchen verdient hättest. Ich arbeite so lange für Kost, Logis und Sozialversicherung für dich, bis alles abbezahlt ist. Laß deinen Effizienzmanager ausrechnen, wie lange das sein wird.“

Und tatsächlich einigten sie sich, nach langem Hin und Her und weiteren Brüllattacken von Jo auf sieben Jahre Spielhallenaufsicht, bei Kost und Logis und Sozialversicherung weit weg von Jo Scheißdreck.

Sie lachte, als sie es erzählte, und ihre neuen Kronen blitzten reinweiß im Cafehauslicht.

 

narr

15. 12. 2009

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