Gedanken bei der Beobachtung jungen Familienglücks

Junge Eltern, die auf ihr Smartphone oder Tablet schauen, während das Kleinkind hilflos nach Augenkontakt sucht.

Die nächste Generation wird seine Eltern fragen: wo warst Du, als ich Zuwendung benötigte, Rückhalt, Regeln?

Die Eltern werden antworten: wir haben massenhaft Petitionen rausgejagt gegen Ölbohrplattformen, gegen Beschneidungen, gegen Überwachung und für die Legalisierung verschiedenster Sachen. Wir haben uns für mehr Freiheiten im Netz eingesetzt.

„Glaubst du wirklich, Mama, innerhalb eines Netzes habe man Freiheit? Frag mal die Fische.“

„Du lebst offline. Was weißt du schon.“

 

 

narr

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warmer Wüstenwind

Alarm war vier Uhr morgens.
Irgendwo in der Nachbarschaft ging die Anlage an, aus, an, aus und mit der Häufigkeit und Dauer ihres Warnsignals kam mir der Gedanke, sie morse Ullysses von James Joyce.
Bei Stavros brannte vor Kurzem um fünf Uhr nur die rote Lampe der Alarmanlage, technischer Defekt, und zufällig – es ist wirklich Zufall, wenn des Nachts, bei einer Besetzung von zwei PolizistInnen und einem Bereich von fünfzehn Quadratkilometern, die Polizei grad da ist, wo sie glaubt, gebraucht zu werden – fuhr die Polizei vorbei, sah das Licht, rief Stavros an, zitierte ihn zu seiner Kneipe, ging mit ihm durch alle Räume und schickte einen Tag später eine Rechnung über 83, 50 Euro für den Einsatz.
Zahlen Fußballvereine eigentlich schon  für den Einsatz der Polizei?

Kleiner Markt ist.

„Die Pilzfrau kommt nur Freitags,“ sagt der Landwirt hinter Broccoli und Kartoffeln.

Der warme Wüstenwind aus Afrika treibt Blätter vor sich her und läßt Kreisläufe kollabieren.
Wenigstens der Wind darf Europas Grenzen überschreiten und muß nicht im Meer ersaufen.

Laubbläser

„Der Krieg von heute sind die Ökokatastrophen von Morgen“, wird morgen auf 3sat Thema sein.
In Menden wird immer noch Krieg gegen Laub geführt.
Heute morgen war ich das Opfer, als ein Soldat mit Laubbläser gegenüber des Schlafzimmerfensters sein laubblutiges Handwerk verrichtete.
Fast sofort sprang mein Aggressionspegel von Null auf Weißglut in drei Sekunden.
Es ist das auf- und abschwellende Röhren des stinkenden Benziners, das in einem Umkreis von hundert Metern die Menschen akustisch verletzt.
Da Laubbläserbedienende selten bei ihrem zerstörerischen Werk nachdenken, ist ihre Schrittfolge vor und zurück, dann drehen sie sich im Kreis, gehen seitwärts rechts und links, bewegen sich aber hauptsächlich in einem kleinen Radius vorwärts, damit das Brüllen des Stinkers möglichst lange die umliegende Menschheit zur Verzweiflung bringt.

Was gibt es für eine Begründung für diese akustische Katastrophe?

Jeder Straßenfeger, Gärtner oder Galabauer ist mit einer Harke, einem Rechen nachweislich schneller in der Zusammenführung abgestorbener Blätter.
Aber mit Laubbläsern ist es wie mit anderer Waffentechnologie.

„Wir haben sie, also kommen sie auch zum Einsatz.“

„Jawoll, mein General.“

Es ist das kranke Verhältnis der Menschen zur Natur.
Natur ist schön, solange keine Blätter, keine Wespen fliegen, wenn die Bäume gerade und die Sträucher stets beschnitten und der Garten zu jeder Jahreszeit möglichst gleich aussieht.
Natur darf keinen eigenen Willen haben und schon gar nicht Arbeit verursachen.
Macht Euch die Erde untertan, aber ohne Euch die Hände dreckig zu machen, sagt jeder Gott im Baumarkt.

Es ist der Ersatzfalluss* des armen Mannes.
Wenn ich mir schon kein Schwanzersatzauto leisten kann, dann wenigstens einen Laubbläser.

(* Der Satz mit dem Ersatzphallus wurde nur deswegen geschrieben, weil eine Deutschlehrerin versicherte, die Schreibweise mit „F“ sei völlig in Ordnung.
Das sieht so Kacke aus!)

narr

Mendener Herbst

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Abtrieb ist in der Stadt.
Die Mendener Menschenmassen gehen zum letzten Mal in diesem Jahr vorbei an lebenslange-saubere-Fenster Ständen, sammeln sich an Freßbuden, Dachbedeckungskabäuschen, pakistanischen Biosynthetikklamotten, kaufen gebrannte Mandeln mit Burensteaks, verbrannte Souvlakis mit Tsatsiki oder slushbubblefrozen Irgendwas.
Der Blasse steht in der Sonne und beobachtet humanoide Entitäten, und ein bißchen hab ich Angst, dass er unter der Sonnenbestrahlung in sich zusammenfällt.

„Alles mitnehmen“, raunt ein Vater seinem Kind zu, und das packt eifrig Werbemittel ein.

Ein Dreigestirn aus einem Ei in Pink wird in einem Kinder-SUV von Mama durch die Massen geschleust und ist der Blickfang ungezählter Augen.
Alles mitnehmen ist generell hier die Devise, und das muß jetzt sein, denn Auftrieb ist erst wieder zu Pfingsten im nächsten Jahr.

Unterm Zeltdach am neuen Rathaus werden kostengünstig Keime, Viren und Bazillen vom Vincenz-Krankenhaus an die Bevölkerung verteilt und viele MitarbeiterInnen sehen aus wie Praktikanten.
Mc Donald hat eine Gummihüpfburg aufgebaut und gegenüber wartet der Stand der Knappschaftskrankenkasse auf Knochenbrüche und Vertragsabschlüsse.
Eine Seniorin im Elektrorollstuhl bringt ihren Senior, der sich an ihrem Fahrzeug festhält, in arge Bedrängnis, als sie den schnellen Gang einlegt.

Ich trau kaum meinen Augen, als ich einen Fokuhila sehe und gleich daneben einen Minipli-gestylten Mann mit Pornoschnäutzer.

Das muß jetzt reichen für eine Stunde Samstag Nachmittag.
Schließlich ist morgen verkaufsoffener Sonntag.

narr

 

Wenn meine Steine schwitzen

Wenn meine Steine schwitzen,
weiß ich, dass die Mühe richtig war.
Dann lacht das Innere von mir.
Mit jedem Stein bin ich per Du,
jeden hab ich aus dem Bruch geholt
und fluchte, als ich sie aufeinander wuchtete.
Jetzt sind sie ein Wucht im Rund.

Hätt nie gedacht, dass Steine Seele haben.
Gehofft zwar, aber nicht gewußt
Sie glänzen dunkelrot,
der weiße Einschuß diamantengleich.
Es sind nicht Tränen, die aus ihnen fließen.
Es ist der Schweiß der Berge.
von Tausenden von Jahren.

Sie wurden roh aus dem Verbund gelöst
und dann mit viel Gefühl verbunden
zu etwas Neuem.
Vermitteln Ruhe, Ordnung, Chaos.
So weit entfernt von menschlichen Belangen,
doch jetzt Bestandtteil meines Lebens
und länger, als mein Körper lebt, sie sind.