Existenz

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So ernst. So zielorientiert.

Kein Rechts oder Links zur Ablenkung.

Kein Oben oder Unten zum Verschnaufen.

Irgendwann ist jeder dran, ist das Mantra des Jahres, welches Jahwes Töchter mit hochgehaltenem Ausweis und Wachturm vor sich hinmurmeln.

Wir schleppen uns durch den Herbst und tun überrascht, weil es so feuchtkalt ist.

Außer denen, die behaupten, ihnen sei warm, und zum Beweis ein kurzärmeliges Shirt mit kälteroten Armen tragen. (Ja gut. Grad ist es zu warm für kälterote Arme.)

Der Grund unserer Existenz ist ein Rülpser der Evolution.

Wir pendeln zwischen der Entdeckung der Quantenteleportation und dem Nichtwissen, wie man einen Eimer Wasser richtig ausschüttet. Große Spannbreite.

Was ist da der gemeinsame Nenner eines Miteinander?

„Mensch“ als verbindendes Element reicht nicht.

Lebewesen ist zu schwach. Existenz vielleicht. Alles, was existiert, ist wert, daß man es respektiert. Und das ist viel auf Planet Erde.

Vielleicht ist es auch möglich, das Gen, welches uns in Boshaft hält, zu isolieren und nachwachsenden Generationen vorzuenthalten. Wären die dann posthuman?

Eine posthumane Generation ohne Boshaftigkeit. (Klingt wie der feuchte Traum eines Eugenikers.)

Bis dahin müssen wir auf Hand- und Geistesarbeit zurückgreifen um Nazis, oder anderem boshaften Gesocks die öffentlichen Räume zu entziehen. (Wieso nochmal werden Nazis vom Börsenverein auf der Buchmesse zugelassen? Die boxen auch gerade in Kirchhundem.)

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Amerikaner

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„Ich hab einen Amerikaner gesehen“, meint ein Senior, aber Stimme und Haltung sagen: Kann ich einen Amerikaner haben.

„Hä?“

„Eben. Hier in der Auslage.“

„Und?“

„Ich nehm einen mit. Für heut Nachmittag. Ist doch lecker.“

„Och nö. Wir haben doch genug im Haus.“

Es wird klar, wer bei diesem Rentnerpaar das Sagen hat. Beide unterhalten sich mit vollem Mund, kein Wort kommt gerade heraus. Doch die Zeit ihres Zusammenlebens hat alle Sprachbarrieren verwischt.

Jetzt mümmelt der Senior missmutig an seinem Käsebrötchen, während die Seniorina sich ein Puddingteilchen holt.

Der Senior glotzt, als sie sich hinsetzt, um genüsslich in den Pudding zu beissen.

Was für ein subtiler Psychokrieg.

Heiter

narrklein

Wie soll ich bloß darauf reagieren, dass die Nörgler an meinen Tisch kommen und mir zum Stück gratulieren.

„Sensationell. Diese Laien sind ja immer besser als die Profis.“

„Das würde ich nicht unterschreiben. Aber sie sind sehr engagiert.“

„Die haben alles gegeben.“

Drei von den Nörgler*innen waren bei der letzten Vorstellung und saßen in der zweiten Reihe. In stillen Momenten des Stückes konnte das Publikum eine von ihnen reden hören.

„Brabbel, brabbelbrabbel, brabbel.“

„Hm.

„Brarabarabrabrabbel, Brabbel.“

„Hm.“

„Bra…“

„Jetzt hör doch mal auf zu quatschen.“

„Wieso? Die sagen doch grad nichts auf der Bühne. Da kann ich doch reden.“

Eine Pflegehilfskraft der Cramerschen Fabrik spielt grad Turbo-Ausflug.

Im Drei-Minuten-Takt pflückt sie eine Rollstuhlfahrerin nach der anderen aus der Warteschlange, eineinhalb Minuten die Zone runter: „Schauen Sie mal. Markt.“

Eineinhalb Minuten rauf die Zone und Wechsel. Ihr Haar und die quallige Kluft flattern im Gegenwind.

Der Blechkotzebossanova in der Zone, ein vor, zwei zurück und rechts und links, hoppla, wird der neue Standardtanz in der City of love. LKWs drehen sich mit PKWs langsam im Kreise, verwegene wagen die Pirouette rückwärts mit anschließendem Rittberger durchs Getriebe.

Und Mr. Musk erzählt, dass er 2024 mit der Marsbesiedelung beginnen will.

Das kann ja heiter werden.

Petrischale

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„nu ham wa den Salat, nu ham wa den Salat,“ – geht singend ab –

Der Nazi ist wieder da. (eigentlich war er nie weg)

Gaugamel, Schlumpfinchen und dreiundneunzig blaubräsigbraune Bratzen.

Der Volkskörper hat Magen-Darm und das Klo ist verstopft.

Da muß man sich nicht wundern, was alles in den Reichstag quillt.

Eigentlich sollten wir uns bei der Restwelt für die 12,9% entschuldigen, aber die Weltgemeinschaft insgesamt protzt zur Zeit nicht gerade mit Vorbildfunkitionsträger*innen, wie uns auf-die-Fresse-Nahles wortgewandt vorführt.

Nein, da hilft nichts. Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen.

Also selbermachen.

Vier Jahre sollten doch reichen, die Hasswichtel aus dem Parlament zu entfernen.

Und die 12,9% werden, vielleicht mit einer Abwrackprämie, überredet, nach Sachsen-Anhalt zu ziehen.

Das hätte den Vorteil, in dieser Petrischale des Grauens, rückwärts gewandte Evolution zu beobachten. Vielleicht bekämen wir ja unser eigenes, kleines Nord-Korea. So als Miniaturwunderland.

Es gibt viel zu tun.

narr

Wohlfühlschmerz

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Was für eine schmerzensreiche Wohltat, die ich mir antat.

Was für eine seltsame, thailändisch-sauerländisch-italienische Stunde.

Was früher Waffen, Loden, Munition war, ist heute ein thailändisches Massagestudio.

Werkzeuge des Todes gegen knetende Hände?

Gar keine Frage, wer bei mir gewinnt.

Inmitten der Großbaustelle Balver Straße, kaum zu betreten, da direkt vor dem Geschäft gepflastert wird, während Fahrbahnmarkierer ihre Striche ziehen und Walzen den Asphalt bügeln, liegt das kleine Studio.

„Bitte ausziehen bis auf Unterhose und in Mitte legen. Da Kopf.“

Während ich mich in die Waagerechte bewege, beginnt der Raum zu beben.

Draußen wird das Pflaster mit der Rüttelplatte abgedrückt, drinnen schmiegt sich mein Kopf in die vorgeschriebene Öffnung. Ein Handtuch wird über meinen Rücken gelegt.

Der Tanz beginnt.

Die Frau ist eineinhalb Köpfe kleiner als ich, zierlich, zartgliedrig, ein Leichtgewicht. Aber was sie fünfzig Minuten mit meinem Körper anstellt, fühlt sich nicht so an.

Meine traditionelle Physiotherapeutin ist Handballerin, mindestens 1,85m groß, muskulös und könnte ein Telefonbuch mit zwei Fingern zerreißen.

Diese Frau jetzt könnte einen Käfer mit den Händen plätten. Einen VW-Käfer.

Sie beginnt trocken, an den Füßen, und schon bei den Waden merke ich: Die meint es ernst. Richtig ernst.

Mein Körper beginnt zu schwitzen.

Lasse ich de Augen geöffnet, sehe ich auf eine flache Schale mit Sand und Muscheln. Wie viele Menschen mögen da schon hineingetropft oder gesabbert haben.

Draußen bearbeitet ein Mensch das restliche Pflaster mit einem Fäustel, drinnen graben sich zierliche Stahldaumen, Eisenfäuste, gußeiserne Ellenbogen, Titankniee und Füße aus Granit durch meine verspannten Muskeln.

Nachdem die Rückseite weichgegerbt ist, macht sie, nachdem ich meinen Kopf wie einen Korke aus der Flasche, aus der Öffnung der Liege gezogen habe, mit meiner Vorderseite weiter.

Sie läßt ein weißes Tüchlein auf meine Augen fallen.

Bestimmt will sie nicht, dass ich mir ihre Techniken einpräge. Oder nicht sehe, mit welchem Körperteil sie die Innenseiten meiner Oberschenkel bearbeitet.

Behandlungsabläufe ähnlich wie beim Shiatsu, und bekäme ich die japanische Version meiner Ausbildung zu spüren, die Schmerzen wären ähnlich.

Der Arbeiter draußen ist ein lebensfroher Arbeiter, denn jetzt beginnt er auf italienisch zu singen. Irgendwas mit Bambinis, Bambina und Oleole, während die Walze zischt und eine Baggerschaufel Steine kratzt.

Wir lachen beide. Sie aus den Tiefen meines Lebermeridians, ich, weil ich nicht: Etwas sachter bitte! sagen möchte. Vor allem, wenn sie in meiner rechten Seite arbeitet. Da ist das Gefühl interessanterweise viel intensiver.

„Einmal hinsetzen, bitte.“

Sie pflückt noch einmal explizit Nacken-Schulter- und Wirbelsäulenmuskulatur auseinander und ist nach knapp einer Stunde fertig mit mir.

Etwas zittrig kleide ich mich wieder an. Bei allem mimmimi: Hat das gutgetan.

Beim Verlassen betrete ich ein frisch eingefegtes Bushaltestellenareal.

Aber so richtig berühren meine Füße nach dieser Behandlung nicht das Pflaster.

Erstmal eine Stunde schlafen.

Haben Sie das gesehen?

narrklein

Vor der Filiale steht, mitten auf dem Fahrweg ein Auto. Am Steuer sitzt eine junge Frau. Sie sitzt. Das Fahrzeug steht.

Sie hat dünne, spitz zulaufende Finger mit langen, ebenso spitz gefeilten Fingernägeln. Gelangweilt streicht sie über ihr Smartphone. Ab und an gähnt sie inbrünstig. Ihre Körpersprache erzählt, dass dieser Morgen nicht ihr Ding ist, dass sie lieber irgendwo mit Zimmerservice und einem braungebrannten Toyboy die Zeit verbringen würde.

In der gegenüberliegenden Straße verkeilen sich zwei Megablechkotz – Fahrzeuge.

Es geht nicht vor und nicht zurück.

Zunächst sieht man nur wild gestikulierende Arme, dann steigt eine Fahrerin aus. Ihr hochroter Kopf ist ein netter Farbpunkt vor den schwarz-weißen Fachwerkhäusern im Hintergrund.

Zielstrebig – wegen der Einkeilung muß sie ihren Wagen einmal umrunden – geht sie zur Tür der gegenerischen Kombatantin und schreit und schimpft, und fast schlägt sie gegen die Scheibe, als diese heruntergelassen wird, ein linker Arm herausschießt und ebenfalls wild geäußerte Worte.

Das geht so eine ganze Weile. Die Ausgestiegene hat die größere Kraft oder die besseren Kraftausdrücke, denn irgndwann setzt die Kombatantin widerwillig zurück.

Ich glaube sogar, kleine Rauchwölkchen aus den Ohren der Ausgestiegenen steigen zu sehen.

Zurück in ihrem Auto, fährt sie kurz zickzack und braust, immer noch wild gestikulierend, davon.

Nebenan, vor Rossmann, sitzt ein Golden Retriever, angeleint an einen Fahrradständer.

Ein Fahrradfahrer parkt, der Hund zuckt erschreckt zurück.

Frau Leberwurst kommt dazu, will ihren Einkaufstrolley ebenfalls dort parken, der Hund wird panisch.

Er reißt an der Leine, Trolley und Fahrrad fallen um, der Eisenständer scheppert.

Die Panik erhöht sich.

Der Hund rennt los, im Schlepptau den scheppernden Ständer. Der verfehlt hauchdünn ein stehendes Auto.

Mehrere Menschen rennén hinter ihm her. Der Hund gibt Gas.

„Halten! Halten“, brüllt wer. Ein Fußgänger greift beherzt zu und bringt den Ständer zum Stehen. Der Hund wird herumgerissen, legt sofort den Rückwärtsgang ein und zieht, als ginge es um sein Leben, an der Leine. Schwupps, rutscht das Halsband über den Kopf. Endlich frei, denkt sich der Hund und rast mit wehendem, goldenen Fell davon.

„Poldi! Poldi“, brüllt ein Mann und rennt los, dem Hund auf Nimmerwiedersehen hinterher. Der Ständer bleibt alleine in der Zone zurück.

Ruhe.

„Haben Sie das gesehen? Haben Sie das gesehen,“ fragt Frau Leberwurst in die Ruhe hinein jeden, der an ihr vorbeikommt.

„Haben Sie das gesehen?“

Kinder

crazyw1

Der pensionierte Realschullehrer für Arschlochkunde und Rechtsaußen grüßt für gewöhnlich mit halbem Führergruß. Der fällt nicht so auf wie der durchgestreckte Arm.

Jesus hat jetzt ein E-Rad und fährt damit seinen Strohhut und seine Luftballons herum.

Der Kleinstadthipster hat auch ein E-Rad. Ist grad Mode, Herr Spahn.

Eine Grundschullehrerin im Ruhestand versprüht boshaft Gift und Galle.

„Eine fette Verkäuferin hat hinter einer Theke nichts zu suchen. Punkt.“

Für wie viele Traumata ihrer ehemaligen Schutzbefohlenen mag sie wohl verantwortlich sein?

Die Stadt hat sich wieder gefüllt. Sommerferien sind fast zu Ende. Die Bratwurstbude wird so schwungvoll von den Fleischfrauen geschoben, dass das Straßenschild, welches die Bude touchiert, leicht die Biege macht.

Die Kinder verkaufen in der Stadt ihren pädagogoischen Spielzeugüberfluss. Platz schaffen für Neues, der Rubel muss rollen. Kaufen,verkaufen, kaufen verkaufen. Früh übt sich, wer richtig konsumieren will.

Zwischen dem farbenfrohen Second-hand-Spielzeug und den Müttern mit hektischen Flecken im Gesicht und den aufgedrehten Kindern, die zwischen haben wollen und verkaufen sollen wie eine Flipperkugel hin und her schießen, fährt, quasi als Sahnehäubchen des organisierten Mutter-Kind-Chaos, ein Radlader mit einer vollen Mulde Split durch die Zone.

Da schießt so manche, blanke Panik ins Gluckenauge und die Helikoptermütter schmeißen die Rotoren an.

Nur die Frau mit einer Jogginghose geht rauchend schwanger durch die Stadt. Ihr Auftrag: Chancengleichheit pränatal torpedieren. Ihr Umfeld ist die Sauerstoffunterversorgung des Gehirns. Da muß der Embryo drauf vorbereitet werden.